E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Opielka Dolce Vita
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-7147-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Römische Elegie
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7562-7147-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Einer reist mit seinem Engel auf der Suche nach dem süßen Leben, nach Rom, nach Paris und Berlin. Er findet die Spuren von Rilke, Goethe und Fellini. Der Roman ist eine Elegie auf Schönheit und Eros, die Geschichte einer Selbstfindung zwischen Religion und Sinnlichkeit.
Michael Opielka veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, zuletzt "Brennende Zunge". Dies ist sein vierter Roman. Er lebt in Siegburg und Jena.
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Fellini
Ich fliege auf das Excelsior zu. Weil ich mit der Sonne fliege und es Morgen ist, nicht der ganz frühe, es ist hell genug, um alles zu sehen im römischen Sommer, komme ich von der Rückseite der Via Marche. Mich führt nicht die Cupola, die berühmte Eckfassade, die jeder kennt, der das damals modernste Grandhotel Europas kennt, der Fellini kennt. Mich führen die römischen Säulen, die die Terrassen der Zimmer im fünften Stock abschließen. Ich fliege, ohne dass ich gesehen werden kann, ich brauche keinen Hubschrauber, der mich an einem Seil trägt, ich bin keine Statue, kein Christusbild, ich bin er, zu dem ich fliege. Noch liegt er in seinem Bett, er schläft. Gestern Abend ist er angekommen. Er hat das Hotel gewechselt, er ist wieder da, wo er im letzten Jahr war, damals führte ihn der Zufall, führte ihn die Homepage von Marriott, er wollte nur nach Rom, er sah die Kuppel, sie gefiel ihm gleich, dann las er, suchend wie er nun einmal ist, dass La dolce vita dort gedreht wurde, darin, davor. Er hatte den Film nie gesehen und schämte sich, wie er sich immer über seine Lücken schämt, im Grunde dürfte er nie aufhören sich zu schämen. Aber dann vergisst er es, zum Glück, auch das ist Lebenskunst, vergessen können. Sofort bestellte er den Film und sah und war begeistert, schaute einen Fellini nach dem anderen, Achteinhalb, Fellinis Roma, La Strada, worum hatte er ihn bisher nie erreicht, er sieht sich noch als Student aus Satyricon fliehen, selten verließ er Filme vorher, er hatte die Sprache nicht verstanden. Er brauchte es mir nicht zu erzählen, ich kenne ihn wie mich. Dann flog er nach Rom, es war auch eine Augentherapie, schöne Bilder einatmen, zu hoch war der Druck gewesen, zu groß der falsche Blick. Davon werde ich noch erzählen, vielleicht macht er es auch selbst, all das, was nach Sisyphus geschah, ein Stein auf dem Rücken, den er lange trug. Jetzt liegt er im Bett, gleich wird er aufwachen, er hat dann doch die ganze Flasche Prosecco getrunken, es war zu viel, aber wo sollte er sie aufbewahren. Er liegt wach im Bett, die Augen noch geschlossen, warum schläft er nicht wieder ein, er ist doch noch müde. Warum den Text nicht so zerfasern wie Paul Nizon, zweimal hat er schon in Canto hineingelesen, seinen Rom Bericht. Das Bett ist weich, die Bettwäsche schwer, alles um ihn ist gediegen, Palast, nichts einfach nur da, weil es irgendeinem einfiel. Das Bett hat keine Überlänge, zwei Meter reichen einigermaßen, kein Vergleich mit den letzten Nächten, da hatten die Chinesen nur einsneunzig, wie soll man mit einem Zentimeter Abstand liegen können, die Füße standen über, sie stießen an die mediterrane Decke, die sie am Ende um die Matratze wickeln, vielleicht, damit man nicht aus dem Bett fällt oder damit nichts hereinkriecht, Stechmücken, Kakerlaken, Leguane, was sich so bewegt im Süden. Dann doch die Augen öffnen. Das Zimmer ist viel kleiner als vor einem Jahr, damals war es eine Halle, wohnungsgroß, diesmal ist es ruhig, es geht nach hinten, nicht nach vorne, an die Via Vittorio Veneto, damals eine Prachtstraße als Fellini drehte, er schließt die Augen wieder. Er ist noch so müde, zuviel Prosecco, aber dieser warme Sommerabend, diese Terrasse, ein Portikus vor dem Zimmer, vier Meter hoch, zwei Säulen, vielleicht sechzehn Quadratmeter, er stellte die Stehlampe heraus, heute werden sie eine zweite bringen, für draußen, fünf Sterne sind das gute Leben, überall wird ihm geholfen, im Pool am Abend niemand außer ihm. Eine beschwingte Beschwerdemail an den Direktor, der ihn an der Rezeption begrüßte, und schon landen nicht nur die beiden kargen Wasserflaschen im Zimmer, es klingelt und mit ironischem Lächeln unter der Maske bringt der Mittfünfziger des Roomservice, weißhaarig, einer, der viel gesehen hat, einen Wagen mit Sektkübel, Eis, Wasserflaschen und Prosecco. Das hätten sie damals bei Kurt Cobain vielleicht auch besser gemacht, dann hätte er hier überlebt und wäre nicht im Nirwana. Noch immer die Augen geschlossen. So wird das nichts mit dem Weiterschlaf, wenn das Hirn so feuert. Er hat sein Anderich vermisst, seit er sich von Rilke entfernte hat es ihn alleingelassen. Irgendetwas missfiel ihm, vielleicht ging er auch deshalb oder sie oder er, wer ist das eigentlich, dieses künstliche Ich, genährt von der Sonne wie Klara, doch niemand sieht ihn, nur er spürt ihn. Er steht auf der Terrasse und strahlt in das Zimmer. Er greift zum iPhone, auch davon ein Foto, die Morgensonne bedeckt das breite Laken, Kingsize, zu breit für den Einzelmann, von ihm wird auf dem Foto nichts zu sehen sein. Er lässt sich nicht fotografieren. Natürlich nicht. Wie willst du mich mit deinen Augen festhalten, sei doch froh, dass du mich mit den Herzaugen siehst. Ich weiß, das gefiel dir beim Kleinen Prinzen nie so recht, das mit dem Herzen sehen, irgendetwas stimmte nicht bei Saint-Exupéry, das sahst du mit dem Herzen. Später erfuhrst du von seinen Abgründen, das Gegenteil eines Heiligen. Gut, hier in Rom ballen sich die Unheiligen, selbst auf der Homepage des Vatikan findet sich unterdessen rechts unten eine eigene Rubrik, Missbrauch von Minderjährigen eine Antwort der Kirche. Du kannst sie durchblättern, bevor du heute Abend den Kirchenmann triffst, er wartet auf dich vor dem Gebäude der Glaubenskongregation, ob er da Mitglied ist, was sollte ihn sonst am Samstag bis um acht dort sein lassen. Ich brauche keine Fotos von mir. Ob ich ein Engel bin, frage ich mich selbst, wie soll ich das wissen, haben Engel Selbstbewusstsein, nur dann wüsste ich das, aber die Hirnforschung hat hier Lücken. Einschlafen war nicht mehr möglich. Augentropfen, Morgenpillen, Frühonanie, es ist nicht ideal, allein unterwegs zu sein, allein zu leben, ohne liebendes Du, es sollte ein Buch des Eros werden, eine römische Elegie, die nichts verschweigt. Abstoßend seien deine Gedichte, hatte ihm die Bekannte geschrieben, immerhin Oberärztin, da kennt sie doch Körper, bei ihnen kannten sich nur die Lippen und Zungen und auch das nur einmal, Parship hatte sie aneinander geführt, doch nicht zusammen. Nicht alle, beteuerte sie, die allermeisten seien wunderbar, aber die mit dem Sex. Lass uns darüber telefonieren, ihn interessierte, was genau sie abstieß. Irgendwann gelang es, immer war sie unpässlich, aber es kam wenig heraus. Die Worte des Geschlechts wollte sie nicht lesen, nicht hören. Willst du nur sehen, was sie bezeichnen, nur in dir spüren und an dir. Schon das ist ihr zu viel, es soll nur getan werden, hitzig und heftig. Gefallen dir denn die erotischen Bilder des Barock, er versuchte es auf Umwegen, die Venus des Lucas Cranach zum Beispiel. Nein, sie zuckte am Telefon zusammen, auch das gefällt mir nicht. Was genau, fragte er, denn ihm gefielen ihre Hüften gut, das Gesicht weniger, ihm gefiel, dass das Städel dieses wunderbare Bild auf seine Plakate heftete. Aber so genau wollte sie nicht sein. Sie wollte überhaupt nicht genau sein. Und so merkte er wieder, dass sie nicht füreinander bestimmt sind. Ich weiß, seit langem überlegst du, ob deine erotischen Phantasien schreibbar sind, so dass sie geschrieben nicht beschämen, dich nicht so wenig wie die Leserin, auch wir Geistigen gendern wie es uns beliebt. Damals, vor dem letzten Sommer, als du hierher kamst und schon schreiben wolltest, ohne dass es dir gelang, nur Gedichte waren es, römische Elegien, damals warst du voll von Goethe, seiner italienischen Reise, seinen Elegien, mit denen er die Weimarer schockierte, so offen pries er den Eros, vergessen wir nicht die Zeit. Überall fragtest du herum, sag mir, wer schreibt denn gute Erotik, dir war niemand eingefallen, die Bücher deiner Studentenzeit waren fahl geworden, wie später Madame Bovary, der beste der Freunde nannte dir Paolo Coelho, lies Elf Minuten. Du hast das gemacht, wenige Seiten fandest du gut, dort ging es um harten Sex, eine fremde Welt, für einen Moment verband sie sich mit Sehnsucht, doch sie blieb lieblos. Filme haben es leichter, aber du wolltest schreiben, ohne Vorbilder schreiben macht das Schreiben anfällig. So fuhrst du heim, ohne ein Wort deines Romans, nur der Augendruck war gesunken, immerhin. Er schaut sein Gegenüber an, liest was es schrieb und vielleicht ging es Fellini ganz ähnlich, musste er mit sich sprechen. Er hatte seine Frau, sie war sein Glück, wie konnte er Giuletta Masina in La Strada nur so demütigen lassen, eine Kindfrau damals und doch schon über dreißig. Das ist das wahre Leben und doch ist die Kunst nicht weniger wahr, sie löst sich von uns, wird Werk und wirkt und spricht. Paul Celan fällt ihm ein, immer wieder fällt er ihm ein, sein Meridian, diese wunderbare Rede vom Gegenüber des Gedichts, vom anderen Ich des Ich. Fellini wird La dolce vita wie ein Nummernstück inszenieren, einen Episodenfilm, gehalten von Marcello Mastroianni, auch er ein Doppel, ein Ich außerhalb von ihm, das sich ihm hingab und wuchs. Hier müssen sie herumgelaufen sein, nicht in diesem Zimmer, in dem es jetzt schon Mittag ist, die Sonne ist weitergezogen, sie umschwingt das Excelsior, strahlt bald die Kuppel an, gleich wird...




