E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Paige Together we shine
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95818-659-0
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magische Nordlichter, eiskalte Nächte zu zweit... eine berührende New Adult Romance auf Island
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-95818-659-0
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michelle C. Paige, geboren 1990, lebt aktuell mit ihrem Mann im Rhein-Main-Gebiet und arbeitet als Projektmanagerin in einer Digitalagentur. 'Schriftstellerin' hat sie als Kind in jedes Freundebuch als Traumberuf geschrieben, denn ihre Leidenschaft ist und war schon immer nur eins: Geschichten schreiben. Ihre ersten Erfolge als Autorin hat sie seit 2017 mit drei in Anthologien erschienen Kurzgeschichten erlangt und tüftelt zu jeder Zeit an unzähligen frischen Romanideen. Wenn man sie nicht in einem ihrer vielen Tagträume findet, dann vermutlich auf Island, wo sie seit 2016 jedes Jahr hinreist, ihr Herz verloren hat und zukünftig leben möchte.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Das hier ist die richtige Entscheidung. Das weiß ich, als ich aus meinen Schuhen steige und den eiskalten schwarzen Sand unter meinen Füßen spüre. Schon seit Stunden ist es dunkel. Die einzige Lichtquelle sind die Laternen der um diese Zeit nicht mehr besetzten Touristeninformation und trotzdem habe ich abgewartet, bis auch die letzten Menschen den beliebten Strand verlassen haben. Endlich bin ich allein. Mühsam schäle ich mich aus meinem Parka, der sofort von einer Böe weggerissen wird. Meine Haare sind zerzaust vom Wind und binnen Sekunden frisst sich die Kälte durch mein dünnes Kleid tief in meine Knochen, sodass sich langsam eine willkommene Taubheit in meinem Körper ausbreitet. Die tosenden Wellen sind an diesem stürmischen Tag besonders hoch und gewaltig, tödlich innerhalb von Minuten für jeden, der es wagt, ihnen zu nahe zu kommen. Die zahlreichen Warnschilder erklären zwar die unberechenbaren und plötzlich kommenden »Sneaker Waves«, beobachtet habe ich heute aber dennoch viele leichtsinnige Touristen, die sich zu ihrem Glück nur nasse Schuhe geholt haben.
Aber genau wegen dieser Gefahr bin ich hier.
Nicht, weil ich es schon seit Wochen geplant hatte, doch es kommt mir wie der einzige Weg aus der Dunkelheit vor, die mich von innen seit Langem zerfrisst.
Mit jedem Schritt, den ich auf das Wasser zugehe, wird mein Herz leichter. Mit jeder Sekunde, die vergeht, werde ich unruhiger, weshalb ich schneller laufe. Die letzte Welle hat sich gerade zurückgezogen und den Sand eiskalt hinterlassen, sodass ein stechender Schmerz meine Füße durchschießt. Ich stoppe, atme tief ein und aus und schließe die Augen. Das Tosen in meinen Ohren wird intensiver, während ich blind weitergehe. Ich warte darauf, dass mich von einer Sekunde auf die nächste eine Welle packt, von den Beinen reißt und mich hinaus aufs Meer zieht. Doch ehe ich mich dem hingeben kann, durchschneidet ein entsetzter Schrei die Nacht und ich fahre zusammen, reiße die Augen auf.
Mir bleibt keine Zeit zu reagieren, als ich von jemandem gepackt und festgehalten werde und wir zeitgleich zusammen von einer Welle auf die Knie geworfen werden. Das kalte Wasser durchfährt meine Haut wie tausend kleine Nadelstiche, die ich zwar erwartet habe, mich jetzt aber doch so überrumpeln, dass ich erschrocken aufkeuche. Außerdem spüre ich den Sog, der mich und die Person, die mich jetzt noch fester hält, mit ins Meer zu nehmen droht. Doch dann zieht sich die Welle wieder zurück und wir liegen komplett durchnässt am Strand. Die nächste rollt bereits unbarmherzig auf uns beide zu, aber bevor sie uns mit voller Wucht davonreißen kann, werde ich aus der bedrohlichen Brandungszone herausgezogen. Nach Luft ringend versuche ich, mich von dem Fremden zu befreien, nur ist er zu stark und schleift mich heftig keuchend durch den Sand.
»Lass los!«, schreie ich auf Englisch. Als wir ein Stück vom Wasser entfernt sind und er etwas lockerlässt, reiße ich mich los. Ein lautes Klingeln erfüllt meine Ohren, welches das Tosen der Wellen und alle anderen Geräusche dämpft. Vor mir verschwimmt die Welt. Ich richte mich mit wackligen Beinen auf und während der schwer atmende Fremde mich mustert, schüttelt er wütend den Kopf. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch dann betrachtet er mein Gesicht und mein Kleid und blinzelt schockiert.
»Warte.« Seine Augen weiten sich, als hätte er verstanden. »Du hast das mit Absicht gemacht!«
Wie durch Watte dringen seine Worte zu mir durch. Ich bin wie in Trance, zu perplex, um wegzulaufen. Nicht umsonst habe ich so lange gewartet, bis alle weg sind. Die Gefahr, dass mich jemand hätte aufhalten können, wollte ich nicht eingehen. Ich habe so gut aufgepasst. Woher ist er gekommen und warum ist er hier? Warum jetzt? Ich bin nicht bereit weiterzuleben. Doch schon nachdem ich einen einzigen Schritt nach hinten mache, um zu rennen, um in die Wellen zu laufen, packt er mich am Handgelenk. Hilflos sehe ich ihn an.
»Bitte lass mich gehen!« Meine Lippen beben. Unvermittelt kommen mir die Tränen und mein Herz hämmert so heftig in meiner Brust, dass mir schwindelig wird. Wo kommen diese Emotionen auf einmal her? Mein Körper betrügt mich, nachdem ich monatelang nicht eine einzige Träne vergossen habe, es nicht konnte.
Überrascht runzelt er die Stirn, aber er wagt es nicht, mich loszulassen, sondern greift auch nach meinem anderen Arm.
»Auf keinen Fall!« Seine Stimme ist so laut, dass ich kurz zusammenzucke. Er schüttelt den Kopf. »Ich lasse dich nicht in deinen Tod rennen!«
Ich habe geahnt, dass er so was sagt. Kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen?
Er holt tief Luft, bevor er wieder spricht. »In den kalten Wellen zu ertrinken ist kein schneller, schmerzloser Tod, falls du das gehofft hast.«
Beschämt wende ich mich ab und senke den Kopf. Schnell und schmerzlos ist ganz und gar nicht, was ich will. Ich will, was ich verdiene: Qualen. Aber was, wenn er mich nicht mehr gehen lässt? Schwer atmend balle ich die Hände zu Fäusten. Mein Brustkorb ist wie zugeschnürt und der Kloß in meinem Hals zu groß, um zu sprechen. Vor wenigen Minuten habe ich innerlich mit meinem Leben abgeschlossen. Es sollte mich längst nicht mehr geben, ich sollte befreit sein von dieser Bürde. In meinem Magen breitet sich ein unangenehmes Gefühl aus und ich schmecke plötzlich Magensäure in meinem Mund. Schwindel überfällt mich für einen Moment, doch der Fremde hält mich immer noch fest, sodass ich nicht umkippe. Ich kneife die Augen zusammen, versuche, meine Gedanken zu sortieren. Das hier ist falsch. Meine Energie ist verbraucht.
»Hey«, sagt er, nun ruhiger. »Ich weiß nicht, was mit dir los ist, aber bestimmt gibt es einen anderen Weg. Es gibt immer einen anderen Weg. Irgendwie wird es wieder gut werden. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.« Der junge Mann wählt seine Worte vorsichtig. Sein Gesichtsausdruck ist unsicher und voller Mitleid.
Es gibt keinen anderen Weg, aber das wird er mir nicht glauben. Das wird mir niemand glauben.
»Okay?« Er zieht mich sanft weiter weg vom Meer. »Lass uns erst mal ins Trockene kommen, damit du nicht völlig unterkühlst.«
Nicht nur ich bin ausgekühlt, auch seine Schuhe und Hose haben sich mit Wasser vollgesogen. Rasch streift er seine wasserabweisende und zumindest teilweise trocken gebliebene Jacke ab, die er mir dann über die Schultern legt und die ich instinktiv festhalte, damit sie nicht vom Wind wegfliegt.
»Ich würde dich in die Stadt fahren, nur erwarten wir heute Nacht einen Schneesturm und wir sollten möglichst schnell einen Unterschlupf finden.«
Ich reagiere nicht auf seine Worte, weshalb er sich skeptisch umschaut.
»Bist du allein hier? Sollen wir jemanden anrufen? Vielleicht –«
»Nein«, unterbreche ich ihn. Meine Stimme ist belegt, kaum hörbar. »Da ist niemand.«
Das Alleinsein habe ich längst freiwillig für mich gewählt. Um niemanden zurückzulassen.
Nachdenklich nickt der junge Mann, wiegt womöglich ab, was er als Nächstes tun soll und reibt sich unbewusst die kalten Hände.
»Meine Eltern haben in der Nähe ein Sommerhaus, wo wir den Sturm aussitzen können. Wo sind deine Sachen? Hast du Gepäck? Bist du mit einem Auto da?«
Ich schüttele den Kopf. Nur ein kleines Portemonnaie habe ich mir für das Bezahlen des Bustickets mitgenommen und in meinem BH verstaut. Alles andere habe ich in meinem Hotelzimmer zurückgelassen. Ich habe nicht vorgehabt, aus den Wellen zurückzukehren. Das alles ist Teil von meinem Leben. Da ist nichts, was ich noch brauche, denn ich will nicht mehr leben.
Er runzelt die Stirn. Sicherlich denkt er, dass eine junge Frau in einem leichten Kleid während einer arktischen Winternacht irgendetwas bei sich haben muss.
»In Ordnung.« Er zögert kurz. »Mein Jeep steht auf dem Parkplatz oben, da können wir dich schon mal aufwärmen. Das Haus ist eine Viertelstunde entfernt.«
Er läuft los, doch ich rühre mich nicht, weshalb er stehen bleibt. Ich kann ihn nicht ansehen, während ich den Mund zögerlich öffne, um zu sprechen.
»Kannst du mich nicht hierlassen?« Meine Stimme klingt verzweifelter als ich erwartet habe. Er soll sich nicht für mich verantwortlich fühlen, denn er ist nur ein Fremder, zur falschen Zeit am falschen Ort. »Kannst du nicht einfach weggehen? Du könntest dich umdrehen und so tun, als hättest du mich nie gesehen. Ich wünschte, du hättest mich nicht gesehen. Du schuldest mir nichts. Wir kennen uns nicht mal. Niemand wird davon erfahren.«
Es dauert ein paar Momente, bis er antwortet. »Auf keinen Fall«, beharrt er. »Das kann ich nicht. Damit könnte ich nicht leben.«
Als ich aufblicke, ruht sein Blick fest auf mir und gibt mir zu verstehen: Er wird seine Meinung nicht ändern. Sein Arm zuckt, als wäre er bereit, mich jederzeit wieder festzuhalten, sollte ich versuchen wegzulaufen. Ausgerechnet hier treffe ich auf jemanden, der mich nicht aufgibt. Wieso bin ich so jemandem nicht schon früher begegnet? Bevor ich meinen Entschluss gefasst habe. Jetzt ist es zu spät. Alles ist verkorkst.
Ich lasse...




