O'Brien | Das Barmen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 144 Seiten

O'Brien Das Barmen


1. Auflage, neue Ausgabe 2012
ISBN: 978-3-0369-9140-5
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-0369-9140-5
Verlag: Kein & Aber
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Flann O'Brien erzählt mit satirischem Blick die Geschichte von Bonaparte O'Coonassa, von seinem einzigen, schmerzhaften Schultag, seiner kurzen Ehe und noch kürzeren Vaterschaft, seiner Verurteilung zu 29 Jahren Gefängnis, wo er »heil und sicher, gegen die Widrigkeiten des Lebens gefeit«, sein irisches Schicksal absitzt. Übersetzt und durchgesehen von Harry Rowohlt.

Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.
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2. KAPITEL

Ein schlechter Geruch in unserem Haus die Schweine Ambrose trifft ein das schwere Leben meine Mutter in Lebensgefahr Martins Plan wir sind gerettet und in Sicherheit Ambroses Tod

In meiner Jugend hatten wir immer einen schlechten Geruch in unserem Haus. Manchmal war er so schlecht, daß ich meine Mutter bat, mich in die Schule zu schicken, obwohl ich noch gar nicht richtig gehen konnte. Passanten machten weder halt, noch gingen sie auch nur, sondern sie hasteten, wenn sie sich in der Nachbarschaft des Hauses befanden, an der Tür vorüber, bis sie eine halbe Meile zwischen sich und den schlechten Geruch gelegt hatten. Zweihundert Yards die Landstraße abwärts gab es noch ein weiteres Haus, und eines Tages, als unser Geruch besonders schlecht war, zogen die Leute aus, gingen nach Amerika und kehrten nie mehr zurück. Es heißt, sie hätten Leuten an jenem Ort erzählt, Irland sei ein feines Land, jedoch sei dort die Luft zu stark. Doch ach, es gab nie die mindeste Luft in unserem Haus.

Ein Mitglied unserer Haushaltung war schuldig an diesem Gestank. Er hieß Ambrose. Der Alte-Knabe hing sehr an ihm. Ambrose war der Sohn der Sarah. Sarah war eine Sau, die wir besaßen, und wenn sie mit Nachkommenschaft gesegnet war, dann war sie reichlich damit gesegnet. Trotz ihrer zahlreichen Brüste war keine für Ambrose übrig, als die Ferkel ihre Nahrung aus ihr saugten. Ambrose war schüchtern, und wenn Hunger die Ferkel befiel (er befällt ihresgleichen jäh und unvermittelt und alle gleichzeitig), ging er immer ohne Brust aus. Als der Alte-Knabe sich vergegenwärtigte, daß dieses kleine Ferkel schwächlich wurde und alle Kraft verlor, brachte er es ins Haus, bereitete ihm ein Lager aus Binsen am Kamin und fütterte es von Zeit zu Zeit mit Kuhmilch aus einer alten Flasche. Ambrose erholte sich unverzüglich, er wurde kräftig und hübsch und fett. Doch ach! Gott hat jedem Geschöpf gestattet, seinen eigenen Geruch zu besitzen, und das ererbte Aroma des Schweins ist nicht angenehm. Als Ambrose klein war, hatte er einen kleinen Geruch. Als er an Größe gewann, wuchs sein Geruch im gleichen Umfang. Als er groß war, war sein Geruch ebenfalls groß. Zunächst war die Lage tagsüber nicht zu schlimm für uns, weil wir alle Fenster offen ließen, die Tür nicht schlossen und heftige Stürme durch das Haus fegten. Doch wenn die Dunkelheit sich senkte und Sarah mit den Ferkeln zum Schlafen hereinkam, dann war in der Tat eine Situation hergestellt, die sowohl jeder mündlichen wie schriftlichen Beschreibung spottet. Oft kam es uns mitten in der Nacht so vor, als würden wir den Morgen nie mehr bei lebendigem Leibe sehen. Meine Mutter und der Alte-Knabe erhoben sich oft und wanderten draußen zehn Meilen durch den Regen, um dem Gestank zu entkommen. Nachdem Ambrose etwa einen Monat in unserem Haus verbracht hatte, weigerte sich Charlie, das Pferd, nachts hereinzukommen, und jeden Morgen fanden wir ihn durchnäßt und aufgeweicht (es gab für uns keine einzige Nacht ohne Niederschläge). Aber er war nichtsdestoweniger immer guter Laune, trotz allem, was er durch die Unbarmherzigkeit des Wetters zu erdulden hatte. Und in der Tat war ich es, der diese Umstände in ihrer ganzen Härte zu ertragen hatte, denn ich konnte nicht gehen noch sonstige Mittel der Fortbewegung finden.

So ging es noch eine kleine Weile weiter. Ambrose schwoll rapide an, und der Alte-Graue-Knabe sagte, bald werde er stark genug sein, um mit den anderen Schweinen draußen an der frischen Luft herumzutollen. Er war der Liebling des Alten-Knaben, und deshalb konnte meine Mutter das wenig wohlriechende Schwein nicht mit Knüppelschlägen aus dem Haus scheuchen, obwohl ihre Gesundheit des fauligen Gestanks wegen zu leiden begonnen hatte.

Wir bemerkten plötzlich, daß sich Ambrose – über Nacht, wie es schien – zu beängstigenden Ausmaßen ausgewachsen hatte. Er war so groß wie seine Mutter, aber wesentlich breiter. Sein Bauch reichte bis zur Erde nieder, und seine Flanken waren so geschwollen, daß man es mit der Angst bekam.

Eines Tages stellte der Alte-Graue-Knabe einen großen Topf Kartoffeln zum Mittagessen vor das Schwein hin, und da bemerkte er, daß alles weder gut noch natürlich war.

– Bei meiner Seele! sagte er, dieser hier ist dem Platzen nahe! Als wir Ambrose einer eingehenden Untersuchung unterzogen, wurde offenkundig, daß die arme Kreatur von nahezu vollkommen zylindrischer Gestalt war. Ich weiß nicht, ob das auf Überernährung zurückzuführen war oder ob ihn die Wassersucht oder eine andere grimmige Krankheit niedergestreckt hatte. Ich habe jedoch noch nicht alles erzählt. Der Geruch war nun für uns fast unerträglich geworden, und meine Mutter wurde im Ende des Hauses ohnmächtig, da ihre Gesundheit diesem neuen Gestank nicht mehr gewachsen war.

– Wenn dieses Schwein nicht sofort aus dem Haus entfernt wird, sagte sie schwach von ihrem Bett im Ende des Hauses aus, werde ich diese Binsen in Brand setzen, und dann wird unser hartes Leben in diesem unseren Haus ein Ende finden, und sogar wenn wir in der Hölle enden, so habe ich doch nie davon gehört, daß es dort Schweine gibt!

Der Alte-Knabe paffte angestrengt an seiner Pfeife, bestrebt, das Haus mit Rauch zu erfüllen, um sich gegen den Gestank zu verteidigen. Er erwiderte ihr:

– Frau! sagte er, das arme Geschöpf ist krank, und ich bin unschlüssig, ob ich es wirklich verstoßen und seine Gesundheit vollends aufs Spiel setzen soll. Zwar ist es sicher richtig, daß dieser Gestank alles übertrifft, aber siehst du nicht, daß das Schwein selbst keine Klage führt, obwohl es genau wie du dahinten eine Schnauze besitzt.

– Der Gestank hat ihn betäubt, sagte ich.

– Wenn das so ist, sagte meine Mutter zum Alten-Knaben, werde ich die Binsen in Flammen aufgehen lassen! Die beiden schalten noch eine ganze Zeitlang aufeinander ein, doch schließlich willigte der Alte-Knabe ein, Ambrose zu entfernen. Er ging vor und lockte das Schwein durch Pfeifen, sinnloses Geplapper und Koseworte, aber das Tier blieb, wo es war, regungslos. Es kann nicht anders gewesen sein, als daß die Sinne des Schweins durch den Geruch abgetötet waren und es ihnen deshalb nicht gelang, alles wahrzunehmen, was der Alte-Knabe zu sagen hatte. Wie dem auch sei, der Alte-Knabe ergriff einen Knittel und trieb das Schwein zur Tür; er schob es, schlug es und schubste es mit der Waffe türwärts. Als das Schwein die Tür erreicht hatte, wurde uns klar, daß es zu fett war, um zwischen den Türpfosten hindurchzupassen. Man ließ von ihm ab, und es kehrte zu seinem Lager beim Kamin zurück, wo es unverzüglich einschlief.

– Bei meiner Seele! sagte der Alte-Knabe, aber das Geschöpf ist zu wohlgenährt und die Tür zu schmal, obwohl sie selbst für das Pferd völlig ausreicht.

– Wenn das so ist, sagte meine Mutter vom Bett aus, dann ist es so, und wir werden schwerlich dem entrinnen können, was als Schicksal auf uns zukommt.

Ihre Stimme war schwach und leise, und ich war sicher, daß sie sich nunmehr ihrem Geschick der Verderbtheit des Schweins zu beugen gewillt war, und sich für den Himmel rüstete. Doch plötzlich erhob sich ein erstickendes Feuer im Ende des Hauses –; meine Mutter verbrannte den ganzen Ort. Mit einem gewaltigen Sprung setzte der Alte-Knabe in den rückwärtigen Teil, warf einen Stoß alter Säcke auf den Rauch und hieb mit einem großen Stock darauf ein, bis das Feuer erstickt war. Dann schlug er auf meine Mutter ein und ließ ihr gleichzeitig nützliche Ratschläge zuteil werden.

Als das Schwein die Tür erreicht hatte, wurde uns klar, daß es zu fett war, um zwischen den Türpfosten hindurchzupassen. Man ließ von ihm ab, und es kehrte zu seinem Lager beim Kamin zurück, wo es unverzüglich einschlief.

Gott schütze und errette uns! denn nie gab es ein schwereres Leben als jenes, welches Ambrose uns in den folgenden vierzehn Tagen bereitete. Man kann den Geruch in unserem Haus unmöglich beschreiben. Das Schwein war zweifellos krank, und es erhob sich ein Dampf von ihm, der an einen Leichnam erinnerte, den man einen Monat hindurch zu bestatten versäumt hatte. Als Ergebnis dieses Schweins war das Haus von oben bis unten verrottet und faulig. Während dieser Zeitspanne war meine Mutter im Ende des Hauses unfähig zu stehen oder zu sprechen. Gegen Ende dieser vierzehn Tage bot sie uns still und schwächlich Adieu und Lebewohl und bereitete sich, die Ewigkeit zu schauen. Der Alte-Knabe war ebenfalls im Bett und rauchte energisch seine Pfeife in die Nacht hinaus, um einen Schild gegen den Gestank zu schmieden. Er sprang auf und zerrte meine Mutter auf die Landstraße, wodurch er ihr für diese Nacht das Leben rettete, obwohl beide bis auf die Haut durchnäßt wurden. Am nächsten Tag wurden die Betten auf die Straße gestellt, und der Alte-Knabe sagte, so werde es fortan bleiben, denn, sagte er, es ist besser, ohne Haus zu sein als ohne Leben, und selbst wenn wir nachts im Regen ertrinken, so ist dieser Tod doch besser als jener dort drinnen.

An jenem Tage kam Martin...


O'Brien, Flann
Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.

Rowohlt, Harry
Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.

Flann O´Brien, geboren am 5. Oktober 1911 als Brian O´Nolan in Strabane/County Tyrone, studierte Gälisch, klassische Philosophie und Deutsch in Dublin und Köln und wirkte von 1937 bis 1953 als Ministerialbeamter. 1939 begann er mit »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« seine Karriere als Schriftsteller, ab 1940 schrieb er, unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen - Myles von den Pferdchen - zudem 26 Jahre lang Kolumnen in der Irish Times. Flann O´Brien starb am 1. April 1966 in Dublin. Bei Kein & Aber erschien 2007 die Gesamtausgabe seiner Werke.



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