E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Nunn Tal des Schweigens. Ein Fall für Emmanuel Cooper
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95988-030-5
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95988-030-5
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Südafrika 1953: An einem frühen Oktobermorgen erhält Detective Emmanuel Cooper zu nachtschlafender Stunde einen Anruf: Sein Chef schickt ihn in die Drakensberge, um einen anonym gemeldeten Todesfall zu untersuchen. Zulu-Detective Shabalala soll ihn als Übersetzer und Fährtenleser begleiten. Vielleicht kann dieser Fall die beiden in Ungnade gefallenen Kriminalermittler rehabilitieren? Wie aufgebahrt liegt ein junges Mädchen auf dem abgelegenen Felsplateau. Aber woran starb Amahle, die Tochter des Zulu-Chiefs? Wer hat Blumen über sie gestreut und ihren Leichnam vor Raubtieren beschützt? Cooper und Shabalala treffen überall auf Dünkel und Argwohn. Jeder im Tal scheint Dreck am Stecken zu haben. Und je tiefer Emmanuel bohrt, desto grimmiger wird das Schweigen, das ihm entgegenschlägt. Bis jemand erneut zu Gewalt greift. »Tal des Schweigens« wurde für den Edgar Award nominiert und stand auf der Top Ten von Publishers Weekly, auf der Shortlist für den Anthony Award sowie für den Ned Kelly Award. »Ein Roman voll der Rhythmen, Gerüche und Farben Afrikas: Malla Nunn ist eine wunderbare Erzählerin. Ein in jeder Hinsicht großartiges Buch!« Deon Meyer »Eine rundum fesselnde und mitreißende Lektüre ... akkurat und gesättigt mit der Stimmung der 1950er Jahre in Südafrika.« Mike Nicol
Malla Nunn wurde in Swasiland geboren und eingeschult, doch in den 1970ern emigrierte ihre Familie nach Australien, um der Apartheid zu entgehen. Dort graduierte Malla Nunn in Englisch und Geschichte, ging dann in die USA und machte einen Abschluss in Theaterwissenschaften. Sie schuf als Drehbuchautorin drei preisgekrönte Dokumentarfilme, darunter Servant of The Ancestors. Malla Nunn heiratete in traditioneller Swasi-Zeremonie, ihr Brautpreis waren 18 Kühe. 2009 erschien ihr literarisches Debüt A Beautiful Place to Die, der Beginn des mehrfach ausgezeichneten Krimizyklus um Detective Sergeant Emmanuel Cooper. Tal des Schweigens [Silent Valley (Australien) bzw. Blessed are the Dead (USA, GB)] ist der dritte Roman dieser Serie. Der vierte wird ebenfalls in der eBook-Version bei uns erscheinen (2016). Malla Nunn lebt und arbeitet in Sydney.
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1
Ein Zuluhirtenjunge wanderte schnell den Trampelpfad bergan, den knochigen Oberkörper nach vorn gelehnt, um das steile Gefälle des Berghangs auszugleichen. Das rhythmische Stapfen seiner nackten Füße auf dem unebenen Grund trat Steine los und wirbelte roten Staub in die Luft. »Höher, ma’ Baas.« Der Junge klang entschuldigend, besorgt, den weißen Polizisten in dem feinen blauen Anzug mit gegen die Sonne tief ins Gesicht gezogenem schwarzem Hut zu überlasten. »Wir müssen höher steigen.« »Ich bin unmittelbar hinter dir«, sagte Emmanuel. »Geh einfach weiter.« Das gleichmäßige Schritttempo war nichts verglichen mit dem Ausbildungscamp der Army oder den drei Jahren im Einsatz, als er im Krieg über die Schlachtfelder Europas marschiert war. Detective Constable Samuel Shabalala von der Native Detective Branch folgte direkt hinter ihm, und der Rhythmus seines nahen Atems spornte Emmanuel an. »Bald, ma’ Baas«, versprach der Junge. »Bald.« »Ich bin dicht bei dir«, sagte Emmanuel. Die Toten waren geduldig. Für sie war Ewigkeit dehnbar, und Zeit bedeutete nichts. Für Polizeiermittler jedoch war Zeit alles. Je schneller der Tatort aufgespürt und in allen Einzelheiten dokumentiert war, desto größer die Chance, den Mörder zu fangen. Der Hirtenjunge blieb plötzlich stehen und schlüpfte dann seitwärts in das üppige Gras, das den Pfad säumte. »Da lang, ma’ Baas.« Er zeigte mit einem dürren Finger bergan. Der Pfad schlängelte sich um einen ins Gras gebetteten riesigen Sandsteinbrocken herum. »Ihr müsst um den Felsen gehen und weiter hoch.« Der Junge wollte nichts zu tun haben mit dem, was dahinter lag. »Meinen Dank«, sagte Emmanuel, wandte sich um und blickte zurück. Er sah den Pfad, auf dem sie vom Grunde des Kamberg Valley heraufgewandert waren, sah drüben in der Ferne das Gebirge aufragen. Hinter den Gipfeln türmten sich Wolken aufeinander. Die bronzefarbenen Bergspitzen, manche mit Schnee bestäubt, sahen aus wie Festungen für Götter. Es gab auf der ganzen Erde nichts, was den Drakensbergen glich. »Wohin, Sergeant?«, fragte Shabalala, als er an Emmanuels Seite stand. »Um die Biegung da vorn«, sagte Emmanuel. »Unser Führer ist ausgeschieden.« Sie gingen weiter, umrundeten langsam den Felsblock. Drei Zulumänner, die traditionellen Kuhfelle über bedruckten Baumwollhemden, standen Schulter an Schulter auf dem schmalen Pfad, blockierten ihn. In den Händen hielten sie Knüppel aus Hartholz und Assegais, mit Rohleder umflochtene Jagdspeere mit scharfen Klingen. Zusammen bildeten sie ein Impi, eine Kampfeinheit. Der größte der Männer stand in der Mitte. »Vorschläge?«, fragte Emmanuel Shabalala. Die Zulus erweckten nicht im Geringsten den Eindruck, als hätten sie vor, den Pfad freizugeben. Auch militärische Niederwerfungen durch die britische Armee und Burenkommandos hatten sie nicht einschüchtern können. Sie standen da wie ihre Vorfahren vor hundert Jahren: furchtlose Herren ihres Landes. »Sollten wir nicht besser auf die Ortspolizei warten?«, fragte Shabalala. Weit unter ihnen, auf der anderen Seite des smaragdgrünen Talstreifens, lag das Städtchen Roselet, die nächstmögliche Quelle für Verstärkung durch andere Ordnungshüter. »Es kann Stunden dauern, ehe der Revierkommandant meine Nachricht erhält«, sagte Emmanuel und bezog sich auf den handgeschriebenen Zettel, den er vor einer Stunde an die Tür des geschlossenen Polizeireviers geheftet hatte. Auch in dem kleinen Sandsteinwohnhaus auf dem angrenzenden Grundstück hatten sie niemanden angetroffen. »Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren.« »Dann müssen wir zusammen gehen. Langsam. Mit offenen Händen, so.« Shabalala hob beide Hände und zeigte den Zulus leere Handflächen. Die Geste war schlicht, universell. Sie besagte: Keine Waffen. Keine bösen Absichten. Emmanuel tat es ihm nach. »Jetzt müssen wir warten«, sagte Shabalala. »Nicht wegschauen, Sergeant.« Sonnenschein gleißte auf den geschliffenen Speerspitzen der Krieger. Diese Waffen waren keine staubigen Antiquitäten aus Großvaters Hütte. Auch die Männer selbst waren keineswegs Relikte. Sie waren hochgewachsen und muskulös. Ein Leben lang diese Berge hochzurennen und Wild zu jagen hatte ihnen ihre Tödlichkeit bewahrt, nahm Emmanuel an. »Das würde mir nie einfallen«, sagte er. »Wer seid ihr?«, fragte der Mann in der Mitte auf Zulu. Er war der älteste der drei. »Sawubona, Inkosi. Ich bin Detective Constable Samuel Shabalala von der Native Detective Branch. Dieser ist Detective Sergeant Cooper, der oberste aller Polizeiermittler aus Durban.« »Yebo, sawubona.« Emmanuel sprach die traditionelle Begrüßung. Seine jähe Beförderung zum Oberboss stellte er nicht in Frage. Wenn Shabalala glaubte, dass sie erhöhten Status brauchten, um hier weiterzukommen, traf das wahrscheinlich zu. »Cooper. Shabalala. Wir sehen euch.« Der Älteste nickte eine Begrüßung, lächelte jedoch nicht. »Kommt. Das erstgeborene Kind der Schwester meines Vaters wartet.« Emmanuel versuchte nicht, die Verbindung zu entwirren. Zulus hatten keinen Stammbaum, sie hatten riesige Familiennetze. Die Männer wandten sich um und liefen in Formation den Hang hinauf, die Waffen sicher in entspannten Händen, die ihr Gewicht gewohnt waren. »Nach dir«, sagte Emmanuel zu Shabalala. Der Zulu-Detective trug die Standarduniform der Detective Branch, einen Anzug mit polierten Lederschuhen und einem schwarzen Fedora, doch die Hügel und das wilde Buschland waren der Spielplatz seiner Kindheit gewesen. Er kannte dieses Land und seine Leute. Sie stiegen noch etwa zwei Minuten lang den steilen Hang hinauf. Ein schauriges, tiefes Klagen ertönte, schwoll an, erhob sich über die Baumwipfel, dann klang es wieder ab. »Was ist das?«, fragte Emmanuel, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. »Die Frauen.« Sparsame Worte, knapp, doch zugleich auch voller Schwermut. Shabalala war dieser Klang vertraut. Die Zulus blieben stehen und deuteten mit ihren Assegais auf eine Felsenfeige, die beinahe horizontal aus einer zerklüfteten Felsformation wuchs. Der Klang war jetzt eindeutig: weibliche Stimmen, die in der Wildnis wehklagten und heulten. »Sie warten«, sagte der ältere Zulu. Wieder überließ Emmanuel Shabalala die Führung. Ein paar Schritte neben dem Pfad dünnte das hohe Gras und Buschwerk aus, und eine Gruppe Frauen wurde sichtbar. Sie saßen im Kreis und wiegten sich vor und zurück. Wie ein Wachtposten breitete die Felsenfeige ihre Äste über sie. Emmanuel zögerte. Ein Schritt näher, und die Trauer würde ihn umschlingen, ihn rückwärts ziehen in eine Zeit und an einen Punkt in seinem eigenen Leben, den er lieber vergessen wollte. »Sergeant«, drängte Shabalala leise, und Emmanuel schritt weiter. Er hatte dieses Leben unter Verwundeten und Toten selbst gewählt. Mit den Lebenden umzugehen gehörte zwingend zu seinen Aufgaben. »Sie ist hier, Inkosi.« Eine der Frauen rutschte zur Seite, um eine Lücke im Kreis zu öffnen, durch die Emmanuel sich der Leiche nähern konnte. Im frischen Frühlingsgras lag ein schwarzes Mädchen und starrte hinauf in den sanften blauen Himmel mit den Silhouetten durch die Luft sausender Vögel. Ihr Kopf ruhte auf einer zusammengerollten Schottenkaro-Decke. Winzige rote und gelbe Wildblumen waren über sie und den Boden verstreut. Drei oder vier der Blüten waren in ihren leicht geöffneten Mund gefallen. »Wir müssen näher heran«, sagte Emmanuel zu Shabalala, und mit gesenkter Stimme gab der Zulu-Detective das Anliegen weiter. Die Frauen lösten den Kreis auf, versammelten sich aber dafür unter den Zweigen einer nahen Dornenakazie. Ihr Klagen verebbte und wich gedämpften, heruntergeschluckten Schluchzern. »Hibo …«, flüsterte Shabalala, als sie zu beiden Seiten des Mädchens in die Hocke gingen. Dies war keine wilde Messerstecherei, kein aus dem Ruder gelaufener Familienkrach, nichts, worauf sie sich gefasst gemacht hatten, als Colonel van Niekerk sie für diesen Fall abstellte. »Ja, ich weiß.« Emmanuel musterte das Opfer. Sie war jung, vielleicht siebzehn Jahre alt, und wunderschön. Hohe Wangenknochen, anmutig geschwungene Brauen und volle Lippen: Züge, die sich bis ins hohe Alter erhalten hätten. Vorbei. Alles, was blieb, war die Ahnung, was hätte sein können. »Keine Spuren eines Kampfes«, bemerkte er. Die Fingernägel des Mädchens waren wohlgeformt und unbeschädigt. Die Haut an ihren Handgelenken, ihrem Hals und ihren Oberarmen wirkte unberührt. »Wenn ihre Augen zu wären, würde ich sagen, sie schläft.« »Ja«, stimmte Shabalala zu. »Aber sie ist nicht hierher gelaufen, Sergeant. Jemand hat sie hergebracht. Man sieht es an ihren Füßen.« Emmanuel beugte sich vor, um besser sehen zu können. Schmutz und abgerissene Grashalme klebten an ihren rauhäutigen Fersen und schlanken Knöcheln. »Sie wurde hergeschleift und dann zurechtgelegt.« »Das denke ich«, sagte Shabalala. Unter normalen Umständen, mit einer Holzbarrikade rings um den Tatort und ein paar uniformierten Beamten auf Posten, hätte Emmanuel jetzt den Ausschnitt des Kleides beiseitegeschoben, um Schultern und Achselhöhlen nach Blutergüssen abzusuchen. Schamgefühl bereitete den Toten keine Sorgen, nie mehr. Doch die Anwesenheit der versammelten Zulufrauen hinderte ihn daran, und so zog er Notizbuch und Stift aus seiner Jackentasche. Zu Shabalala...




