E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Pagnol Eine Kindheit in der Provence
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7844-8468-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8468-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die hier zusammengefassten Kindheitserinnerungen des begnadeten Erzählers Marcel Pagnol gehören zu den liebenswertesten Zeugnissen der Memoirenliteratur. Der Autor führt uns in eine der anmutigsten Landschaften Frankreichs, in die Provence, und schenkt uns aus tiefer Anhänglichkeit an seine Heimat und mit der Überlegenheit eines reichen Humors ein zauberhaftes Bild des französischen Südens. Der Charme der Geschichte des Jungen Marcel liegt in der anschaulichen Darstellung kindlichen Erlebens, Denkens und Fühlens, in den feinen und ironischen Charakterstudien, den abwechslungsreichen Episoden und besonders in der mit dem Herzen Pagnols erfassten Landschaft.
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Der Ruhm meines Vaters
Ich bin in der Stadt Aubagne geboren, unter dem von Ziegen gekrönten Garlaban, zur Zeit der letzten Ziegenhirten.
Der Garlaban ist ein riesiger Turm aus blauen Felsen, der sich am Rand von Plan de l’Aigle erhebt, dieser unermesslichen, felsigen Hochebene, die das grüne Huveaune-Tal beherrscht. Der Turm ist etwas breiter als hoch: aber da er in sechshundert Meter Höhe aus dem Fels ragt, steigt er sehr hoch in den Himmel der Provence, und zuweilen ruht eine weiße Juliwolke sich auf seinem Gipfel aus.
Er ist noch kein Berg, aber er ist auch kein Hügel mehr: er ist der Garlaban, wo die Späher des Marius Reisigbündel anzündeten, als sie im Dunkel der Nacht auf der Sainte-Victoire Feuer aufflammen sahen: der rote Vogel flog in der Juninacht von Hügel zu Hügel, bis zum Felsen des Capitols, um Rom zu verkünden, dass seine Gallier in der Ebene von Aix hunderttausend teutonische Barbaren erschlagen hatten.
Mein Vater war das fünfte Kind eines Steinmetzen aus Valreas bei Orange.
Die Familie war seit mehreren Jahrhunderten dort ansässig. Woher kamen sie? Ohne Zweifel aus Spanien, denn in den Gemeindebüchern fand ich die Namen Lespagnol, später Spagnol. Außerdem waren sie seit Generationen Waffenschmiede und härteten ihre Schwerter in den Wassern des Ouvèze: wie jeder weiß, ein vornehmlich spanischer Beruf.
Da aber die Notwendigkeit, Mut zu zeigen, immer im umgekehrten Verhältnis zur Entfernung steht, die die Kämpfer voneinander trennt, wurden Dolch und Säbel bald von Gewehr und Pistole abgelöst. Nun betätigten sich meine Vorfahren als Feuerwerker, das heißt, sie fabrizierten Schießpulver, Bleikugeln, Stahl und Raketen.
Einer von ihnen, ein Urgroßonkel, wurde eines Tages in einer Funken-Apotheose durch das geschlossene Fenster seiner Werkstatt geschleudert, inmitten kreisender Sonnen und einer Garbe von Wunderkerzen.
Er starb nicht daran, aber auf seiner linken Backe wuchs kein Bart mehr. Deshalb nannte man ihn bis zu seinem Tode »Le Rousti« – der Geröstete.
Möglich, dass infolge dieses aufsehenerregenden Unfalls die nächste Generation beschloss – ohne auf Patronen und Raketen zu verzichten –, sie nicht mehr mit Schießpulver zu füllen; sie wurden Pappfabrikanten, und das sind sie noch heute.
Was für ein schönes Beispiel lateinischer Weisheit: mit Stahl, diesem schweren, harten Material, wollten sie nichts mehr zu tun haben, auch mit Pulver nicht, denn das verträgt nicht einmal die Nähe einer Zigarette. Also widmeten sie ihren Unternehmungsgeist der Pappe, einem leichten, weichen und keineswegs explosiven Material.
Aber da mein Großvater nicht der älteste Bruder war, erbte er die Kartonfabrik nicht und wurde Steinmetz, warum, weiß ich nicht. Als Geselle zog er durch Frankreich und ließ sich dann in Valreas nieder, später in Marseille.
Er war klein, breit in den Schultern und hatte starke Muskeln. Als ich ihn kannte, hatte er lange, weiße Locken, die bis auf seinen Kragen fielen, und einen schönen gekräuselten Bart.
Seine Züge waren fein, aber energisch, und seine schwarzen Augen glänzten wie Oliven.
Seine Autorität gegenüber seinen Kindern war beängstigend, und seine Beschlüsse waren unwiderruflich. Doch seine Enkelkinder flochten Zöpfe in seinen Bart oder steckten ihm Bohnen in die Ohren.
Mit großem Ernst erzählte er mir manchmal von seinem Handwerk oder vielmehr von seiner Kunst, denn er war Steinmetzmeister.
Die Maurer schätzte er nicht besonders. »Wir errichten Mauern aus zugeschnittenen Steinen«, sagte er, »ein Stein muss sich genau in den anderen fügen, durch Zapfen, Stifte, Holzpfriemen und Falzbeine zusammengehalten. Natürlich gießen wir auch Blei in die Ritzen, um ein Verrutschen zu verhüten. Aber die Fugen werden so sorgfältig damit gefüllt, dass man außen nichts sieht. Die Maurer dagegen nehmen die Steine, wie sie kommen, und verstopfen die Spalten mit einem Haufen Mörtel. Auf diese Weise ertränkt der Maurer den Stein und versteckt ihn, weil er nicht gelernt hat, ihn zu bearbeiten.«
Sobald er einen freien Tag hatte – also vier- oder fünfmal im Jahr –, nahm er die ganze Familie zu einem Picknick mit, etwa fünfzig Meter vor der berühmten Pont du Gard.
Während meine Großmutter die Mahlzeit bereitete und die Kinder im Fluss planschten, bestieg er die Pfeiler der Brücke, prüfte Fugen und Maße, besah sich den Schnitt und streichelte das Gestein. Nach dem Essen setzte er sich ins Gras, die Familie gruppierte sich im Halbkreis um ihn herum. So verweilten sie im Angesicht der tausendjährigen Brücke, einem Meisterstück römischer Baukunst, das der Großvater bis zum Abend nicht mehr aus den Augen ließ.
Noch dreißig Jahre später schlugen seine Söhne und Töchter bei der bloßen Erwähnung dieser Brücke die Augen zum Himmel auf und stießen tiefe Seufzer aus.
Auf meinem Schreibtisch liegt ein kostbarer Briefbeschwerer. Es ist ein länglich-rechteckiges Stück Eisen, in der Mitte ein ovales Loch, die beiden äußeren Enden ausgehöhlt. Das ist der Hammer meines Großvaters Andre, der fünfzig Jahre lang auf den harten Kopf des stählernen Meißels schlug.
Dieser geschickte Mann hatte nur eine sehr geringe Ausbildung erhalten. Er konnte lesen und seinen Namen schreiben, aber mehr nicht. Darunter litt er heimlich sein ganzes Leben, was dazu führte, dass er Bildung für das höchste der Güter hielt. In seiner Vorstellung waren die gebildetsten Leute diejenigen, die andere unterrichteten. Deshalb opferte er sich auf, um seine sechs Kinder Lehrer werden zu lassen, und so kam es, dass mein Vater mit zwanzig Jahren die École Normale in Aix-en-Provence als Volksschullehrer verließ.
Die Écoles Normales Primaires waren zu dieser Zeit soviel wie Seminare, nur mit dem Unterschied, dass das Studium der Theologie durch Unterricht in Antiklerikalismus ersetzt wurde.
Man brachte den jungen Leuten bei, dass die Kirche nie etwas anderes gewesen sei als ein Instrument der Unterdrückung und dass es die Aufgabe der Priester sei, die Augen des Volkes mit der schwarzen Binde der Ignoranz zu verhüllen und es mit Märchen von der Hölle und vom Paradies einzulullen.
Die bösen Absichten der »Curés« waren übrigens hinlänglich bewiesen durch den Gebrauch des Lateinischen, einer mysteriösen Sprache, die für die kirchentreuen Dummköpfe eine magisch-fragwürdige Anziehungskraft besaß. Das Papsttum war würdig durch die beiden Borgia vertreten, und den Königen erging es in diesem Unterricht nicht besser als den Päpsten: als wollüstige Tyrannen beschäftigten sie sich nur mit ihren Konkubinen, wenn sie nicht gerade tranken oder spielten; ihre Kreaturen erhoben unterdessen verheerende Steuern, die bis zu zehn Prozent der nationalen Einkünfte verschlangen.
Wie man sieht, war dieser Geschichtsunterricht im Sinn der republikanischen Wahrheit elegant gefälscht.
Ich mache der Republik keinen Vorwurf deswegen: alle Handbücher der Weltgeschichte sind nie etwas anderes gewesen als Propagandatexte im Dienst der jeweiligen Regierung.
Die feste Überzeugung der neugebackenen Normalschüler war daher, dass es sich bei der großen Revolution um eine idyllische Epoche handelte, sozusagen um das goldene Zeitalter der Großmut, in dem die Brüderlichkeit sich bis zur Liebe gesteigert hatte – kurz und gut, um einen allgemeinen Ausbruch von Herzensgüte. Ich weiß nicht, wie man ihnen – ohne ihren Argwohn zu erregen – begreiflich machen konnte, dass die engelhaften Freigeister sich nach zwanzigtausend Morden und den dazugehörigen Diebstählen dann gegenseitig guillotiniert haben.
Andererseits kann ich nicht leugnen, dass der sehr intelligente Pfarrer meines Dorfes, dessen Nächstenliebe vor nichts zurückschreckte, die Heilige Inquisition als eine Art Familienrat darstellte: er sagte, wenn die Prälaten so viele Juden und Gelehrte verbrannten, so taten sie es mit Tränen in den Augen und nur, um ihnen einen Platz im Paradies zu sichern.
Das ist die Schwäche unserer Vernunft: wir bedienen uns ihrer meist nur zur Rechtfertigung unseres Glaubens.
Immerhin waren die Studien der Normalschüler nicht auf Antiklerikalismus und freigeistige Geschichte beschränkt. Es gab noch einen dritten Volksfeind, der nicht aus der Vergangenheit stammte, das war der Alkohol.
Aus dieser Zeit stammen der »Assommoir« von Zola und die schrecklichen Abbildungen, mit denen alle Klassenwände tapeziert waren. Man sah eine rötliche Leber, als solche nicht mehr erkennbar, denn dank ihrer grünen Schwellungen und lila Verschnürungen glich sie einer in Fäulnis übergegangenen Kartoffel. Der Künstler hatte ihr vergleichsweise die appetitliche Leber eines braven Bürgers als frisches, harmonisches Gebilde gegenüberstellen müssen, damit der Beschauer den katastrophalen Befund der Säuferleber richtig beurteilen konnte. Der bis in seine Träume von solchen Schreckbildern verfolgte Normalschüler (nur nebenbei sei eine Bauchspeicheldrüse erwähnt, die aussah wie die Schraube des Archimedes, und eine durch Brüche verzierte Aorta) wurde schließlich von panischer Angst ergriffen. Beim Anblick eines Glases Wein verzerrte sich sein Mund vor Ekel. Eine Kaffeehausterrasse zur Zeit des Dämmerschoppens erschien ihm wie ein Selbstmörderfriedhof. Ein für filtriertes Wasser passionierter Freund meines Vaters warf dort eines Tages alle Tische um: Polyeucte als Freigeist! Aber am verhasstesten waren die sogenannten »Magenbitter«, vor allem Benediktiner und Chartreuse, »mit königlicher Lizenz«, die in bedrohlicher Dreieinigkeit Kirche, Alkohol und Gottesgnadentum vertraten.
Abgesehen vom Kampf gegen diese drei...




