E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Ecco Verlag
Oates Das Unerwartete
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7530-0072-5
Verlag: Ecco Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen | | Einfühlsam und messerscharf beweist Oates, weshalb sie eine der bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart ist
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0072-5
Verlag: Ecco Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine etablierte Schriftstellerin kehrt in ihren Heimatort zurück und fragt sich, was hätte sein können, wenn sie nie gegangen wäre. Eine Attentäterin denkt über die Schwere ihrer Tat nach. Eine Professorin fühlt eine starke Verbindung zu ihrer Studentin und löst in ihr weitreichende Veränderungen aus.
»Das Unerwartete« ist eine prägnante Vision alternativer Realitäten, eine Sammlung, die über die Zwänge nachdenkt, denen wir alle aufgrund der Umstände unserer Geburt und unseres Temperaments ausgesetzt sind, und die den konkurrierenden Druck und die Erwartungen insbesondere an Frauen untersucht. Fein abgestimmt auf die Nuancen unseres sozialen und psychischen Selbst demonstriert Joyce Carol Oates, warum sie nach wie vor eine unserer berühmtesten und wichtigsten Literatinnen ist.
Joyce Carol Oates wurde 1938 in Lockport, New York, geboren. Sie zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihre zahlreichen Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem National Book Award. 2019 erhielt sie den Jerusalem Prize. Joyce Carol Oates lebt in Princeton, New Jersey, wo sie Literatur unterrichtet.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das (andere) Du
Eine Buchhandlung gekauft. Hauptsächlich Secondhandbücher.
Nie herausgekommen aus deiner Heimatstadt am Eriekanal im Norden von New York.
Nie herausgewollt, weil? – du hier Familie hast, Verwandte. Freunde aus der Highschoolzeit. Ein Haus gefunden hast, nur drei Straßen von dem Haus entfernt, in dem du aufgewachsen bist.
Tatsache ist, du hast das Stipendium, das du für ein Entkommen gebraucht hättest, nicht erhalten.
Also hast du, als du mit dem Community College fertig warst, geheiratet. Den Ersten, den du zu lieben glaubtest, und den Ersten natürlich, der dich zu lieben behauptete. Und ihr, du und dein Mann, habt South Main Books gekauft, wo du als Schulkind fasziniert so viele Stunden verbracht hast.
Der betagte Eigentümer hatte bei seinem Tod eine Unmenge gebrauchter Bücher hinterlassen. Wasserfleckig, angeschmutzt. Bei Bränden angesengt. Haufenweise Bücher, auf Metallregalen aufgereiht und mit Etiketten in Druckschrift – KRIMI, SCIENCE-FICTION, UNTERHALTUNG, KLASSIKER, GESCHICHTE, MILITÄRGESCHICHTE, RATGEBER, KINDERLITERATUR – versehen. Schwankende Bücherstalagmiten, die vom Boden in die Höhe wuchsen, noch gesichtet und einsortiert werden mussten. Und im höhlenartigen Untergeschoss ein riesiger Friedhof von Taschenbüchern, die in Abfallbehältern vor sich hin schimmelten.
Trotzdem gab es Liebe an so einem Ort. Ein Universum der Bücher. Ein Universum der Menschen. Außer dass Bücher, im Gegensatz zu Menschen, Bestand hatten. Ein Buch konnte man in der Hand halten, wie man einen Menschen nicht in der Hand halten konnte. Die Seiten eines Buchs konnte man umblättern – man konnte lesen.
Beim Lesen trat man in eine andere Zeit ein, in die Zeit des Buchs, zwangsläufig eine Zeit, die bereits vergangen war – eine Parallelzeit. Es fühlte sich an, als täte man etwas Subversives, Heimliches – wie Träumen, nur dass es der Traum eines anderen war, nicht der eigene. Man konnte eins werden mit den Sätzen, die wie ein schmaler Wasserlauf über Steine flossen – sich kräuselnd, durchsichtig. Man konnte eins werden mit dem Fremden, der das Buch geschrieben hatte und der nicht du war.
Du hast mit großen Augen geschaut, gebannt. Denn auf den Rücken der Bücher, selbst der billigsten Taschenbücher, war jeweils ein Name aufgedruckt.
Ein Buch ist etwas, was man in der Hand hält. Was ein Buch ist, lässt sich nicht so leicht fassen.
Alle haben vorausgesagt, du würdest im ersten Jahr pleitegehen. Dann haben sie dir zwei Jahre gegeben. Drei Jahre? Fünf? Abwarten.
Wenn du morgens die Hintertür von South Main Books aufschließt, sieht du jedes Mal in den Schatten die Geistergestalt des Mädchens, das die Seiten eines Buchs umblättert – dich erschrocken anschaut, noch während es sich verflüchtigt.
Ja. Ich liebe Bücher. Sie lesen, nicht schreiben. Ich wollte nie Schriftstellerin sein, das überlasse ich anderen, die mutiger und unbekümmerter sind.
Tatsache ist, du wolltest Schriftstellerin werden, so lange du zurückdenken kannst. Eine Dichterin. Geschichten erzählen. Du wolltest deinen Namen auf einem Buchrücken sehen.
Du wolltest dieses Buch dann in den Händen halten. Wolltest es aufschlagen, zu den ersten Seiten blättern … Nur ich konnte das geschrieben haben. Hier ist mein wahres Ich!
Als du anfingst, konntest du noch nicht einmal lesen. Du fingst mit Buntstiften an, mit Ausmalbüchern. Deine Lieblingsfarben bei den Malkreiden waren gebrannte Umbra, Scharlachrot, Violett. Du fingst damit an, dass du Comics aus der Zeitung mit der Hand auf Pauspapier nachgezogen hast. In der Grundschule hast du dir Märchen ausgedacht und sie illustriert.
Geschichten von sprechenden Tieren. Geschichten über Weltraumreisen. Über Werwölfe und Vampire. Schauergeschichten in der Nachfolge von Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft. In der Mittelschule komplizierte Kriminalgeschichten in der Nachfolge von Ellery Queen.
Du hast Gedichte und selbst erdachte Geschichten in Schülerzeitungen veröffentlicht. In der Lokalzeitung, in der es am Sonntag immer eine Lyrikkolumne gab. Schon in jungen Jahren hast du in diesen verführerischen Abgrund geblickt, und der Abgrund hat zurückgeblickt. Tief in dich hinein.
Dein Herz machte stets einen Sprung beim Anblick des Schaufensters, in dem sich schimmernd das Licht spiegelte, dahinter die ausliegenden Bücher. SOUTH MAIN BOOKS NEU- UND GEBRAUCHTARTIKEL. SCHAUEN SIE SICH UNVERBINDLICH UM.
Nach dem Kauf der Buchhandlung hast du nie wieder eine Zeile geschrieben. Keine Zeit! – hast du gesagt. Der Tag hat nicht genug Stunden.
Vielleicht war es ja ein Fehler, du hast es eingeräumt. Eine (schwächelnde) Buchhandlung kaufen. In einer (schwächelnden) Konjunktur. Wie Kinder bekommen, was du (auch) hast. Wie heiraten (dito). Vielleicht ist es ein Fehler, aber du möchtest es probieren, möchtest wissen, wie das ist; wenn man jung ist, glaubt man, man hätte noch genügend Zeit, seine Meinung zu ändern. Glaubt man.
Nicht eine Gedichtzeile geschrieben. Seit Jahren nicht.
Ach – die Poesie floss aus dir heraus, wie Wildblumen aus den (leeren) Augenhöhlen eines Schädels im Wald sprießen. Gedichtzeilen, strahlend wie Regentropfen. Schmelzende Eiszapfen. Der hohe Triller eines Vogels. Wie die Liebe, ein Mysterium. Wie das Wort Mysterium selbst – so nahe an Misere. Sich verlieben, die Liebe verlieren. Und sich erneut verlieben. Alles mit demselben Mann, der in einer Heizkörperfabrik in Niagara Falls arbeiten musste, damit du deine gottverdammte Buchhandlung (wie er mit liebevoller Gereiztheit immer sagte) haben konntest, deine erste Liebe.
Bergeweise Bücher, es waren so viele. Eine Planierraupe müsste her, um im Keller Ordnung zu schaffen. Man müsste eine Gasmaske tragen bei den vielen Pilzsporen. Scherzte Gerard.
(Nur: Scherze, gibt es so was? Was bedeutet Lachen insgeheim?)
Einmal im Herbst hast du die Innenräume frisch gestrichen: taubenblau. Die Decke cremeweiß, ordentlich. Schimmernde Sonnen, Monde und Sterne aus gehämmertem Zinn an der (dreieinhalb Meter hohen) Decke. Porträts klassischer Schriftsteller und Dichter an den Wänden: Virginia Woolf, James Joyce, Franz Kafka, Ernest Hemingway, Robert Frost, Emily Dickinson, Walt Whitman. Die alten Götter, die gedankenverloren auf dich herabblicken, gütig. Du hast einheimische Künstler eingeladen, ihre Werke an deinen Wänden auszustellen. Plastiken im Schaufenster.
Du warst täglich bis 18 : 00 Uhr ständig im Laden. Nach Gerards Tod hattest du donnerstags und freitags noch länger geöffnet, es gab ja keinen Grund, schnell nach Hause zu gehen. Du hast Dichterlesungen im Laden eingeführt, vor Highschoolschülern, dem Community College.
Du hast Kaffee ausgeschenkt. Kekse, Brownies, selbst gebacken nachts, wenn du sowieso nicht schlafen konntest, das leere Haus, kein Mann, keine Kinder, noch Stunden hin, bevor es Sinn hatte, die gottverdammte Buchhandlung zu öffnen, und wenn du es dann getan hast, war dein Laden der erste, der in der Main Street aufhatte.
In den Wintermonaten Lampen eingeschaltet. Plötzliche Wärme von Licht in der Düsternis. Die geisterhafte Mädchengestalt, beim Abwenden überrascht, hält ein Buch umklammert, das kein Erwachsener sie hätte sehen lassen, wenn er es gewusst hätte …
Mit vierundvierzig hast du es schließlich gewagt, eigene Verse vorzulesen. Zum Abschluss eines der Dichtung von Frauen gewidmeten Abends. Eine bereits veröffentlichte Dichterin vom Community College, einige andere einheimische Dichterinnen, dann du, die sich zögernd erhebt und mit leiser Stimme hastig aus einem Bündel getippter Gedichte vorträgt. Der Applaus ließ dich zusammenfahren, verängstigt sahst du mit großen Augen auf.
Warst du nackt, zur Schau gestellt? Warum, wieso hast du das getan?
Deine Kunden, deine Freunde. Nachbarn. Erstaunt, dass du Gedichte geschrieben hast. Erstaunt, dass du all die Jahre als Erwachsene so getarnt unter ihnen gelebt hast. Sie applaudieren dir, die Augen leuchtend vor Zuneigung zu dir. Die Buchhandlung (wieder) zum Leben erweckt, dieser Mittelpunkt einer lose verbundenen Gruppe von Frauen und Männern im Herzen der aussterbenden Stadtmitte von Yewville, da überrascht es vielleicht nicht, dass du, die den Kunden jahrelang Gedichtbände ans Herz gelegt hat, dich auch als Dichterin entpuppst.
Die Frauen umarmen dich, vergießen deinetwegen Tränen. Wie tapfer du seit Gerards Tod gewesen bist! Den Laden offengehalten, allein. Die viele Arbeit, die du hineingesteckt hast, allein. Sie machen zu viel Aufhebens um dich, denkst du beklommen. Freunde eben.
Aber jetzt kann nichts mehr passieren. Deine Eltern leben nicht mehr. Dein Ehemann ist gestorben. Deine Kinder, die nicht aus Yewville weggezogen sind, kommen nur selten in den Laden zu ihrer peinlichen Mutter mit dem grauen Pferdeschwanz in Overall und einem T-Shirt, auf dem das Porträt einer leicht dämonischen Emily Dickinson prangt.
Zu spät für Poesie, für den langen Atem, den man für Gedichte braucht, die Buchhandlung ist jetzt dein Leben. Was von deinem Leben bleibt. Nicht die Absicht, dich zur Ruhe zu setzen – niemals.
...



