E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Reihe: Nautilus Flugschrift
Pagès Endlose Ketten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96054-489-0
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine illustrierte Geschichte des Laufbands
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Reihe: Nautilus Flugschrift
ISBN: 978-3-96054-489-0
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Yves Pagès (*1963 in Paris) ist Autor und Verleger. Er leitet zusammen mit Jeanne Guyon das Imprint Éditions Verticales bei Gallimard und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Felix Kurz übersetzt Essays, Sachbücher und wissenschaftliche Literatur aus dem Englischen und Französischen. Für die Edition Nautilus hat er zuletzt Phil Mailers »Portugal - Die unmögliche Revolution?« ins Deutsche übertragen.
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Das letzte Bild des Fortschrittsstrebens
Immer rennen und streben, fürs Überleben. Gut gerannt – Leben verbrannt.
Am Anfang dieses Buches stand ein Bild, das sich mir einbrannte, als ich die Avenue de la République in Paris zum Friedhof Père-Lachaise hinauflief. Auf der linken Straßenseite befand sich ein Gebäude im Haussmann-Stil, durch dessen große, leicht beschlagene Fenster im ersten Stock man mehrere Gestalten erahnen konnte, die nebeneinander auf nicht zu erkennenden Geräten ihr Lauftraining absolvierten. Im Erdgeschoss ein auf Hightech gestyltes Geschäft, eingerahmt von zwei Schaufenstern mit Blumenkränzen und Urnen. Die Schilder beseitigten jeden Zweifel: In der oberen Etage befand sich ein Fitnessstudio, darunter ein Bestattungsunternehmen. Eine wuchtige Baumkrone ließ es nicht zu, das skurrile Duo auf einem Foto zu verewigen. Aber die Idee war geboren und holte mich immer wieder ein: ein Bestattungsinstitut, darüber ein Fegefeuer der körperlichen Ertüchtigung, in dem verblichene Seelen wie schwerelos auf der Stelle joggen. Nachhaltig fasziniert von der Fata Morgana dieses Jenseits und der Tradition eines magischen Materialismus verpflichtet, begann ich nach und nach, für das einen Fetisch zu entwickeln, wie ich ihn für viele befremdliche Geräte pflege. Verkörperte es nicht die resiliente Morbidität des unmittelbar gegebenen Heute, seine ewige Trauerarbeit, seine Pseudofortbewegung ohne Bodenhaftung? Ich musste an den Titel eines Romans von Will Self denken: . Wie sollte man beim Anblick dieser Verstorbenen im Leerlauf-Sprint nicht ins Fantasieren geraten?
Immer wieder kam ich dort vorbei und sah aus den Augenwinkeln diese Athleten im Jenseits, die hinter ihren Fensterscheiben Seite an Seite virtuelle Kilometer zurücklegten, und dabei musste ich an die chronofotografische Flinte von Étienne-Jules Marey denken, die die Bewegungsabfolge eines galoppierenden Pferds in Einzelaufnahmen zerlegte, und dabei wiederum an Charlie Chaplin in , wie er im infernalischen Takt des Fließbands reflexhaft Schrauben anzieht, dann an die Artikel auf einem Kassenband im Supermarkt, die nacheinander gescannt werden, an Super Mario, der sich in einem an Piranesi gemahnenden Universum aus mobilen Plattformen mit Luftsprüngen vorwärts bewegt, an die Koffer auf dem Gepäckförderband am Flughafen, den von Hand sortierten Abfall auf dem Förderband einer großen Müllverbrennungsanlage am Stadtrand, dann an die jugendlichen Besucher eines Fun-House im Freizeitpark, die am Ausgang reihenweise umfallen, weil sie von einer Wackelbrücke unter ihren Füßen überrascht werden, an das tragikomische Schicksal des Sisyphus, der von den Göttern des Olymp zu einer sinnlosen, ewigen Mühsal verdammt wurde – und so weiter und so fort.
Unter dem Eindruck dieser Assoziationen begann ich 2020 im ersten Corona-Lockdown eine Internetrecherche: »«, Laufband, + »«, Geschichte. Von den 245.000 Treffern, die ich binnen 0,97 Sekunden erhielt, hatte der Algorithmus lauter Verweise auf »ein britisches Folterinstrument« an der Spitze platziert: die , erfunden im Jahr 1818, ein zumindest einprägsames Datum. Also gab ich in die Suchmaschine ein. Das führte mich wiederum zurück zu den der römischen Antike – große Kräne, die von einem Tretrad angetrieben wurden – und abermals zu einem Werkzeug der , in den Arbeitshäusern der viktorianischen Ära als , als »Straftretmühle« bekannt, sowie einer , die Kardiologen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts für »Belastungstests« verwendeten. Den Schlusspunkt bildete dann der Anfang der 1980er Jahre aufkommende Heimtrainer, der die Nebenwirkungen des Bewegungsmangels in westlichen Gesellschaften ausgleichen sollte.
Dieser unübersichtliche Überblick, der sich aus zahllosen Websites von Geräteherstellern, Online-Fitnesscoachs und Sportstudios ergab, verlangte nach weiteren Informationen, die ich im Lauf einiger Monate in den digitalisierten Archivbeständen von Universitätsbibliotheken und auf Portalen mit frei zugänglichen Fachartikeln atemlos zusammentrug. Dabei erweiterte sich das Feld meiner Untersuchung um andere Anwendungen des Prinzips: Da gab es ein schräg aufgebocktes Band, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Landwirtschaft zum Einsatz kam, Theater, in denen Pferde auf Laufbändern zu sehen waren, die ergonomischen Untersuchungen der ersten Physiologen zu schwerer Arbeit, den »Rollenden Gehweg« auf der Pariser Weltausstellung von 1900 sowie die Einführung des Fließbands, das in der Welt der Arbeit eine neue Ära einläutete – von den Schlachthöfen Chicagos über die »Klaubefrauen«, die im Bergbau von Hand erzhaltiges von taubem Gestein schieden, bis hin zu den Supermarktkassen. Angesichts der so unterschiedlichen Vorläufer des Fitness-Laufbands – von denen manche einen rasanten Aufschwung erlebten, andere dagegen plötzlich an Bedeutung verloren, und deren Anwendungsgebiete offenbar kaum Berührungspunkte aufweisen – wurde mir klar, wie sehr die Erzählung, die sich um jede Erfindung rankt, vielleicht nicht geradewegs gelogen ist, aber doch eine fragwürdige Linearität behauptet. Im Rückblick wird suggeriert, jeder Erfinder erziele einen technologischen Fortschritt, der den vorherigen Prototyp verbessere, sodass lauter kleine Schritte schließlich zu großen Sprüngen führen.
Der Fall des Laufbands bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme: Seine Geschichte verläuft weitaus holpriger, als das Credo eines geradlinigen Fortschritts uns glauben machen will. Widersetzt es sich anfangs dem Siegeszug der Dampfmaschine, so wird es später selbst eine Triebkraft der forcierten Automatisierung; sein Wirkungsradius beschränkt sich zunächst auf die ländliche Welt, bevor es den städtischen Raum umgestaltet; es erfindet eine jahrtausendealte, pseudoproduktive Marter neu und bestimmt später den Rhythmus der Schichtarbeit; es drängt die Nutzung von Zugtieren zurück und prägt schließlich den Aufgaben einer gezähmten menschlichen Arbeitskraft seine Ordnung auf. Kurzum: Die Sternstunden und Tiefschläge in der Entwicklung des Laufbands sind von den sozioökonomischen Spannungen aufeinanderfolgender Epochen durchzogen, aus denen sich die widersprüchlichen Irrwege seiner Nutzungen und Neuerfindungen erklären. Was jedoch sein kapitalistisches Schicksal auszeichnet, lässt sich an seiner ursprünglichen Bezeichnung erahnen: Als oder auch dient es als Energielieferant für verschiedene landwirtschaftliche Maschinen oder als motorisiertes Förderband in der Produktionskette. Ein solches Prinzip der Endlosigkeit passte hervorragend zum grundlegenden Leitbild der industriellen Revolutionen: dem eines unbegrenzten Wachstums. Das Gespenst des bewegt sich noch immer – nicht in Gestalt einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, sondern als unaufhörlicher Fortschritt, dessen perfekt geöltes Räderwerk nie zum Halt kommt.
Wie also umgeht man die Fallstricke einer teleologischen Erzählung, die unterstellt, jede einzelne Etappe stelle eine Verbesserung, eine Vervollkommnung auf dem Weg zum Ziel dar, und immer so fort – ganz im Geist der von William Cubitt erfundenen , jener »unendlichen Treppe«, mit der ab 1818 englische Gefängnisinsassen gequält wurden, die nach Plänen von Jesse W. Reno aber von 1898 an auch dazu diente, die Kundschaft im Kaufhaus Harrods von einer Etage in die nächste zu befördern? Wie entzieht man sich der Litanei von Chronologien, die patentierte Prototypen und die Namen ihrer genialen Erfinder aufführen – nach dem Muster eines Nationalromans über unsere militärischen Eroberungen, der die denkwürdigen Schlachten und die kühnen, siegreichen Generäle aneinanderreiht? Lange suchen musste ich nicht, sondern machte kurzerhand Anleihen bei einer anderen Art von »Treppenwitz«: dem erratisch-abschweifenden Geist des fragmentarischen Schreibens. Unzusammenhängende, getrennte Elemente, die sich nie zu einem Ganzen fügen, als Mittel gegen die trügerische Kontinuität. Daraus ergeben sich allerhand Freiheiten. Man kann zu den zeitlichen Markierungen auf Abstand gehen, indem man ständig zwischen einer mitunter fernen Vergangenheit und futuristischen Visionen hin und her pendelt; man kann das Bild des einsamen Erfinders infrage stellen – der heroisiert wird, weil es so bequem ist, Einzelnen ein Denkmal zu setzen – und stattdessen Geistesverwandtschaften, kollektive Vorstellungen und Perioden, die eine bestimmte Entdeckung fördern, sichtbar machen; man kann den Misserfolgen, Pannen und Hindernissen ebenso viel Aufmerksamkeit schenken wie den vorübergehenden und dauerhaften Erfolgen; man kann auf satirische Darstellungen neuer Verfahrensweisen in Film und Literatur zurückgreifen, um der einseitigen Propaganda der käuflichen Apologeten...




