E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Pala H2O - Das Sterben beginnt
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13257-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Thriller
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-641-13257-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Wir dachten, wir hätten unendliche Reserven. Wir haben uns geirrt.
Eine bislang unbekannte Terrorgruppe verseucht ein Trinkwasserreservoir im Bayerischen Wald mit hoch radioaktivem Atommüll. Erste Opfer sterben an den Vergiftungen und die Bevölkerung gerät in Panik, denn weitere Anschläge sind bereits angekündigt, und niemand ist in der Lage, sämtliche Wasservorräte der Republik zu bewachen. Julian Berg von der Terrorabwehr und Dr. Alexander Kehlhausen vom Bundesamt für Strahlenschutz versuchen, den Ursprung des Giftmülls zu finden und so die Terroristen aufzuspüren. Da stellen diese eine aberwitzige Forderung.
Ivo Pala, geboren 1966, ist neben seiner Tätigkeit als Romanschriftsteller seit fast zwanzig Jahren auch erfolgreicher Drehbuchautor und Dramaturg für Action- und Krimiserien und abendfüllende Spielfilme. Seine besonderen Steckenpferde sind Historie, Science-Thriller, Horror und Fantasy. Er lebt zurzeit in Berlin und arbeitet bereits an seinem nächsten Roman. Unter seinem Pseudonym Richard Hagen schreibt er für Blanvalet in Hessen spielende Kriminalromane.
Autoren/Hrsg.
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Prolog 1 Trinkwassertalsperre Frauenau Nummer Eins schoss dem Mann ins Gesicht und ignorierte für ein paar Momente die Schreie der stolpernd wegrennenden und nur spärlich bekleideten Frau, während er fasziniert dabei zusah, wie das Blut des Mannes eine sich ausbreitende Lache um die breiige Hirnmasse und den noch zuckenden, nackten Oberkörper bildete. Das Licht des hochstehenden Mondes spiegelte sich darin und ließ es in dem gleichen Schwarz leuchten wie das Wasser des Stausees zur Linken. Erst als der Mann sich nach einem letzten, krampfartigen Aufbäumen nicht mehr bewegte, nahm Nummer Eins sich die Zeit, mit seiner SIG SAUER P226 SCORPION TB auf den Rücken der Frau zu zielen. Hier oben auf dem Kamm der Staumauer hatte sie keine Chance, ihm zu entkommen; nicht, wenn sie sich nicht auf der einen Seite ins Wasser oder auf der anderen mehr als sechzig Meter in die Tiefe stürzen wollte. Der Hahn war von dem letzten Schuss noch gespannt, und entsprechend leicht ging der Abzug. Das Mündungsfeuer war durch den Schalldämpfer kaum zu sehen. Das Projektil traf die Frau etwas oberhalb des Beckens in den Rücken, und sie ging – vom Schwung ihres verzweifelten Laufs getragen – rutschend zu Boden, wo sie sich überschlug und mit dem Gesicht nach oben liegen blieb. Als ihre Schreie zu einem flehenden Wimmern wurden, verspürte Nummer Eins den Drang, sie um Verzeihung bitten zu müssen. Trotz sorgfältigster Planung hatte er nicht mit einkalkuliert, dass sich ausgerechnet heute Nacht hier ein Liebespärchen zu einem Stelldichein treffen würde. Er war nicht davon ausgegangen, töten zu müssen, aber es durfte keine Zeugen geben. Während er auf sie zuging, sah er, wie sie – in einem abstrusen Akt der Scham – mit fahrigen Fingern versuchte, die blutgetränkte, offene Bluse nach unten zu ziehen, um ihr nacktes Geschlecht zu verdecken. Ihr vor Schmerzen glasiger Blick war gen Himmel gerichtet, und aus ihrem panisch brabbelnden Mund floss Blut. Nummer Eins hörte genauer hin und schließlich aus dem Gebrabbel einzelne Worte heraus. Worte, die ihm vertraut vorkamen … und er erkannte erstaunt, dass die Frau betete. Hier im Herzen des Bayerischen Walds schien der Glaube wirklich noch tiefer verankert als im Rest der Republik. Oder auch nur im Angesicht des Todes, dachte Nummer Eins, als er bemerkte, dass der Ehering, den sie trug, nicht mit dem des weiter hinten liegenden Mannes übereinstimmte. Das schlechte Gewissen, das sich soeben in ihm gerührt hatte, war mit einem Mal wieder wie weggeblasen. Er zielte kurz und schoss auch ihr ins Gesicht. Ihr Hinterkopf wurde durch den Einschlag nach unten auf den Asphalt geschmettert und barst mit einem hässlichen, schmatzenden Geräusch. »Schlampe!«, flüsterte Nummer Eins und gab mit der Taschenlampe in seiner Linken dem Lkw, der jenseits der Staumauer im Dunkeln wartete, das verabredete Zeichen. Er hörte den Dieselmotor nagelnd starten, steckte Pistole und Lampe weg und beugte sich zu der Leiche der Frau herab. Darauf achtend, nicht mit ihrem blutigen Schädel in Kontakt zu kommen, packte er sie unter den Achseln und schleppte sie zum Wasser hin. Sie war in ihrer Schlaffheit schwerer, als er angenommen hatte, und rutschte ihm zweimal aus den Händen – aber schließlich wuchtete er sie über den Rand der Mauer und sah dabei zu, wie die Strömung sie nach unten zog. Der Lkw war inzwischen auf den Damm gefahren und bei der Leiche des Mannes stehen geblieben. Nummer Zwei und Nummer Drei kletterten behände aus dem Führerhaus und eilten zu dem Toten. Sie fassten ihn bei Hand- und Fußgelenken und hievten ihn ebenfalls ins Wasser. »Sammelt die Klamotten ein, und packt sie hinten in den Truck«, sagte Nummer Eins. »Was ist mit dem Blut?«, fragte Nummer Drei. »Kippt die Reservekanister aus – wir brauchen sie ohnehin nicht mehr –, und holt damit Wasser aus dem See«, wies Nummer Eins an. Er schaute auf das phosphoreszierende Zifferblatt seiner Uhr. Es war bereits kurz nach Mitternacht. »Und beeilt euch damit! Das Zeitfenster wird immer enger.« Mit geübtem Griff holte er ein Päckchen Zigaretten aus der Brusttasche des Kampfanzugs, fummelte eines der Stäbchen heraus und zündete es mit seinem Zippo an. Wie immer in den letzten Jahren provozierte der erste tiefe Zug ein heftiges Husten, aber anders als sonst beunruhigte ihn das in dieser Nacht nicht. Er würde ganz bestimmt nicht an Lungenkrebs sterben – so viel war sicher. Noch ehe er mit der Zigarette fertig war, hatten Nummer Zwei und Drei ihre Arbeit, das Blut des Liebespärchens wenigstens so weit zu verwischen, dass niemand es auf den ersten Blick oder ohne genauere Untersuchung als Blut erkennen würde, beendet und stellten die leeren Kanister zurück in den Laderaum des Lkws. Nummer Eins setzte sich hinters Steuer, startete den Motor und fuhr los, nachdem die beiden anderen auf den Beifahrersitz geklettert waren. Er fuhr ans jenseitige Ende der Staumauer und von dort auf die Straße, die schon nach einer kleinen Weile über eine enge Haarnadelkurve nach unten zum Trinkwasserwerk führte. Unten angekommen, lenkte Nummer Eins den Lkw auf die Rückseite des Werks – und wunderte sich darüber, worüber er sich bereits gewundert hatte, als er mit der Durchführung des Plans beauftragt worden war: Es gab hier nicht die Spur einer Wache, ganz so, wie es ihm versprochen worden war. Das war erstaunlich, wenn man bedachte, dass die Anlage die gesamte Region im Jahr mit gut fünfzehn Millionen Kubikmetern Trinkwasser versorgte. Seinen Informationen zufolge gab es – und das schloss das Kraftwerk weiter oben mit ein – gerade einmal drei Männer, die hier nachts ihre Runden drehten; mehr Nachtwächter als wirkliche Sicherheitsleute. Nummer Eins steuerte den Lkw geschickt rückwärts ans Tor, und Nummer Zwei und Drei sprangen heraus, um die Kabel des Alarms kurzzuschließen und das Tor aufzubrechen, während er nach hinten ging, um den Laderaum zu öffnen und die hydraulische Hebebühne zu aktivieren. Dann kletterte er nach oben, startete den mitgebrachten Gabelstapler, nahm damit die etwa vierhundert Kilo schwere Kiste auf, die davor auf dem Boden stand, und fuhr mit ihr auf die Hebebühne hinaus. Nummer Zwei stand parat, um den Hebel zu bedienen, der die Bühne nach unten senkte. Er wartete, bis die Bühne fest auf dem Boden lag, ehe er mit dem Stapler von ihr herunterrollte, ihn vorsichtig auf dem Punkt wendete und durch das jetzt offene Tor in den weiten, grell beleuchteten Tunnelgang dahinter fuhr. Nummer Zwei und Drei flankierten ihn im Laufschritt mit entsicherten Waffen; nur für den Fall. Er nahm den Weg, den er sich mithilfe der Blaupausen in vielen Stunden bis ins letzte Detail eingeprägt hatte, ohne weitere Zwischenfälle, und weniger als dreieinhalb Minuten später hatten sie den Verteilerraum erreicht. Nummer Zwei machte sich sogleich daran, die Wartungsklappe des mittleren Distributionsrohrs zu öffnen, während Nummer Drei die Werkzeugkiste hinter dem Sitz des Gabelstaplers hervorholte und mit einem Stemmeisen die auf der Gabel befindliche Kiste öffnete, um gleich darauf auch ihre Wände zu demontieren. Ein blank polierter Edelstahlzylinder von etwas weniger als anderthalb Metern Länge und einem Durchmesser von ungefähr vierzig Zentimetern kam zum Vorschein. Es war schwer vorstellbar, dass er vierhundert Kilo wog. Mit der Behutsamkeit, als würde er ein rohes Ei handhaben, brachte Nummer Eins den Zylinder mit dem Stapler in Position über der Öffnung des Verteilerrohrs. Dann kletterte er vom Sitz und holte aus der Werkzeugkiste eine Schutzbrille, eine Atemschutzmaske, Ohrenstöpsel und einen elektronischen Trennschleifer mit Präzisionsdiamantscheibe. Weil die eine mit Sicherheit nicht reichen würde, lagen noch zehn weitere der Scheiben bereit – Edelstahl war ein verdammt zähes Material. Nummer Eins zog Brille und Maske an, stopfte sich die Stöpsel in die Ohren und steckte den Stecker des Schleifers in die Strombuchse des Staplers. Als er an den Zylinder herantrat, spürte er sogleich die simmernde Wärme, die davon ausging. Während Nummer Zwei und Drei die Eingänge zu dem Raum sicherten, machte Nummer Eins sich ans Werk. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis die rotierende und Funken stiebende Scheibe eine sichtbare Kerbe in den Edelstahl geschnitten hatte, aber von da an ging die Arbeit leichter. Trotzdem brauchte Nummer Eins am Ende acht Scheiben, bis er den Deckel des Zylinders mithilfe einer großen Zange abheben konnte. Er war zu heiß, um ihn mit bloßen Händen zu berühren. Viel zu heiß. Von innen heraus strahlte es in den unterschiedlichsten Farben – vornehmlich aber blau … was für ihr Vorhaben ein gutes Zeichen war. Nummer Eins konnte sich nicht daran erinnern, wann er jemals etwas so Schönes gesehen hatte, und er musste sich zwingen, den Blick abzuwenden und zurück auf den Stapler zu klettern. Sein Kampfanzug war durchgeschwitzt, und er konnte fühlen, wie die Haut seiner Hände und im Gesicht brannte. Er musste sich beeilen. Noch ein paar Hebelgriffe, und die Gabeln neigten den Edelstahlzylinder mit der offenen Seite zum Verteilerrohr nach unten. Aus ihm heraus rutschte – mit der beinahe...




