E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Oberhoff Klänge einer Trauma-Wunde
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-2627-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Madrigale des Carlo Gesualdo
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7578-2627-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Musik des Carlo Gesualdo (1566-1613) hat den Autor bereits in jungen Jahren fasziniert und auf Grund ihrer ungewöhnlichen Harmonik in Staunen versetzt. Bei dem Bemühen, diesem Rätselhaften auf die Spur zu kommen, war die Entdeckung einer traumatischen Verwundung des Komponisten in der Kindheit wegweisend. Diesem Trauma hat Gesualdo in seinen Madrigalen in Text und Musik Ausdruck verliehen, sodass die 6 Madrigalbücher als ein klingendes Lehrbuch über Trauma, Traumafolgesymptome und Traumaheilung betrachtet werden können, was nicht nur beeindruckend, sondern vermutlich einzigartig in der Musikgeschichte ist.
Bernd Oberhoff, PD Dr. phil.,Diplom-Psychologe, Gruppenanalytiker, Gastprofessor und Privatdozent für Soziale Therapie an der Universität Kassel, langjähriger Leiter zweier Kammerchöre, Autor zahlreicher Bücher im Feld psychodynamischer und spiritueller Musikforschung. Weitere Informationen zum Autor unter www.bernd-oberhoff.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kap I
Die Entdeckung der Kindheit in den Künsten der Renaissance
Die mittelalterliche Malerei kannte die Kindheit nicht. Sie hielt sie zumindest nicht für interessant genug, um sie zur Darstellung zu bringen. Das lag wohl auch daran, dass die Erlebniswelt des frühen Kindes für die Menschen des Mittelalters eine terra incognita war. Man verstand diese kleinen sprachlosen Wesen nicht, die eher einem Tier als einem Menschen ähnelten. So meint etwa der Theologe Berulle: „Der Säuglingszustand ist der niedrigste und gemeinste Zustand der menschlichen Natur, nach dem des Todes“ (zit.n. Marcard 1994, S. 28). Säuglinge wurden nicht selten als böse und sündhaft hingestellt, und es bestand hier und da die Vorstellung, dass ein bei der Taufe schreiendes Kind den Teufel herauslasse. Und so diente die Taufe u.a. auch der Teufelsaustreibung. Wer nicht zu dieser extremen Auffassung neigte, war zumindest der Ansicht, dass das Schreien eines Säuglings bedeute, dass er eine Sünde begehe. Solche Ansichten verdeutlichen, dass man diesen kleinen Wesen hilflos, ja gleichgültig gegenüberstand, da man an ihnen etwas Wesentliches vermisste: das Vernünftige und Verständige, durch das sich nach allgemeiner Meinung menschliche Wesen auszeichnen. Kinder mussten erst einmal durch eine strenge Erziehung zur Vernunft erzogen werden. Bevor dieser Zustand nicht erreicht war, gehörten sie nicht wirklich als vollwertige Mitglieder zur Familie. Diese Gleichgültigkeit gegenüber der kindlichen Erlebniswelt hatte natürlich auch damit zu tun, dass es eine hohe Säuglingssterblichkeit gab. Zuviele starben. Daran hat sich auch in der frühen Neuzeit nichts geändert. Aber es setzte sich trotzdem mehr und mehr die Vorstellung durch, dass auch Kleinkinder eine vollständige menschliche Person sind. a) Die Entdeckung der Kindheit in der Malerei
Was es in der Malerei seit Ende des 14. Jahrhunderts gab, ist der Putto, das kleine nackte Kind, das höchstwahrscheinlich dem griechischen Eros (lateinisch: Amor) nachgebildet ist. In diesen allegorischen, anonymen und typisierten Darstellungen des kleinen Kindes mag man ein erstes auftauchendes Interesse an Kindern erblicken. Der Kunsthistoriker Walter Salmen teilt die Beobachtung mit, dass bereits während des 15. Jahrhunderts die Vorstellungen von musizierenden Engeln eine Wandlung ins Weltlich-Kindliche erfahren haben und führt als Beispiel eine Altarmalerei im Freiburger Münster an. Dort ist zu sehen: „Die einst Ehrfurcht, ‚tremendum’ gebietenden Gestalten aus dem Jenseits wurden aus der erhabenen Größe in die kindlich-niedliche Kleinheit irdischer Lebensverhältnisse herabgezogen. Aus den Repräsentanten und Garanten einer unerfahrbaren himmlischen Harmonie wurden Sänger und Instrumentalisten einer scheinhaft innerweltlichen Praxis. Aus Erzengeln wurden Kinderengel und Spielgefährten des Jesuskindes“ (Salmen 2002, S. 22). Salmen sieht in dieser „Verniedlichung“ eine Annäherung an die Sphäre des Weltlich-Kindlichen. Noch deutlicher wird dieses Interesse in der Malerei des ausgehenden 16. Jahrhundert. Hier trifft man auf Einzelportraits von Kindern. Das Kind wird nun allein und um seinetwillen dargestellt; man könnte auch sagen: Es wird als eine menschliche Persönlichkeit entdeckt. Die Familienportraits beginnen sich um das Kind herum zu organisieren, das vielfach zum Mittelpunkt des Gemäldes wird. Der Historiker Ariès (1971) hält diesen Wandel in der Malerei des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts für so bedeutsam, dass er hier von der „Entdeckung der Kindheit“ spricht. Das Gemälde des Niederländers Frans Hals „Drei Kinder mit Ziegenbock und Wagen“ (um 1620) vermag, als ein Beispiel, dieses erwachende Interesse zu verdeutlichen. Abb. 1: Frans Hals: „Drei Kinder mit Ziegenbock und Wagen“ (um 1620) Und wie sieht es mit der Musik aus? Gibt es auch in der Musik eine Entdeckung der Kindheit? b) Das Madrigal – Ein muttersprachlicher Gesang
Madrigale sind (überwiegend) fünfstimmige unbegleitete A-Capella-Gesänge, die aus wenigen gereimten Verszeilen bestehen und deren Aufführungszeit ca. 3 bis 5 Minuten umfasst. Die Texte erzählen von Liebe, meist von enttäuschter Liebe. Nach überlieferter Auffassung (Pirrotta 1960, Sp 1420) leitet sich der Begriff Madrigal „von matrix und cantus matricalis“ ab, was soviel heißt wie „muttersprachlicher Gesang“. Eine zweite mögliche Ableitung verweist auf den „cantus materialis“, im Sinne eines weltlichen, stofflich-sinnlichen Liedes. Weiter heißt es bei Pirrotta: „So soll (nach Biadene) der cantus matricalis ein Gesang in der Muttersprache (lingua materna) oder (nach Hall) ein Wiegendlied (ninna-nanna) gewesen sein.“ Welcher der beiden etymologischen Versionen wir auch folgen, wir stoßen in beiden Fällen auf das Stammwort „mater“, das eine unübersehbare Fährte zur Mutter legt und zwar, wie der zweite Herleitungsstrang verdeutlicht, nicht zur Mutter Gottes, sondern zur weltlichen, „stofflich-sinnlichen“ Mutter. „Muttersprachlicher Gesang“ und „Wiegenlied“ scheinen bedeutungsvolle Fährten zu sein, da sie gut zu dem zuvor erwähnten aufkommenden Interesse an der Kindheit in der Renaissancezeit passen. Und diese Fährte scheint uns offensichtlich in die ganz frühe Kindheit zurückzuführen mit den ihr eigenen spezifischen Themen und Erlebnisweisen. Die Gattung „Madrigal“ erlebt im 16. Jahrhundert eine wahre Blütezeit. Die Zahl der komponierten Madrigale geht ins Unermessliche. So sind z.B. allein von Philippe de Monte (1521-1603), der in Neapel, Wien und Prag wirkte, insgesamt 1100 Madrigale überliefert. Von Giaches de Wert (1535-1596) existieren insgesamt zwölf umfangreiche Madrigalsammlungen, von Monteverdi (1567-1643) neun „libri di madrigali“. Das erste Buch vierstimmiger Madrigale von Arcadelt (1505-1603) erlebte bis zum Jahre 1554 insgesamt 36 Auflagen. Der Musikwissenschaftler Hartmut Schick wagt eine grobe Schätzung des Umfangs an Madrigalvertonungen in dieser Zeit. Danach „dürfte sich die Zahl der noch im 16. Jahrhundert gedruckten Madrigale in einer Größenordnung von 30.000 bewegen“ (Schick 1998, S. 14). Von Carlo Gesualdo sind 6 Madrigalbücher mit insgesamt 125 Madrigalen auf uns übergekommen, mit denen wir uns in diesem Buch befassen werden. Wie mag der Säugling den „cantus matricalis“, den „muttersprachlichen Gesang“ erlebt haben? In seinem Beitrag „Lyrik als Muttersprache“ nimmt Walter Schönau Bezug auf die besondere Art und Weise, wie der Säugling die Stimme und die Sprache der Mutter erlebt, die sich deutlich von dem unterscheidet, wie wir als erwachsene Personen Stimmen wahrnehmen. Schönau führt aus: „Was in der sprachlichen Kommunikation Erwachsener Nebensache oder irrelevant ist, alle nonverbalen Begleitungserscheinungen des Sprechens in Stimmbeugung und Körpersprache, das war in der präverbalen Phase die Hauptsache. Nicht was gesagt wurde, sondern dass etwas gesagt wurde und wie es gesagt wurde, war wichtig. Die Stimme der Mutter, ihr Timbre, die Satzmelodie, die Stimmhöhe und das Sprechtempo waren Ausdruck ihrer Beziehung zum Kinde. Die Stimme der Mutter sprach nicht über ihre Stimmung, sie war ihre Stimmung. Die Wärme oder Kälte ihrer Stimme war (semiotisch formuliert) ein Index ihrer Einstellung zum Kind. Das Kind verstand, kurzum, die sprachlichen Zeichen noch nicht als semantische Symbole, aber reagierte wohl darauf als emotionale Symptome, als spontane Zeichen der Liebe, der Beruhigung, des Ärgers oder der Erregung“ (Schönau 2003, S. 34). Schönau versteht also das Wort „Muttersprache“ in seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich als das Sprechen der Mutter zu ihrem neugeborenen Kind. Das ist die wahre Muttersprache. Und dieses Sprechen der Mutter hat noch nichts mit der Übermittlung von Sachinformationen zu tun. Das Sprechen der Mutter geschieht zwar mittels Worten, aber an diesen Worten interessieren den Säugling nicht deren Bedeutungen, sondern zunächst einmal ausschließlich deren sinnlich-affektive Eigenschaften: „Man könnte sagen, dass die Mutter Worte äußert, das Kind aber keine Worte wahrnimmt, sondern in Klang, Rhythmus etc. getaucht wird...“ (Loewald 1986, S. 173). Das Kind erfährt das Sprechen der Mutter wie Musik, wie einen mütterlichen Gesang, der ihm die gefühlsmäßige Haltung dieser so wichtigen Person übermittelt. Ist damit nicht bereits eine charakteristische Qualität des Madrigalgesangs benannt, der durch seine weiche „Dolcezza“ das Gefühl einer liebevollen mütterlichen Ansprache vermittelt? Walter Schönau sieht in der Kunstform der Lyrik eine Möglichkeit, im Erwachsenenalter mit dieser frühen Muttersprache, dieser „musica antica“, wieder in Kontakt zu kommen: „Es ist anzunehmen, dass die ... präverbale Erfahrung der Sprache nicht spurlos untergegangen ist und dass sie in unserem...




