Palmer Wenn es Nacht wird in Manhattan
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-257-5
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-95576-257-5
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Flug nach Manhattan, eine Suite im Hilton, und dann: eine atemberaubende Nacht. Doch danach gehen die aufstrebende Schauspielerin Tippy Moore und Cash Grier, Polizeichef aus Texas, wieder getrennte Wege. Denn wahre Liebe hat in Cashs Lebenskonzept keinen Platz mehr. Und als er in der Boulevardpresse von Tippys angeblicher Skrupellosigkeit erfährt, weiß er genau, warum er nicht an Gefühle glaubt. Bis sie ihn anruft: Sie mag eine gute Schauspielerin sein, aber die Verzweiflung in ihrer Stimme ist echt, die Katastrophe, die sie ihm schildert, scheint wahr. Voller böser Vorahnungen kehrt Cash nach New York zurück ...
Die US-amerikanische Schriftstellerin Diana Palmer ist für ihre zahlreichen romantischen Liebes- und Familienromane bekannt, die seit 1979 veröffentlicht werden. Über 150 Bücher wurden von der erfolgreichen Autorin bisher verfasst, die weltweit gern gelesen werden. Der Roman 'Diamond Girl' wurde 1998 für das US-amerikanische Fernsehen verfilmt. Für ihr Werk erhielt sie bisher zahlreiche Auszeichnungen, ihre Romane stehen regelmäßig auf den US-amerikanischen Bestsellerlisten.
Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin war sie 16 Jahre lang als Reporterin tätig. Ihr Interesse gilt den amerikanischen Ureinwohnern, derzeit studiert sie nebenbei Geschichte, sie strebt ein weiteres Universitätsdiplom an, und zwar möchte sie sich auf die Historie der amerikanischen Ureinwohner spezialisieren. Aktiv setzt sie sich für die Rechte der Ureinwohner ein, sie unterstützt Museen und historische Gesellschaften. Zu ihren vielen Hobbys zählen unter anderem die Archäologie, die Anthropologie, die Musik sowie die Astronomie.
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1. KAPITEL
Es war nicht viel los an diesem Montagmorgen im Polizeirevier von Jacobsville, einer kleinen Stadt in Texas. Drei Streifenbeamte hatten sich mit Kaffee versorgt und saßen an einem Tisch in einer Ecke des Eingangsbereichs, der als Cafeteria diente. Ein Hilfssheriff hatte einen Haftbefehl vorbeigebracht. Ein Einwohner der Stadt unterschrieb gerade seine Zeugenaussage gegen einen Gesetzesbrecher, als dieser von einem Streifenbeamten hereingebracht wurde. Die Sekretärin, die normalerweise am Empfang saß, war nicht an ihrem Platz.
“Ich habe die Nase voll. Und zwar gestrichen voll! Im Supermarkt gibt’s im Moment jede Menge Jobs. Und da werde ich mich jetzt auch sofort bewerben.”
Alle Köpfe drehten sich in die Richtung, aus der die schrille Stimme der Sekretärin des Polizeichefs kam. Niemand hatte sie jemals so schreien gehört. Die Antwort kam ebenso prompt wie undeutlich, und dann fiel etwas mit einem metallischen Klappern zu Boden.
Eine junge Frau, kaum zwanzig Jahre alt, mit kurzem Rock und einer tief ausgeschnittenen Lurex-Bluse, rauschte wütend über den Korridor. Ihre Augen blitzten zornig, und ihre üppigen Ohrringe klimperten laut. Die Männer in ihren Uniformen traten rasch beiseite. Sie eilte zu ihrem Schreibtisch, schnappte sich ihre vollgestopfte Handtasche und rauschte zur Eingangstür.
Gerade wollte sie das Gebäude verlassen, als ein großer, durchaus attraktiver Mann in der Uniform des Polizeichefs hinter ihr auftauchte. Er hatte Kaffeepulver im Haar, und an seiner Kleidung, die ebenfalls Kaffeeflecken aufwies, klebten Tesafilm und zwei zerknitterte Post-it-Zettel. Ein weiterer hing in seinem schwarzen Haar. Und an seinen auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhen hatte sich ein Papiertaschentuch verfangen.
“Hab ich denn was Falsches gesagt?”, überlegte Cash Grier laut.
Das Mädchen, dessen Lippenstift ebenso schwarz war wie der Nagellack, gab einen verächtlichen Laut von sich, als es durch die Glastür stürmte und sie zornig hinter sich zuknallte.
Die Polizisten mussten sich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Bei einigen klang das so, als hätten sie gerade einen heftigen Hustenanfall. Der Mann, der seine Zeugenaussage unterschrieb, erstickte fast an seinem Gelächter.
Cash starrte sie feindselig an. “Na los. Macht euch nur lustig über mich. Ich kriege jederzeit ‘ne neue Sekretärin.”
Judd Dunn, sein Stellvertreter, lehnte an der Theke. Seine Augen blitzten amüsiert. “Das war jetzt schon die Zweite, seitdem du hier der Boss bist.”
“Sie hat in einem Lebensmittelladen gearbeitet, bevor sie hierher kam”, knurrte Cash, während er die klebrigen Teile abzupfte und das Kaffeepulver von seiner Uniform wischte. “Den Job hier hat sie doch nur gekriegt, weil ihr Onkel Ben Brady momentan Bürgermeister ist und er mir gesagt hat, dass er niemals das Geld für die kugelsicheren Westen auftreiben könnte, wenn ich sie nicht nehmen würde. Und wir brauchen die Westen.” Ärgerlich stieß er die Luft aus. “Der Typ ist nicht koscher. Hätte Jack Herman nicht wegen seines Herzanfalls zurücktreten müssen, wäre er überhaupt nicht im Amt. Bis zum Mai muss ich noch mit Brady auskommen. Erst dann finden die vorgezogenen Wahlen für Hermans Nachfolger statt.”
Judd hörte kommentarlos zu, während Cash weiterschimpfte. “Wenn es nach mir ginge, könnte die Bürgermeisterwahl gar nicht früh genug kommen. Brady macht mir wegen der Drogenfälle die Hölle heiß, aber wenn es um Verbesserungen in unserer Abteilung geht, stellt er die Ohren auf Durchzug. Eddie Cane soll sein Gegenkandidat sein.”
“Er war der beste Bürgermeister, den wir jemals hatten, und ich glaube, er wird gewinnen”, meinte Judd.
“Umso schlimmer, dass wir bis Mai warten müssen, um Brady abzuwählen.” Cash zuckte zusammen, als er den Post-it-Zettel aus seinen Haaren klaubte. “Wenn er mir jetzt mit einer neuen Sekretärin als Ersatz kommt, kündige ich.”
“Also musst du jemanden finden, und zwar schnell, ehe er eine neue Kandidatin anschleppt”, meinte Judd. “Aber wer, der noch alle fünf Sinne beisammen hat, will schon für dich arbeiten?”
Cash zog eine Grimasse.
“Vielleicht solltest du dir ein bisschen Zeit lassen und dich erst mal beruhigen”, schlug Judd vor. “Die Weihnachtsferien stehen vor der Tür.” Er sah Cash durchdringend an. “Wie wär’s mit einem Kurzurlaub?”
Cash zog die Augenbrauen hoch. “Hab ich doch letzten Monat gemacht, und zwar mit dir. Als wir zu dieser Premiere nach New York gefahren sind.”
“Sie hat gesagt, du könntest jederzeit wiederkommen”, sagte Judd mit einem verschmitzten Grinsen. Mit “sie” meinte er Tippy Moore, die vom Model zur Schauspielerin aufgestiegen war – die neue Cameron Diaz sozusagen.
Cash sträubte sich innerlich gegen den Trip, obwohl er den Gedanken an das Model nicht mehr losgeworden war, nachdem er erkannt hatte, dass sie nicht der eitle, Männer verschlingende Vamp war, für den er sie zunächst gehalten hatte. Ihre Schutzbedürftigkeit hatte ihn tiefer berührt, als ihr Flirten ihn beeindruckt hatte.
“Ich könnte sie ja anrufen und fragen, ob sie die Einladung ernst gemeint hat”, überlegte er.
“Braver Junge”, meinte Judd und klopfte ihm auf die Schulter. “Nimm dir die nächste Woche frei, und ich setze mich dann an deinen Schreibtisch und bin der Boss.”
Cash wurde misstrauisch. “Das hat doch nicht etwa was mit dem Streifenwagen zu tun, den du mir die ganze Zeit einzureden versuchst? Nächste Woche gibt’s eine Versammlung im Stadtrat …”
“Das Thema werden sie bis nach den Ferien verschieben”, versicherte Judd ihm. “Außerdem würde ich den Stadtrat nie zu einem Streifenwagen überreden, den du eigentlich gar nicht willst. Ehrlich.”
Cash traute seinem breiten Lächeln nicht. Judd war genau wie er. Er lächelte nur dann, wenn er etwas erreichen wollte oder bei bester Laune war.
“Ganz zu schweigen davon, eine neue Sekretärin einzustellen”, fügte Judd hinzu, ohne Cash anzusehen.
“Ach, so ist das also”, reagierte Cash prompt. “Daher weht der Wind. Du denkst an jemand bestimmten. Wahrscheinlich willst du mir einen pensionierten weiblichen Oberst von der Armee oder sonst eine Verschwörungstheoretikerin vor die Nase setzen – genau so eine wie die Sekretärin, die wir hatten, als Chet Blake der Boss war?”
“Ich kenne keine arbeitslosen weiblichen Obersten”, antwortete Judd mit Unschuldsmiene.
“Oder Ex-Obersten?”
Er zuckte mit den Schultern. “Na ja, vielleicht eine oder zwei. Eb Scott hat eine Cousine …”
“Nein!”
“Du kennst sie doch gar nicht …”
“Ich will sie auch gar nicht kennenlernen. Ich bin der Boss. Siehst du das hier?” Er deutete auf sein Abzeichen. “Ich kämpfe gegen Kriminelle und nicht gegen alte Frauen.”
“Sie ist nicht alt. Jedenfalls nicht wirklich.”
“Wenn du jemanden während meiner Abwesenheit einstellst, werde ich sie in dem Moment feuern, sobald das Flugzeug gelandet ist. Ach was, ich werde die Stadt überhaupt nicht verlassen”, drohte Cash.
Judd zuckte mit den Schultern. “Wie du willst.” Geflissentlich betrachtete er seine sauberen Fingernägel. “Ich habe gehört, dass die Schwester des Leiters vom Bauamt es mal mit dir versuchen möchte. Möglicherweise bittet sie den Bürgermeister um eine Empfehlung.”
Cash hatte das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Die Lieblingsschwester des Amtsleiters, der ein reizender und sehr vornehmer Mann war, hatte ebenfalls ein Auge auf Cash geworfen. Sie war sechsunddreißig, zweimal geschieden, trug transparente Blusen und wog achtzig Pfund zu viel. Der Amtsleiter war ganz vernarrt in sie. Hinzu kam, dass er der beste Zahnarzt weit und breit war. Selbst ein ehemaliger Agent einer Spezialeinheit wie Cash würde einem solchen Druck in einer kleinen Stadt nicht standhalten können.
“Wann will der Colonel anfangen?”, presste er durch zusammengekniffene Lippen hervor.
Judd brach in schallendes Gelächter aus. “Ich kenne keine Colonels, die für dich arbeiten wollen, aber ich halte die Augen offen …” Im letzten Moment wich er einem Boxhieb aus. “He, ich bin Polizeibeamter. Wenn du mich schlägst, ist das bereits eine Straftat.”
“Ganz und gar nicht”, knurrte Cash, während er zu seinem Büro zurückging. “Bloß Selbstverteidigung.”
“Meine Anwälte werden sich mit dir in Verbindung setzen”, rief Judd ihm hinterher.
Ohne sich umzudrehen, machte Cash eine obszöne Geste in seine Richtung.
Doch als er wieder in seinem Büro war – der Papierkorb war inzwischen geleert und der Boden sauber gewischt worden –, dachte er über Judds Worte nach. Vielleicht war er in letzter Zeit wirklich etwas empfindlich. Ein paar Tage Urlaub, und er wäre vielleicht weniger … reizbar. Die Zwillinge von Judd und Crissy machten ihm nur allzu schmerzhaft deutlich, wie das Leben aussehen könnte, das es für ihn nicht mehr gab.
Außerdem hatte Tippy Moore einen neunjährigen Bruder namens Rory, der Cash vergötterte. Es war schon lange her, dass jemand zu ihm aufgeschaut hatte. Cash war an Neugier gewöhnt, Respekt, sogar Angst. Vor allem Angst. Im Leben dieses Jungen gab es keine männlichen Vorbilder – abgesehen von den Freunden in der Kadettenschule. Es könnte nichts schaden, ein paar Tage mit ihm zu verbringen. Es war ja nicht nötig, dass er den beiden dabei gleich seine gesamte Lebensgeschichte auftischte. Er schauderte, als er an das einzige Mal dachte, da er über seine Vergangenheit gesprochen hatte.
Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und zog ein kleines Adressbuch aus seiner Tasche, in das er die New Yorker...




