O'Brien | Golden Hours | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 286 Seiten

O'Brien Golden Hours


1. Auflage, neue Ausgabe 2012
ISBN: 978-3-0369-9144-3
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

ISBN: 978-3-0369-9144-3
Verlag: Kein & Aber
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26 Jahre lang schrieb Flann O'Brien in der 'Irish Times' unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen die skurrile satirische Kolumne 'Cruiskeen Lawn' (Gefüllte Krug). 'Golden Hours' versammelt die frühen, brillanten Artikel aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs und präsentiert das Irland jener Zeit aus ungewöhnlicher Perspektive und voll unbezähmbarem Sprachwitz. Übersetzt und durchgesehen von Harry Rowohlt.

Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.
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I

Die Frühlingsgöttin lauert wie ein schüchternes Kind in der lächelnden Parklandschaft. Noch hat sie die leeren Bäume nicht mit farnigen Trieben geschmückt, noch den Pflaumenbaum, den wilden, mit zierlicher Blüte beduscht. Doch wer lauscht, kann das Rascheln ihres seidnen Gewandes hören und ihr erstes süßes Flüstern bemerken, vom Wind sacht herübergetragen. Bald werden die Osterglocken kommen, werden wie ein Trupp Engel mit Heiligenscheinen auf dem Rasen des Hochlands marschieren.

Wenn manche Menschen so schreiben dürfen, gibt es keinen Grund, warum das nicht alle tun sollten, und wenn das den Pflaumenbaum wild macht, ist ihm auch nicht zu helfen. Aber irgendwo steckt hier ein Fehler. Entweder ist dies der falsche Absatz, die falsche Zeitung, die falsche Jahreszeit oder die falsche Hemisphäre.

II

Ich stelle fest, daß die aktuelle Ausgabe von Irish Travel mit dem irischen Untertitel Cuaird Faoi Éirinn verziert ist. Soweit ich weiß, bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger als »Reise unter Irland«. Dies scheint anzudeuten, daß die Irische Tourismusbehörde der Zeit, in der wir leben, Rechnung trägt und unterirdische Touren für verängstigte Besucher arrangiert. Ein solches Unternehmen verdient (und erhält hiermit) mein uneingeschränktes Lob.

Ich kann das Bild vor meinem geistigen Auge nicht loswerden, welches eine Gruppe Amerikaner mit strahlenden Gesichtern zeigt, die sorglich durch ein Gulli- oder Baggerloch in der O’Connell Street hinabgelassen wird und in einer stillen Durchgangsstraße in Waterford wieder auftaucht –

Stimmen: Dieser Kram sollte aber doch auf irisch sein. Warum ist er dann auf englisch? Noch dazu ausgerechnet heute? Was, um des lieben Himmels willen, soll denn das?

Mise:* Es gibt für alles einen Grund.

Stimmen: Und der wäre?

Mise: Sie werden am St Patrick’s Day in diesem Land in jeder zweiten Zeitung einen netten Leitartikel auf irisch (und über Irisch) finden. Das nennt man Die-Sprache-Retten. Das ganze Jahr über drucken sie auf irisch nichts anderes als abstoßende Infantilitäten, aber mit diesem jährlichen Leitartikel machen sie dann alles wieder gut.

Stimmen (zweifelnd, aber schon halbwegs überzeugt): Verstehe. Vielleicht wollen Sie erläutern, was Sie mit »abstoßende Infantilitäten« meinen?

Mise (mit geduldiger, matter Stimme): Gewiß. Der Gäle wacht morgens auf und greift nach seiner Lieblingszeitung. Riesenbuchstaben auf der Nachrichtenseite informieren ihn davon, daß (sagen wir mal) Bardia von den Briten erobert wurde. Er wälzt sich gut drei Spalten lang in diesem Vorfall und blättert dann auf der Suche nach etwas mildem, lindernden Gälisch um. Nachdem er fleißig auf dem Hinterhof der Zeitung herumgestochert hat, findet er sowas wie dieses –

Soeben wurde die Nachricht nackt enthüllt, daß die Stadt Bardia an diesem Dienstag, der vergangen ist, von den Sachsen unterworfen wurde.

–, woraufhin dem erstaunten Gälen klarwird, daß man ihn für einen Kretin hält.

Stimmen (beeindruckt): Verstehe. Und diese Leitartikel, von denen Sie sprechen …

Mise: Sie sind ekelerregend. Die Sprache selbst wird, nachdem sie ein Jahr lang lächerlich gemacht wurde, mit lobendem Schleim besabbert. Dann werden ein paar Krokodilskrämpfe veranstaltet, was den durch einen Ozean von sich selbst getrennten Gälen, die vier grünen Felder,** die-Freunde-die-wir-kennen-stehen-neben-uns-die-Feinde-die-wir-hassen-stehen-vor-uns betrifft –, all das Gewäsch, mit dem schlaue Berufsiren in Amerika wahre Vermögen verdient haben.

Stimmen (verstört, aber mit einem Anklang aufgepfropfter Munterkeit): Das klingt in der Tat sehr schlimm, aber …

Mise (voller Wildheit): Das Ganze ist eine Schandtat, ein Skandal, der zum Himmel schreit. Heutzutage ein Wort auf irisch niederzuschreiben bürge das Risiko, mit Menschen in einen Topf geworfen zu werden, welche …

Stimmen (hastig): Soll dies wieder auf nichts anderes hinauslaufen als eine Tirade, auf gewalttätige Verleumdungen, zügellose Redensarten? Davon haben wir schon viel zuviel in diesem Land. Was wir wollen, ist ein wenig Mitgefühl, der Geist von Geben und Nehmen, die Bereitschaft, an einem Strang zu ziehen und einander die kleinen Schwächen zu verzeihen, ein Innewerden, daß wir doch letztlich allzumal nur Menschen sind …

Mise (bitter): … ein bißchen Humor, ein Bestreben, auch anderslautende Meinungen gelten zu lassen, Nächstenliebe, die von Herzen kommt und nicht nur Lippenbekenntnis bleibt, echte Hilfsbereitschaft, gute Leistungen im Tischtennis, sechsmal die Woche ins Kino, das heftige Verlangen, sich mit einem guten Buch zurückzuziehen, eine Tanzerei im Tennisklub am Samstagabend. Was genau darf es denn sein?

Stimmen (mit ekelerregender Munterkeit): Mit ein paar guten Witzen wäre uns schon sehr gedient …

Mise: Na schön. Lassen Sie mich auf die Touristenfrage zurückkommen. Besucher geben oft Kommentare über die prächtigen Männer ab, welche sich auf der Landungsbrücke in Dun Laoghaire mit den Einreise- und Zollschwierigkeiten befassen. Sie werden als geistreich, höflich, hilfsbereit, geradezu beängstigend irisch, ja, sogar als witzig geschildert.

Stimmen: Ja? Und?

Mise: Geradezu berückend, diese Jungs an der Landungsbrücke, sollte man meinen. Ich finde sie aber überhaupt nicht berückend, allenfalls landungsberückend.

Stimmen (nachdenklich, bewundernd): Wie macht er das nur, daß ihm immer wieder so etwas Urkomisches einfällt?

*) Mise (ir.): ich. (Ü)

**) Die vier Provinzen Irlands, Leinster, Munster, Connaught und Ulster. (Ü)

III

Am Mittwoch beim Zahnarzt gewesen. Vorher hatte er am Telefon angedeutet, es könne »nichts schaden, mal einen raschen Blick« in meinen Mund »zu werfen«, sich »eine allgemeine Übersicht« zu verschaffen, mich »im Nu« versorgt zu haben und so weiter. Das klang ganz nach der Ermutigung, wie man sie von einem gutherzigen Henker erwarten mag. Tatsächlich war es auch genau das, nicht mehr und nicht weniger. Das entsetzliche und blutige Erlebnis, welches folgte, nachdem ich in übelriechende Gummischürzen gehüllt war, soll hier nicht wiedergegeben werden. Es mag genügen, daß mir die beiden diensthabenden Ghule Blut und Schweiß, Plagen und Tränen im Übermaß boten. In meinen bewußten Augenblicken wurden diese Qualen durch unerbetene Monologe verstärkt; Politik, feinere Bildung und die Seltsamkeit der Zeitläufte kamen in mancher einsamen, unerwiderten Redensart zur Blüte.

DIE WAHRHEIT ÜBER ZÄHNE

All das ist absolut zweitrangig, wie ein Kordsamt* zweifellos murmeln würde. Was ich hervorheben möchte, ist, daß wir es bei der Kunst der Dentisterei mit einer beständigen Bedrohung der Unversehrtheit, Harmonie und Unteilbarkeit des menschlichen Einsseins zu tun haben. Man muß sich nur ganz kurz die Werke des Aristophanes vor Augen führen, damit einem das klar wird. Es ist grundfalsch zu denken (und noch falscher, es zu sagen), daß ein Zahn »gezogen« wird. So simpel ist der Vorgang bei weitem nicht. Im Gegenteil haben wir hier eine Komplexität, die die menschlichen, irdischen und okkulten Kontinua umfaßt. In Wirklichkeit wird der gesamte Körper vom Zahn amputiert. Der Vorgang, die Operation ist also so schwerwiegend wie nur irgend möglich. Wo ein lebendiger Mensch durch Gas oder Drogen der Selbstbestimmung und des Bewußtseins beraubt und dann mit Hilfe stählerner Instrumente in zwei Teile gehackt wird (wie es bei einem simplen »Zahnziehen« geschieht), tritt offen zutage, daß hier ein gewalttätiger und unwiderruflicher Eingriff in die persönliche Unversehrtheit des Patienten und somit proportional ins Gleichgewicht des gesamten Universums stattgefunden hat, dessen einzigen Wahrnehmer, Spürer und Dolmetsch so für sich genommen er, der Patient, darstellt. Denken Sie immer daran, daß das Leben und das Erleben schlicht eine Beziehung zwischen Kosmos und menschlichem Kosmikulat sind. Beeinträchtigt man die Unversehrtheit des Letzteren, hat man Ungleichgewicht und Teilinvalidität. Wenn man einer Betäubung unterworfen und für alle Zeiten von einem wesentlichen Backenzahn getrennt wird, ist das wiedererlangte Bewußtsein keinesfalls identisch mit dem, dessen man sich vorher erfreute, und zwar insofern, als man unvollkommen gemacht wurde, mit verminderter Kapazität der nervlichen Erregung und Wahrnehmung, sogar mit Gewichtsverlust einhergehend. Die kleinen Einzelheiten der physischen Welt wirken auf ein...


Rowohlt, Harry
Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.

O'Brien, Flann
Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.

Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.



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