Oppitz / Tafelrunde | Auswandertag | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Oppitz / Tafelrunde Auswandertag


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7017-4477-0
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4477-0
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Österreich in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. Die dritte Amtszeit des rechtspopulistischen Bundeskanzlers Michael Hichl hat begonnen, der Ausstieg aus der Europäischen Union ist vollzogen. Das Land ist nicht nur frei von Ausländern, sondern auch heruntergewirtschaftet, international isoliert und gebeutelt von Inflation und Arbeitslosigkeit. Wie viele andere macht sich Familie Putschek auf den Weg, um in einem der reichsten Länder der EU eine neue Zukunft zu suchen: der Türkei. Auf ihrer abenteuerlichen Flucht begegnen die Putscheks burgenländischen Schwarzhändlern, echt arischen Ungarn, zwielichtigen Schleppern, politisch verfolgten Kärntnern und landen in einem Istanbuler Flüchtlingslager. Hier müssen sie erfahren, dass Integration eine wirklich schwierige Aufgabe ist, wenn ein Familienmitglied allmählich in den Wahnsinn gleitet.

Klaus Oppitz geboren 1971, veröffentlichte Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften. Er arbeitete als Werbetexter und Regisseur und schreibt für Fernsehen und Bühne. Oppitz ist gemeinsam mit Rudi Roubinek und Robert Palfrader Autor von 'Wir sind Kaiser' und Hauptautor des 'Hichl'. Mit Wortspenden, Rat und Tat haben die anderen Ritter der Tafelrunde die Entstehung des 'Hichl' begleitet. Die Tafelrunde besteht aus Klaus Oppitz, Gerald Fleischhacker, Rudi Roubinek und Mike Bernhard. Die Vier haben ihre unterschiedlichen Talente gebündelt und sind mit vereinten Kräften innerhalb weniger Jahre zu führenden Autoren in der österreichischen Comedy-Szene geworden.
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MAXIMILIAN


Am Ende hat die Mama behauptet, alles wäre mit dem Schrei losgegangen. Wer so schreit, der ist besessen. Oder wird gerade erlöst. Ich bin mir aber sicher, bei unserem Schrei war es keines von beiden.

Anders als die Mama kann ich mich erinnern, dass in Wahrheit alles mit dem Tod von der Oma begonnen hat. Gut, es stimmt, vorher war unser Leben auch nicht besonders super, aber wir sind immerhin durchgekommen.

Dass die Putschi-Omi gestorben ist, hat eigentlich keinen so wirklich überrascht, sie war ja nicht mehr die Jüngste. Da hat es auch keinen Unterschied mehr gemacht, dass sie erst nach vier Wochen gefunden worden ist, als es draußen mit einem Mal Frühling war und sie zum Riechen begonnen hat. Ob sie an der Kälte gestorben ist oder zuerst die Omi und dann erst die Heizung kaputtgegangen ist, danach hat bei einer 82-Jährigen keiner mehr gefragt.

»Wir haben sie eh dauernd besucht«, hat der Papa zum Onkel Felix gesagt. »Da lasst man ein einziges Mal aus und dann stirbt’s einem gleich weg!« Vielleicht hat er das ja wirklich geglaubt. Vielleicht war er ja wirklich auch einmal alleine bei ihr, ohne jemandem etwas zu sagen. Er hat ja viel Zeit gehabt, der Papa. Ich selber hab die Putschi-Omi zuletzt zu Weihnachten gesehen.

Jedenfalls war der Papa der Meinung, die Putschi-Omi hätte ein prunkvolles Begräbnis verdient.

»Erstens war sie eine alte Sozialistin und zweitens hilft ihr das jetzt auch nichts mehr«, hat die Mama protestiert, »und wenn du unser Geld jetzt auch noch für eine Leiche hinauswirfst, dann geht’s uns bald so wie ihr. Heizung weg, Ende.« Aber der Papa hat auf einem prunkvollen Begräbnis bestanden, Sozialistin hin oder her, man muss auch einmal verzeihen können. Und überhaupt war er der Meinung, das Geld wäre so sinnvoller investiert, als wenn es die Mama wieder ihrem Jesus in den Rachen stopfen würde, und außerdem: »Dass ausgerechnet du gegen etwas bist, das in einer Kirche spielt.«

Die Mama hat sich einfach nur umgedreht und zu schminken begonnen. »Tschitscherl, bist du jetzt wieder angefressen?« Aber sie hat nur ganz sorgfältig und ganz langsam die Konturen auf ihre Lippen gemalt. »Kannst du jetzt bitte mit mir reden?«

»Nein«, hat sie ganz ruhig geantwortet und nicht einmal eine Sekunde die Augen vom Spiegel genommen.

»Ich muss raus hier«, hat der Papa gejammert, sich aber auch nicht wirklich von der Stelle bewegt. Die Mama hat mit den Schultern gezuckt, was eindeutig geheißen hat, dass der Papa ruhig daheimbleiben kann, weil sie eh gleich ein Wolkerl sein würde, ein Wolkerl bei ihrem Herrn Jesus. Stumm mit dem Papa zu reden, darin hat die Mama ziemlich große Übung gehabt. Meistens hat der Papa dann eh nachgegeben. Aber diesmal nicht.

Das Wichtigste an einem prunkvollen Begräbnis war für den Papa ein richtig großer Kranz, also bin ich mit ihm schon eine Woche vor der Beerdigung hinaus zum Friedhof gefahren. Früher war der Papa nämlich der Meinung, in einer Großstadt bräuchte man keinen Führerschein, also hat er ihn auch nie gemacht. Als er dann später der Meinung war, die besseren Leute würden nicht die U-Bahn benutzen, da haben wir schon kein Geld mehr für seinen Führerschein gehabt.

Insofern war er wahrscheinlich nach Weihnachten doch nicht mehr bei der Putschi-Omi. Ich hätte ihn nämlich ganz sicher hinbringen müssen.

Es ist unpackbar, was für Arten von Sargschmuck es gibt. Den Trauerkranz »Modern Style« zum Beispiel, in Gelb und Orange. Bei uns im Österreicher-Bau hat es vor Jahren ein kleines Café gegeben, die haben so eine ähnliche Sitzpolsterung gehabt. Das Café hat aber zusperren müssen. Es ist ja sehr viel Gesindel weggezogen, nachdem der Hichl an die Macht gekommen ist. Da sind dem gelb-orangen Café irgendwann die Gäste ausgegangen.

Am besten hat mir die »Trauerkranz-Kopfgarnierung« gefallen. »Wenn wir die der Omi aufsetzen«, hab ich zum Papa gesagt, »dann schaut’s aus wie ein alter Inka-König.« Der Papa hat aber nur grantig geschaut und gesagt, dass ich urpeinlich bin und vielleicht besser die Pappn halten soll. Natürlich hab ich gewusst, dass die Trauerkranz-Kopfgarnierung auf den Kopf vom Kranz gehört, nicht auf den Kopf von der Leiche, aber ein wenig ein Spaß sollte halt auch in der Friedhofsgärtnerei drinnen sein. Und überhaupt, peinlich vor wem? Schließlich waren wir eine zahlende Kundschaft. »Ein Sargbukett ist günstig, da kriegen S’ schon ab 20 000 Schilling was Schönes«, hat die Verkäuferin dem Papa einen Tipp gegeben. Gut hat sie ausgeschaut, blond, total braungebrannt, fesch, fast ein bisserl wie die vom Hichl, eine, die auf sich schaut eben. »Wie kommen S’ drauf, dass wir was Günstiges suchen?«, hat sie der Papa angeknurrt. »Es ist für meine Mutter, da ist uns nix zu teuer!« MEINE Mutter wäre da natürlich ganz anderer Meinung gewesen. Die Verkäuferin hat uns von oben bis unten angeschaut und gemeint, dass so ein Sargbukett aber total dekorativ wäre, und überhaupt läge das Sargbukett direkt auf dem Sarg drauf und wäre bei der Aufbahrung das Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Gedanke hat dem Papa dann doch gefallen. »Prunkvoll muss es sein. Und einen Kranz dazu, für vor dem Sarg, den größten, den es gibt.« Die Verkäuferin hat uns dann ein paar Blumen gezeigt, vor allem in Pink, Schwarz und Lila. »Das Schwarz bringt die Farben zum Strahlen«, hat sie behauptet, »das Schwarz selber sieht man dann gar nicht, aber das Pink und das Lila, die werden dadurch viel intensiver.« Ich hab andauernd auf ihre Fingernägel schauen müssen. Ich finde so retro-mäßig lange Fingernägel mit einem Muster drauf nämlich ziemlich scharf, aber bei dem Rosa war ich mir nicht sicher. »Papa, überleg dir das. Wenn du was in Zuckerlrosa haben willst, soll sich einfach die Valli vor den Sarg setzen, das schaut dann genauso aus.«

»Deine Schwester wird gefälligst in Schwarz kommen.«

»Eh, Papa, damit sie keiner sieht, aber die Farben vom Kranz strahlen.«

»Pappn.« Ich hab den Mund dann trotzdem nicht halten können, weil ich gemerkt habe, dass der Papa mit der Farbauswahl ganz eindeutig überfordert war. Kein Wunder, wenn einer nur Jeans und schwarze Rollkragenpullover anzieht. Ob man nicht einfach für alles Orange und Gelb nehmen könnte, hab ich die Verkäuferin gefragt, das wäre doch fröhlich, so wiedergeburtsmäßig. Da hat sie ein wenig mitleidig geschaut und uns erklärt, wie wichtig Kontraste wären. Das haben wir dann verstanden und uns auf Schwarz mit dunkelroten Rosen und so fleischigen grünlichen Blüten für dazwischen geeinigt, ein wenig wie die Fut von einer Außerirdischen. Und groß sollte er eben sein, der Kranz, der Größte, den es gegeben hat.

Die Verkäuferin wollte uns dann einen Katalog mit einer Tabelle zeigen, da wäre drinnengestanden, wie viel Grünzeug, Blumen, Schleifen man für welchen Kranz braucht, aber der Papa hat darauf bestanden, dass das Geld egal war: »Der Größte! Und mit Schleife, mit goldener Schrift! Von deinem Sohn Fabian und seiner Familie.« Ob wir vielleicht den Onkel Felix auch draufschreiben sollten, hab ich ihn gefragt, dann hätten wir nicht alles alleine zahlen müssen. »Der Felix hat sich nie um die Mama gekümmert, der soll schauen, wo er bleibt.« Ich hab bis dahin gar nicht gewusst, dass der Onkel Felix so ein schlechter Sohn war und der Papa ein so viel besserer.

Im Autoradio war zuerst die Rihanna, dann der Hichl. Aber während die blad gewordene Rihanna gerade wieder ein Comeback versucht hat, war der Hichl immer noch schlank und brandaktuell. »Schalt um, ich halt des Gejammer nicht aus«, hat der Papa gesagt, womit er das Gejammer von der Rihanna gemeint hat und damit eigentlich das Gejammer von seiner Generation. Aber der Radiomoderator hat sich ja schließlich auch über »die Negermama« lustig gemacht.

Jedenfalls, da war er dann, am anderen Sender, unser Bundeskanzler Michael Hichl. Für wirkliche Reformen wären 5 Jahre einfach nicht genug, hat der Hichl gewettert, man sollte ihn und sein Team in Ruhe arbeiten lassen. Schluss mit dem Parteien-Geplänkel, Schluss mit der Taktiererei! Ich hab ihn richtig vor mir sehen können, wie er mit der Faust auf den Tisch haut. 10 Jahre ohne Wahlkampf würden einer Regierung echte politische Verantwortung abverlangen und SEINE Regierung würde sich jedenfalls nicht vor der Verantwortung drücken.

»Der kann’s schon immer noch«, hat der Papa neben mir anerkennend genickt.

»Aber weitergegangen ist auch nix. Was hast denn von deinem Hichl? Nicht einmal eine Arbeit.« Da ist er grantig geworden, der Papa, ob wegen dem Hichl oder weil das mit der Arbeit sein wunder Punkt war, das war mir nicht ganz klar. »Ich bin nicht arbeitsscheu, ich bin selbstständig.« Das hat gestimmt, das hab ich zugeben müssen. Der Papa war keinen Tag in...


Klaus Oppitz
geboren 1971, veröffentlichte Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften. Er arbeitete als Werbetexter und Regisseur und schreibt für Fernsehen und Bühne. Oppitz ist gemeinsam mit Rudi Roubinek und Robert Palfrader Autor von "Wir sind Kaiser" und Hauptautor des "Hichl".

Mit Wortspenden, Rat und Tat haben die anderen Ritter der Tafelrunde die Entstehung des "Hichl" begleitet. Die Tafelrunde besteht aus Klaus Oppitz, Gerald Fleischhacker, Rudi Roubinek und Mike Bernhard. Die Vier haben ihre unterschiedlichen Talente gebündelt und sind mit vereinten Kräften innerhalb weniger Jahre zu führenden Autoren in der österreichischen Comedy-Szene geworden.



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