Novak Aufenthalt in einem irren Haus
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7317-6015-3
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gesammelte Prosa
E-Book, Deutsch, 342 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6015-3
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helga M. Novak wurde 1935 in Berlin-Köpenick geboren. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Wolf Biermann bezeichnete sie als 'größte Dichterin der DDR'. Sie starb im Dezember 2013. Ihre Bibliothek befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Durchreise
Die Empfangshalle ist aus Marmor. Ihre geviertelte Decke ist mit Vögeln, Blütenzweigen, Pfauen bemalt. Die Pfauen schlagen Rad. Von der Decke sehen leuchtende Pfauenaugen herab.
In die Wände der Halle sind hohe Spiegel eingelassen. Die verschnörkelten Rahmen sind vergoldet. Was die Spiegel zurückwerfen, scheint vergoldet.
Große, aus Zement gegossene Schalen stehen in den Ecken. Sie sind voll Sand. Rosa, hellbraune und weiße Zigarettenfilter ragen aus dem Sand.
In der Wand zur Straße drehen sich Ventilatoren. Dicke graue Staubflocken wehen herein und hinaus.
Der Boden ist mit weinrotem Teppich ausgelegt. Vom Eingang zum Empfangsbord ist der Flor abgetreten. Die Kettfäden aus Hanf schimmern durch.
Das Hotel steht in der Altstadt.
Ein Schwarm älterer Damen betritt die Halle. Sie schwatzen. Sie nicken dem Geschäftsführer zu. Sie lassen sich in der Sitzecke nieder. Sie legen ihre Hüte, ihre Handschuhe auf die Rauchtische und bieten einander Zigaretten an. Sie rauchen. Sie reden schnell durcheinander und lachen hoch.
Eine von ihnen kommt zu mir herüber, bietet mir eine Zigarette an, läßt die Gasflamme steil vor mir aufschießen. Sie trägt zwei Trauringe am rechten Ringfinger. Sie deutet auf die Ringe. Sie setzt sich. Sie sagt, wir sind keine Kinder von Traurigkeit. Sie lächelt. Sie sagt, Sie sind fremd hier. Ich sage, ich bin heute angekommen. Sie sagt, wie gefällt Ihnen unsere Stadt. Ich sage, es ist eine zauberhafte Stadt. Sie sagt, Sie sind goldig. Die Stadt steht Ihnen. Im Handumdrehen werden Sie hier heimisch sein. Es zu etwas bringen. Ich sage, ich bin allerdings nur. Sie sagt, einsam. Doch nirgends werden Sie in kurzer Zeit so viele Freunde finden wie hier.
Sie steht auf. Sie nickt munter. Sie geht zu den Damen.
Die Witwen zeigen jauchzend auf den Geschäftsführer, an die Decke, in die Spiegel, auf ihre Ohrringe, Broschen, Knöpfe, Schuhe. Sie zeigen in ihre Magen-, Leber-, Herz-, Nierengegenden. Sie plappern. Sie gebärden sich.
Eine andere Dame tritt zu mir. Sie bietet mir Konfekt an. Sie sagt, unsere Teestunde. Brauchen Sie ein Zimmer? Ich sage, nein, danke.
Sie lächelt. Sie geht in ihre Ecke zurück.
Die dritte Dame ist ernst.
Sie sagt, wieviel Studenten sind in der Universität eingeschrieben?
Ich sage, das weiß ich nicht.
Sie sagt, raten Sie mal.
Ich sage, ich kann es nicht erraten. Ich kenne die Universität nicht.
Sie sagt, schätzen Sie.
Ich sage, unmöglich. Mir fehlt jeder Anhaltspunkt.
Sie sagt, ich glaube Ihnen, deshalb sollen Sie raten. Nennen Sie irgendeine Zahl, ich sage dann Wasser oder Kohle oder Feuer.
Sie kichert.
Ich sage, meine Dame, ich habe keinerlei Beziehung zur hiesigen Universität.
Sie sieht mich verzeihend an. Sie ergreift meine Hand. Sie drückt sie. Sie fragt freundlich, unter einer Bedingung, daß sie sich nur auf der Durchreise befinden.
Gepäck
Wir haben kein Geld. Wir haben viel Gepäck. Alles, was wir besitzen, tragen wir in Koffern und Säcken verschnürt bei uns. Es sind fünf Gepäckstücke.
Wir kommen in einem Dorf an. Die Bürgermeisterei, die Kirche, ein Gasthaus mit Saal liegen eng beieinander.
Wir fragen nach Arbeit. Der Wirt sagt, wir haben selber Arbeitslose. Noch dazu Männer. Wir übernachten in dem Gasthaus. Das Zimmer ist billig. Es hat kalte Fliesen. Die Fliesen sind marineblau und torfrot gemustert. Das Zimmer hat einen Balkon. Der Balkon hängt über den Markt. Auf dem Markt wird angepriesen, gefeilscht, geschimpft, gelobt, alles angefaßt und berochen. Auf den Obstständen türmen sich rote, gelbe, grüne Pyramiden aus Früchten. Es riecht nach Kaffee. Die Pfanne in der Kaffeerösterei dreht sich. An langen Stangen werden enthäutete Lämmer vorübergetragen. Gerda und ich packen. Wir tragen das Gepäck in den Hof. Während ich hinaufgehe, um einen schweren Koffer zu holen, bewacht Gerda das Gepäck.
Ich komme mit dem schweren Koffer hinunter. Gerda ist weg. Ich rufe, Gerda, Gerda. Ich gehe noch einmal hinauf. Ich komme hinunter. Zwei Gepäckstücke sind verschwunden. Ich rufe. Ich suche. Ich gerate in die Menschenmenge auf dem Markt. Ich werde aufgehalten. Ich schreie. Ich drehe mich im Kreis. Ich kehre zurück. Es sind nur noch zwei Gepäckstücke da. Ich rufe. Ich weine. Ich heule. Gerda kommt. Sie lacht.
Ich sage, wo warst du?
Sie sagt, in der Küche, Bohnen brechen.
Ich sage, derweil haben sie uns das Letzte gestohlen.
Sie sagt, leider nicht.
Ich sage, aber die größten Stücke.
Sie sagt, wir hatten sowieso zu viel.
Ich sage, jetzt haben wir gar nichts mehr.
Sie sagt, wir haben allerhand gewonnen.
Ich sage, ich habe an dem Zeug gehangen.
Sie sagt, entweder irgendwohin gehören oder gar kein Gepäck haben.
Jetzt sind Gerda und der Wirt schon lange verheiratet. Sie haben mich adoptiert. Ich bewohne das Zimmer mit den marineblauen und torfroten Fliesen und dem Balkon, der über den Markt hängt.
Alter Hut
Es gibt amerikanische Kaninchen. Es gibt Ziegenbraten. Es gibt genug Limonade. Ich trinke Limonade.
Der ältere Herr, der an meinem Tisch sitzt, sagt, ich bin kein Tourist, ich bin Maler.
Ich trinke Limonade. Ich klebe am Tisch. Ich klebe am Stuhl. Ich döse.
Der Herr ißt Käse. Er sagt, gewöhnlich trinke ich Wasser zum Käse. Ich sage, ich hole Ihnen welches. Er sagt, lassen Sie mal, das mache ich schon. Die werden doch noch »Wasser« verstehen. Dimitri steht in der Tür. Der Herr tritt zu ihm und sagt, Wwass-sserr. Dimitri zieht die Schultern hoch. Er läßt die Mundwinkel fallen. Der Herr wiederholt, Wwass-sserr. Dimitri zieht die Schultern hoch.
Ich nehme ein Glas und gehe zum Wasserhahn. Ich stelle Wasser auf den Tisch.
Der Herr geht zum Rotamint und steckt Münzen in den Schlitz. Der Rotamint klappert. Der Herr zieht den Hebel herunter. Es klickt, rollert. Rote Karos leuchten auf. Der Herr sagt, zweimal zwanzig, da, zwei, sechs, sieben, wenn dasselbe kommt, ist es besser, ein Zweier, ein Einser, noch immer nichts.
Der Herr hat einen hellblauen Popelinanzug an. Ein Tropenhelm liegt auf dem Tisch. Er ist hart und mit Bandagen umwickelt. Er ist schwer. Er ist innen naß.
Indem er auf den Tropenhelm deutet, sagt der Herr, er ist aus dem zweiten Weltkrieg.
Ich nicke.
Der Herr sagt, ich habe keinen Schuß abgegeben.
Anna die Fünfte
Ich wohne bei Anna. Sie heißt Anna die Fünfte. Sie ist aus New York. Sie lebt von der Rocknrollzeit.
Anna die Fünfte hat Angst vor Bazillen. Sie sagt, spuck mir nicht die Bude voll, geh raus. Ich spucke nicht. Anna geht nach Hustensaft und Drops.
Anna rührt Öl mit Zitrone, Pfeffer und Salz ein. Sie taucht Brot hinein und saugt das Öl aus dem luftigen Brot. Sie trinkt Ziegenmilch. Anna die Fünfte raucht Haschisch. Sie stopft die harten Stengel in eine kurze Pfeife mit fingerhutgroßem Kopf. Ein Freund in Athen schickt Anna Haschisch. Anna wiegt sich und raucht. Es ist dunkel. Insekten stoßen an das Gazefenster. Anna sagt, wenn ich Uniformen sehe, muß ich kotzen, deshalb bin ich hier. Ich lache. Anna sagt, I know, it’s all over.
Morgens klopft die Nebelkrähe unsere schmutzigen Teller ab. Anna steht auf. Sie schwankt. Sie schlägt mit ihrem Handtuch nach Fliegen. Sie geht breitbeinig vor die Tür und verscheucht die Krähe. Sie schreit, stop that, you are killing me. Schaukelnd geht Anna nach Milch. Sie bringt Drops und Hustensaft mit.
Anna macht jeden Tag Feuer und kocht Kaffee. Beim Reisigbrechen zerkratzt sie sich die Fingerspitzen. Sie flucht. Anna die Fünfte knabbert Fingernägel. Anna hat keine Fingernägel.
Anna sitzt auf dem Fußboden. Sie zieht ein Bein dicht an den Bauch. Sie reißt mit der Pinzette Haare aus dem Bein. Ihre Zehen sind gespreizt. Sie hat kurze Beine. Jeden Tag reißt sie zwei Stunden lang Haare aus. Ihre Beine sind behaart. Ihre Arme sind dicht behaart. Ihre Stirn ist behaart. Sie hat keinen Bart auf der Oberlippe.
Anna die Fünfte ist auf zwei Schallplatten herausgekommen. Davon lebt sie. Sie hat die Musik vergessen. Ich sage, sing doch mal wie es war. Sie sagt, ich habe es vergessen. Anna studiert die Abrechnungen aus dem Verlag. Sie zählt Beträge zusammen. Auf der Stirn hat sie tiefe Falten. Vor den Falten hängt ein Pony. Anna kostet meinen Hustensaft und trinkt die Flasche halbleer. Sie kann nicht singen.
Anna trinkt Retzina. Sie trinkt Ouzo. Sie liebt den Tischler. Wenn der Tischler kommt, gehe ich in den Garten. Er sagt, jaschu Annula. Wenn er geht, ruft er in den Garten, jaschu Marijaki.
Anna schweigt. Alles kotzt Anna an. Anna haßt Ordnung. Anna haßt Dreck. Sie haßt Männer. Sie haßt Frauen. Sie haßt Amerikaner, besonders Chinesen. Sie haßt Autos, Flugzeuge, die Musikbox bei Dimitri, die Sonnenbrillenfabrik, Dynamos. Anna sagt, laß mich in Ruhe, ich habe keine Ahnung. Anna sagt Tao und meint Aspirin.
Anna geht nackend baden. Der Dorfpolizist will sie ausweisen. Sie hat Geld genug, sie darf bleiben. Sie wird nicht braun. Ihre Sommersprossen wachsen.
Wir gehen zu Dimitri Kaffee trinken. Anna steckt mehr Geld in die Musikbox als wir alle zusammen. Sie sagt, die Tänze sind nicht echt. Anna hat ihren Tonbandkoffer in der Tasche. Wir gehen nach Hause. Es ist mondhell. Unterwegs setzen wir uns mitten auf den Weg. Anna drückt auf eine Taste. Wir hören strawberry-fields. Wir rauchen. Anna verfolgt einen Junikäfer. Die Sohlen ihrer...




