E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Landkrimi
Ohle Knochensaat
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86358-615-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Landkrimi
ISBN: 978-3-86358-615-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Bent Ohle, 1973 in Wolfenbüttel geboren, wuchs in Braunschweig auf. An der Filmhochschule in Potsdam- Babelsberg machte er seinen Abschluss als Film- und Fernsehdramaturg. Er lebt mit seiner Familie in Braunschweig.
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1
Montagmorgen
Es gab nicht viele Dinge in ihrem Leben, die sie bereute. Nicht mal die Entscheidung, ins Filmbusiness zu gehen und ihr Leben auf dem Land in Texas aufzugeben. Obwohl sie aus ebendiesem Filmgeschäft bis hierher geflohen war, nach Fischbach.
Der Hof ihres Urgroßvaters Robert Kutscher nahm langsam Gestalt an. Alles, was sie sich in ihrem Kopf bezüglich des Umbaus ausgemalt hatte, stand nun größtenteils in Stein und Holz vor ihr. Ein Stall für zehn Pferde mit einer direkt daran anschließenden Werkstatt, die sie für eine alte Leidenschaft nutzen wollte, die ihr Großvater sie gelehrt hatte: das Gitarrenbauen. Rund um das Wohnhaus waren die Bauarbeiten noch in vollem Gang. Sie hatte sich eine das Haus umfassende Veranda gewünscht, so wie es bei ihr zu Hause üblich war. An die zwei Säulen, die das kleine Vordach über dem Eingang stützten, sollte sich eine Balustrade anschließen, die bis hinter das Haus verlaufen sollte, wo eine Treppe hinunter in den Garten führte.
Shelly zog die Post aus ihrem amerikanischen Briefkasten und betrachtete das Grundstück mit Zufriedenheit und dem Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie hatte Fischbach, Texas, gegen Fischbach, Niedersachsen, eingetauscht. Und ihr Dasein als Serienstar gegen ein Dasein als Pferdezüchterin und Gitarrenbauerin.
Sie klemmte sich die Zeitung unter den Arm und schritt zurück zum Haus, wo ein Arbeiter gerade die Eingangsstufen mit einem Presslufthammer wegstemmte. Der Krach war das Schlimmste an dem Umbau, doch irgendwann würde auch das vorbei sein, und sie könnte in aller Ruhe hier auf der Veranda sitzen, ihre Stiefel auf die Balustrade gelegt, und den Sonnenuntergang bei einem kühlen Bier genießen. Oh ja, das war eine Aussicht, die ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberte.
Im Esszimmer warf sie die Zeitung neben ihren Teller und holte sich einen frisch gebrühten Kaffee aus der Küche. Während sie frühstückte, las sie den »Houston Chronicle«. Es war Juli, in Fischbach maß man dreiundzwanzig Grad Celsius, in Texas herrschten derweil zweiundvierzig Grad. Wenn sie ehrlich mit sich war, vermisste sie die Hitze und sogar den Staub. Aber die Brötchen hier waren unglaublich. So etwas bekam man in ganz Texas nicht. Sie nahm einen weiteren Bissen und sah auf die Uhr. In einer halben Stunde begann der Reitunterricht.
»Morgen, Shelly«, sagte Simon und strahlte sie an.
»Morgen, Simon. Gute Laune, wie immer, was?«, entgegnete sie kess, weil sie meinte zu wissen, woher seine positiven Gefühle rührten. Er hatte sich ein wenig in sie verguckt. Shelly war eine sehr attraktive Frau, die ihre Wirkung auf Männer im Allgemeinen nicht verfehlte, bei Simon Langensalza jedoch war es noch etwas anderes. Er hatte nicht einfach nur ein Auge auf sie geworfen oder bestaunte ihre äußerlichen Reize, nein, Simon war glücklich, wenn er sie sah. Zumindest interpretierte Shelly sein euphorisches Verhalten so. Und sie fühlte sich geschmeichelt, vielleicht sogar mehr als das.
»Wie sieht’s mit deinem Stall aus, wann ist er bezugsfertig?«, fragte Simon.
Sie marschierten Seite an Seite in Richtung Reithalle. Beide führten ihre Pferde am Zügel. Ruhig und entspannt trotteten Simons Fürst Metternich und Shellys Pancake hinter ihnen her. Pancake war ein weiß-brauner Pinto aus einer indianischen Zucht, ein Geschenk. Shelly und er waren unzertrennlich. Sie liebte dieses Pferd, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit liebte Pancake auch sie.
»Heute wird die letzte Stalltür geliefert und angebracht. Dann fehlen nur noch Heu und Stroh, und Pancake kann endlich umziehen.«
Der Pinto stand, solange bei Shelly noch gearbeitet wurde, im Stall von Simon, und das seit dem Frühjahr, als die beiden hier angekommen waren.
»Schade, ich hatte mich schon an ihn gewöhnt«, meinte Simon.
»Aber wir kommen dich doch regelmäßig besuchen«, tröstete Shelly ihn und streichelte dabei Pancakes Nüstern.
Seit Anfang Juni arbeitete sie als Reitlehrerin auf Simons Hof. Sie unterrichtete die Auszubildenden zweimal wöchentlich im Westernstil, aber sie war öfter hier zu Besuch. Gleich bei ihrer Ankunft in Deutschland waren Shelly, ihr Nachbar Simon und seine Tochter Sara zu guten Freunden geworden. Shelly hatte den beiden geholfen, als zwei Auszubildende ein teuflisches Spiel mit ihnen getrieben hatten, bei dem es um Betrug und Erpressung gegangen war. Die beiden Kerle hatten Simon fast ins Gefängnis gebracht, doch dank Shelly war die Sache aufgeflogen, und alles hatte sich zum Guten gewendet. Anscheinend besaß Shelly nicht nur in der Fernsehserie, in der sie eine texanische Polizistin darstellte, ein Näschen für Verbrechen.
»Ich sage Peter Bescheid, dass er nachher mit dem Traktor rüberfährt und dir schon mal das Stroh bringt«, sagte Simon, als sie die Reithalle betraten.
»Das wäre super, ich kann’s kaum noch erwarten, Pancake endlich bei mir zu haben.« Shelly umarmte ihren Pinto, der liebevoll schnaubte und mit dem Vorderhuf auftrat.
»Ja«, murmelte Simon abwesend und blickte fast ein bisschen neidisch auf Shellys Geschmuse mit ihrem Pferd.
»Hast du inzwischen ein bisschen trainiert?«, fragte sie Simon, der zwar Besitzer des Hofes, aber im Westernreiten ebenfalls ihr Schüler war.
»Sicher, du wirst staunen. Ich bin von John Wayne kaum noch zu unterscheiden.«
Shelly lachte laut auf. »Na dann, rein in den Sattel, und zeig mir mal einen Slide and Stop.«
Simon schwang sich auf sein Pferd und blinzelte irritiert. »Was ist ein Slide and Stop?«
Shelly winkte ab. »Dafür ist dein Pferd zu groß, lass mal. Um mich fürs Erste von deinen John-Wayne-Qualitäten zu überzeugen, reicht es, wenn du ihn einhändig durch die Stangen manövrieren kannst.« Sie wies auf den kleinen Parcours, den sie in der hinteren linken Ecke der Halle aufgebaut hatte. »Aber mach schnell, bevor dich deine eigenen Schüler sehen«, rief sie.
»Wie bitte? Du glaubst wohl, dass ich mich lächerlich mache, was? Dann pass mal schön auf.« Er nahm die Zügel locker in seine rechte Hand, hielt den linken Arm leicht angewinkelt und wendete sein Pferd. Im leichten Trab ritt er zum Ende der Halle, beschrieb einen kleinen Bogen und kam vor dem Slalomparcours zum Stehen.
»Schön!«, rief Shelly ihm zu. »Wo ist dein Hut?«
Simon griff sich an den Kopf. »Den hab ich vergessen«, rief er zurück.
»Punktabzug«, meinte Shelly grinsend. Sie legte Wert darauf, dass ihre Schüler während der Reitstunden einen Cowboyhut trugen. Sie selbst hatte ihren eierschalenfarbenen Stetson auf dem Kopf, von dem sie noch vier weitere Modelle besaß.
Simon schnalzte, und Metternich setzte sich in Bewegung.
»Nur mit dem Körper und nur mit einer Hand«, wies Shelly ihn an, als er mit den Zügeln lenken wollte.
»Ja, ja«, moserte Simon und löste die linke Hand, wobei er sich automatisch nach links verlagerte, obwohl er rechtsherum gehen wollte.
Metternich wurde zusehends irritierter ob der Befehle, die er von seinem Reiter bekam. Man sah ihm an, dass er nicht mehr wusste, was er machen sollte, und so riss er den Kopf hoch und verabschiedete sich mit einem kurzen Antritt aus der Übung. Simon fluchte.
»Na, Bleichgesicht?«, stichelte Shelly. »Du bist zu steif für einen Cowboy. Entspann deine Hüften, entspann deinen ganzen Körper. Sei einfach lässig.«
»Lässig«, wiederholte Simon genervt.
Jetzt betraten die ersten Auszubildenden die Halle.
»Na endlich, gut, dass ihr kommt, wir warten hier schon eine Ewigkeit«, rief Simon gefrustet.
»Morgen«, grüßte Shelly. »Ihr seid alle pünktlich, keine Sorge. Und alle haben an den Hut gedacht, nur einer nicht …«
Die Schüler blickten wie auf Kommando zu Simon, der grummelnd vom Pferd stieg.
Es folgte eine zweistündige Unterrichtseinheit, während der die fünf Reitschüler zunächst durch die Slalomstangen ritten und anschließend das Rückwärtsgehen übten.
Simon versuchte gerade, Metternich zumindest zum Zurücklehnen zu überreden. Der Hannoveraner Hengst hatte seinen Kopf tief nach unten gedrückt und schaute mit großen Augen zwischen seinen Beinen hindurch nach hinten. Er buckelte und zog das Hinterteil ein, schien sich aber nicht so recht zu trauen.
»Gut. Das ist gut, gleich seid ihr so weit«, freute sich Shelly, die das Geschehen von der Bande aus aufmerksam verfolgte.
Man konnte Simon seine Anstrengung ansehen. Er hatte als erfahrener Reiter den größten Ehrgeiz, hier vor allen anderen nicht zu versagen. Während er sich noch abmühte, betrat Sara, Simons Tochter, die Halle. Wütend stapfte sie durch die Sägespäne auf die Gruppe zu und knallte ihren Rucksack an die Bande. Metternich erschrak und machte einen Satz nach vorn.
»Verdammt, Sara!«, schimpfte Simon.
Shelly erkannte, dass das Mädchen geweint hatte und völlig aufgelöst war.
»Ist schon gut«, rief sie Simon zu und nahm dabei Sara in den Arm. »Schluss für heute. Gute Arbeit.«
Sie wandte sich dem Mädchen zu. »Was ist dir denn passiert?«
»Ach, die Scheiß-Philister«, jammerte sie und rieb sich ihre geröteten Augen.
»Wer oder was ist das?«, fragte Shelly.
»Meine Scheiß-Geschichtslehrerin.«
»Aha. Lass mich raten, es hat mit deinem Zeugnis zu tun?«
Sara sah Shelly nur traurig an.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Simon energisch, nachdem er vom Pferd gestiegen war. Er kam auf die beiden zugestiefelt, mit vor Ärger hektischen roten Flecken in seinem Gesicht.
Shelly hob beschwichtigend ihre Hand. »Sie wollte es gerade erzählen.«
»Und?« Simon bedeutete Sara weiterzusprechen und...




