E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Obexer Unter Tieren
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-86337-221-7
Verlag: Weissbooks Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-86337-221-7
Verlag: Weissbooks Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maxi Obexer, aufgewachsen Südtirol / Italien, schreibt Theaterstücken, Prosa, Essays und Hörspiele. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Robert-Geisendörfer-Preis 2016, dem Potsdamer-Theaterpreis 2017 und zuletzt mit dem Alice-Salomon-Poetik-Preis 2023. Sie unterrichtete in Washington und Dartmouth, an der Universität der Künste Berlin und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ihr Debütroman »Wenn gefährliche Hunde lachen« erschien 2011. Mit einem Auszug aus ihrem zweiten Roman »Europas längster Sommer« (2018) war Maxi Obexer für den Bachmannpreis nominiert. In der Beschäftigung mit dem Roman »Unter Tieren« entstanden bereits das Hörspiel »Mit Tieren gehen« (WDR 2023) und der Hörfunk-Essay »Über Tiere schreiben - Über Tiere sprechen« (Deutschlandfunk 2023). Zuletzt erschien im Standard ihr vielbeachteter Essay »Die längste Liebesgeschichte der Menschheit«. Maxi Obexer lebt und arbeitet in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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Teil 1
Was ist Schmerz, wenn nicht Durchtrennung?
1
Als die Turmuhr schlug, öffnete Antonia die Augen und schaute zur Decke. Schlag um Schlag prallte schwingendes Metall gegen die Glockenwand und tönte kreisend nach. Im Flur sprang der Hund auf. Er streckte sich, gähnte und schob sich durch die Tür in ihr Zimmer. Stellte sich so an ihr Bett, dass sie nur ihre Hand leicht anheben und auf seinen Rücken legen musste, um ihn zu kraulen. Dann verschwand er wieder. Mit offenen Augen blieb sie liegen. Draußen war es vollkommen still. Kein Vieh im Stall, kein Huhn, das gackerte, auch kein Vogel, nicht einmal das Summen einer Fliege war zu hören. Die Vögel mochten schon weiter oben sein. Wenn es wärmer wurde, flogen sie bis zur Baumgrenze, und wenn es Sommer wurde, auf die Alm. Aber noch war der Schnee auf der Alm nicht ganz geschmolzen. Es war zu früh, um hinaufzufliegen. Und wo waren die Schwalben und ihr hektisches Nisten im Gemäuer des Hauses? Waren spät dran dieses Jahr. Oder kamen gar nicht erst wieder zurück. Wurde nicht im Fernseher behauptet, dass unsere Schwalben nicht mehr zurückkehrten aus ihrem Winter-Domizil? Hörten sie dann auf, unsere Schwalben zu sein?
Der Hund tappte im Flur hin und her. Er steckte seinen Kopf wieder zur Tür herein. Am Wippen seines Brustkorbs und dem offenbar heftigen Wedeln sah sie, wie es ihn unruhig machte, dass sie noch immer nicht aufstand.
Es gab nichts zu tun. Das gibt es nicht, hörte sie ihre Mutter sagen, zu tun gibt es immer, man muss die Arbeit nur sehen.
Der Hund schob die Tür weiter auf, legte sich quer über die Türschwelle und folgte ihr mit seinem Blick.
Es gab keinen Grund aufzustehen, es gab keinen Grund. Nur der Zugelaufene, der brauchte jetzt wenigstens Wasser und musste raus. Kaum bewegten sie ihre Finger, sprang er auf und lief freudig zu ihr. Er hatte sich schnell an sie gewöhnt. Schon nach ein paar Wochen benahm er sich, als wären sie seit Jahren zusammen, es waren gerade mal ein paar Monate, Anfang Dezember, der erste Schnee an den Straßenrändern war schwarz und sackte zusammen. Im Schmelzwasser kam er die Straße dahergepatscht, unterwürfig wedelnd. Manchmal hieß sie ihn »den Städter«, wegen dem rot-braunen Fell und dem Glanz darauf. Der war nicht von hier. Er war schmal, und statt mit allen vieren aufzutreten, schien er eher zu schlendern. Wer weiß, ob er irgendwo ausgerissen oder ausgesetzt worden war. Sie würde es nie erfahren. Und sie wollte auch nicht zu viel von ihm wissen. Er trat von einem Bein auf das andere, nahm seine Augen nicht von ihr. Auch wenn er noch so sehr darum bettelte, sie vermied den Blickkontakt. Sie hatte ihr Leben und wusste, was zu tun war.
Sie setzte sich auf, ließ ihre krampfadergefärbten Beine von der Bettkante baumeln und griff zum kleinen Kamm auf dem Nachttisch. Sie fuhr sich ein paarmal durch ihr langes grauweißes Haar, ihren Kopf schräg zur Seite geneigt. Sie packte die Haare zu einem Bund, durchtrennte ihn in drei Stränge, drehte sie glatt und flocht sie ineinander zu einem Zopf. Den legte sie kreisförmig auf ihrem Hinterkopf ab, befestigte ihn mit Haarnadeln und spannte ein Haarnetz darüber. Sie rutschte vom Bett und lief barfuß über den blank gescheuerten Holzboden. Aus der Kommode nahm sie eine frische weißgeblümte Bluse und schlüpfte hinein; mit krummen Fingern schloss sie Knopf für Knopf über Brust und Bauch. Bevor sie die Kammer verließ, schüttelte sie die Wolldecke aus und streifte sie glatt. Sie nahm das Glas und die Schnapsflasche vom Nachttisch, trottete damit in den Flur, ging in die Küche. Der Hund dicht an ihren Fersen. Aus einem Krug goss sie Wasser in seine Schüssel und stellte sie vor die Küchentür. Sie ging zum Herd, drehte das Gas auf und griff zu den Zündhölzern. Sie häufte drei Löffel Kaffeepulver in einen Aluminiumtopf, goss Wasser drauf und wartete, bis es kochte und das Pulver aufstieg. Den kochenden Kaffee goss sie durch ein Sieb in die Emaille-Schale. Sie hob die Schale an ihren Mund.
Der Hund saß gebannt an der Schwelle. Noch nie hatte er sie so in der Küche stehen sehen. Sie schlürfte, trank, stellte die dampfende Schale ab, holte die kalte Asche aus dem Herd, schob mit dem Schürhaken die Ofenringe zur Seite, legte Holz hinein. Meist loderte und knisterte das Feuer, wenn sie wieder zur Schale griff und trank. Ihrem Gesicht war immer anzusehen, was sie als Nächstes und als Übernächstes vorhatte. Sie stand nicht einfach da mit leerem Blick und nippte an der Schale. Ihr Blick verriet, was folgen würde. Und der Herd, das Feuer, das Wasser, der Kaffee, sie alle wussten genau, was zu tun war. Wenn Antonia zur Tür hereinkam, war alles wach und bereit.
Aber diese Augen waren schwer zu verstehen. Und ihr Zeigefinger gab keine Richtung vor. Er schnappte in die Luft. Er tappte über die Schwelle und wieder zurück. Er winselte. Nichts. Oder doch? Sie hatte die Augen bewegt. Sah sie ihn an? Er wedelte mit dem Schwanz. Was stand sie hier rum? Er bellte kurz auf.
Sie goss den restlichen Kaffee ins Waschbecken, ließ Wasser nachlaufen und spülte Topf und Schale aus. Sie blickte auf die Uhr an der Wand, straffte den Rock; es war Zeit. Sie folgte dem Hund durch den Flur zur Haustür und öffnete sie, der huschte über die hölzerne Treppe nach unten und über den Hof.
Antonia wich vor dem grellen Sonnenlicht zurück. Sie zögerte, drehte sich um und ging zurück in die Stube. Richtete den Blick streng nach rechts zur getäfelten Wand, weg vom Tisch mit den Briefen, den verstreuten Umschlägen mit dem roten R darauf und dem pechschwarzen V vom Veterinäramt, um das sich die Schlange kringelte. An der getäfelten Wand hingen die Fotografien der verstorbenen Eltern. Die Mutter lächelt mit ihrem spöttischen Blick auf sie herab. Der Vater mit erschrockenem strengen Blick, als sei das Kameraauge das Jüngste Gericht. Sie tunkte ihre Finger in das kleine Weihwasserbecken, bespritzte die Eltern, nahm die Tasche und zog die Tür hinter sich zu. Sie trat durch die Haustür erneut ins grelle Frühlingslicht, stieg Stufe für Stufe die hölzerne Treppe hinab, bis sie auf dem staubtrockenen Boden ankam.
Der Hund lief vor ihr hin und her, von links nach rechts, sicherte den Weg, bevor sie ihn betrat. Sie liefen an den Feldern vorbei, auf denen zwischen dem alten trockenen das neue grüne Gras hervorstach. Ihr Tritt war schnell, mit kleinen, fest auftretenden Schritten.
An der weißen Bluse und der steifen Handtasche an ihrem Ellenbogen sah er, dass es woandershin ging. In einigem Abstand zu den Bienenstöcken setzte er sich für gewöhnlich hin und wartete, bis sie fertig war und wieder mit ihm zurückkehrte. Das konnte Stunden dauern, während sie die Deckel von den Stöcken hob, Rahmen für Rahmen herausnahm, vor sich hinhielt und darin zu lesen begann. Aber diesmal lief sie an den Stöcken vorbei, als wären sie gar nicht da.
Sie war schon weit entfernt und kümmerte sich nicht. Und jetzt? Laut und aufgeregt bellte er ihr nach. Sprang vor und zurück, wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass es seinen hinteren Körper in beide Richtungen zog. Er setzte sich hin, sprang auf, bellte, wartete ab. Nichts. Sie drehte sich nicht einmal um. Er tappte vor und zurück. Sah sie an der Kante der Wiesenkrümmung verschwinden, wedelte nur noch schwach mit dem Schwanz. Dann lief er los.
Sie gingen durch die Weinberge hinab. Er hatte sie inzwischen eingeholt und folgte ihr dicht auf den Fersen. Sie kamen an die Weggabelung, an der es rechts in die Stadt ging. Was machte sie? Lief daran vorbei nach links. Er sah immer wieder zu ihr hoch, ihr Blick war unlesbar geworden, ausdruckslos, hart. Der Weg führte leicht am Hang entlang; unter ihnen die Stadt, an der sie vorbeizogen, bis sie den Talboden erreichten. Nordwärts ging es weiter an den großen Anlagen vorbei, dem Krankenhaus, dem Friedhof, den Autowerkstätten. Vor ihnen war jetzt die vierspurige Schnellstraße. Die Autos rauschten an ihnen vorbei, der Fahrtwind schleuderte den Feinstaub in ihre Augen. Was hatte sie vor? Den Riemen ihrer Tasche um ihr Handgelenk gewickelt, legte sie die Hände an der Leitplanke auf und stieg darüber. Sie rückte ihren Rock zurecht und lief weiter auf dem Standstreifen Richtung Norden. Angst beschlich ihn, er konnte sie nicht lesen, er hatte keinen Anhaltspunkt. Er bellte, er folgte ihr. Als die Autobahn sich vom Boden löste und es über eine luftige Brücke ging, begannen seine Beine zu zittern. Er duckte seinen Kopf unter die Leitplanken. Sah auf den Fluss und auf das steinige Flussufer, erkannte dort zwei dunkle Gestalten, die breitbeinig auf den weißen runden Steinen balancierten. Er stemmte seine Vorderbeine in den Asphalt, spannte den Hals und bellte, bellte in schnellen Stößen hintereinander. Bellte, was er konnte.
Einer der beiden Angler stand mit hochgezogenen Stiefeln im Flussbett, im gemächlichen Wechsel zwischen Widerstand und Nachgeben hielt er seine Angelrute und warf seinem Kumpel einen kurzen Blick zu.
»Hast du einen Wurm?«
»Bedien dich.«
Er reichte ihm den Becher voller Würmer, die sich im Rhythmus einer Bewegung fortwährend ineinanderschoben, während sie versuchten, sich voneinander zu lösen. Der Angler griff sich ein Wurmende und zog daran. Er stach die Hakenspitze in den Körper und schob dann Stück für Stück des Wurms über den Haken.
»Verdammt!«
Das letzte Ende des Regenwurms schlug so heftig um sich, dass sich der ganze Wurm aus dem Haken schob. Eifrig bemühten sich die Anglerfinger, den Haken in den zappelnden Wurm...




