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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Paganini Unzensiert

Was Sie schon immer über die Bibel wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-451-82228-5
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was hat es mit Salomos Liebesleben und seinen 1000 Frauen auf sich? Wieso finden sich in Jesu Stammbaum gleich mehrere Prostituierte? Und warum schliefen Lots Töchter mit ihrem Vater? Um viele Geschichten wird in der Kirche lieber ein großer Bogen gemacht — besonders um Bibelgeschichten, in denen es um Sex geht. Dabei redet die Bibel erstaunlich offen und ohne rot zu werden über Sex und zwar in allen Facetten. Der Bibelwissenschaftler Simone Paganini hält nichts von Tabus. In diesem Buch schaut er sich diese Geschichten genauer an. Ein kenntnisreiches und spannendes Buch über Sex in der Bibel, das so manche überraschenden Erkenntnisse bereithält.
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1. Eine Dreiecksbeziehung am Anfang der Menschheitsgeschichte
Die Schöpfungsgeschichte in zwei unterschiedlichen Weisen zu erzählen, war für die Autoren der Bibel kein Problem. Die jüdischen Gelehrten des 1. Jh. n. Chr. aber gaben sich mit dem Nebeneinander der beiden Versionen nicht zufrieden und so entstand die Geschichte von Adam, Lilith und Eva. Es ist die Geschichte einer Dreiecksbeziehung voll von Neid, Eifersucht und natürlich auch Sex. Heute ist sie allerdings nur noch Insidern bekannt. In der sexuell stark aufgeladenen Walpurgisnachtszene von Goethes Faust tritt eine ungewöhnlich schöne Frau in Erscheinung. Faust ist von ihr angetan und fragt Mephistopheles nach ihrem Namen. »Lilith ist das«, antwortet der Teufel wie selbstverständlich. Doch Faust kann mit dem Namen nicht viel anfangen und so ergänzt Mephistopheles seine Antwort um eine Bemerkung, die jede und jeden, die bzw. der sich ein wenig in der Bibel auskennt, stutzig machen muss: »Adams erste Frau,/ nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren,/ vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt./ Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,/ so lässt sie ihn so bald nicht wieder fahren.« In der Tat findet man gleich im zweiten Kapitel der Genesis den Namen der ersten Frau Adams. Sie heißt aber nicht Lilith, sondern Eva, und sie ist nicht bloß die erste, sondern die einzige Frau Adams. Nur mit ihr geht Adam eine sexuelle Beziehung ein, was durch das hebräische Verb »erkennen« zum Ausdruck gebracht wird. Sie ist auch die Mutter seiner Kinder. Nachdem Gott am sechsten Tag die Menschen ins Leben gerufen hat, ist er zunächst sehr zufrieden. Mann und Frau müssen nun allerdings selbst dafür sorgen, dass die Menschheit bestehen bleibt: »Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!« (Gen 1,28). Bereits in diesen ersten göttlichen Imperativen geht es also um Sex. Für die Rabbiner, die sich um die Zeitenwende aufmerksam mit der Bibel auseinandergesetzt haben, blieb jedoch unklar, zwischen welchen Partnern dieser Sex stattfinden soll. Denn das im ersten Kapitel des Genesisbuches erschaffene Menschenpaar bleibt anonym. Erst im zweiten Kapitel erhalten Mann und Frau die Eigennamen Adam und Eva. Diese Spannung hängt damit zusammen, dass sich am Beginn der Bibel nicht eine, sondern zwei Schöpfungserzählungen finden. Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten, lassen sich auf verschiedene Autorenkreise zurückführen und verfolgen unterschiedliche Ziele. Diese Unterschiede sind in der Bibelwissenschaft bis heute Gegenstand der Forschung. In der Zeit, als die Erzählungen im Kanon der Bibel nebeneinandergestellt wurden – das dürfte irgendwann im 5. Jh. v. Chr. passiert sein –, wurden die Abweichungen dagegen als unproblematisch wahrgenommen. Doch schon in der römisch-griechischen Zeit bemühte man sich, die inhaltlichen und logischen Probleme in der Abfolge der beiden Schöpfungserzählungen zu erklären. Da sich Gott natürlich nicht selbst widersprechen durfte, unternahmen die Gelehrten verschiedene Versuche, die Spannungen aufzulösen. Mal wurde eine der beiden Erzählungen priorisiert, mal wurden die Texte miteinander vereinheitlicht oder harmonisiert und mal überlegte man sogar, ob die Menschheit nicht vielleicht zweimal geschaffen worden sein könnte. Die Vorstellung von einer doppelten Schöpfung leitete schließlich eine sehr interessante Entwicklung ein. Wenn man nämlich die Texte genau liest, lässt sich folgendes beobachten: Während der Name des Mannes in beiden Erzählungen Adam lautet (bzw. zu lauten scheint) und die in der zweiten Erzählung aus seiner Rippe geformte Frau Eva heißt, wird der Name der Frau aus dem ersten Schöpfungsbericht nicht genannt. Dieses vermeintlich bedeutungslose Manko hatte weitreichende Folgen. Es war die Geburtsstunde der ersten Dreiecksgeschichte der Menschheit: Adam, so schlussfolgerten die damaligen Gelehrten, musste vor Eva eine andere Frau gehabt haben. Die Vorstellung einer »ersten Eva« wird erstmals in einer jüdischen exegetischen Schrift, einem sogenannten Midrasch, aus dem 4. Jh. n. Chr. festgehalten, die als Genesis Rabbah bekannt ist. Mit der Bezeichnung »erste Eva« wollte man sich aber nicht zufriedengeben und so machte man sich auf die Suche nach dem Namen dieser Frau. Der musste sich klar von »Eva«, was auf Hebräisch »Mutter aller Lebendigen«, »Lebenspendende« oder einfach »Leben« bedeutet, unterscheiden. Der Name ihrer Gegenspielerin sollte also genau das Gegenteil zum Ausdruck bringen. Ein solcher Umgang mit dem biblischen Originaltext ist aus Sicht der modernen Bibelwissenschaft natürlich äußerst bedenklich, für die Rabbiner des 1. Jh. n. Chr. schien die kreative Namenssuche dagegen offensichtlich unproblematisch zu sein. Und tatsächlich »fanden« sie nach einigem Bemühen den Namen der Frau in einem anderen biblischen Text, genauer gesagt in einer Passage aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 34,14). Dort wird eine postapokalyptische Vorstellung des Landes Edom entworfen, nachdem es von Gott zerstört worden ist. In ihm treiben etliche dunkle und unreine Kreaturen, insbesondere Schakale, Strauße, Hyänen, Bockgeister, Schlangen und Wüstenhunde ihr Unwesen; unter ihnen ist auch eine gewisse Lilith. Sie wird als eine Art Nachtdämonin der Wüste vorgestellt. Sie ist also das perfekte Gegenstück zur lebenspendenden, der Sonne nahestehenden Eva. Dass Lilith bei Jesaja mit Wüstentieren und anderen nicht-­menschlichen Wesen in Verbindung gebracht wird, ist allerdings keine Erfindung der Bibel. Die Vorstellung von einer bösen weiblichen Dämonin, die als selbstbewusste, zügellose Verführerin auftritt, existiert in vielen altorientalischen Kulturen. Der biblische Text bedient sich dieser Vorstellungen: So kannten sowohl die Sumerer, als auch die Assyrer und die Babylonier die Dämonin Lamaštu. Um ihren Schadenszauber abzuwehren, griff man auf Amulett-Täfelchen und Abwehrsprüche zurück, die auch archäologisch belegt sind. Lamaštu ist die Verführerin der Männer. Sie verbreitet Krankheiten und trinkt das Blut von Neugeborenen. Auch von einer gewissen Lilitu ist häufig die Rede, wobei die Namensverwandtschaft zu Lilith sicherlich kein Zufall ist. Das berühmte Burney-Relief aus dem 18. Jh. v. Chr., das heute im British Museum in London zu sehen ist, zeigt Lilitu mit einer vierfachen Hörnerkrone, die sie deutlich als ein der göttlichen Sphäre zugehöriges Wesen identifiziert. Statt Füßen hat sie Krallen wie ein Raubvogel und die herabhängenden Flügel sind ein typisches Symbol für eine Unterweltgottheit. Als Herrschaftssymbol trägt Lilitu in ihren Händen einen Ring und einen Stab. Sie wird von zwei Eulen flankiert und steht auf zwei liegenden Löwen, die den Eingang zum Totenreich bewachen. Lilitu ist insbesondere deshalb gefürchtet, weil sie als Gefahr für Kinder gilt, aber auch als Verführerin der Männer. In diesem Kontext versinnbildlicht sie eine offensive, ungezügelte weibliche Sexualität, die in einer von starren patriarchalischen Strukturen geprägten Gesellschaft als Bedrohung erlebt werden musste. Auch ihre Rolle als Beschützerin der Prostituierten ist vor diesem Hintergrund zu interpretieren. Doch zurück zu den jüdischen Gelehrten des 1. Jh. n. Chr. und ihrer Bibelinterpretation: Nachdem sie den Namen von Adams erster Frau einmal gefunden hatten, wollten sie natürlich weitere Einzelheiten über Lilith und ihre Beziehung zu Adam herausfinden. Doch in der Bibel fanden sie dazu nichts. Anstatt es dabei zu belassen, begannen sie eine fantastische Geschichte rund um die geheimnisvolle Unbekannte zu erfinden. Es sollte allerdings noch einige Jahrhunderte dauern, bis diese Geschichte zu Ende gesponnen wurde. Alle jüdischen Traditionen rund um die schillernde Gestalt der Lilith stammen nämlich aus dem gar nicht so prüden Mittelalter. So handelt die mittelalterliche Schrift Alphabet des Ben Sira nicht nur von der Herkunft dieser Frau, sondern gibt auch prickelnde Details über ihr Sexualleben preis. Den Ausführungen dieses anonymen Werkes zufolge, das im Übrigen auch Sprüche über Masturbation, Inzest und nicht zuletzt über das Furzen beinhaltet, wird Lilith ebenso wie Adam aus Erde geformt und nicht wie Eva aus einer männlichen Rippe. Auf diesen gemeinsamen Ursprung beruft sich Lilith, wenn sie gegenüber Adam auf ihre Gleichberechtigung pocht. Die Stellung der Frau ist Streitthema Nummer eins zwischen den beiden, jedoch nicht in den Strukturen einer patriarchalischen Gesellschaft, sondern ganz konkret: Lilith fordert nämlich unvermittelt ein, beim Geschlechtsverkehr nicht unter Adam liegen zu müssen, sondern selbst eine aktive Position einnehmen zu dürfen, womit Adam – aus welchen Gründen auch immer – ganz und gar nicht einverstanden ist. Warum Lilith ihre eigenen Vorstellungen von gelungenem Sex hatte, wird in manchen Varianten des Mythos darauf zurückgeführt, dass der Lehm, aus dem sie erschaffen wurde, mit dem Speichel eines verstoßenen Teufels namens Samael verunreinigt war. Eine Frau mit dem Teufel in Verbindung zu bringen, wenn es darum geht, Sex als Sünde dazustellen, ist in den religiösen Texten von Judentum und Christentum ein beliebtes Motiv, das selbstverständlich die Vorrangstellung des Mannes behaupten sollte. Lilith jedenfalls verlässt nach diesem Streit nicht nur Adam, sondern auch den Garten Eden und streift fortan rastlos durch die Wüste. Dort begegnet sie einer ganzen Reihe männlicher Wesen, die keine Probleme mit Liliths sexuellen Fantasien haben. Aus einem Gefühl von Schmerz und Rache verkehrt sie jeden Tag mit Hunderten von ihnen und bringt täglich Hunderte Kinder zur Welt. Adam dagegen, der die eigene Sturheit inzwischen möglicherweise bereut, beklagt sich bei Gott über...


Prof. Dr. theol., geb. 1972 in Italien, Studium der katholischen Theologie in Florenz, Rom und Wien. Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen. Autor zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher, unter anderem über Qumran und skurrile Episoden in der Kirchengeschichte. Auch auf Science Slams begeisterte er schon ein großes Publikum.


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