E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Novak Brood
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-455-17078-8
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-455-17078-8
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chase Novak ist das Pseudonym für Scott Spencer. Spencer, geboren 1945 in Washington, D.C., gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren und war bereits zweimal für den National Book Award nominiert. Zuletzt erschien von ihm Breed (2013).
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für Celeste [...]
PROLOG
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EPILOG
DANKSAGUNG DES AUTORS
Über Chase Novak
Impressum
Skipper-Books
1
»Wissen Sie, was ich immer sage?«, verkündet Arthur Glassman, während er Cynthia am Ellenbogen durch die hallenden Flure des Vormundschaftsgerichts im Zentrum von Manhattan führt. »Wenn das Leben dir Zitronen serviert, musst du sagen: ›Hör mal, Leben! Von den verfluchten Zitronen hab ich jetzt genug.‹« Er ist ein korpulenter Mann mit einem breiten Lächeln und einem teuren Duft – das Lächeln hat ihn etwa hunderttausend Dollar gekostet, der Duft kostet 315 Dollar pro Flakon. Schöne Frauen machen ihn ganz verrückt, und Cynthia ist genau sein Typ. Sie hat glänzende dunkle Haare, die in der Mitte gescheitelt sind, einen üppigen Mund, einen langen Hals, breite Schultern, lange Beine. Wenn er mit seiner Frau auf einer Party ist und jemand wie Cynthia hereinkommt, versetzt Mrs. Glassman ihm einen Rippenstoß und sagt: »Guck mal, da ist eine für dich.« Früher war Arthur der Anwalt von Alex und Leslie Twisden, und jetzt ist er der von Cynthia, ohne dass man ihn richtig darum gebeten hätte. Er hat Cynthia ohne Honorar geholfen, die armen Zwillinge aus dem Fürsorgesystem herauszuholen und ihrer Tante ein für alle Mal das Sorgerecht zuzusprechen; jetzt stehen sie kurz vor dem Ziel, und er ist glücklich – falls ein Wort wie angebracht ist, um etwas zu beschreiben, das mit seiner Beziehung zu den verstorbenen Eltern der Zwillinge zu tun hat.
»Ob ich die beiden wohl gleich mit nach Hause nehmen kann?«, fragt Cynthia.
»Ich glaube, heute ist Ihr Tag, Cynthia. Und ich hoffe, inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass das makabre Interesse dieser Stadt an den Kindern verblasst ist und sie ein normales Leben führen können – falls man Teenager überhaupt als normal bezeichnen kann.« Er zwinkert, um zu zeigen, dass er das mehr oder weniger scherzhaft meint.
»Die beiden haben viel durchgemacht«, fährt Arthur fort. »In psychologischer Hinsicht natürlich. Der Verlust ihrer Eltern. Und wie sie wissen, leiden beide unter schweren Essstörungen. Sie waren oft im Krankenhaus.«
»Ich bin eine ausgezeichnete Köchin«, sagt Cynthia. »Wenn etwas Stabilität in das Leben der Kinder kommt, werden sie normal essen. Glaube ich wenigstens.«
»Das ist auch meine Theorie«, sagt Arthur und tätschelt ihr den Arm. »Ich glaube, sie haben das Essen nur deshalb verweigert, weil sie sonst keine Kontrolle über ihr Leben hatten. Alles andere lag schließlich nicht in ihren Händen.«
»Na, jedenfalls habe ich schon für ganz verschiedene Leute gekocht. Kinder können beim Essen ausgesprochen wählerisch sein, aber ich stehe ganz gern in der Küche. Eigentlich koche ich sogar mit Begeisterung.«
Arthur wirft einen Blick über die Schulter und lenkt Cynthia unvermittelt in einen leeren Gerichtssaal, der praktisch auf die beiden zu warten scheint. Hinter ihnen schließt sich mit leisem Fauchen die Tür.
»Es ist eine sehr komplizierte Situation, Cynthia, das sollte Ihnen voll und ganz bewusst sein. Die schreckliche Behandlung, die Alex und Ihre Schwester durchgemacht haben – die beiden waren nicht die einzigen, verstehen Sie? Viele wohlhabende Paare haben sich solchen Behandlungen unterzogen. Manchmal hat das gut geklappt, und manchmal …« Er spreizt seine weichen Hände, als wollte er Raum für das Unsagbare schaffen. »Ist komisch, oder? Geld kann Flügel verleihen, aber eventuell fliegt man dann irgendwohin, wo man nie hätte landen sollen.«
»Also haben andere Kinder denselben Horror erlebt wie Adam und Alice? Wollen Sie darauf hinaus?«
»Und manche von diesen Kindern sind immer noch am Leben. Darauf will ich hinaus. Nicht viele, aber doch ein paar. Nicht nur hier – an vielen Orten. Aber hier in New York gibt es sehr viele, weil …« Er lächelt sein teures Lächeln. »Bei uns sind die oberen Zehntausend eben besonders stark vertreten. Offen gesagt, würde ich mir wünschen, dass Sie Adam und Alice von hier wegbringen. Immerhin haben Sie wenigstens vor, den Namen Twisden aufzugeben – eine kluge Entscheidung, das wird das Gericht Ihnen bestätigen.«
»Sie klingen so, als ob alles schon entschieden wäre.«
»Oh, das ist es auch. Im Testament Ihrer Schwester steht eindeutig, dass die Kinder in Ihre Hände kommen sollen, und im Testament von Alex ist nichts hinsichtlich des Sorgerechts für Adam und Alice zu finden. Niemand hat sich gemeldet, um das Testament anzufechten, und die Stadt New York ist ausgesprochen froh, die finanziellen Verpflichtungen für die kleinen Waisen loszuwerden. Aus juristischer Sicht gibt es keine bessere Lösung. Die Zwillinge kommen zu ihrer Tante, und die Behörde kann damit aufhören, für ihren Unterhalt zu bezahlen, ab dem heutigen Tag. Übrigens, nur unter uns und dem Laternenpfahl, es gibt Leute in der Stadtverwaltung – sagen wir, in den höchsten Positionen, ja? –, die ein besonderes Interesse daran haben, dass diesen Kindern Gerechtigkeit widerfährt.«
»Und was ist mit dem Haus?«, fragt Cynthia. »Ist das auch schon entschieden?« Sie räuspert sich und wendet den Blick ab. Sie will nicht den Eindruck erwecken, übermäßiges Interesse an dem Stadthaus der Twisdens in der East 69th Street zu haben. Sie kennt seinen Schätzwert nicht, aber es muss sich um ein Vermögen handeln – trotz der Gerüchte um die schaurigen Taten, die dort begangen worden sind.
»Ach ja. Das Haus. Natürlich. Das Jugendamt hat es mit Kusshand genehmigt. Es ist bewundernswert, wie Sie es wieder auf Vordermann gebracht haben.«
»Waren Sie dort? Haben Sie es gesehen?«
Arthur schüttelt den Kopf. Er kann sich nicht vorstellen, je wieder einen Fuß in dieses Haus zu setzen.
»Es muss eine Menge gekostet haben«, sagt er.
»Stimmt. Es gibt Firmen, die auf so etwas spezialisiert sind. Allein schon die Reinigung hat fast hunderttausend Dollar gekostet. Ich musste einige ihrer Sachen verkaufen, um die Kosten zu decken.«
Arthur wirkt schockiert, als hätte sie gerade etwas gestanden, was die Vertraulichkeit zwischen Anwalt und Klient auf eine harte Probe stellt.
»Darüber will ich nichts hören, Cynthia.«
»Hatte ich denn eine andere Wahl? Das Haus war unbewohnbar.« Sie schaudert und schüttelt den Kopf bei der Erinnerung daran, wie sie einst nach diesem klassischen Stadthaus in Manhattan mit seinen eleganten Treppen, den Wandleuchtern, Tischen, Gemälden und Teppichen gegiert hat. Vieles davon verschwand, als das Leben von Leslie und Alex zunehmend außer Kontrolle geriet; die beiden haben allerhand verkauft (oft zu schockierend niedrigem Preis), und das meiste, was übrig war, hat den Alltag im Haus nicht überlebt.
»Ich mache mir Sorgen, weil die Kinder an diesen Ort zurückkehren«, sagt Arthur. »Aber andererseits ist es das einzige Heim, das sie je gekannt haben.«
»Sie werden ja nicht unter dem Namen Twisden dort wohnen«, erinnert Cynthia ihn. »Sie werden Kramer heißen. Und in ihre alte Schule gehen sie auch nicht mehr.«
»Na, warten wir mal ab, wie es läuft.«
Während sie durch die Flure des Gerichtsgebäudes gehen, wirkt es, als gäbe es niemanden, den Arthur nicht kennt, oder zumindest niemanden, den er sich nicht zu grüßen verpflichtet fühlt, entweder mit einem Nicken oder mit seinem bewährten Gruß: »Ach, sieh mal an, wer da kommt!«
Cynthia ist overdressed; sie sieht aus, als würde sie durch die Halle eines schicken Hotels schreiten statt durch die abgenutzten, chaotischen Flure der städtischen Justiz. Sie trägt Stöckelschuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, einen Bleistiftrock und ihre teuerste Satinbluse. Gestern hat sie Arthur am Telefon gefragt, wie sie sich für den Gerichtstermin kleiden solle, aber er hat sich über ihre Sorgen nur lustig gemacht.
»Hauptsache, Sie tragen keinen Umhang mit Kapuze«, hat er gesagt. »Oder einen von diesen Armreifen in Schlangenform, mit kleinen Rubinsplittern, die wie leuchtend rote Schlangenaugen aussehen. Ehrlich gesagt würde ich mir keine zu großen Sorgen machen. Sie sollten manche von den Leuten sehen, die das Gericht für geeignet hält, Kinder mit nach Hause zu nehmen. Mütter mit Tätowierungen! Wer hätte gedacht, dass wir je eine Zeit erleben, in der sich Mami eine Tarantel aufs Kreuz tätowieren lässt, während Papi Lidstrich trägt? Das ist eine ganz neue Welt da draußen, Cynthia.«
Mit dem prahlerischen Schwung eines Sheriffs, der den Saloon betritt, drückt Arthur die Schwingtür von Gerichtssaal 4 auf.
»Sie kommen zu spät, Mr. Glassman«, ruft die Gerichtsvorsitzende, als sie ihn bemerkt. Sie ist eine große, verwitterte Frau mit einer Stimme, die sich anhört wie die einer ketterauchenden Kanadagans. »Ich habe eine Verhandlung nach der anderen auf dem Zettel, da kann ich keine Verzögerungen gebrauchen, nicht heute.«
Während die beiden nach vorne gehen, wirft Cynthia einen Blick auf die Leute im Publikum. Viele von ihnen – eigentlich die meisten – sehen aus, als würden sie ihre Schuhe betrachten; Cynthia braucht einen Augenblick, um zu begreifen, dass sie alle verstohlen auf den Bildschirm ihrer glanzvolle Namen tragenden Smartphones starren, und das trotz der im ganzen Gerichtssaal angebrachten Hinweise, dass der Gebrauch von Mobiltelefonen verboten sei. An diesen Ort kommen Bittsteller in allen Schattierungen und Formaten, die eine große Stadt zu bieten hat; sie sitzen auf den Bänken einer Kirche, deren Bibel die Verfassung ist, und warten darauf, ein Testament anzufechten oder eine Adoption voranzutreiben. Irgendwie hat Arthur den Einfluss, den er im Laufe seiner langen Karriere erworben hat, geltend machen können, um Cynthias Sorgerechtsfall an oberste Stelle der...




