E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Oberhoff Richard Wagner inside
3. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-8674-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Protagonisten auf seiner inneren Bühne
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-7412-8674-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernd Oberhoff (Jg. 1943), PD Dr. phil., Diplom-Psychologe, Gruppenanalytiker, psychodynamischer Musikforscher, Privatdozent für Soziale Therapie an der Universität Kassel, Supervisor in freier Praxis in Münster. Langjähriger Leiter zweier Kammerchöre. Seit nunmehr 20 Jahren ist der Autor im Forschungsfeld psychodynamische Musikanalyse aktiv. Neben zahlreichen Sammelbänden zu dieser Thematik (zusammen mit anderen Autoren), sind in dieser Zeit die folgenden Komponisten-Monographien erschienen: Christoph Willibald Gluck (1999), Heinrich Schütz (2006), Wolfgang Amadeus Mozart (2008), Richard Wagner Ring des Nibelungen (2012), Richard Wagner inside (2016). Außerdem vierzehn kleine psychoanalytische Opernführer zu Opern von Mozart, Gluck, v. Weber und Wagner.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
II
Richard Wagner besaß kein Bewusstsein darüber, dass ein traumatisiertes Innenkind seine innere Bühne betreten hatte, aber seine Selbstheilungskräfte schickten ihn auf die Suche nach einer geeigneten externen Personifikation dieses inneren Bewohners mit dem Ziel, ihn über diesen Weg dem Bewusstsein zur Anschauung zu bringen.
Das Suchbild hat schließlich gepasst als Wagner im Frühjahr 1838 – er war damals frisch ernannter Kapellmeister in Riga – auf die Märchenerzählung von Wilhelm Hauff stieß. Diese Erzählung berichtet von einem holländischen Seemann, der für das Gelingen einer gefährlichen Kap-Umsegelung seine Seele an den Teufel verkauft. Als Folge davon treibt er nun ruhelos auf den Meeren umher. Alle sieben Jahre darf er an Land gehen und wenn er dabei auf eine Frau trifft, die ihm ewige Treue schwört, so soll er vom Fluch der Irrfahrten erlöst werden.
Mit dieser Geschichte im Kopf trat Wagner zusammen mit Ehefrau Minna im Juli 1839 seine waghalsige Flucht vor ihn verfolgenden Gläubigern an. Mit einem Kleinsegler mit sieben Mann Besatzung überquerte er vom ostpreußischen Pillau aus bei stürmischem Wetter die Ostsee. Ausgestandene Todesängste wie auch die Gesänge der Matrosen sorgten dafür, dass ihm der Hauffsche Märchenstoff nicht aus dem Sinn ging und die beängstigende Überfahrt zu einer zusätzlichen Inspirationsquelle für ein neues und neuartiges Opernprojekt wurde.
In Paris angekommen machte Wagner die Bekanntschaft mit dem im Exil lebenden Heinrich Heine und stieß in dessen Schrift (1834) ebenfalls auf die Holländer-Legende. Heine nannte diesen Holländer spöttisch den „ewigen Juden des Ozeans“, weil dieser zwischen Leben und Tod hin- und hergeschleudert werde, keines von beiden wolle ihn behalten und „sein Schmerz sei tief wie das Meer“. Es ist nachweisbar, dass Wagner viele der von Heine ausgestalteten Szenen für den Textentwurf seiner romantischen Oper übernommen hat. Wie Dieter Borchmeyer (2002) hervorhebt, hat Wagner in der Erstfassung seiner (1843) Heinrich Heine als Inspirationsquelle noch ausdrücklich benannt, einen Passus, den er später gestrichen hat. Es heißt dort: „Besonders die von Heine erfundene, echt dramatische Behandlung der Erlösung dieses Ahasverus des Ozeans gab mir alles in die Hand, diese Sage zu einem Opernsujet zu benützen“ (zit.n. Borchmeyer 2002, S. 118).
Nach anfänglichen Verzögerungen ging die Arbeit schließlich gut voran. Im November 1841 war die Partitur des vollendet und am 2. Januar 1843 erfolgte die Uraufführung in Dresden unter der Leitung des Komponisten.
Die Ouvertüre beginnt mit einem Motiv, das sich in höchster Erregung und mit lautem Getöse auftürmt und bestens geeignet ist, im Kopf des Zuhörers das Bild einer durch orkanartige Stürme aufgepeitschte See entstehen zu lassen. Dieses Motiv gilt als „Holländer-Motiv“. Charakteristisch für das „Holländer-Motiv“ ist die markant aufwärts gerichtete Quarte, die zweimal erklingt und auf die sich dann eine fanfarenartige und von den Blechbläsern scharf akzentuierte Quinte oberdrauf setzt. Erinnert die Quart an das Martinshorn von Polizei und Feuerwehr, so die Quinte an ein SOS-Signal, das höchste Gefahr oder höchste Not signalisiert. Die Bedrohung wird insbesondere durch den bei den nachfolgenden Motivwiederholungen eingefügten und sich hektisch auf und ab bewegenden Sekundvorschlag vermittelt. Die begleitenden Streichertremoli und die sich nach oben wühlende chromatische Aufwärtsbewegung in den Streichbässen unterstreichen diesen wilden Eindruck. Siedeln wir dieses Motiv im Außen an, so ist es Ausdruck von aufgewühlter See und bedrohlichen Stürmen. Sehen wir es als eine Charakterisierung innerer Zustände des umherirrenden Holländers, so artikuliert sich höchste Aufgeregtheit, vielleicht panische Angst. Dieses „Holländer-Motiv“ kann folglich ein „Motiv der Übererregung“ genannt werden.
Notenbeispiel Nr. 1: „Holländer-Motiv“
(„Motiv der Übererregung“)
Auf diese aufgeregte Klangfigur folgt ein absolut ruhiges, weiches und leises Motiv, das ein Gefühl der Entspannung vermittelt. Dieses Motiv ist das Kernstück von Sentas Ballade und wird demgemäß als „Senta-Motiv“ bezeichnet. Diese unaufgeregte, weich dahinfließende Motivgestalt hat zugleich etwas Festes. Die Abwärtsbewegung von der Terz zum Grundton ist wie ein Hinabsteigen auf ein festes Plateau. Es folgt ein kurzes Taumeln, das aber sofort aufgefangen wird und in einem angenehm-harmonischen Aufschwung zur Quinte endet, wo sich das Geschehen beruhigt und befestigt. Wir treffen also erneut auf die Quinte aus dem „Holländer-Motiv“, die hier aber kein SOS-Signal mehr ist, sondern etwas, das zur Ruhe gelegt wird. Auch der Sekundvorhalt ertönt, aber nun nicht mehr alarmierend, sondern weich, schmiegsam, besänftigend. Das „Senta-Motiv“ kann deshalb ein „Motiv der Ruhe“ genannt werden.
Notenbeispiel Nr. 2: „Senta-Motiv“
(„Motiv der Ruhe“)
Wagner hat in seiner Schrift (1851) das „Senta-Motiv“ als Keimzelle der ganzen Oper bezeichnet. In der Tat scheinen die wichtigsten Chor- und Gesangsnummern aus diesem Motiv heraus entwickelt worden zu sein.
1. Aufzug
Beim Öffnen des Vorhangs werden wir Zeuge, wie der norwegische Kapitän Daland in Erwartung heftiger Stürme sein Schiff in einer geschützten Bucht vor Anker gehen lässt. Während die Mannschaft unter lauten Gesängen die Segel einholt und das Schiff fest vertäut, geht Kapitän Daland an Land. Kapitän und Mannschaft sind einerseits froh, dem bedrohlichen Sturm entronnen zu sein, andrerseits wären sie natürlich gern auf direktem Weg in den Heimathafen, den „sichren Port“ gesegelt, anstatt in dieser fremden Bucht einen erzwungenen Zwischenhalt einzulegen.
Daland ()
Kein Zweifel! Sieben Meilen fort
Trieb uns der Sturm vom sichren Port.
So nah dem Ziel nach langer Fahrt,
war mir der Streich noch aufgespart!
Auf Dalands Frage, wie es an Bord steht, ruft ihm der Steuermann zu: „Gut Kapitän! Wir haben sich’ren Grund“. Wieder an Bord gewährt Daland seinen Leuten die verdiente Ruhe.
Daland
He, Bursche! Lange wart ihr wach, –
zur Ruhe denn! Mir ist nicht bang.
Nun, Steuermann, die Wache nimmst du wohl für mich?
Gefahr ist nicht, doch gut ist’s, wenn du wachst.
Steuermann
Seid ohne Sorg! Schlaft ruhig, Kapitän!
Der Steuermann macht die Schiffsrunde, doch mit der markig vorgetragenen Bereitschaft zur Wachsamkeit ist es nicht weit her. Mit einem sehnsüchtigen Strophenlied, in welchem er den Südwind auffordert, ihn zu seiner Liebsten zu wehen, macht er sich selbst müde und singt sich in den Schlaf. Der eingängige Refrain lautet in der ersten Strophe:
Steuermann
Mein Mädel, wenn nicht Südwind wär,
ich nimmer wohl käm zu dir;
ach, lieber Südwind, blas noch mehr!
Mein Mädel verlangt nach mir.
Hohoja! Hallohoho! Jollohohoho! Heho!
Mannschaft, Kapitän, wie auch Steuermann, alle wiegen sich in Sicherheit und träumen von der Liebsten in der Heimat.
Doch kaum haben sich alle zur Ruhe gelegt, wird das Schiff von einer mächtigen Woge ergriffen und ordentlich durchgerüttelt. Merkwürdigerweise wird dies von niemandem bemerkt. Die Erschütterung ist von einem lautlos herannahenden Schiff mit schwarzen Masten und blutroten Segeln ausgelöst worden, dem Schiff des „Fliegenden Holländers“. Kaum haben die fremden Ankömmlinge die schützende Bucht erreicht, wird unter lautem Getöse der Anker in den Grund gerammt. Auch dies wird von Dalands Mannschaft nicht zur Kenntnis genommen. Der eingenickte Steuermann schaut nur kurz auf, wird aber sogleich wieder vom wohligen Schlaf übermannt.
In der Bühnenanweisung heißt es: „
Dort singt er die folgende Arie, in der er sein schweres Schicksal beklagt:
Arie
Holländer
Die Frist ist um, … und abermals verstrichen
sind sieben Jahr … voll Überdruß wirft...




