Ophüls / Asper Spiel im Dasein
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89581-366-5
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Rückblende (Erinnerungen). Kommentierte Neuausgabe
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-89581-366-5
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Max Ophüls (eigentlich Max Oppenheimer; 1902-1957), war Theater-, Film- und Hörspielregisseur. 1933 floh er vor den Nazis zunächst nach Frankreich, 1941 in die USA. 1949 kehrte er in seine zweite Heimat Frankreich zuru¨ck. Mit der Schnitzler-Verfilmung 'Liebelei' gelang ihm 1933 der Durchbruch als Regisseur. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen 'Letter from an Unknown Woman' (Brief einer Unbekannten, 1948), 'La Ronde' (Der Reigen, 1950) und 'Lola Montez' (1955). Dr. Helmut G. Asper ist Theater- und Filmhistoriker, sein Forschungsschwerpunkt ist das deutsch-jüdische Theater und Filmexil 1933-1950.
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»Max Ophüls war der Mann des Kinos, dem das Allerschlechteste nachgesagt wurde von denen, die ihn nicht kannten, und das Allerbeste von denen, die ihn gekannt haben.«
Jacques Rivette und François Truffaut*
Als ich letzte Woche verreisen wollte und vorher noch schnell alle Papiere und Dokumente zusammengesucht habe, die ich vielleicht brauchen würde, um diese Zeilen zu redigieren, bin ich an diesem Satz von Rivette und Truffaut hängen geblieben. Er stammt aus der Einleitung zu einem seinerzeit berühmten Interview, das ich allerdings seit Jahren nicht mehr gelesen hatte. Um ehrlich zu sein, ich hatte das Interview sogar vergessen. Ich war erst mal überrascht. Meine Güte, wer konnte denn das geringste Bedürfnis verspüren, schlecht über Max Ophüls zu sprechen?
Dann habe ich versucht, mich langsam wieder in den Kontext der damaligen Zeit zu versetzen. Mein Vater war damals gerade in einer Hamburger Klinik mit vierundfünfzig Jahren gestorben. Das war achtzehn Monate nach der Premiere seines letzten Meisterwerks Lola Montez, dessen Fertigstellung damals als die teuerste der gesamten französischen Filmgeschichte galt und als ihr spektakulärster Flop. Die Produzenten waren finanziell ruiniert und hatten aus Verzweiflung sogar die Abwesenheit des Regisseurs genutzt, der sich gerade in einem Sanatorium im Schwarzwald erholte, um den Film heimlich in aller Hast umzuschneiden und dabei die Chronologie des »galanten und skandalösen Lebens« der armen Lola wiederherzustellen. Ziemlich vergeblich übrigens! Die Zuschauer interessierten sich auch nicht für diese Fassung. Dagegen mussten die jungen Kritiker, »die ihn gekannt haben«, Truffaut, Rivette und Godard allen voran, aber auch einige Größen der Branche wie Jacques Becker, Jean Cocteau, Roberto Rosselini und Jacques Tati mitansehen, wie das Meisterwerk eines Freundes, eines großen zeitgenössischen Künstlers, verstümmelt worden war. Bei den Leuten mit Geld von den Champs-Élysées, den Fremdenfeinden und den ewigen Poujadisten der Branche ließ ihre vehemente Verteidigung des Films den Groll und Ärger nur noch weiter anschwellen. Im »Showbiz« kann man dem Publikum schmeicheln, es aber niemals direkt angreifen, voyons, voyons, genau das aber hatte Max Ophüls getan.
Fünfundvierzig Jahre später muss ich wieder einmal feststellen, dass François Truffaut, der ebenfalls mit vierundfünfzig und mit schönen Filmvorhaben im Kopf verstarb, völlig recht mit seiner Diagnose hatte. Er kannte seine Welt gut genug!
Das sollte ein weiterer Grund sein, warum der Leser sich hoffentlich von den folgenden Seiten in den Bann schlagen lässt. Die Leichtigkeit, die Anmut, der Humor, die Höflichkeit und diese besondere Art Sorglosigkeit, gelegentlich hart am Rande der Koketterie, sind für mich das besondere Merkmal dieser Sammlung von Erinnerungen. Es soll hier nicht behauptet werden, das private oder berufliche Leben meines Vaters sei einfach gewesen. Es war gewiss ein schönes Leben, dank seiner Vitalität und seines Genies, aber einfach war es selten.
»Notre marriage, voyez-vous, est à notre image«, erklärt der General in Madame de … seiner Frau. »Ce n’est que superficiellement qu’il est superficiel.«* Und am Ende von Le Plaisir erklärt der Erzähler (Maupassant), als seinem Freund auffällt, wie wenig lustig die bisherige Erzählung war: »Aber mein Lieber, das Glück ist nicht lustig.«
Die Zurückhaltung angesichts der Schrecklichkeiten des 20. Jahrhunderts, die Weigerung, viel über sich selbst zu sprechen, sich zu beschweren oder gar bemitleiden zu lassen, die fast systematische Flucht in die Ironie und die Anekdote – ohne Zweifel, um hinter diesen Masken die ungeschlachten Züge der Epoche zu verbergen – haben einige filmbegeisterte »Ophülsianer« allerdings dazu verleitet, den Geist dieses autobiographischen Berichts im charakteristischen Filmstil seines Autors wiederfinden zu wollen. Ich bin mir jedoch nicht so sicher, ob man sich mit dieser Deutung zufriedengeben sollte.
Mir erscheint in der heutigen Zeit mehr denn je dieser fast fanatische Wunsch nach Leichtigkeit um jeden Preis als etwas Bewundernswertes und Außergewöhnliches. Und bei erneuter Lektüre dieser Erinnerungen hat mich zum ersten Mal ihre wirklich literarische Qualität beeindruckt. Die scheint mir nämlich genau von der oben erwähnten Schamhaftigkeit und Zurückhaltung herzurühren. Ich muss gestehen, dass mir das zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung irgendwie entgangen war. Seitdem habe ich, wie ich gestehen muss, diese väterlichen Bekenntnisse, die unter so ungewöhnlichen Umständen verfasst worden sind, ein wenig verdrängt und erst jetzt wiederentdeckt. Das Unbehagen eines Sohnes, dessen Erinnerungen zwangsläufig nicht immer mit denen des Vaters übereinstimmen? Wenn das ein Mangel an Respekt ist, dann möge man mir den verzeihen.
Aber es stimmt schon, dass ich vor so viel orchestrierter Unbeschwertheit auch heute noch manchmal skeptisch bleibe. Ich werde erklären, warum.
»Let’s not say she made it look easy. Not for a minute did it look easy. Not for a minute did it look like something the ordinary mortal could do. When Ginger Rogers swept around the dance floor with Fred Astaire, she may have made it seem effortless, but easy? No.«*
So brachte vor fünf Jahren ein Journalist der Washington Post im Nachruf seine Trauer über den Tod einer Göttin unserer schwarz-weißen Träume zum Ausdruck. Auch das erinnert mich an meinen Vater: mühelos ja, aber einfach, nein.
»Some day, when I’m awfully low,
And the world is cold …«
Und ich wurde daran erinnert, dass wir den Refrain dieses Liedes The Way You Look Tonight von Jérôme Kern manchmal in Hollywood gemeinsam angestimmt haben, mein Alter und ich.
»Some day, when I’m awfully low,
And the world is cold,
I will feel a glow just thinking of you,
And the way you look tonight.«*
Am 6. Mai 2002 wäre mein Vater hundert Jahre alt geworden, er war also ungefähr so alt wie das 20. Jahrhundert. Im Herbst 1957, zwei Monate nach seinem Tod, kam ein älterer, feiner Herr mit silbergrauen Haaren (Max Ophüls nannte sie, etwas neidisch, die »Silbergoyim«), der mit seiner Sekretärin von einem Chauffeur in einem Mercedes 300 SL vorgefahren wurde, auf einen Kaffee bei uns vorbei. Damals arbeitete ich als junger Dramaturg, heute nennt man das Redakteur, beim Südwestfunk in Baden-Baden und war frisch verheirateter Familienvater. Regine und ich wohnten als Untermieter beim Schlachtermeister eines kleinen Ortes außerhalb von Baden-Baden. Es war die Zeit der Weinernte, ein schöner Nachmittag, wie ich mich noch erinnere. In der Begleitung des mysteriösen Besuchers gingen wir mit Kathrinchen, unserem ersten Kind, spazieren. Was wollte dieser feine Herr bloß von uns? Am Telefon hatte er uns nur wissen lassen, dass es um etwas ging, das »Ihren Herrn Vater« betraf. Während des Spaziergangs lächelte er die ganze Zeit unsere kleine Catherine, die im Kinderwagen schlief, an und warf ihr Kusshände zu. Und als sie zum ersten Mal sein Lächeln erwiderte, kamen ihm sofort die Tränen. »Sie ähnelt ihm derart …«, sagte er und trocknete sich die Wange. »Wie schade, dass er dieses Buch nicht mehr für mich hat schreiben können. Wirklich außerordentlich schade!« Welches Buch? Ein Buch? Das war schon mal die erste Überraschung. Angesichts unseres Erstaunens nickte Dr. Goverts mit unendlicher Zartheit und stieß einen tiefen Seufzer aus: »Ja, wir haben vor zwei Jahren einen Vertrag aufgesetzt. Wissen Sie nichts davon? Meine Sekretärin hat ihn dabei. Sie können sich selbst von unserer Abmachung überzeugen.«
– Was für ein Buch?
– Über die Filmkunst oder so was in der Art.
– Sie überraschen mich wirklich. Die Filmkunst … Wissen Sie, mein Vater sprach nicht viel über so etwas.
– Jaja, glaube ich Ihnen ja. Aber egal. Sie haben nicht zufällig diesen Text oder einen Text, irgendwas, zwischen seinen Sachen gefunden?
– Nein. Das kann ich Ihnen versichern. Mein Vater schrieb sehr viel, aber er hielt sich gewiss nicht für einen Schriftsteller.
Schweigen. Kopfnicken, großer Seufzer. »Schade«, wiederholte Dr. Goverts. »Wirklich schade! Naja, ich zeige Ihnen trotzdem mal den Vertrag.« Nach dem Spaziergang wurde die Sekretärin geschickt, den Vertrag aus einer Aktentasche zu zücken. Sie legte ihn in drei Exemplaren vor uns auf den Couchtisch. Der erste Absatz, der mir ins Auge sprang, weil die Buchstaben fett geschrieben waren, betraf eine Anzahlung, die mein Vater zwei Jahre zuvor erhalten hatte: 10 000 DM! Nicken von Dr. Goverts, großer Seufzer. »Sehen Sie, junger Mann. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass es wahr ist.«
– Ich zweifle ja gar nicht daran, Herr Doktor. Aber was soll ich Ihrer Meinung nach machen? So weit ich weiß, gibt es nichts im...




