E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Oppitz Landuntergang
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7017-4525-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4525-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus Oppitz geboren 1971, veröffentlichte Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften. Er arbeitete als Werbetexter und Regisseur und schreibt für Fernsehen und Bühne. Oppitz ist gemeinsam mit Rudi Roubinek und Robert Palfrader Autor von 'Wir sind Kaiser' und Hauptautor von 'Auswandertag'.
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WOLF
»Hichl-Michl ist doch nur – ein neues Wort für Diktatur!«
Valli?
Das war nicht gut.
Die Valli mitten in diesem armseligen Haufen langweiliger Demonstranten zu sehen, die am Heldenplatz, umringt von diesen mächtigen, alten Gebäuden, ihre Parolen gebrüllt haben, das war gar nicht gut!
Meine Valli! Valentina Putschek. Meine Ex. Frau Pink. Die ihren rosa Kapuzensweater getragen hat, als wär er angewachsen. Genau diese eine Valli im unmodischen gelben Regenmantel der Gelben Brigade.
»Hichl-Michl ist doch nur – ein neues Wort für Diktatur!«
Wenn ich mir schon solche Sachen eingebildet habe, war das ein bedenkliches Zeichen.
Dafür, dass sie mir wirklich abgegangen ist.
Oder dafür, dass das vergangene Nacht doch zu viel Alkohol gewesen war. Oder dafür, dass die Schafsgrippe-Epidemie im letzten Jahr Österreich doch noch erreicht hat. Damals ist Lammfleisch im ganzen Land verboten worden. Angeblich haben die Schafe ein Virus gehabt, das das Hirn verflüssigt und auch für Menschen ansteckend ist. Das Gesundheitsministerium hat behauptet, das Virus wäre dadurch entstanden, dass Moslems Schafe ficken. Aber so wie der Vater dabei gelacht hat, war mir gleich klar, dass das nur eine seiner Ideen war, um allen zu zeigen, wie moralisch verkommen die Moslems sind, und dass der Döner nur ein hinterhältiger Versuch ist, den Verstand unseres Volkes zu vergiften.
Und überhaupt war der Alkohol ja längst wieder draußen aus meinem System.
Also ist sie mir tatsächlich abgegangen.
Nicht gut. Ganz klar nicht.
Wobei sie das sicher total romantisch gefunden hätte.
Sie da draußen, am Heldenplatz, bei den letzten Linken, die sich in Österreich noch aus ihren Löchern getraut haben. Und ich hier im Bundeskanzleramt an den Wasserwerfern. Hinter mir ein alter Kaiser an der Wand. Über mir ein alter Luster. Unter mir ein alter Parkett. Neben mir MEIN Alter.
Voll »Romeo-und-Julia-mäßig« hätte sie das gefunden.
Mit 15 findet man noch schnell etwas »Romeo-und-Julia-mäßig«.
Dabei hat ihr 20-jähriger Romeo schon längst eine Leonie gehabt. Nicht, dass ich mir die ausgesucht hätte. Sie ist mir zugelaufen, die Leonie, genau wie dieses degenerierte Stoffpferd. Wobei ich das zumindest freiwillig eingesteckt habe.
Aber, ob freiwillig oder unabsichtlich, wenn der Bruder der Freundin einen umzubringen versucht, wie das der Maxl damals getan hat, und die Freundin sich dann noch nicht einmal entschuldigt, schlimmer noch, wenn die Freundin dann wochenlang nicht mehr anruft, dann hat man das Recht auf eine Leonie, ob man sie will oder nicht.
Das ist die Realität.
Okay. Von vorne. Das mit dem Mordanschlag, das war so: Die Valli und ich sind im Stiegenhaus vor der Österreicherwohnung ihrer Familie gestanden und haben unsere Zungen verschränkt. Zu den Österreicherwohnungen hat man vor ein paar Jahren noch Gemeindewohnungen gesagt. Aber nur, weil der Hichl alle Türken, Syrer und Neger aus dem Bau geschmissen hatte, hat das nicht geheißen, dass dort kein Gesindel mehr gewohnt hat. Das Gesindel hat Maximilian Putschek geheißen, war also ganz klar mit der Valli verwandt.
Ihr Bruder. Der Maxl. Der Putschek.
Zum Glück habe ich beim Knutschen nie die Augen geschlossen. Ich hätte seine Faust sonst nicht kommen gesehen. Die Valli hat ihre Augen immer geschlossen. Da habe ich dann auch nichts dafür gekonnt, dass er aus Versehen sie erwischt hat.
Irgendetwas von Drogen hat er gebrüllt und dass ich die Finger von seiner Schwester lassen soll und ich hab mir gedacht, bitte, wie geht’s dem? Was will der überhaupt von mir? Hätte der jemals selber Psychopops geschmissen, wäre er sicher besser drauf gewesen. Wollte er welche? Nicht, dass er Geld dafür gehabt hätte. Nicht, dass ich vorhatte, ihm welche zu schenken, gar nichts wollte ich dem schenken, dem Vollschizo.
Ich bin also die Stiegen hinunter, über den Hof und davon, während die Valli die Hand an ihr Auge gepresst und das Haus zusammengebrüllt hat.
Das war jetzt nicht sehr ritterlich, klar. Aber entweder hätte er mich verdroschen, dann hätte mich die Valli für ein Lulu gehalten. Oder, was eigentlich unmöglich war, ich hätte ihn verdroschen. Was bei einer Freundin ja auch nicht gut kommt, wenn man ihren Bruder vermöbelt. Davonrennen war also wirklich eine sehr gute Alternative.
Die Realität? Ich hätte die Valli dort draußen am Heldenplatz nie sehen können, der ganze Aufmarsch war viel zu weit weg.
Oder doch?
Der Typ zwei Fenster weiter hatte damit ganz offensichtlich kein Problem. Vielleicht Anfang Dreißig, vielleicht auch ein wenig älter. Einer von diesen gutaussehenden Typen, denen man das Alter lange nicht ansieht. Ein ideales Fotomodell für die Hichlpartei. Groß und blond ist er dagestanden, hat konzentriert zu den Demonstranten nach draußen geschaut und Kreuzerl auf einer Liste gemacht. Den Feldstecher um seinen Hals hat er genau gar nicht gebraucht. Er wusste, wer unter welchem gelben Regenmantel war. Fast hätte ich ihn gefragt, ob er eine Valentina Putschek auf dem Zettel hat. Aber nein. Nicht ich. Sicher nicht. Dazu war ich tatsächlich schon wieder viel zu nüchtern.
War das nicht furchtbar langweilig? Jeden Donnerstag in gelben Regenmänteln auf den Heldenplatz zu marschieren, um gegen den Hichl und seine Regierung zu demonstrieren? Jeden Donnerstag nach gefühlten 30 Sekunden von den Wasserwerfern vom Platz geblasen zu werden?
Wobei das den Leuten der Hichlpartei ja auch nicht fad geworden ist.
Jeden Donnerstag hat ein anderer hier im Bundeskanzleramt die Wasserwerfer bedienen dürfen. Das war eine Art Belohnung, wenn jemand seinem persönlichen Parteihäuptling besonders tief in den Hintern gekrochen ist.
Der Vater war so einer. Der ist ganz oft an den Wasserwerfern gestanden.
Die Wasserwerfer, das waren jetzt keine dicken Schläuche, die man mit aller Kraft festhalten musste. Die Arschkriecher waren ja Parteisoldaten, keine Feuerwehrleute.
Wenn über zehn Jahre lang jeden Donnerstag demonstriert wird, dann zahlt sich eine etwas nachhaltigere Lösung schon aus, auch wenn draußen am Heldenplatz die meisten inzwischen nur mehr Zuschauer waren und die wirklichen Demonstranten eben ein kleiner, kläglicher Haufen, vielleicht vierzig oder fünfzig Leute, wenn überhaupt.
Jedenfalls hatte man die Wasserwerfer fix im Bundeskanzleramt installiert, von drinnen praktisch und bequem über einen Schirm bedienbar. Wie eine Spielkonsole. Auf Knopfdruck sind Schläuche aus dem Gebäude gekommen, und dann ist es losgegangen.
Ab und zu hat sich ein Zuschauer in den Wasserstrahl geschmissen, weil er wissen wollte, wie man sich so fühlt als Demonstrant, aber meistens haben sie nur applaudiert, wenn die gelben Regenmäntel vom Platz geschwommen sind.
Die Regenmäntel waren eine Art gegenseitige Abmachung, ein Vorteil für beide Seiten. Die Gelbe Brigade ist weniger nass geworden, und derjenige an der Wasserwerferspielkonsole hat immer ziemlich eindeutig gewusst, worauf er zielen soll.
»Hichl-Michl ist doch nur – ein neues Wort für Diktatur!«
»Wolf!« hat mich der Vater gerufen, »Wolf, worauf wartest du? Du darfst schon drücken!« Er hat mit einer großzügigen Geste einen Schritt auf mich zu gemacht und mich mit seinem radioaktiv weiß gebleichten Gebiss aus seinem solariumgegerbten Gesicht angeblitzt.
So wie er bei Haut und Zähnen übertrieben hat, hat er eigentlich bei allem übertrieben. Sogar bei meinem Namen. Er hätte mich ja auch Michael nennen können, nach dem Hichl, seinem Idol, dem er schon eine Schleimspur hinterhergezogen hat, Jahre, bevor ihn die Österreicher zum Kanzler gewählt haben. Aber nein, was hat er stattdessen gemacht? Den Spitznamen vom Hitler hat er mir geben müssen!
»Wolf!«
Oh, wie großartig das ist, wenn einem in der Schule das halbe Rudel hinterher heult. Ganz großartig, vor allem, wenn man nicht wirklich weiß, was man denen erzählen soll. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben, den Hitler haben sie ja offiziell immer noch nicht ganz rehabilitiert gehabt, nicht einmal der Hichl wollte noch mit dem nach Polen marschieren. Im Gegensatz zum Vater. Der hätte sich sofort überlegt, wie man den Österreichern erklären konnte, dass Polen total super war.
Mit Namen hat es der Vater überhaupt gehabt. Er hat ja auch nicht immer geheißen, wie er jetzt heißt. Darüber wollte er aber nicht reden, und da ich an sich nicht gern mit ihm geredet habe, nicht nur über die Namen, sondern ganz im Allgemeinen, haben wir überhaupt so gut wie nie miteinander geredet und über seinen alten Namen schon gar nicht.
Ich weiß nur, dass es irgendwas Jüdisches war, Rosenbaum, Lilienthal, Tulpenberg oder so. Der Vater schwört natürlich, dass in unserer Familie noch nie einer ein Jud gewesen ist. Da braucht man ihn noch nicht einmal fragen, schwört er das schon. Jedenfalls hat...




