O'Brien | Trost und Rat | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

O'Brien Trost und Rat


1. Auflage, neue Ausgabe 2012
ISBN: 978-3-0369-9145-0
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-0369-9145-0
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
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In seiner Kolumne in der Irish Times kommentierte Flann O'Brien 26 Jahre lang mit satirischer Brillanz alle Aspekte irischen Wesens und Unwesens. Jahrelang war sie so etwas wie die heilige Schrift für intellektuelle Dubliner. 'Trost und Rat' ist ein berauschendes Destillat aus diesem großartigen Textfundus. Übersetzt und durchgesehen von Harry Rowohlt.

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DAS EINFACHE IRISCHE VOLK

In meiner Position sieht man das Leben anders (wie der zynische Akrobat sagte, als er mit dem Kopf nach unten in 200 Fuß Höhe über terra firma et incognita hing). Ich meine, die Leute schreiben mir. Mit jeder Post kommen die unterschiedlichsten Briefe. Können Sie mir dies sagen, können Sie mir das sagen? Aber sowieso. Eine Dame aus Waterford berichtet mir beispielsweise, ihr Gesicht sei durch Sommersprossen entstellt. Ob ich ein Heilmittel wüßte? Weiß ich. Um Sommersprossen zu entfernen, nehme man eine Unze Zitronensaft, eine Vierteldrachme pulverisiertes Borax und eine halbe Drachme Zucker. Mischen und mehrere Tage lang in einer Glasflasche stehen lassen, dann gelegentlich auf Gesicht und Hände auftragen.

Und hören Sie sich dies an, von einem Casanova in Belmullet. »Ich bin wahnsinnig in achtzehn Mädels verliebt und kann mich nicht entscheiden, welches ich heiraten soll. Können Sie mir einen Rat geben?«

Kann ich. Und nicht zu knapp. Heiraten Sie die kleine, dicke Blonde.

Das einfache irische Volk: Woher wollen Sie wissen, daß eine kleine, dicke Blonde dabei ist?

Ich: Schon jemals eine Gruppe von achtzehn Mädchen gesehen, wo keine kleine, dicke Blonde dabei war?

Das einfache irische Volk: Hmm.

Ich: Habe ich etwa keine kleine, dicke Blonde geheiratet?

Das einfache irische Volk: Echt wahr? Und? Kinder?

Ich: Neun.

Das einfache irische Volk: Ist ja schon gut.

Und nie vergessen: Ein kraft Sochemaunce erworbener Besitztitel, der durch Feodo-Zinslehen en gros seisiniert und mit feoffseniorischen Zusatzklauseln in Frankal-Puissance reseisiniert wurde  …

Das einfache irische Volk: Das klingt wie schmutziges Wasser, das durch ein Loch in einem kaputten Gummiball gedrückt wird.

… darf nur per droit von Dräu und Klauben in Freibankwährung oder verschalten Durchschlägen im Rahmen des seisina facit stipidem veräußert werden, und auch dann nur, wenn eine annehmbare Kopie, mit einer 2-Penny-Marke versehen, beim Erbschaftsgericht für Zivilsachen und verwandte Grenzbereiche vorgelegt wurde.

Darüber hinaus setzt sich eine amtliche Durchwühlung, sei sie nun per Frankalseniorität oder Dekartierung verdinglicht und zum Tageswert einlösbar, binnen Nächstem aus Majestibilitätsbeleidigung zusammen, wobei man davon ausgehen kann, daß achtzehn Fischkutter ausreichen dürften, um das Zeug von Lissabon heranzuschaffen.

Das einfache irische Volk: Und wo kommen die Kutter rein?

Ich: Für gewöhnlich in Howth.

Das einfache irische Volk: Nein; was haben die Kutter mit dem anderen Kram zu tun, den Sie gerade gesagt haben?

Ich: Schon gut. Ich wollte nur sehen, ob Sie noch mitlesen. Übrigens: Neulich abends habe ich in einer Gastwirtschaft etwas sehr Witziges gesehen.

Das einfache irische Volk (kichernd): Ja? Was denn?

Ich: Einen Spruch an der Wand. Und der ging so: »Wir haben uns mit unserer Bank geeinigt. Sie verkauft keine Getränke, und wir lösen keine Schecks ein.«

Das einfache irische Volk: Oha, ha ha ha! Ho ho ho! (Geräusch von Tausenden von Schenkeln, auf die man sich in krampfartigen Heiterkeitsanfällen schlägt.)

Ich: Na, also. Ich wußte doch, daß Ihnen das gefällt.

Ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen und Allen und Jedem ein Frohes Neues Jahr wünschen und einen herzlichen Glückwunsch entbieten.

Das einfache irische Volk: Ist es dafür nicht schon ein bißchen spät am Tage?

Ich: Wenn mein schlichter und von Herzen kommender Gruß in Frage gestellt und bekrittelt wird, nehme ich ihn ganz einfach zurück.

Das einfache irische Volk: Na, los: Nehmen Sie ihn zurück.

Ich: Hiermit ist er zurückgenommen.

Das einfache irische Volk: Ganz schön dreist.

Ein hervorragender Tenor, dessen Schallplatten man kaufen kann, ist Sidney MacEwen. Er ist wirklich gut und singt einige unserer liebsten Lieder mit noch größerer Würde als mein lieber Freund Sowieso, den Gott segnen möge. Dem Namen nach muß er der schottischen Nation angehören. Seine Stimme ist reich und leicht und geschmeidig, und er gebraucht sie mit der Anmut und Kompetenz des wahren Künstlers. Hören Sie sich an, wie er »Ich sah sie auf der Kirchweih« und »Die Lerche in der klaren Luft« singt. Die Platte ist ihre drei Shilling wert, und noch viel, viel mehr.

Das einfache irische Volk: Das geht aber heute ziemlich durcheinander.

Ich: YWSK ryeamdlkwo2&&J hu )O’&87! Und wie klingt das?

Das einfache irische Volk: Noch schlimmer.

Ich: Dann halt die Fresse!

In letzter Zeit stelle ich fest, daß die Grüne Insel immer grüner wird. Entzückende, Knospen ähnelnde Geschwüre zeichnen die Zweige unserer Bäume mit Narben; auf den Rasenflächen des Oberlands kann man klumpige Märzbecher sehen. Der Lenz ist nah, und jedes anständige Mädchen denkt an das neue Frühjahrskostüm. Die Zeit wird geschmeidiger vergehen, bis Favonius, der Westwind, die gefrorene Matte wiederbelebt und die Rose und die Lilie auf dem Felde – sie säen nicht, sie spinnen nicht – mit neuen Gewändern putzt. Verdammt, meine Erinnerung rast zurück in meine Heidelberger Zeiten. Sonja und Lili. Und Magda. Und Ernst Schmutz, Georg Geier, Theodor Winkelmann, Efrem Zimbalist, Otto Grün. Und der Akkordeonspieler Kurt Schachmann. Und Doktor Oreille, Nachfahre irischer Fürsten. Ich hab’ mein Herz / in Heidelberg verloren / in einer lauen / Sommernacht. / Ich war verliebt / bis über beide / Ohren, / und wie ein Röslein / hatt’ / ihr Mund gelächt oder so ähnlich humpty tumpty tumpty tumpty tumpty mein Herz it schlägt am Neckarstrand. Ein sehr schönes Studentenlied. Bier und Musik und um Mitternacht im Neckar schwimmen. Geplauder in irischem Gaelisch mit Kun O’Meyer und John Marquess … Hélas, diese Klänge. Und als wir nahmen / Abschied vor den Toren, / beim letzten Küss, da hab’ ich klar erkannt, / daß ich mein Herz / in Heidelberg verloren –: / MEIN HERZ, / es schlägt am Neck-ar-strand! Tumpty tumpty tum.

Das einfache irische Volk: Ist Deutsch nicht sehr ähnlich wie Irisch? Sehr guttural und so weiter?

Ich: Doch.

Das einfache irische Volk: Es heißt immer, daß die deutsche Sprache und die irische Sprache sehr gutturale Zungen sind.

Ich: Ja.

Das einfache irische Volk: Der Klang ist sehr guttural, falls Sie verstehen, was ich meine.

Ich: Ja.

Das einfache irische Volk: Sehr gutturale Sprachen, diese beiden Sprachen, Gaelisch und Deutsch.

»An die Redaktion. Sir W. Beach Thomas fragt: ›Gibt es irgendwo ein Tier, das sich völlig still verhält?‹ Das außergewöhnlichste Beispiel für nahezu absolutes, wenn nicht sogar vollständiges Stillschweigen bei den landbewohnenden Tieren ist die Giraffe. Man hat von ihr, soviel ich weiß, bisher lediglich ein ganz schwaches Blöken zu hören bekommen, wenn sie mit Futter geneckt wurde.«

Dieser Brief erschien neulich im Londoner Spectator. Er erinnert mich daran, daß ich seit Jahren ein seltsames kleines Tier in meinem Haus beherberge. Es sieht einem Affen nicht unähnlich, aber da es nachts der Ruhe pflegt, muß es etwas anderes sein. Das »Gesicht« ist überaus verwittert und alt. Das Geschöpf ist mit einem rauhen Pelz bedeckt und hat noch nie ein Geräusch von sich gegeben. Es ernährt sich hauptsächlich von Büchern und Zeitungen und nimmt manchmal ein Bad im Küchenspülstein, wobei es die Wasserhähne sehr geschickt mit der »Hand« bedient. Es geht nur selten aus und ist auf seine Weise liebenswürdig. Ich fürchte und schäme mich davor, es jemandem zu zeigen, weil ich mit irgendeiner grausigen Erklärung konfrontiert werden könnte. Nur mal angenommen, es wäre ein listig verkleideter kleiner Mann, ein exzentrischer Weiser aus Indien, der hierhergekommen ist, um uns zu studieren. Woher soll ich wissen, daß er sich nicht alles in einem kleinen Buch notiert hat?

Das einfache irische Volk: Mein lieber Mann, Sie werden feststellen, daß es ein zu groß geratener Wüstling von einem Dachs ist, den Sie da im Hause haben. Diese Burschen beißen Ihnen die Hand ab wie nichts.

Ich: Tatsache?

Das einfache irische Volk: Mit den Burschen kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Die fressen einem das Gesicht weg, wenn man im Bett liegt und schläft. Schmeißen Sie ihn raus, bevor er Sie ruiniert hat, Mann. Schon manchem guten Mann wurde der Hals von einem Dachs mit den Klauen...


Rowohlt, Harry
Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.

O'Brien, Flann
Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.

Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.



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