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Hafen von Le Havre
Deik Hansen lag flach auf dem Rücken und zitterte am ganzen Körper. Schwere Wolken zogen über den Nachthimmel und verbargen den Blick auf die Sterne.
Er versuchte, sich zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Bestimmt hatte er sich zahlreiche Knochenbrüche zugezogen, er wollte gar nicht wissen, wie viele. Sein Kopf fühlte sich an, als würde darin mit einem Presslufthammer gearbeitet, und Blut sickerte aus einer Wunde an der linken Schläfe, mit der er hart auf dem Asphalt aufgeschlagen war.
Das Schlimmste jedoch waren die stechenden Schmerzen, die ihn bei jedem einzelnen Atemzug durchfuhren, als würde jemand ein Messer in seinen Eingeweiden herumdrehen. Er war kein Arzt und verfügte nur über bescheidene medizinische Kenntnisse, aber ihm war klar, dass nur schwere innere Verletzungen der Grund für diese beinahe unerträglichen Qualen sein konnten.
Er versuchte, flach zu atmen, doch das nützte nichts. Er schloss die Augen und hoffte darauf, das Bewusstsein zu verlieren, um für kurze Zeit verschnaufen zu dürfen. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Sein Körper verweigerte ihm den Gehorsam, sein Geist blieb leider wach. Vermutlich hatte er das der beachtlichen Menge Alkohol zu verdanken, die er im Laufe des Abends in der schäbigen Hafenkneipe zu sich genommen hatte. Eine üble Spelunke, aber wen interessierte das schon? Ihn jedenfalls nicht. Ihn interessierte nur, dass der Wirt unaufgefordert sein Glas nachfüllte.
Er war das, was man im Volksmund einen typischen Quartalssäufer nannte. Oft trank er monatelang nicht einen Tropfen, um anschließend mehrere Tage durchzusaufen. Wenn es gut lief, fiel die Trinkphase in einen Hafenaufenthalt, denn dann konnte er bei den Landgängen unbeobachtet saufen. Auf dem Schiff aber musste er sich enorm zusammenreißen, damit die Besatzung tagsüber keinen Verdacht schöpfte, wenn er als ihr Kapitän auf der Brücke des Frachters die Kommandos gab. Den Zutritt zu seiner Kajüte, in der er einen Vorrat an Rum oder Wodka versteckte, hatte er strikt untersagt. Noch nie hatte es einer der Männer gewagt, sich über seinen Befehl hinwegzusetzen. Sie wussten, warum.
Zu Hause bei seiner Familie verbrachte er zum Glück wenig Zeit, so dass er die Saufgelage bisher vor seiner Frau hatte geheim halten können. Nicht, dass ihn ihre Meinung sonderlich interessierte, aber er verzichtete gerne auf das zu erwartende Gezeter und ging solchen Konflikten lieber aus dem Weg. Seine Frau erfuhr, was sie unbedingt wissen musste, und was und wie viel das war, bestimmte er ganz allein.
Er hatte Rike vor neun Jahren geheiratet, weil sie einen wohlgeformten Körper, ein hübsches Gesicht und ein zurückhaltendes Wesen hatte. Und weil all das in genau dieser Reihenfolge für ihn wichtig war. Dass sie nicht besonders klug war und sich für nichts interessierte, was nicht direkt vor ihrer Haustür passierte, hatte ihn nie gestört. Wer wollte sich schon mit einem Weibsbild über das politische Weltgeschehen unterhalten? Bestimmt war ihr in ihrer beschränkten Welt und ihrem noch beschränkteren Kopf völlig entgangen, dass US-Soldaten vor wenigen Tagen, am 16. März, in einem vietnamesischen Dorf unzählige Zivilisten erschossen hatten. Dabei demonstrierten die eigenen Landsleute längst in Scharen auf Straßen und Plätzen und protestierten gegen den Vietnamkrieg. An Rike gingen solche Geschehnisse meistens unbemerkt vorbei, aber sie zog seine Söhne groß und hielt sein Haus in Ordnung, und das war auch alles, wofür er sie brauchte. Außerdem war sie bis über beide Ohren in ihn verliebt, was ihm schmeichelte, wenn es ihn auch nicht sonderlich überraschte. Er liebte sie nicht, allerdings war die Auswahl an ansehnlichen und heiratsfähigen Mädchen in seinem Heimatort Nieblum auf der Nordseeinsel Föhr nicht groß gewesen. Rike hatte ihn also mehr aus Mangel an Konkurrenz für sich gewinnen können.
Die Familie war ihm sowieso weitestgehend egal. Alles, was er je gewollt hatte, war, Kapitän zu sein. Wie sein Vater, sein Großvater und seine übrigen männlichen Vorfahren bis zurück in die Zeiten des Walfangs.
Noch einmal versuchte er, sich zu bewegen, aber es gelang ihm wieder nicht. Die Schmerzen schienen von überallher zu kommen, er hätte auf die Frage, wo es weh tut, nicht antworten können. Allerdings fragte ihn sowieso niemand. Er war allein und so hilflos wie zuletzt wohl als Baby.
Er hatte keine Ahnung, wie lange er hier schon lag, jegliches Zeitgefühl war ihm abhandengekommen. Es hatte angefangen zu regnen, und die Tropfen, die ihm auf das Gesicht prasselten, vermischten sich mit dem Schweiß, der ihm auf der Stirn stand. Die Kopfwunde blutete immer noch und in seinem Körper breitete sich ein Taubheitsgefühl aus. Er wusste instinktiv, dass es eng für ihn wurde, wenn nicht bald Hilfe kam.
Zu Hause lagen seine beiden Jungen jetzt in ihren Betten und schliefen. Rike wahrscheinlich auch, denn sie war mit dem dritten Kind schwanger und am Ende eines Tages erschöpft. Die Jungen waren jetzt acht und fünf Jahre, und weiterer Familienzuwachs war nicht geplant gewesen. Die ersten Schwangerschaften hatten an Rikes Körper ihre Spuren hinterlassen, so dass es inzwischen eine seiner leichtesten Übungen war, sich im Ehebett zurückzuhalten. Natürlich hatte ein Mann Bedürfnisse, aber die wurden in jedem Hafen der Welt bereitwillig bedient. Und zwar ohne übertriebene Erwartungen in Sachen Zärtlichkeit oder Einfühlungsvermögen.
Nach dem Dorffest im vergangenen August hatte es ihn aber doch einmal überkommen. Sturzbetrunken war er über Rike hergefallen. Ihre Gegenwehr und ihr Gewimmer hatte er ignoriert. Eine Frau musste schließlich dafür sorgen, dass es ihrem Mann gutging und er bekam, was er brauchte. War das etwa nicht schon zu allen Zeiten so gewesen? Und bei diesem ausschließlich triebgesteuerten Akt war das Kind entstanden, das in zwei Monaten, im Wonnemonat Mai, geboren würde.
Komisch, eigentlich dachte er fast nie an seine Familie in Nieblum. Was war denn los mit ihm? Er erkannte sich selbst kaum wieder. Sein Zuhause war die MS Bodenstein und sein Leben war das geschäftige Treiben an Bord oder in den Häfen. Alles, was er brauchte, waren das Schiff und eine Besatzung, die bedingungslos seine Befehle befolgte. Frau und Kinder hatte er, weil es dazugehörte. Ehemann und Vater war er nur nebenbei. Er war Kapitän, und was konnte es Besseres geben?
Inzwischen fühlte sich sein Körper an, als würde er nicht mehr zu ihm gehören, und der Kopf, als sei er mit Watte gestopft. Er nahm um sich herum keine Geräusche wahr, aber vielleicht waren da auch keine. Wenigstens wurden durch das taube Gefühl die Schmerzen erträglicher, so dass es ihm gelang, seine Lage ein bisschen zu verändern. Er öffnete die Augen und drehte den Kopf leicht in die Richtung, in der er das Schiff vermutete.
Da lag sie, die MS Bodenstein. Groß und stolz ragte der Frachter des Norddeutschen Lloyd an der Kaimauer empor. Vor mehr als elf Jahren, am 29. Dezember 1956, hatte die Reederei das Schiff von der Werft übernommen. Und seit nun knapp drei Jahren hatte er an Bord das Sagen.
Sein Blick blieb an der Gangway hängen, die über ihm aufragte. Und plötzlich erinnerte er sich daran, dass er auf dem Weg zurück aufs Schiff gewesen war. Da die Besatzung von Bord gegangen war, hatte er eine Runde an Deck spazieren gehen wollen, um danach in die Koje zu fallen und seinen Rausch auszuschlafen.
Tagsüber ließ er sich fast nie an Deck blicken. Sein Revier war die Brücke, die Kommandozentrale.
Die Ingenieure sagten, die Maschine sei das Herz eines Schiffes, und das stimmte. Aber die Brücke mit all ihren Knöpfen, Schaltern und Hebeln war das Gehirn. Und er allein hatte dort das Sagen.
»Kapitän Deik Hansen«, murmelte er vor sich hin, um sich ein bisschen von den Schmerzen abzulenken. Es klang sogar in dem jämmerlichen Zustand, in dem er sich befand, wie Musik in seinen Ohren. Seitdem er denken konnte, hatte er gewusst, dass er eines Tages Kapitän sein würde.
Was hatte sein Vater gesagt? »In jeder Familie gibt es Schwächlinge, die es zu nichts bringen, aber von denen abgesehen, sind wir Kapitäne. Nichts als Kapitäne.«
Seine Mutter hatte gehofft, dass er einen anderen Beruf wählen und an Land bleiben würde. Frauen waren nun mal schwach. Sie hatten ständig vor irgendetwas Angst, wollten Ruhe und Beständigkeit, scheuten das Risiko. Der Vater hatte ihm beigebracht, dass ein Mann, der seinen Weg klar vor sich sah, auf die Meinung der Weiber nichts geben durfte. Also hatte er sich nur auf sich konzentriert und nun war er Kapitän Deik Hansen. Niemals hätte er sich mit weniger zufriedengegeben.
Eine Welle des Schmerzes überflutete ihn und er stöhnte gequält auf. Um sich erneut abzulenken, richtete er den Blick so gut es ging wieder auf die MS Bodenstein.
Der Frachter, eines von insgesamt sechsunddreißig Schiffen des norddeutschen Lloyd, hatte eine Länge von 152 Metern, eine Größe von rund 5800 Bruttoregistertonnen und eine Tragfähigkeit...