E-Book, Deutsch, 520 Seiten
Oberender CHANGES
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95749-402-3
Verlag: Theater der Zeit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Berliner Festspiele 2012–2021. Formate, Digitalkultur, Identitätspolitik, Immersion, Nachhaltigkeit
E-Book, Deutsch, 520 Seiten
ISBN: 978-3-95749-402-3
Verlag: Theater der Zeit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Oberender, 1966 in Jena geboren, ist seit 2012 Intendant der Berliner Festspiele. Zuvor war er von 2006 bis 2011 Schauspieldirektor bei den Salzburger Festspielen. 2005/06 war er Chefdramaturg und Co-Direktor am Schauspielhaus Zürich, von 2000 bis 2005 leitender Dramaturg und Mitglied der künstlerischen Direktion am Schauspielhaus Bochum unter Matthias Hartmann. 1988 bis 2000 lebte Oberender schon einmal in Berlin, wo er 1999 an der Humboldt Universität promovierte. 1997 war er Mitbegründer der Autorenvereinigung Theater Neuen Typs, die sich der Verbreitung neuer Theatertexte deutschsprachiger Autoren widmete. Er schrieb und übersetzte Theaterstücke, Essays, Theater- und Literaturkritiken, realisierte Projekte für die Expo 2000, die Ruhrtriennale 2004 und 2005 die Kulturhauptstadt Europa Ruhr 2010. Er veröffentlichte mehrere Bücher u.a. 'Leben auf Probe. Wie die Bühne zur Welt wird' (2009), 'Das schöne Fräulein Unbekannt. Gespräche über Theater, Kunst und Lebenszeit' (2011).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ch-ch-ch-ch-changes
von Thomas Oberender/ Seite 7
Neue Formate – Formate des Neuen
von Thomas Oberender / Seite 21
Die klanglichen Extreme des MaerzMusik-Festivals
von Alex Ross / Seite 49
36 Punkte zum maßlosen Schaffen unserer Werke
von Signa Köstler / Seite 52
William Kentridge im Gespräch
von William Kentridge und Christiane Peitz / Seite 55
Die Ausstellung als Film ohne Kamera
von Thomas Oberender, Emanuele Coccia und Philippe Parreno / Seite 61
"Museen haben eine friedensstiftende Qualität"
von Gabriela Walde / Seite 68
Zehn Jahre Editionen der Berliner Festspiele
von Christina Tilmann / Seite 70
Kultur des Digitalen
von Thomas Oberender / Seite 77
Unsichtbare Kräfte: Maschinen, Menschen, Utopien
von Frank Schirrmacher / Seite 81
Exorzismus
von Susanne Kennedy / Seite 87
System Everything
von Stephan Schwingeler/ Seite 92
The Art of Realtime
von David OReilly / Seite 95
Gegenstimmen
von Thomas Oberender / Seite 99
Decolonizing Time
von Donna Haraway / Seite 107
Heimat ist nicht immer die Antwort
von Naika Foroutan / Seite 109
"Ich wollte das Bild ändern"
von Thomas Oberender und Gabriele Stötzer / Seite 112
Das Chaos der Selbstrevolte
von Sivan Ben Yishai / Seite 123
Klangliche Kompassnadeln in schlechten Zeiten!
von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung / Seite 127
Kein einzelnes Wesen sein
von Robert Maharajh / Seite 135
Making Kin – Verwandtschaften schaffen
von Stephanie Rosenthal/ Seite 141
Angekommen im Niemandsland
von Jens Bisky / Seite 144
"Alle Botschaften meinten auch immer mich"
von Lucien Strauch / Seite 147
Welten ohne Außen
von Thomas Oberender und Nancy Pettinicchio / Seite 152
Mind in the Cave
von Markus Selg/ Seite 162
Eine mögliche Wunde aufreißen
von Bastian Zimmermann, Rebecca Saunders und Ed Atkins / Seite 166
Unendliche Musik
von Thomas Oberender und Brian Eno / Seite 173
Maßnahmen für die Mitwelt
von Diana Palm / Seite 188
Tino Sehgal im Gespräch
von Tino Sehgal, Christiane Fricke, Susanne Schreiber, Petra Schwarz und Bernd Ziesemer/ Seite 188
Staging Gaia. Bühne, Klima und Bewusstseinswandel
von Thomas Oberender, Bruno Latour und Frédérique Aït-Touati / Seite 194
Biografie einer Institution / Seite 449
Everything Is Just for a While
von Jeroen Versteele und Thilo Fischer/ Seite 457
70 Jahre Berliner Festspiele / Seite 460
Chronik 2012–2021 / Seite 475
Publikationen der Berliner Festspiele / Seite 506
Mitarbeiter*innen 2021 / Seite 514
NEUE FORMATE – FORMATE DES NEUEN
Thomas Oberender
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Das Wort Format löst in der deutschen Sprache mehrere Assoziationen aus: Zum einen denkt man an genormte Größen oder Zustände. Durch das Formatieren werden Daten oder Datenträger im Bereich der digitalen Technologien nutzbar gemacht. Formatieren heißt hier Überschreiben. Umgangssprachlich kennt man auch unterschiedliche Buchformate – womit in der Regel Heftgrößen gemeint sind, Bucharten wie Softcover oder Hardcover. In der Medienbranche sind Formate bestimmte Produktsorten – also eine Talkshow im Unterschied zu einer Nachrichtensendung. All diesen Wortverwendungen gemein ist, dass Formate eine Art von Behältnis erzeugen, eine genormte, vordefinierte Rahmung, die diverse Werke aufnehmen kann. Gesehen wird in der Regel das Werk, nicht das Format. Aber das Format sorgt in hohem Maße dafür, wie das Werk „gelesen“ wird – ist es eine Aufführung oder eher eine Installation? Formate sind Ordnungsprinzipien, die selber zur Form werden. Sie erzeugen ein Display, das eine Grundaussage trifft: Es vermittelt unausgesprochen, dass es sich zum Beispiel um Nachrichten oder eine Castingshow handelt, allein durch die Form, in der Inhalte aufbereitet werden. Die Inhalte selbst, all die diversen Beiträge, Filme, Stücke, Texte, werden durch das Format hingegen nicht fixiert, sondern es muss sich für diese so flexibel wie möglich zeigen, ohne seine eigenen Prämissen zu verraten. Denn was sich innerhalb der Formate versammelt, kann sich jederzeit ändern, das Format als solches ändert sich hingegen nicht.
Werk – Format – Programm
Wenn nachfolgend von Ausstellungen, Aufführungen, Festivals, Themenreihen und anderen Veranstaltungsformen die Rede ist, besitzen diese eine große Nähe zu dem, was hier als „Format“ beschrieben wird. Formate sind Mittel. Sie werden benutzt, um übergeordnete Programme zu strukturieren, die sich aus einer Vielzahl von Formaten zusammensetzen, die ihrerseits eine Vielzahl von Werken präsentieren. Ein ganz normales Fernsehprogramm besteht aus einer Abfolge diverser Formate, die zum Beispiel eine Magazinsendung, ein bestimmtes Spielfilmformat, eine Nachrichten- oder Sportsendung sein können. Jedes dieser Formate zeigt im Laufe der Zeit wiederum verschiedenste Werke, die einander im Laufe eines Abends oder von Wochen und Monaten ablösen. All die unterschiedlichen Formate zusammen ergeben das Programm, und ähnlich ist es bei Theatern und Konzerthäusern mit ihren Aufführungen, Matineen, Publikumsgesprächen, Führungen und Festen. Formate erzeugen also „Territorien“, die bespielt werden, und wer sie wie bespielt, wird von den Werken her gedacht und oft von den Interessen der Institutionen bestimmt.
Wer Formate „lesen“ kann, auch die klassischen, unsichtbaren, erkennt oft komplexe politische und ästhetische Verhältnisse, und zwar nicht, indem er über die Werke und Programme spricht, sondern über diese Erfindungen eines „Dazwischen“, eines Kitts zwischen den Werken, der das Verbindende erzeugt und ihren Zusammenhalt schafft. Kompliziert und interessant wird das Verhältnis zwischen Werk und Format aber vor allem dadurch, dass gut erfundene Formate selber den Charakter von Werken annehmen können. Umgekehrt agieren heute aber auch viele Künstler*innen auf eine eher kuratorische Weise und begreifen ihr jeweiliges Werk als ein Format, als ein von ihnen umrissenes Spielfeld unterschiedlicher Akteur*innen, die sie ermächtigen, in diesem Rahmen mit ihrer eigenen Geschichte und Form vernehmbar zu werden.
Formate sind Beziehungsformen. Ihre Essenz ist das Beziehungsdesign zwischen Werk und Publikum. Sie reduzieren die Unerschöpflichkeit von gesellschaftlichen Themen und künstlerischen Formen, indem sie nicht definieren, worum es geht, sondern es geht. Diese Regel ist die DNA des Formats. Programme sind wiederum die Container für diese Formate. Für Programmgestalter*innen sind die Formate ein Mittel, um einen Mix an Perspektiven und Werkformen herzustellen, der die Intention oder die Signatur eines Programms möglichst lebendig und vielfältig definiert. So stellen die Programmverantwortlichen in der gleichen Weise Regeln für die Formate auf, wie Formate Regeln für diverse Werke definieren. Jede*r Autor*in kennt dieses Spiel in der Begegnung mit den Redaktionen von Sendern, Zeitungen oder Theatern, in denen die Programmwächter „Dramaturg*innen“ heißen und die Hüter*innen der Formate sind. Sie stutzen daher oft die Werke auf die Grundsätze der Formate zurecht, wo hingegen die Programmleiter*innen die Formate der Redakteur*innen verändern. Diese Framing-Hierarchien erzeugen „Inhalt“ schlicht durch die Definition des Formats. Dessen Implikationen auf die Auswahl und Sichtweise auf Themen werden oft gar nicht explizit definiert, sondern ergeben sich durch die strukturellen Guidelines der Formate „wie von selbst“.
Das Ausstellungs- und Festivalprojekt „Down to Earth“ ist dafür ein Beispiel. Die Spielregeln des Formats lauteten: keine Flugreisen, Offenlegung aller Verbräuche und Herkünfte der verwendeten Ressourcen und keine Verwendung von Strom in der Ausstellung – was erhebliche Konsequenzen für die eingeladenen, oft schon länger bestehenden und tourenden Arbeiten hatte. Statt elektrischem Licht wurde mit Tageslicht und farbigen Vorhängen vor den Fenstern der Südseite des Gropius Baus gearbeitet. Statt Mikrofone und Lautsprecher zu verwenden, wurden die Gesangspartien des Stücks von François Chaignaud und Marie-Pierre Brébant live musiziert und die Publikumsplatzierung darauf abgestimmt. Musik aus dem Laptop wurde ersetzt durch die Auftritte von Musiker*innen ( von Claire Vivianne Sobottke), und elektronische Effekte wurden von analogen Instrumenten übernommen ( von Meg Stuart / Damaged Goods). Das Format „Ohne Strom“ hat, vor allem im Hinblick auf den Versuch, die Klimaanlage auszuschalten und entsprechende Verträge mit Versicherern und Leihgeber*innen zu schließen, viele Fragen und Grundsatzprobleme aufgeworfen. Aber trotz allem erwies sich genau diese Spielregel tatsächlich als inspirierend und konstruktiv und gab einigen der eingeladenen Künstler*innen Impulse für weitere „analoge“ Arbeiten.
Wir können von einem „Spiel von unten“ in unseren Institutionen sprechen, wenn Autor*innen mit neuen Vorschlägen und Regelübertretungen auf der Ebene von Werken in Erscheinung treten. Hingegen ist das „Spiel von oben“ eines der Einhegung und des Framings. Wobei das interessante Spiel vielleicht jenes ist, das kein „oben“ und „unten“ kennt, sondern nur Erkenntnisgewinn, Dringlichkeit und weiche Kriterien wie Schönheit, Qualität, Wahrhaftigkeit oder Problemrelevanz. Hier stellt sich auch die Frage nach institutioneller Macht und Hierarchien. Die Arbeit am Format ist ohne Zweifel eine Begegnung mit der Macht von Institutionen – und sie unterscheidet sich von der Begegnung mit dem Publikum, das seinerseits auch ein Machtfaktor ist.
Was ist die Erfindung einer Wetter-App im Vergleich zur Erfindung des Formats der mobilen Anwendungssoftware „App“? Den meisten geschriebenen Werken gelingt eine lange Lebensdauer, weil sie, wie Theaterstücke, Choreografien oder Kompositionen und...




