Palmherzen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Palmherzen

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8321-8748-4
Verlag: DUMONT Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-8321-8748-4
Verlag: DUMONT Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. Frank Bravo hat es nicht leicht, denn es ist an ihm, seine eigensinnige Familie zusammenzuhalten. Ständig muss er zwischen Mutter Arla und Schwester Sofia - beide hochgewachsene Rothaarige, beide ein Ausbund an Sturheit - vermitteln. Dass er heimlich in seine Schwägerin Elizabeth verliebt ist, macht die Sache auch nicht besser. Keiner der Bravos ahnt, dass sich ihr Leben bald fundamental ändern wird: Finanzinvestoren haben ein Auge auf ihr Grundstück geworfen. Als ihnen ein unwiderstehliches Angebot gemacht wird, erhitzen sich die Gemüter, und sie müssen sich den Tragödien ihrer Vergangenheit stellen. Klug und präzise, ironisch und zugleich warmherzig erzählt Laura Lee Smith die Geschichte der ebenso schrulligen wie liebenswerten Bravos. »Intelligenz, Herz, Esprit - Laura Lee Smith verfügt über all das, und >Palmherzen< ist ein sehr beeindruckender Debütroman.« Richard Russo

Laura Lee Smith lebt in Florida und arbeitet als Werbetexterin. Ihre Kurzgeschichten erschienen in >New Stories from the South< (2010) sowie in >The Florida Review<, >Natural Bridge<, >Bayou< und anderen Magazinen. >Palmherzen< ist ihr erster Roman. www.lauraleesmith.com EVA KEMPER studierte in Düsseldorf Literaturübersetzen. Zu ihren Übersetzungen gehören Werke von Junot Díaz, Peter Carey, Louis de Bernières, Penny Hancock, Laura Lee Smith und Melanie Sumner.

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Prolog März 1964 Die meisten haben nie begriffen, warum Arla ausgerechnet einen Bravo heiraten musste. Die Welt lag ihr zu Füßen. Sie war schön damals: eine Haut wie weißes Leinen, blaublütig und temperamentvoll, gute eins achtzig mit ihren rosa Capezio-Ballerinas. Sie hätte eine viel bessere Partie machen können. Mit Leon Fontaine, diesem reizenden jungen Mann, der bis über beide Ohren in sie verliebt war und es in der Anwaltskanzlei seines Vaters so gut getroffen hatte. Er schenkte ihr einen Diamantring – und sie bedankte sich und ließ den Ring zu einem Anhänger umarbeiten. Mit Donny Pellicier, ihrem Begleiter auf dem Schulabschlussball, der ein wenig mit ihr herumfummelte und danach ins Priesterseminar an Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe oben in Savannah ging. Nach nicht mal einer Woche sehnte er sich so nach ihr, dass er fast wahnsinnig wurde. Er stürzte sich in eine fiebrige spirituelle Selbstfindung, erwog, welche großen körperlichen Vorzüge der Laiendienst doch hatte, und trampte nach Hause, um mit Arla zusammen zu sein, die ihn gar nicht wollte. Als sie ihren Eltern, Mr und Mrs James Bolton aus Davis Shores in St. Augustine, erzählte, dass sie Dean Bravo heiraten wollte, schlug ihre Mutter die Hände vor das Gesicht, und ihr Vater griff nach dem Scotch. Das war 1964, am Tag vor Arlas achtzehntem Geburtstag. Gleich vor der Veranda standen die Azaleen in voller Blüte, eine magentafarbene Woge vor dem dumpfgrünen Hintergrund des Rasens. »Oh, Arla«, sagte Vera. »Tu uns das nicht an.« »Bist du schwanger?«, fragte James. Vera kamen die Tränen. »Ich bin nicht schwanger«, antwortete Arla. »Also ehrlich.« Frech baute sie sich vor ihnen auf, ganz Leichtigkeit und Verheißung und mit diesen weichen roten Haaren, bei deren Anblick man vergaß, was man sagen wollte. »Arla«, sagte Vera. »Er ist ein Bravo. Er wird dich ruinieren.« »Mon dieu. Sei doch nicht so dramatisch.« Arla hatte in letzter Zeit eine Vorliebe für französische Ausdrücke entwickelt, weil es ihr gefiel, wie ihr die Worte über die Lippen glitten, mit einem Hauch von Verführung und einer nicht greifbaren Sinnlichkeit, deren Macht sie erkannt hatte. »Männer ruinieren Frauen nicht. Daddy hat dich auch nicht ruiniert, oder?« Mit unschuldigem Blick legte sie den Kopf leicht schief. »Er will nur dein Geld«, warnte James. »Sei nicht albern«, sagte Arla. »Er will mich.« Dabei kniff sie die Augen zusammen. James fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, und Vera krümmte sich auf der Chaiselongue zusammen und umklammerte ihre Schultern. »Ihr hättet mir auch gratulieren können«, sagte Arla. »Ich werde immerhin heiraten.« Sie setzte sich und knibbelte an ihrem verschorften Knie. James starrte sie an, und als ein Eiswürfel in seinem Glas klirrte, zuckte er zusammen. Vera weinte. »Ich liebe ihn, Mutter«, sagte Arla. »Ach, Arla«, seufzte Vera. Sie griff nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase. »Dean Bravo? Da wird Liebe allein nicht reichen.« Vera sagte das nicht ganz grundlos. Die Boltons waren sehr angesehen in St. Augustine, Stützen der Gesellschaft, beispielhafte Unternehmer, die kurz nach Arlas Geburt aus Connecticut hergezogen waren. James Bolton hatte eine Konzession für ein Versicherungsbüro geerbt und sich überlegt, dass es für Naturkatastrophen, Vermögensschäden und finanzielle Gewinne keinen besseren Ort als die funkelnde Küste des Sonnenscheinstaats geben konnte. Und er hatte recht. Das Geschäft boomte, und das Vermögen der Boltons wuchs entsprechend. James verfolgte seine ehrgeizigen Ziele unermüdlich, der Erfolg war für ihn alles, Gefühle dagegen nur eine lästige Störung, für die er keine Geduld aufbrachte. Er gab sich immer kühl, sogar seiner Frau und seiner Tochter gegenüber war er stoisch und distanziert. Im Laufe der Jahre sah Arla mit an, wie die Verzweiflung ihrer Mutter wuchs, wie überschwänglich und anbiedernd Vera wurde, wenn James zu Hause war, und wie niedergeschlagen und weinerlich ohne ihn. Aber dafür kam weiter Geld herein. James kaufte ein Haus an der Matanzas Bay, trank mit dem Stadtrat Whiskey Sour und schlief mit seiner Sekretärin. Vera trat dem Garden Club bei und spielte donnerstags Bridge. Sie hatten eine Zugehfrau. Arla war in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass sie etwas Besonderes war, dass sie anders war, besser. Ein Steinway-Klavier im eleganten Wohnzimmer. Mittwochs Ballettstunden, freitags privater Französischunterricht. Bettwäsche aus Chenille. Pyjamapartys. Wasserski auf dem Salt Run. Die Bravos dagegen wohnten vierzig Kilometer nördlich von St. Augustine in dem winzigen Städtchen Utina am Ostufer von Floridas Intracoastal Waterway, der Küstenwasserstraße, die von Florida bis Massachussetts reichte. Sie kamen ursprünglich von Menorca, hatten sich aber nicht wie die meisten vernünftigen Leute direkt in Florida angesiedelt, sondern einen Umweg über Tennessee genommen, was vielleicht schon einiges erklärte. Mütterlicherseits stammten sie von dem berühmten Admiral Farragut ab, dessen Vater Jorge Farragut 1783 von Menorca aus nach Tennessee eingewandert war und den man vor allem wegen seines markigen, wenn auch dämlichen Schlachtrufs kannte: »Pfeift auf die Torpedos, mit voller Kraft voraus!« Diesen Spruch hätten sie auch zu ihrem Familienmotto ernennen können. Um 1900 herum trieben der Zufall und allerhand Rüpeleien die Bravos schließlich von Tennessee nach St. Augustine. Wahrscheinlich wären sie auch dort geblieben, aber wie das Schicksal es so wollte, hatte Alger Bravo, der Großvater von Arlas Auserwähltem Dean, eine Gruppe Rumschmuggler aufs Kreuz gelegt und war von ihnen aus der Stadt gejagt worden. Alger hatte klein beigegeben und sich in die dichten Kiefernwälder von Utina zurückgezogen, wo die Bravos seitdem lebten und wie Schatten im Dickicht abtauchten. Kurz gesagt waren die Bravos aus einem anderen Holz geschnitzt als die Boltons. Sie hatten nie einen Country Club von innen gesehen, man traf sie eher im Cue & Brew in Utina, vor den Kühlvitrinen im Discount Beverage von DeSoto County und in der örtlichen Ausnüchterungszelle. Sie waren nicht arm, das konnte man nicht sagen – die Bravos besorgten sich Geld, wenn sie welches brauchten, und ließen es sein, wenn sie keines brauchten, aber keiner von ihnen musste sich mit diesem lästigen Ehrgeiz herumschlagen, der andere Familien plagte. Und dann war da noch Dean – der dritte Sohn von Tucker und Margie Bravo –, der Beste aus dem ganzen Haufen, das musste man Arla lassen. Dean hatte den dunklen Charme der Spanier, blaue Augen mit einem grüblerisch distanzierten Blick und sehnige Unterarme, die Arla unkeusche Gedanken bescherten. Er war großspurig und rotzig und fühlte sich mit seinen Unzulänglichkeiten auf eine Art wohl, die Arla erstaunte und erregte. Gemeinsam mit seinen Brüdern Huff und Charlie war er in einer Atmosphäre aus Unbekümmertheit, Vernachlässigung und leichtem Rowdytum aufgewachsen. Die Bravo-Brüder hatten Utina unsicher gemacht, seit sie laufen konnten. Als Teenager ging es mit Huff schnell bergab, in Sachen Alkoholismus und Straftaten schlug er nach seinen Eltern, und mit vierundzwanzig wurde er zum ersten Mal für Diebstahl, Urkundenfälschung und schwere Körperverletzung verurteilt. Dean und Charlie wurden vernünftig. Sie hielten sich größtenteils an die Gesetze und ließen die Finger von echten Straftaten – zumindest von solchen, bei denen man sie wahrscheinlich erwischt hätte. Mit zweiundzwanzig schwängerte Charlie eine Sechzehnjährige und gründete mit ihr eine eigene Familie. Dean lernte Arla kennen, als er zwanzig war. Er sah sie schon von Weitem, als er an einem späten Nachmittag 1963 auf dem Weg nach St. Augustine war: eine große, blasse Gestalt, die unter der brennenden Septembersonne Floridas einen einsamen Abschnitt der A1A entlanglief. Die Straße zwischen St. Augustine und Utina folgte dem Atlantik. Hier und da standen einzelne Häuser an der Küste, aber größtenteils lag die Strecke, die Hauptverkehrsstraße, wenn man sie so nennen konnte, verlassen da. Das heiße, karge, unkultivierte Land erstreckte sich kilometerweit nach Norden und Süden, und das Meer hinter den Dünen trieb einen scharfen Wind über die Straße. Sie trug kaum etwas am Leib: einen himmelblauen Bikini, schmale Sandalen, einen silbernen Anhänger, eine Baumwolltasche über der Schulter. Er hielt an. »Du siehst aus, als könntest du eine Mitfahrgelegenheit brauchen, Süße«, sagte er. Sie schirmte ihre Augen mit der Hand ab und spähte in die Fahrerkabine seines Pick-ups. Das rote Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, und auf ihrer Stirn schimmerten zarte Schweißperlen. Ihre Augen wurden von blassblonden Wimpern umrahmt, ihre weißen Schultern waren gerötet. Blinzelnd sah sie ihn an, und er beobachtete das Flackern hinter ihren Augen, das kurze Zögern, das Abwägen, die Entscheidung. In seinem Bauch tat etwas einen Sprung, und er hatte – daran erinnerte er sich später ganz deutlich – das Gefühl, er würde zum ersten Mal ein vollkommen perfektes Wesen von makelloser Schönheit sehen. Obwohl es überhaupt nicht zu ihm passte, wusste Dean nicht, was er sagen sollte. Aber dann blinzelte sie noch einmal, öffnete die Tür und stieg ein. »Du bist Dean Bravo«, sagte sie einfach. »Stimmt«, antwortete er überrascht. »Woher weißt du das?« »Wir kennen alle Bravos.« »Wen meinst du mit ›wir‹?« »Meine Freundinnen und mich«, antwortete sie, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Er fuhr los, Richtung...



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