E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Ossowski Neben der Zärtlichkeit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-455-02106-6
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-455-02106-6
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, war Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen als 'Dichterin der Menschlichkeit' einen Namen gemacht. Leonie Ossowski verstarb am 4. Februar 2019 in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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Cover
Titelseite
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
Über Leonie Ossowski
Impressum
I
Mensch ärger dich nicht, jubelten die Geschwister, tanzten um den Vater herum, der nach ihren Spielwünschen gefragt hatte. Nur Wanda jubelte nicht. Die Geschwister lärmten im Zimmer, klapperten mit der Spielschachtel, rückten die Stühle zurecht und legten das Brett aus. Rot, Blau, Grün, Gelb, jeder hatte seine Farbe, die ihm Glück bringen sollte, während der Vater einen Preis für den Gewinner aus seinem Schreibtisch holte.
Das waren schöne Preise, Sachen, die Wanda sich immer wünschte und nur selten bekam, da sie mehr verlor als gewann. Dann musste sie zusehen, wie ihr dicker Bruder oder die ältere Schwester den ersehnten Gewinn davontrugen, nie bereit, einen Tausch einzugehen.
Verlieren können muss man lernen, sagte der Vater.
Wanda lernte es nicht, das wusste sie längst. Als sie ganz klein war, so hieß es, habe sie immer nur geweint, wenn ein anderer gewann. Sie selbst konnte sich darauf zwar nicht mehr besinnen, aber die Mutter erzählte es gern.
Damals, als Wanda noch ein beherrschtes Kind war, klag- und lautlos, bloß von Tränen begleitet ihren Verlust einsteckte, da versprach sie so recht nach dem Herzen des Vaters zu geraten. Unsere Wanda, so sagte er nach den Erzählungen der Mutter, die passt in die Welt, die weiß, mit ihrem Schmerz umzugehen. Dann pflegte er ihr die Tränen vom Gesicht zu küssen, lachte, warf sie hoch, fing sie wieder auf, ohne das lautlose Weinen seiner Tochter zu beachten. Wandas Erinnerungen reichten nur bis zu den Tränen, die nie aufhören wollten, aus ihren Augen zu tropfen, unaufhörlich nachströmend, und die außer ihr niemandem etwas auszumachen schienen.
Natürlich hatte sie auch hin und wieder gewonnen, aber das blieb ihr nicht im Gedächtnis, nur die Tränen um den verlorenen Preis, Tränen, mit denen sie den anderen und sich das Vergnügen verdarb. Aber der Vater ließ nicht locker, ließ Wanda das Spiel selbst aussuchen, kaufte neue Spiele dazu, versuchte hartnäckig und geduldig zugleich seiner jüngsten Tochter die Freude an anderer Leute Glück beizubringen.
Heute gab es etwas Außergewöhnliches zu gewinnen, eine Praline, so schön anzusehen, dass Wanda das Wasser im Mund zusammenlief. Die Schokoladenstipser wirkten so verlockend, dass alle drei Kinder gleichzeitig mit dem Finger drauftippten und der dicke Bruder, alle Strafe in Kauf nehmend, sich nicht beherrschte, sondern die Süßigkeit in den Mund steckte, um sie herunterzuschlucken.
Kaum war die Praline zwischen seinen Lippen verschwunden, da kam sie auch schon wieder hervor und kullerte unversehrt über den Tisch. Das ist ja ein Bleistiftanspitzer, schrie Wanda und hielt ganz verzückt das künstliche Konfektstückchen in der Hand. So etwas hatte sie noch nie gesehen, so etwas wollte sie haben, und kein anderer durfte diesen Preis gewinnen.
Mensch ärger dich nicht, sagte der Vater und schob Wanda als Erste den Würfel zu.
Sie wog ihn schwer in der Hand, legte die andere darüber, schüttelte beide Hände, pustete zwischen die aneinandergelegten Daumen, dachte nur an die Sechs, mit der sie das Spiel beginnen sollte. Und es war eine Sechs. Wanda setzte den ersten Stein, würfelte wieder und hatte eine Vier. Eins, zwei, drei, vier, das Steinchen tippte hörbar über das Spielfeld. Für deine sechs Jahre, sagte der Bruder, hast du verflucht viel Sechsen. Die Schwester sagte nichts, den Blick aufmerksam über dem Spiel, damit niemand mogelte.
Tot, flüsterte Wanda plötzlich, zählte die gewürfelten Punkte aus und kickte das grüne Steinchen des Vaters seitlich weg vom Feld.
Wieso tot?
Wanda hob nur die Schultern. Mensch ärger dich nicht.
Na, seht mal unsere Wanda, sagte der Vater und lachte, sie lernt.
Was?
Zu verlieren.
Nein, Vater, ich gewinne!
Wanda würfelte, hörte dem Klicken zu, rückte ihre Steinchen von Feld zu Feld, immer vorwärts.
Tot – tot – tot.
Die Steinchen von Vater, Mutter, Schwester und Bruder nahmen Gestalten an. Viermal der Vater, viermal die Mutter, die Schwester, der Bruder.
Einer jagte den anderen und kam doch immer nur so weit vorwärts, wie der Würfel es zuließ. Alles hing von dem Würfel ab. Wanda kniete auf dem Stuhl, der Bruder hatte sie überholt. Viermal stand er schon dick, klein und blau auf dem Brett, lauerte auf Wanda, tippelte hinter ihr her, sprang über sie hinweg, wobei er ihr jeweils leicht auf den Kopf klopfte. So und so und so.
Alle Steinchen waren im Spiel. Wanda hatte bereits zwei im Häuschen. Der Sieg rückte näher. Da kam Gefahr von der Mutter, die aber ganz ohne Aufsehen einen anderen Stein setzte und Wanda verschonte.
Warum?
Die Praline nahm plötzlich ein gewaltiges Ausmaß an, wuchs an Größe und der Spitzer mit, in den jetzt die Köpfe aller passten, von Wanda gedreht, nadelfein zugespitzt.
Der Vater nahm keine Rücksicht, fegte Wandas Steinchen kurz vor dem Häuschen vom Brett, und der dicke Bruder holte Zug um Zug auf, war jetzt vor ihr und rückte ohne größere Gefahr dem Sieg näher. Neuer Einsatz für Wanda, keine Sechs.
Mensch ärger dich nicht, sagte der Bruder und schob seinen letzten Stein in sein Häuschen.
Gewonnen!
Tränen, die nicht aufzuhalten waren.
Mein Gott, seufzte der Vater und nahm seine Jüngste auf den Schoß, nimm dich doch einmal zusammen. Er rückte Wandas Gesicht in sein Blickfeld, hob ihr Kinn und wischte die Tränen ab.
Sag jetzt: Schade, ich habe verloren.
Wanda sagte nichts, brachte nur immer neue Tränen hervor, tonlos, wortlos, ohne zu schluchzen. Vor ihren Augen verschwamm alles. Selbst die Praline konnte sie nicht mehr erkennen.
Der Vater schüttelte sie. Nun sag schon, ich will es, verstehst du? Sag: Schade, ich habe verloren.
Wandas Lippen klebten aufeinander, dahinter die Zunge zwischen den Zähnen eingeklemmt, die Hände zu Fäusten geballt, rührte sie sich nicht und ließ nur den Tränen ihren Lauf.
Der dicke Bruder, den Wandas stummer Neid, ihr unaufhaltsames Weinen ganz verrückt machten, verlor die Geduld und schrie sie an: Du wirst dir noch die Augen aus dem Kopf heulen. Sieh mal, und er tippte ihr unterhalb der Brauen leicht ins Gesicht, sie sitzen schon ganz locker!
Die Augen aus dem Kopf heulen? Wanda packte Entsetzen. Sie machte sich los und rannte aus dem Zimmer, über den Flur die Treppe hinauf, wo sie sich auf die oberste Stufe setzte, immer noch ganz benommen von dem, was ihr Bruder gesagt hatte.
Vorsichtig wiederholte sie den Test. Nein, die Augäpfel schienen festzusitzen. Andererseits aber konnte Wanda die Prüfung nur über dem Lid vornehmen. War darauf Verlass?
Langsam öffnete sie erst das eine, dann das andere Auge, fühlte mit dem ersten Blick schon die Tränen aufsteigen, nahm sich zusammen und wackelte so heftig sie konnte mit dem Kopf.
Nicht etwa nacheinander, nein, beide Augen sprangen ihr zugleich aus dem Kopf, klirrten zu Boden, fielen wie Murmeln auf die erste Stufe und hüpften von dort weiter mit Schwung die Treppe hinab.
In den Höhlen blieb nur das Wasser zurück. Zwei winzige Seen, lauwarm und abgrundtief.
Wanda hielt sich am Geländer fest, sah zwar mit ihren Augen, aber außerhalb ihres Kopfes, wobei ihr ganz schwindlig wurde, da das Ende der Treppe noch nicht erreicht war. Ein schreckliches Rauf und Runter, das sich von ihr entfernte und dem sie nicht nachsetzen konnte. Wenn jetzt die Mutter aus dem Wohnzimmer käme, um nach Wanda zu rufen, würde sie ihrer Tochter auf die Augen treten. Kommt zurück, rief Wanda.
Aber die Augen gehorchten nicht, kullerten dicht nebeneinander durch den Flur. Wanda sah alles von unten und in beängstigender Größe. Was da alles auf dem Fußboden herumlag, war nicht zu fassen.
Schuhe, hoch wie Lastwagen, Flusen, die Gewitterwolken ähnelten, und erst Vaters Aktenkoffer – Wanda fand keinen Vergleich.
Dort war der Spalt zur Wohnzimmertür, groß wie ein Himmelstor, zu dem sich jetzt ihre Augen auf den Weg machten, über die Schwelle kreiselten, die Pupillen immer hübsch aufwärts gerichtet, damit kein Schmutz hineinkam.
Gott sei Dank waren sie vorsichtig, wagten sich nicht in die Mitte des Raumes, schon gar nicht in die Nähe der Füße. Sie blieben artig neben der Tür unter einem Stuhl liegen, von wo aus alles gut zu übersehen war. Hören konnte Wanda kein Wort, auch kein Geräusch. Der Vater hatte die zweite Runde eröffnet. Mensch ärger dich nicht. Lautlos rollte der Würfel über den Tisch. Wie sie lachend die Zähne zeigten, sich gegenseitig anstießen. Neben dem Bruder der Pralinenanspitzer, den er festhielt, als würde ihn jemand wegnehmen wollen.
Bis auf den Tisch konnte Wanda nicht sehen, wusste nicht, wer am Gewinnen war, wer am Verlieren. Niemand schien sie zu vermissen. Runde um Runde. Hier nützten keine Tränen, Wanda war vergessen. Nur die Mutter drehte sich einmal zur Tür, sah den Stuhl, aber nicht Wandas Augen, die darunterlagen.
Sie sagte etwas. Wanda glaubte ihren Namen von den Lippen ablesen zu können. Aber der Vater winkte nur ab, und der Bruder steckte den Anspitzer in seine Hosentasche.
Die Schwester schrie plötzlich auf, schien gewonnen zu haben, schlug ihre Hände vor den Mund und nahm vom Vater ihren Preis entgegen. Wiederum eine künstliche Praline, diesmal als Schlüsselanhänger.
Wanda kippte ihren Kopf nach vorn. Die zwei Seen schwappten auf die Treppenstufen. Jetzt waren die Höhlen leer, hatten Platz für die Augäpfel, die sich ungerufen sofort in Bewegung setzten, durch den Türspalt rollten, die Treppe aufwärts hüpften, wenn auch nicht so schnell wie abwärts, und flugs zurück in Wandas Kopf flutschten, festsaßen und nicht mehr herauszuschütteln waren. Ein Schrei. Wanda schrie, wusste gar nicht, wie sie die...




