E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Oster Wilhelmine von Bayreuth
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99093-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Leben der Schwester Friedrichs des Großen
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-492-99093-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Uwe A. Oster, geboren 1964, ist stellvertretender Chefredakteur des Geschichtsmagazins »Damals« und hat zahlreiche Bücher geschrieben. Sein besonderes Interesse gilt der preußischen Geschichte; u. a. veröffentlichte er die Bücher »Wilhelmine von Bayreuth. Das Leben der Schwester Friedrichs des Großen«, »Der preußische Apoll. Prinz Louis Ferdinand von Preußen« und »Preußen. Geschichte eines Königreichs«.
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II
»Prinzessin von Wales« oder »englische Kanaille«?
Das Kandidatenkarussell dreht sich weiter
Auch nach der Thronbesteigung ihres Bruders hatte Königin Sophie Dorothea nie ihren Wunsch aus den Augen verloren, Wilhelmine mit dessen Sohn zu verheiraten. Daran hatten die politischen Differenzen zwischen Preußen und England so wenig geändert wie die persönlichen Animositäten zwischen Friedrich Wilhelm I. und Georg II. Noch viel weniger eine Rolle spielte dabei die zunehmende Zurückhaltung Wilhelmines, die von dem ausschweifenden Lebenswandel ihres Gemahls in spe gehört hatte und nicht mehr die Begeisterung an den Tag legte, die ihre Mutter für geboten hielt. Dabei waren die Warnungen, die über den Kanal gelangten, deutlich genug. Die Herzogin von Kendal etwa bedauerte Wilhelmine von Herzen. Sie werde an der Seite des Prinzen von Wales ein schlechtes Leben haben und die Weisheit Salomos benötigen, um Erfolg zu haben. Keinesfalls sei der Prinz eine gute Partie, sondern vielmehr ein liederlicher Kerl, der auch in England unbeliebt sei. Sophie Dorothea wollte von derlei nichts hören und machte ihrer Tochter klar, daß sie sich an den Lebensstil ihres Ehemanns zu gewöhnen habe: »Er ist ein gutmütiger Prinz, gütig, aber sehr töricht. Sofern Sie sich ihm nur gefällig zeigen und seine Geliebten dulden, werden Sie ihn gänzlich beherrschen und nach dem Tode seines Vaters mehr König sein als er.«
Wilhelmine hatte ihre Lektion bereits gelernt, sie verstand es, ihre wahren Gefühle so perfekt hinter der Maske höfischer Gleichgültigkeit zu verstecken, daß selbst ein so ausgebuffter Beobachter wie Seckendorff sich seiner Sache nicht mehr sicher war: »Die Prinzessin hört … so allezeit mit an der Tafel, alle diese Reden und Raisonnements auch, und wie wohl sie in keine Diskurse sich einlassen darf, so muß man doch sicher ihren Verstand bewundern, daß sie mit einer großen Indifference alles anhört, weder für noch gegen die Vermählung und Alliance einige Begierde zeigt, so daß man nicht weiß, ob sie die Vermählung wünscht oder lieber wegen der bekannten Koketterie und Libertinage des Prinzen Friedrich von Hannover unterlassen sähe.«
Im Frühjahr 1728 sah sich die preußische Königin in ihrem unerschütterlichen Optimismus bestätigt. So schrieb sie am 1. März an ihren Mann, daß der englische Gesandte Earl of Dubourgay ihr habe ausrichten lassen, daß sein Nachfolger Sutton bald seinen Dienst antreten werde und dieser »sehr, sehr angenehme Nachrichten mitbringen werde« – natürlich in der Heiratsfrage, dem Thema, das Sophie Dorothea mehr als alle anderen interessierte. Der König selbst beauftragte sie, einen Brief an die englische Königin Karoline zu schreiben, um die nach dem Thronwechsel ins Stokken geratenen Verhandlungen wieder in Gang zu bringen. Er wolle endlich wissen »was die Engländer im Schilde führen«. Doch diesem Zugeständnis des Königs war, so Wilhelmine in ihren Memoiren, ein heftiger Streit ihrer Eltern vorausgegangen, bei dem Friedrich Wilhelm einen neuen Heiratskandidaten ins Spiel gebracht hatte: »Der König hatte eine Unterredung mit der Königin, während welcher meine Schwester und ich ins Nebenzimmer geschickt wurden. Obwohl die Tür geschlossen war, ließ der Ton ihrer Stimmen bald erkennen, daß sie einen heftigen Streit hatten; ich hörte sogar oft meinen Namen nennen, worüber ich sehr erschrak.
Dies Gespräch währte anderthalb Stunden, worauf der König mit zornigem Gesicht heraustrat. Ich kehrte alsodann in das Zimmer zurück und fand die Königin in Tränen. Sobald sie mich sah, umarmte sie mich und hielt mich lange umfangen, ohne ein Wort zu sprechen. ›Ich bin untröstlich‹, sagte sie endlich, ›man will Sie verheiraten, und der König ist auf die unvernünftigste Partie verfallen, die sich denken läßt. Er will Sie dem Herzog von Weißenfels geben, einem lumpigen Niemand, der nur von der Gnade des Königs von Polen lebt; nein, ich überlebe es nicht, wenn Sie sich dazu erniedrigen.‹« Doch darüber brauchte sich Sophie Dorothea keine Sorgen zu machen: Wilhelmine hatte nicht vor, den Herzog zu heiraten, wenn es sich denn irgendwie vermeiden ließ. Mutter und Tochter zeigten ihre Ablehnung gleichermaßen offen. Obwohl der König seiner Frau befohlen hatte, den Herzog nach einem gemeinsam besuchten Gottesdienst wie einen zukünftigen Schwiegersohn zu empfangen, drehte sie ihm sofort den Rücken zu und »würdigte ihn keines Wortes«. Und Wilhelmine machte sich schnell davon, »um der Begegnung zu entgehen«.
Wer war dieser »lumpige Niemand«? Wilhelmine hatte den Herzog von Weißenfels beim Besuch Augusts des Starken in Berlin kennengelernt. Schon damals wunderte sie sich über die »großen Aufmerksamkeiten«, die er ihr erwies, und schrieb sie »der Höflichkeit« zu. Nie aber hätte sie sich »träumen lassen, daß er es wagen würde, den Gedanken einer Heirat mit mir zu fassen. Er war der jüngere Sohn eines Hauses, das, obwohl sehr alt, nicht zu den vornehmen Häusern Deutschlands zählt; ich war nicht ehrgeizigen, aber auch nicht niedrigen Sinnes, so daß ich die wirklichen Gefühle des Herzogs gar nicht erriet.« Die Zeilen sind ein schönes Beispiel für Wilhelmines ausgeprägtes Standesbewußtsein. Herzog Johann Adolf von Sachsen-Weißenfels stammte aus einer Nebenlinie der Wettiner und war als solcher zwar keine glänzende Partie für eine preußische Königstochter, aber der Gedanke nicht so abwegig, wie Wilhelmine dies dargestellt hat. Wenigstens aus heutiger Sicht erstaunlich ist, daß Wilhelmine anders als im Falle Augusts des Starken gar nicht erwähnt, daß der Herzog gut ihr Vater hätte sein können, war er doch 24 Jahre älter als seine vermeintliche Braut in spe und bereits Witwer. Doch wie war es überhaupt zu dieser Idee gekommen, die auch durch andere Quellen bestätigt wird? Wilhelmine selbst sah dahinter natürlich wieder Seckendorff und Grumbkow am Werk, die schleunigst einen neuen Kandidaten hätten präsentieren müssen, nachdem der Versuch, sie mit dem polnischen König zu verheiraten, gescheitert gewesen sei.
Betrachtet man das Ganze weniger emotional, so eröffnen sich auch politische Motive, die ausschlaggebend gewesen sein könnten. Um die polnische Königskrone gewinnen zu können, war August der Starke katholisch geworden, was im protestantischen Sachsen nur auf wenig Gegenliebe gestoßen war. In der Folge kam es zu Auseinandersetzungen zwischen katholischen Höflingen des Königs und einheimischen Protestanten. Es kam sogar das Gerücht auf, daß August der Starke gestürzt und durch den protestantischen Herzog von Weißenfels ersetzt werden sollte. So wäre die Heirat Wilhelmines mit diesem eine Investition in die Zukunft gewesen, zugegeben eine mit nur äußerst vagen Erfolgsaussichten. Immerhin sah August der Starke die Gefahr selbst als so real an, daß er sich gegen die Heirat Wilhelmines mit dem Herzog aussprach.
August der Starke war nicht der einzige, der diese Heirat verhindern wollte. Natürlich setzte Sophie Dorothea alle Hebel in Bewegung, um der Angelegenheit eine Wende zu geben. Dazu Wilhelmine: »Der Herzog von Weißenfels galt für einen verdienstvollen, doch nicht sehr begabten Fürsten: Alle waren der Meinung, daß die Königin mit ihm verhandeln solle. Graf Finck übernahm den Auftrag. Er stellte dem Herzog vor, daß die Königin sich nie zu dieser Heirat verstehen werde und daß ich eine unüberwindliche Abneigung für ihn hege; er würde, indem er bei seiner Absicht beharre, unfehlbar Zwietracht in die Familie bringen; die Königin sei entschlossen, es ihm außerordentlich sauer zu machen, wenn er darauf bestünde; sie sei aber überzeugt, daß er sie nicht zum Äußersten treiben wolle; sie zweifle nicht, daß er als Mann von Ehre lieber seine Anträge aufgeben als mich unglücklich sehen würde …«
Diese klare Botschaft verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Herzog von Weißenfels ließ daraufhin König Friedrich Wilhelm I. wissen, daß er Wilhelmine nicht gegen den Willen der Königin heiraten werde. Immerhin ließ er sich ein Hintertürchen offen: Sollte die Heirat Wilhelmines mit dem Prinzen von Wales nicht zustande kommen und auch sonst kein gekröntes Haupt um ihre Hand anhalten, dann möge man ihm den Vorzug vor anderen Bewerbern geben. Der »Soldatenkönig« war darüber äußerst ungehalten und stritt sich lautstark mit seiner Frau. Schließlich gab er nach: Die Königin möge einen weiteren Brief an ihren Bruder schreiben und eine definitive Antwort von diesem fordern. »Ist die Antwort günstig …, so löse ich auf immer jede andere Verbindlichkeit; wenn sie sich aber nicht endgültig erklärt, so mögen sie in England wissen, daß ich mich nicht länger narren lasse.« Allerdings verfolgte er gleichzeitig das Weißenfelser Projekt weiter. So brach er Ende September 1728 zu einem Besuch bei dem Herzog auf: »Man glaubt, daß diese Reise nicht eine bloße Lust-Reise und Visite sei, sondern etwas mehrers auf sich haben müsse«, notierte damals der braunschweigische Gesandte Wilhelm Stratemann.
Fast zeitgleich schrieb Sophie Dorothea den Brief an ihre Schwägerin. Als etwas später auch noch das Gerücht aufkam, der Prinz von Wales werde insgeheim von Hannover aus nach Berlin kommen, um Wilhelmine – in die er sich ernstlich verliebt habe – insgeheim zu heiraten, wertete die Königin dies als glänzende Bestätigung ihrer Ambitionen. Doch aus dem Besuch wurde nichts. Am 9. Dezember 1728 mußte sie ihrem Gemahl etwas kleinlaut mitteilen: »Der Prinz Friedrich [Ludwig] ist tatsächlich nach England gegangen«, ohne nach Berlin zu kommen. Allerdings war der Prinz von Wales nicht aus freien Stücken nach England gegangen, sondern weil es ihm sein Vater aufgetragen hatte, und auch dieser selbst war damit nur einer Forderung des Parlaments nachgekommen, das den Thronfolger, der bisher als Symbol...




