Ohle | Der Huf des Teufels | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: Landkrimi

Ohle Der Huf des Teufels


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-293-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: Landkrimi

ISBN: 978-3-86358-293-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



TV-Star Shelly Kutscher, Detektivin in der texanischen Serie 'Marshall-Stone', will dem Showbusiness entfliehen. Sie übernimmt den Hof ihres Urgroßvaters und freundet sich mit dem benachbarten Gestütsbesitzer Simon Langensalza an. Doch schon bald wird diese Freundschaft einer Prüfung unterzogen: Betrug und Erpressung, eine heimliche Liebschaft und ein Mord trüben die ländliche Idylle. Simon gerät unter Verdacht, und Shelly muss ihre 'Marshall-Stone'-Qualitäten auch im wahren Leben unter Beweis stellen. Sie kommt den Tätern auf die Schliche, aber damit wird sie selbst zur Zielscheibe des Teufels...

Bent Ohle studierte Dramturgie und Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Für seine veröffentlichten Kurzgeschichten und Romane ist er mit Preisen ausgezeichnet worden. Er abeitet heute als freier Autor und lebt 336mit seiner Familie wieder in Braunschweig.
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Eins

Der Flügel schnitt durch die graue, scheinbar schwerelose Masse vor dem Fenster. Als das Flugzeug aus der Wolke heraustrat, tauchte es in einen mit weißen Schneeflocken gefüllten Luftraum.

Shelly sah aus ihrem kleinen, an den Rändern beschlagenen Fenster. Durch das dichte Treiben des Schnees hindurch erkannte sie unter sich ein paar vereinzelte Lichter. Sie hörte das Sirren des Fahrwerks, das wie der Bohrer eines Zahnarztes klang, und dann ein abschließendes Rumpeln. Das Flugzeug schwankte etwas, und sie legte beide Hände an ihren Gurt. Nur noch wenige Minuten, und es war geschafft. Der Vogel, der sie in das neue Land gebracht hatte, wäre gelandet.

Sie nahm ihre Sonnenbrille vom Kopf, schob sie wie ein Visier vor ihre Augen und spürte dabei den Blick ihres Nachbarn, ignorierte ihn jedoch. Sie hatten nicht ein Wort miteinander gewechselt auf dem neunstündigen Flug. Shelly hatte einige unmissverständliche Signale ausgesandt, die deutlich machten, dass sie einer Unterhaltung – welcher Art auch immer – abgeneigt war. Der Mann schob die FAZ, die er während der letzten zwei Stunden gelesen hatte, zurück in das kleine Netz im Sitz vor ihm und richtete seine Krawatte, die er irgendwo über dem Atlantik geöffnet hatte, neu. Er war Vielflieger und ohne großes Gepäck, nur mit einem kleinen schwarzen Rollkoffer und einem Kaschmirmantel unterwegs. Auf seinem iPad hatte er während des Fluges irgendwelche Statistiken durchgearbeitet, aber das hatte Shelly nicht wirklich interessiert. Sie war auf sich selbst konzentriert gewesen, hatte ihre Entscheidung im Kopf immer wieder hin- und hergedreht und -gewendet. Sie dachte an jede mögliche Konsequenz, die daraus folgen könnte. Ihr Handy hatte sie aus Vorsicht erst gar nicht angeguckt.

Die dicken Schneeflocken hatten sich inzwischen in grieselige kleine Partikel verwandelt, die kreuz und quer durch die Luft stoben. Jetzt konnte man auch die Landebahn erkennen, und kurze Zeit später setzten sie mit einem zweifachen Quietschen auf. Der Pilot lenkte die Boing in einer Linkskurve in Richtung Terminal. Sie hielten an, der Schlauch der Gangway saugte sich wie ein riesiger Wurm an den Rumpf des Flugzeugs, und dann ging die Hektik los. Alle sprangen auf, nachdem man das hundertfache Klicken der Gurte vernehmen konnte, machten sich über die Gepäckablagen her und verpackten sich umständlich in der Enge in ihre Jacken und Mäntel. Shelly hatte nur eine warm gefütterte Steppjacke dabei, die sie bis unters Kinn zuzog. Dann setzte sie eine abgewetzte Baseballkappe auf, die sie schon seit über zwanzig Jahren besaß. Auf ihrer Stirn prangte nun der Stern von Texas.

Bis Shelly an der freundlich grüßenden Stewardess vorbei nach draußen trat, hatte es aufgehört zu schneien. Durch die kleinen Fenster des schwarzen Schlauchs, in dem sie nun stand, sah Shelly, dass der Himmel teilweise aufriss und ungleichmäßige türkisblaue Felder zwischen den grauen Wolken freilegte. Die feine Schneedecke auf dem Boden hielt sich noch, wurde von einem böigen Wind aber ständig verweht. Den Frühlingsanfang in Deutschland hatte Shelly sich etwas anders vorgestellt.

Sie ging die Gangway hinunter und wurde dabei von den meisten Passagieren überholt. In der Gepäckhalle wollte sie die Frachtpapiere aus ihrer hellen Rindsledertasche, die sie über der Schulter trug, herauskramen, doch sie konnte die verdammten Unterlagen einfach nicht finden. Das Gepäckband war von den Reisenden umringt, die aufgeregt ihre Koffer, Taschen und Beutel suchten, nur Shelly stand etwas abseits und wühlte in ihren wenigen Habseligkeiten herum. Genervt steckte sie ihre Sonnenbrille auf den Mützenschirm und suchte weiter. Kaugummi, Lippenstift, Konzertkarten, Taschentücher, eine Rohrschelle, ein Stimmgerät, zwei gerissene Gitarrensaiten, eine kaputte Armbanduhr, eine Zahnpastatube, ein USB-Stick, zwei Ringe und am Boden etwas texanischer Sand. Mehr nicht. Ihr Koffer war inzwischen auf dem Gepäckband gelandet und zog immer einsamer seine Kreise. Shellys Sitznachbar verließ die Halle in Richtung Ausgang und warf ihr einen letzten prüfenden Blick zu. Verzweifelt ließ sie ihre Tasche sinken, atmete frustriert aus und ging zur Gepäckausgabe. Als ihr Koffer sich an ihr vorbeischob, griff sie zu, verlor dabei allerdings ihre Sonnenbrille, die auf das Band fiel und langsam davonglitt. Shelly fluchte, stellte ihren Koffer auf und zog den Teleskopgriff heraus. Da tippte ihr jemand auf die Schulter.

»Entschuldigung?«

Shelly fuhr erschrocken herum und sah sich ihrem Sitznachbarn gegenüber, der noch einmal zurückgekommen war.

»Das ist Ihnen eben aus der Tasche gefallen«, sagte er und hielt Shelly zwei gefaltete Blätter hin.

»Oh my gosh«, sagte sie erleichtert und nahm sie entgegen. »Vielen Dank, die hab ich schon überall gesucht.«

Der Mann lächelte. »Sie sollten so was nicht einfach in der Gesäßtasche aufbewahren.«

»Sie haben recht.«

Er verabschiedete sich freundlich, und Shellys schlechtes Gewissen meldete sich lautstark. Sie hätte ihn nicht so auf Distanz halten dürfen. Zurückzukommen, um ihr die Papiere zu geben, war nett von ihm, ganz besonders nachdem sie neun Stunden lang die Unansprechbare gespielt hatte. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Kaum dass der Kaschmirmantel verschwunden war, fuhr ihre Sonnenbrille wieder bei ihr vorbei. Shelly setzte sie auf, warf ihre Tasche über die Schulter, nahm ihren Koffer und machte sich auf die Suche nach dem Frachtschalter.

»Was ist denn ein Pinto?«, fragte die Mitarbeiterin hinter dem Tresen stirnrunzelnd. »Ein Auto?«

»Ein Pferd.«

»Ein Pferd?«, wiederholte sie laut und lachte ungläubig.

Shelly verzog keine Miene, und ihre Brillengläser spiegelten nur die Neonröhren in dem kleinen Raum wider. Der Mitarbeiterin verging das Lachen.

»Ja, also, Tiere kommen zunächst in die Frachthalle, wo sie auch untersucht werden.«

»Wie komme ich da hin?«

Die Dame griff unter den Tresen und holte einen Lageplan des Flughafens hervor. Sie markierte den Weg mit einem Rotstift. »Dort melden Sie sich dann bitte mit den Papieren«, sagte sie abschließend.

»Wo finde ich denn die Autovermietung?«

»Die befindet sich hier den Gang runter in Terminal A.«

»Gut, danke.«

Shelly spazierte hinaus und begab sich zum Sixt-Schalter. Obwohl Flughäfen so etwas wie einen uniformen Look hatten, war hier alles fremd für sie. Die Sprache zu sprechen, erleichterte ihr das Ankommen jedoch erheblich.

Hinter dem orangefarbenen Schalter mit der schwarzen Aufschrift blickte ein junger Mann in einem schwarzen Sakko vom Bildschirm auf. Er trug ein Namensschild auf der Brust. Herr Tiesberg, stand dort zu lesen. In den USA hätte auf dem Schild sein Vorname gestanden, dachte Shelly.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Mein Name ist Kutscher. Ich hatte ein Auto und einen Pferdeanhänger reserviert.«

»Einen was?«

»Einen Pferdeanhänger.«

»Moment bitte«, sagte er und vertiefte sich in den Bildschirm, während er mit flinken Fingern die Tastatur bediente. »Kutscher, sagten Sie?«

»Ja, richtig. Wie die Kutsche.«

»Ah, da habe ich ihre Reservierung. Stellplatz 81.«

Er blickte auf und schien zu überlegen, ob er sie attraktiv genug fand, um sich selbst darum zu kümmern. Shelly war zweiundvierzig, sah aber gut zehn Jahre jünger aus. Sie hatte braun gebrannte Haut vom Leben und Arbeiten unter der heißen texanischen Sonne, lange wildhonigfarbene Haare und blendend weiße Zähne, wie sie nur Amerikaner hatten.

»Ich bringe Sie hin«, sagte er freudestrahlend und kam hinter seinem Schalter hervor. »Darf ich Ihnen den Koffer abnehmen?«

Shelly ließ den Griff los und folgte ihm hinaus auf den Parkplatz. Sie erreichten einen schwarzen Jeep Cherokee. An der Anhängerkupplung hing ein kleiner, mit zwei Rädern untersetzter Blechkasten.

»Da sind wir«, verkündete der junge Mann stolz.

Shelly blieb entkräftet stehen.

»Was ist das?«

»Ihr Wagen.«

»Und wie klein, glauben Sie, muss das Pferd sein, das ich damit transportiere?«

»Ich … nun ja …«

»Transportieren Sie Pferde in Deutschland üblicherweise mit so etwas?«, fragte Shelly und machte dabei einen Schritt auf ihn zu.

»Nein … ich denke nicht.«

»Sehen Sie, das denke ich auch. Wir beide haben nun folgendes Problem: Ich habe ein Pferd. Und Sie haben einen Anhänger, der gerade groß genug für einen Schimpansen ist. Was machen wir also?«

»Ich verstehe das auch nicht. Am besten sehe ich noch mal im Computer nach.«

»Wenn Sie meinen, dass das hilft.«

Zurück am Schalter zitterten seine Finger ein wenig, als er die Daten eingab.

»Tja, hier steht: Jeep Cherokee und ein Pferdeanhänger.«

»Nur wissen wir jetzt, dass es keiner ist.«

»Ja«, sagte der junge Mann.

»Ich hatte aber einen reserviert. Besorgen Sie mir also bitte so schnell wie möglich einen Pferdeanhänger. Mein Pferd wartet in der Frachthalle darauf, abgeholt zu werden.«

Wieder begann er zu tippen, doch ihm brach nur der Schweiß aus bei dem, was der Computer ausspuckte. Er entschuldigte sich für einen Moment und ging zu seinem Kollegen am Schalter nebenan. Sie flüsterten miteinander und warfen Shelly verstohlene Blicke zu. Dann nahm er sein Handy und telefonierte. Vorsichtshalber blieb er in gebührlichem Abstand zu ihr stehen.

»Es tut mir furchtbar leid, aber es muss hier ein Missverständnis vorliegen«, sagte er schließlich. »Wir haben keinen Pferdeanhänger.«

»Das ist schlecht.«

»Ja, ich habe deswegen auch schon mit...


Bent Ohle studierte Dramturgie und Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Für seine veröffentlichten Kurzgeschichten und Romane ist er mit Preisen ausgezeichnet worden. Er abeitet heute als freier Autor und lebt 336mit seiner Familie wieder in Braunschweig.



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