Eine Haltung für gelingende Beziehungen in Familie, Schule und am Arbeitsplatz
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-7495-0232-5
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
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2. Warum Wertschätzung heute so notwendig ist – ein Ausblick am Anfang
Neben dem Hinweis Erich Fromms auf die Veränderungen des Charakters von einem innengelenkten und werteorientierten Charakter hin zu einem markt- oder marketingorientierten Charakter ab den späten 1940er-Jahren möchte ich auf zwei gesellschaftliche Felder verweisen, die auf eindrückliche Weise Fromms Überlegungen bestätigen und verdeutlichen, wie notwendig Wertschätzung heute ist und welche Chance wertschätzende Beziehungen bieten. Dazu kommen ausführlich eine Grundschullehrerin und ein Unternehmer zu Wort. Sie haben in ihren Organisationen wertschätzende Umgangsformen eingeführt und sie zeigen, wie sich dadurch die Institution „Schule“ verändert und das Unternehmen grundlegend gewandelt hat. 2.1 Arbeitsfeld Schule: Zustand und Vision
In einer Befragung von Studierenden „gaben nur 23 % der ehemaligen Schülerinnen und Schüler an, von Lehrkräften keine Kränkung erfahren zu haben, alle erinnerten sich jedoch an Kränkungen von Mitschülern, die sie miterlebt hatten“9. Zu ähnlichen Ergebnissen „kommen die Beobachtungsstudien im Projektnetz INTAKT (Soziale INTerAKTionen in pädagogischen Arbeitsfeldern). Dabei handelt es sich um einen Verbund, in dem Lehr- und andere Forschungsprojekte kooperieren, um Wissen über Formen pädagogischer Interaktionen und deren Verbreitung zu gewinnen.“ … Die Ergebnisse der „kodierten Interaktionsformen der Verletzung“ lassen sich „in folgender holzschnittartiger Faustregel zusammenfassen: Durchschnittlich kategorisierten die Beobachtenden drei Viertel der Lehrer-Schüler- bzw. Erzieher-Kind-Interaktionen als anerkennend und neutral, während sie ca. 20 % als leicht verletzend bzw. ambivalent und mehr als 5 % als stark verletzend einordneten. Seelische Verletzungen bilden in pädagogischen Institutionen die am häufigsten vorkommende Form der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.“10 Eine Gruppe um die Pädagogin Annedore Prengel hat in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Menschenrechtsbildung an der Rochow-Akademie aufgrund dieser und anderer Forschungen in den „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ neben Handlungsebenen zur Stärkung pädagogischer Ethik sechs Feststellungen unter der Überschrift „Was ethisch begründet ist“ sowie vier unter „Was ethisch unzulässig ist“ formuliert. Die erste dieser Formulierungen lautet: „Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt.“11 Die Grundschullehrerin Annette Pfisterer beschreibt, wie sich Schule zu einer „wertschätzenden Institution“ entwickeln kann: „Eine Grundschule kann beispielsweise mit einem ‚Wertschätzungstag‘ beginnen, an dem alle Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern sich zu einem gemeinsamen Frühstück in der Schule treffen. Unter Anleitung eines professionellen ‚Wertschätzungscoachs‘, der zunächst eine inhaltliche Einstimmung in den Thementag gibt, tauschen sich Kinder und Erwachsene in kleinen Gruppen zunächst darüber aus, wo sie im Schulalltag ‚Wertschätzung‘ erleben. Die Ergebnisse werden auf kleinen bunten Notizzetteln festgehalten und an Pinnwänden präsentiert. In einem weiteren Schritt sprechen Kinder und Erwachsene darüber, wo sie sich noch mehr Achtung, Anerkennung und Wertschätzung im Schullalltag wünschen. Schließlich werden gemeinsam konkrete Schritte überlegt, wie die Wünsche der am Schulleben Beteiligten umgesetzt werden können. So kann ein individueller ‚Wertschätzungsfahrplan‘ für die Schule entwickelt werden, der zum Beispiel ein Training in ‚Gewaltfreier Kommunikation‘ für die gesamte Schulgemeinschaft, ein ‚Streitschlichterprogramm‘ für Schüler/innen, eine kindgerechte Umgestaltung des Schulgeländes, den gemeinsamen Bau eines Abenteuerspielplatzes oder eines Ökogartens, den Ausbau von Ruheoasen oder auch die Anlaufstelle für Schüler/innen in seelischer Not beinhaltet. So lassen sich tragende ‚Säulen‘ einer wertschätzenden Schule benennen, welche die Bereiche Lehrpersonen, Erziehung, Unterricht, Leistungsrückmeldung, Schulklima, Schulraumgestaltung, Schulleitung und Schulentwicklung umfassen. Schulen, die sich an einer gemeinsam entwickelten und von allen mitgetragenen ‚Schulvision‘ orientieren, haben gute Chancen, sich in Einrichtung einer ‚wertschätzenden Schule‘ weiterzuentwickeln, in der alle Beteiligten mit Freude, Engagement, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit lehren und lernen.“12 2.2 Arbeitsfeld Unternehmen: Von „Liebe für Leistung“ zu „psychischem, physischem und sozialem Wohlbefinden“ – Menschen im Mittelpunkt des Unternehmens
Bodo Janssen, Chef des Unternehmens „Upstalsboom“ hat in seinem Unternehmen eine „stille Revolution“ vollzogen. Janssen erläutert: Die Zahlen stimmten, doch „dem Unternehmen fehlte wahrscheinlich so etwas wie eine Seele. Ein guter Umgang, ein anständiges Miteinander. Ich hatte bis dahin unbewusst die Menschen instrumentalisiert. Ich habe sie betrachtet als Mittel zum Zweck dafür, dass es dem Unternehmen gut geht, und habe über ihre Köpfe hinweg entschieden. Ich habe sie schlicht und ergreifend nicht gesehen, angesehen, gewürdigt für das, was sie dem Unternehmen bringen, aber auch nicht als Menschen. … Ich hatte als Turbomanager gar keine Zeit für ein ehrliches Interesse an dem Menschen an sich und an dem, was er tut und wie er es tut. … Wir leben in einer sozialen Beschleunigung. Und diese soziale Beschleunigung des ‚Höher, Schneller, Weiter‘ führt zu einer Entfremdung. Wir sind nur nach außen gerichtet. Erfolg bedeutet für uns, dass wir besser sind als der Nachbar.“13 „Wir haben die Gretchenfrage für uns anders geklärt. Ist der Mensch für uns Mittel oder Zweck? Dient der Mensch der Wirtschaft oder die Wirtschaft dem Menschen? Dient der Sabbat dem Menschen oder der Mensch dem Sabbat? Bis vor gut zehn Jahren war für mich ganz klar: Der Mensch dient der Wirtschaft. Dann aber ist der Mensch ein Instrument, er ist Mittel zum Zweck. Wir haben es umgedreht. Die Wirtschaft dient dem Menschen. Ich als Unternehmer bin dafür da, Menschen zu stärken. Und das heißt, dass sie sich psychisch, physisch und sozial wohlfühlen, und das nicht auf der Basis äußerlicher Faktoren, auf der Basis von Konsum zum Beispiel, sondern aus dem Innen heraus. Das verfolgen wir ganz konsequent. Wenn ich als Sinn des Unternehmens formuliert habe, Menschen zu stärken, und das konsequent weiterdenke, dann muss ich mir die Frage beantworten: Was bedeutet das für meine Führung? Was bedeutet das für meine Produkte? Was bedeutet das für meine Kommunikation? Was bedeutet das für meine Organisation? Die hierarchische Organisation, die Pyramide als Ausdruck der Leistungsgesellschaft, schwächt den Menschen auf Dauer. Die Menschen gehen kaputt. Das ist das, was wir erleben. Da geht es wieder nur ums Außen. Die Frage ist also: Wie sieht eine Organisation aus, die Menschen stärkt? Wie sieht Führung aus? Ich glaube, das ist das, was wir anders machen und in einer sehr konsequenten Form leben. Zum Beispiel: Das Unternehmen wird zu einer gemeinnützigen Stiftung. Das heißt: Alles, was das Unternehmen erwirtschaftet, wird zu hundert Prozent in die Gemeinnützigkeit investiert. Damit schließt sich für uns der Kreis. … Wir haben für uns eine sehr wichtige Aussage formuliert, und zwar: Die Wirtschaftlichkeit ist die Basis unserer Existenz, aber nicht der Sinn unseres Handelns. Das heißt, wir brauchen Wirtschaftlichkeit, um existieren zu können, aber nicht, um uns mit anderen vergleichen zu können. Der Sinn unseres Handelns ist etwas ganz anders, nämlich Menschen stärken. Wir brauchen die Wirtschaftlichkeit, um das tun zu können.“ Auf die Frage, wie er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diesen Weg motivieren kann, antwortet Janssen: „Motivieren – ich glaube, das ist schwierig, es geht eher darum, sie zu inspirieren, zu ermutigen und einzuladen, neue Erfahrungen zu machen. Das ist auch eine Aufgabe von Führung: Wie erzeuge ich bei den Menschen die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen? Das ist etwas sehr Gegenwärtiges. Das findet nicht in der Vergangenheit statt. Die Vergangenheit ist Schicksal, die kann ich eh nicht mehr ändern. Und das findet auch nicht in der Zukunft statt, sondern es findet genau in diesem Moment statt, wo ich einem Menschen gegenüberstehe. In der unmittelbaren Begegnung. Durch meine Präsenz, durch meine Gegenwärtigkeit kann ich Menschen dazu ermutigen, etwas Neues oder anderes zu tun.“14 9 Deutsches Institut für Menschenrechte u. a. (Hrsg.), Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen. Rochow-Edition. Reckahn 2017. S. 12. Die zugrundliegende Untersuchung stammt von V. Krumm, Wie Lehrer ihre Schüler disziplinieren. Ein Beitrag zur schwarzen Pädagogik. In: Pädagogik 55 (12). 2003. S. 30–34. 10 Deutsches Institut für Menschenrechte u. a. (Hrsg.), Ebd. Vgl. dazu A. Prengel, Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Opladen 2013. 11 Deutsches Institut für Menschenrechte u. a. (Hrsg), Plakate, Flyer und Miniflyer. Rochow-Edition. Reckahn 2017. 12 A. Pfisterer, Marie, das machst du prima! Verstehen, Einfühlung und Respekt müssen immer wieder eingeübt werden – auch in Schulen. In: Publik-Forum. Extra Thema. Wertschätzung. Juli 2020. S. 22–24. Zitat S. 24. Zur wertschätzenden Schulentwicklung s. Abschnitt 9.2. 13 „Das...