Nygaard | Falscher Kurs | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

Nygaard Falscher Kurs

Hinterm Deich Krimi
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-552-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Hinterm Deich Krimi

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

ISBN: 978-3-96041-552-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Lüder Lüders allein zwischen den Fronten. Mitten in der Büsumer Fußgängerzone wird ein Staatsanwalt kaltblütig erstochen. Ein terroristischer Akt? Diese Frage versetzt die Menschen in Angst und die Behörden in Aufregung. Die Suche nach dem Täter führt Lüder Lüders vom Kieler LKA bis nach Thüringen, wo das Opfer tätig war. Doch die dortigen Behörden verweigern die Zusammenarbeit. Lüders, der seine eigenen Schlussfolgerungen zieht, begibt sich auf einen gefährlichen Alleingang...

Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. 1949 in Hamburg geboren, hat er sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Hannes Nygaard lebt auf der Insel Nordstrand.
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ZWEI


Die Luft in dem kargen Raum war zum Schneiden. Zu viele Menschen drängten sich in den engen Sitzreihen. Gefühlt Hunderte von Augenpaaren hatten den Blick nach vorn gerichtet und folgten den Ausführungen des Referenten. Rhetorisch perfekt, mit feinem, hintersinnigem Humor, trug er sein Thema vor. Die Sympathien des Auditoriums hatte der schlaksige junge Mann mit der Glatze und dem Ohrring bei der Vorstellung gewonnen.

»Das ›f‹ am Ende des Namens hat unsere Familie sich redlich erworben. Das war ein mühsames Unterfangen«, hatte er gesagt. Magnus von Dummsdorff hieß er. Die Leichtigkeit, mit der er sein profundes Wissen vortrug, sprach dem Namen Hohn. Hatten zunächst noch einige der Zuhörer gelächelt, war das einer konzentrierten Aufmerksamkeit gewichen.

Von Dummsdorff war eingeladen worden, ein Referat über die historischen Wurzeln der Konflikte unter den Arabern vorzutragen, die den Menschen im Nahen Osten Leid und Elend bescherten und die von dort in andere Teile der Welt exportiert wurden. Die Auswirkungen hatten lange schon die sogenannte westliche Welt erreicht, sei es durch Terrorakte, die sie mit in Geiselhaft nahmen, oder durch die wachsende Migration der Menschen, die dem Leiden entfliehen wollten. Eine Antwort auf die Frage, wie sich Flucht vor Krieg und Elend von Asyltourismus abgrenzen ließ, war nicht einfach zu finden.

Von Dummsdorff war nicht angetreten, der offenen Diskussion eine weitere Meinung anzuheften. Er war Historiker und beleuchtete auf sachlicher Basis die Entwicklung in diesem Teil der Welt, wo über viele Jahrhunderte im Osmanischen Reich relativ friedlich Religionen und Ethnien nebeneinander existiert hatten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts schufen die Kolonialmächte, allen voran England und Frankreich, das bis heute herrschende Durcheinander, indem sie auf dem Reißbrett Grenzen zogen und willkürlich Staaten schufen, deren Bewohner keinen Bezug zueinander fanden. Mit der Installation willfähriger Herrscher, die wie Marionetten den Interessen der Europäer folgten, wurden die Gegensätze geboren, die die Welt heute in Atem hielten.

»Auf ›Völker‹ wurde keine Rücksicht genommen«, sagte von Dummsdorff und stützte sich lässig auf das Rednerpult. »Nehmen Sie zum Beispiel die Kurden. Die tauchen in mehreren Nationalstaaten auf. Immer als Minderheit.« Er lächelte hintergründig. »So wie die Bayern. Sunniten und Schiiten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Bei uns sind die Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten ausgeräumt. Na ja.« Der Referent legte eine Kunstpause ein und zwinkerte mit dem rechten Auge. »Bis auf ein paar Dörfer im tiefsten Bayern.« Er wedelte mit der Hand in der Luft. »Nun glauben Sie nicht, ich hätte etwas gegen die Lederhosendeutschen. Im Unterschied zu den Sunniten und Schiiten fühlen sich die Bayern als gemeinsame Staatsbürger mit uns. Wenn eine Minderheit die Mehrheit unterdrückt und sie nicht an die Fleischtöpfe heranlässt, ist der Konflikt vorprogrammiert. Die Ehemänner wissen, wovon ich rede. Die Herrschenden haben es verstanden, ihre Macht durch Unterdrückung und Willkür auszubauen. Und nun«, so von Dummsdorff, »sind wir auch einbezogen, eben durch …«

In diesem Moment wurde die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf ein lautes Entengeschnatter gelenkt. Der Referent unterbrach irritiert seinen Vortrag. Die Köpfe der Leute reckten sich und drehten sich zu einem Mann mit blondem Wuschelkopf um, dessen Hand suchend in die Hosentasche gefahren war und mit dem Smartphone wieder auftauchte.

»Wer sonst, wenn nicht Lüders«, rief jemand aus dem Publikum. Alle lachten. Kriminalrat Dr. Lüder Lüders stand auf, ließ ein lautes »Entschuldigung« hören und zwängte sich durch die Stuhlreihen zum Ausgang des Vortragssaals im Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. Er musste sich noch eine spöttische Anmerkung von Dummsdorff gefallen lassen: »Wer immer erreichbar ist, gehört zu den Dienstboten.«

Lüder verließ, verfolgt von den Blicken der Anwesenden, den Saal und nahm das Gespräch entgegen.

»Ich komme«, sagte er knapp und kehrte in den Raum zurück. Von Dummsdorff hatte gerade angesetzt, seinen Vortrag fortzusetzen, und seine Körpersprache verriet, dass er ungehalten war, als Lüder erst winkte und dann rief: »Jens!« Der Angesprochene reagierte nicht. Lüder wiederholte die Aufforderung lauter und drängender, bis sich Kriminaldirektor Dr. Starke erhob und zu ihm an die Seitenlinie kam.

»Was ist denn?«, fragte der braun gebrannte Dr. Starke, der – wie immer – in einer tadellos sitzenden Kombination steckte und zum Hemd eine passende Krawatte trug.

»Ein Terroranschlag in Büsum«, sagte Lüder knapp und eilte davon.

Der Abteilungsleiter hatte Mühe, ihm zu folgen. Sie liefen zu ihren Büros. Während Lüder seine Sachen zusammenklaubte und sich kurz darauf im Hof einfand, wo er ungeduldig von den Männern des SEK erwartet wurde, würde der Leiter der Abteilung 3, des Polizeilichen Staatsschutzes, im Lagezentrum des Landeskriminalamts eine »Besondere Aufgabenorganisation« aktivieren, die nach festgelegten und geübten Verfahrensvorgaben aufeinander abgestimmte spezialisierte Tätigkeiten aufnehmen würde. Dazu gehörten neben der Koordination der bereits angelaufenen Einsätze der lokalen Polizeibehörden auch die Steuerung des Einsatzes des SEK und die Öffentlichkeitsarbeit. Kaum hatte Lüder sich in die erste schwarze Limousine mit den abgedunkelten Scheiben gequetscht, beschleunigten die Wagen und preschten vom Hof des Kieler Polizeizentrums Eichhof.

Die Fahrzeuge waren mit Blaulicht und Martinshorn ausgestattet und durften die Sonderrechte der Straßenverkehrsordnung anwenden. Im Unterschied zu den Einsatzfahrzeugen von Polizei und Rettungsdiensten waren sie äußerlich aber nicht als solche zu erkennen und wurden deshalb von manchen Autofahrern weder wahr- noch ernst genommen. Das erforderte von den Fahrern zusätzliches Können.

Der Einsatzleiter des SEK hatte den Lautsprecher auf Mithören geschaltet, sodass sie den Dialog mit der Leitstelle verfolgen konnten. Zunächst liefen unterschiedliche Meldungen auf, die ein diffuses Bild ergaben. In der stark frequentierten Fußgängerzone, so kristallisierte sich heraus, hatte eine Frau mit Gesichtsschleier und einem traditionellen Gewand mit einem Messer wahllos auf verschiedene Passanten eingestochen. Es gab mehrere Opfer, Tote und Verletzte. Zur Anzahl der Täter lagen unterschiedliche Angaben vor.

Kurz nach Eingang der Meldung in der Elmshorner Leitstelle West wurden die örtlichen Polizeidienststellen und die Rettungswachen in Büsum und Heide informiert. Der örtliche Streifenwagen war als Erster vor Ort und übernahm die Nahsicherung und Erkundung. Um die Erstversorgung der Verletzten kümmerten sich die nach und nach eintreffenden Rettungskräfte und Notärzte. Die beiden Beamten aus Büsum erhielten Verstärkung durch das Heider Revier. Außerdem waren Einsatzkräfte von der Itzehoer Direktion unterwegs. Auf Lüders Nachfrage wurde ihm bestätigt, dass auch das Kommissariat 1, die »Mordkommission«, unter der Leitung von Hauptkommissar Schwelm, auf dem Weg nach Büsum war.

Die Landespolizei Schleswig-Holstein verfügte über keine eigenen Hubschrauber. Bei Bedarf forderte man Unterstützung durch die Hubschrauberstaffel der Bundespolizei bei Bad Bramstedt an. Heute näherte sich das SEK dem Einsatzort auf dem Landweg. Die Fahrer verfügten über eine spezielle Ausbildung. Trotz der Sonderrechte und des Drucks, der auf ihnen lastete, hatte Lüder nie den Eindruck, die Männer würden leichtsinnig handeln, die Gesetze der Fahrphysik missachten oder unbeteiligte Dritte gefährden. Lüder spürte die Anspannung der Männer in ihren schweren Schutzanzügen. Sein Nachbar, ein Oberkommissar, kaute konzentriert auf der Unterlippe. Lüder schätzte den Mann mit der Statur eines Leistungssportlers auf Anfang dreißig.

»Nervös?«, fragte er ihn.

Der Beamte schüttelte den Kopf. »Beim SEK weiß man nie, was einen vor Ort erwartet. Natürlich ist man vollgepumpt mit Adrenalin. Die Ungewissheit ist da. Das lässt sich nicht leugnen. Es ist aber nicht das Abenteuer. Wer so etwas sucht, ist falsch bei dieser Einheit. Natürlich ist man voller Anspannung. Aber dafür sind wir trainiert.«

Als sie nach fünfzig Minuten in Büsum eintrafen, wimmelte es in der Fußgängerzone von Einsatzfahrzeugen. Die freiwillige Feuerwehr hatte den Tatort weiträumig abgesperrt. Vereinzelt standen Menschengruppen herum und sprachen leise miteinander. Die Fassungslosigkeit war allen ins Gesicht geschrieben. Eine solche Tat raubt den Menschen die Worte. Es ist wie ein zusätzlicher Keulenschlag, wenn so etwas in der eigenen Umgebung geschieht.

Bis zur Ankunft hatten sich die Meldungen dahin gehend verdichtet, dass es ein oder zwei Täter, darunter eine Frau, waren, die das Verbrechen verübt hatten. Die Täter hatten dabei mit Messern zugestochen. Schusswaffen waren nicht benutzt worden. Man hatte die umliegenden Geschäfte evakuiert, weil nicht sicher war, ob nicht irgendwo Sprengsätze deponiert waren. Es war eine nicht unübliche Taktik, durch ein Verbrechen Leute und Hilfskräfte an einen Ort zu locken, um dann, nachdem die Helfer dort in größerer Zahl versammelt waren, einen Sprengkörper zu zünden und einen Anschlag noch verheerenderen Ausmaßes herbeizuführen. Es schien so, als seien die Täter nach dem Anschlag geflüchtet. Dazu gab es unterschiedliche Aussagen.

Die SEK-Beamten gingen gleich nach der Ankunft ihren Aufgaben nach. Mitten auf der Straße hatte man einen Sichtschutz aufgebaut. Ein Streifenpolizist hinderte Lüder daran, sich zu nähern.

»Ein Toter«, erklärte der...


Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. 1949 in Hamburg geboren, hat er sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Hannes Nygaard lebt auf der Insel Nordstrand.



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