E-Book, Deutsch, 266 Seiten
Noort Bonuskind
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95890-392-0
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 266 Seiten
ISBN: 978-3-95890-392-0
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Saskia Noort, geb. 1967, ist eine niederländische Krimi-Autorin, Journalistin und Kolumnistin. Sie studierte Journalismus und Theaterwissenschaft in Utrecht. Gleich ihre ersten beiden 2003 und 2009 erschienenen Kriminalromane waren höchst erfolgreich, wurden verfilmt sowie für den niederländischen Krimipreis 'Gouden Strop' nominiert. Seither gilt Noort als die 'niederländische Königin der Spannung'. Ihre Bücher erreichen regelmäßig Bestsellerauflagen und werden in viele Sprachen übersetzt. Noort hat einen Sohn und eine Tochter und lebt in Amsterdam.
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1.
Jeden Morgen wache ich davon auf, dass meine Mutter das Radio einschaltet. Sie kann Stille nicht leiden. Aber heute bleibt alles ruhig, das ist seltsam. Ich schaue auf mein Handy. 71 Nachrichten. Von ihr keine einzige. Dafür eine von Pap.
»Schlaf gut, liebe Liesie. Ich vermisse euch.«
Es ist neun Uhr, und mein Magen knurrt.
Sie geht natürlich mit Wammes Gassi.
Ich stehe auf, angle mit den Zehen nach meinen Tigerpantoffeln und schlüpfe in den Morgenmantel, ebenfalls Tigerdruck. Er knistert beim Tragen. Synthetisch wie Hölle.
Das Zimmer meines Bruders ist leer. Ich gehe hinunter ins Erdgeschoss. Luuk sitzt im Pyjama auf dem Sofa, Kopfhörer auf den Ohren und in der Hand seinen Game Boy. Er riecht nach Kuchen.
Ich nehme ihm die Kopfhörer ab.
»Mann, Lies, blöde Kuh!«
»Du bist so erbärmlich. Ist Mam mit Wammes spazieren?«
»Woher soll ich das wissen. Selber erbärmlich!«
Die Gardinen sind noch zugezogen. Auf dem Tisch neben ihrem Laptop sehe ich ein Glas Rotwein und einen Aschenbecher mit einer halb gerauchten Zigarette. Mam raucht schon seit Jahren nicht mehr. Behauptet sie wenigstens. Vielleicht hatte sie Besuch von jemandem. Aber dann stünden hier zwei Gläser. Ich höre Wammes, er springt gegen die Spülküchentür und kratzt. Ich befreie ihn und werde mit begeisterten Freudensprüngen und Fiepsern belohnt.
»Ja! Wo ist denn die Mama, hm?«
Wammes und ich gehen querfeldein. Ich trage Mams Jogginganzug, er lag am Fußende ihres Betts. Ich habe an den Kissen und am Betttuch gerochen, ob sie dort geschlafen hat. Ich glaube schon. Ich weiß nicht, ob ich mich gerade besonders anstelle. Das sagt sie oft: Stell dich nicht so an! Und dass ich zu viel Fantasie hätte. Wenn ich nachher nach Hause komme, ist der Tisch gedeckt und sie hat Croissants geholt. Oder vielleicht hat sie gestern irgendwann gesagt, sie müsste ganz früh arbeiten gehen, und ich hab’s vergessen. Aber ihr Auto steht vor dem Haus, und ihr Fahrrad lehnt am Zaun. Sehr weit weg kann sie nicht sein. Ich drücke ihre Nummer. Sie hebt nicht ab.
Es ist kalt, wolkenloser Himmel. Wammes springt und rennt und purzelt übers Gras. Er erledigt sein Geschäft zum Glück im Gebüsch, und ich schlendere mit der Hand in der Hosentasche und dem Telefon in der Hand weiter, obwohl mir das komisch vorkommt und ich mich frage, ob ich nicht Pap anrufen müsste. »Ich halte das für eine ganz schlechte Idee«, höre ich Mamas Stimme sagen. Sie und Pap hassen sich, auch wenn sie es nicht laut sagen. Laut sagen sie, dass sie einander nur Gutes wünschen, aber leider nicht in allen Dingen derselben Meinung sind; oder: dass sie den anderen nicht wirklich verstehen. Einmal hat Pap auch gesagt, meine Mutter zu heiraten sei der größte Irrtum seines Lebens gewesen. Später hat er es abgestritten.
»Sind Luuk und ich dann auch Irrtümer?«, hatte ich gefragt.
»Nein, natürlich nicht! Ihr beide seid das Beste, was mir je passiert ist.«
Das kam mir seltsam vor. Ich meine, wie kann man gleichzeitig ein Riesenirrtum und das Beste überhaupt sein. Das habe ich aber nicht laut ausgesprochen, denn von dieser Art von Gesprächen bekomme ich immer ein ungutes Gefühl. Deshalb rufe ich ihn auch nicht an: Ich will ihm keine Gelegenheit geben, über Mama herzuziehen.
Ich drücke noch mal ihre Nummer. Wahrscheinlich ist sie gerade mit irgendwas beschäftigt. Einer ihrer Patienten, die sie »Klienten« nennt, hat angerufen. Irgendein Notfall. Aber dann hätte sie einen Zettel hinterlassen oder uns eine Nachricht geschickt. Oder der Notfall war so groß, dass ihr dafür keine Zeit blieb. Ein Selbstmord, eine Psychose … Mamas Patienten sind verrückt. Sie selber ist auch verrückt. Ich höre die Stimme meines Vaters. Ich wünschte, das würde mal aufhören, dieses Gekeife in meinem Kopf.
Zu Hause ist sie nicht. Keine Croissants, kein Zettel. Ich stelle Wammes sein Futter hin und setze Teewasser auf. Frage Luuk, ob er einen Sandwichtoast möchte.
Ich schmiere Butter auf die alten Brotscheiben und belege sie mit Käse. War da nicht irgendein Geräusch heute Nacht? Der Fernseher, daran erinnere ich mich. In diesem Haus hört man jedes Geräusch. Wammes hatte kurz gebellt, und Mam rief von irgendwo, er solle die Klappe halten. Dass sie hoch kam, um mir einen Gutenachtkuss zu geben, kam mir seltsam vor. Ich bin kein Kind mehr. Sondern fünfzehn. Da wird man nicht mehr mit einem Gutenachtkuss schlafen gelegt. Mam sagte, dass ihr solche Regeln egal sind und dass ich es später nicht mehr seltsam finden, sondern sogar froh sein werde, diese Erinnerungen zu haben. Wieso sagt sie so was?
Luuk scheint völlig unbesorgt. Ich möchte, dass es so bleibt. Ich gebe ihm seinen Sandwichtoast und seinen Tee, dazu ein paar Scheibchen Banane. »Ich mag keine Bananen«, sagt er. »Das weißt du doch.«
»Nein«, sage ich. »Das weiß ich nicht.« Ist es seltsam, wenn man solche Dinge nicht weiß? Luuk ist eine Art Schatten. Mam hat ihn untersuchen lassen, aber anscheinend fehlt ihm nichts. Luuk sei »anders«. Laut Pap ist das Unsinn. Er sagt, dass Mam ihn höchstens anders gemacht hat durch das ewige Psychologisieren. Pap findet einen Fußballverein genau das Richtige für Luuk, und Mam sagt, dass er vielleicht homosexuell ist. Es nervt mich, dass man immer irgendwas sein soll. Luuk ist einfach Luuk.
Ich koche mir Kaffee und schalte das Radio ein. Meistens nervt mich diese Angewohnheit von Mam, aber heute habe ich selber Angst vor der Stille. Jetzt, wo das Radio läuft, ist es fast, als wäre sie im Haus. Es ist zehn Uhr. Ich kuschle mich in ihren Sessel und scrolle durch mein Handy. Die Chats meiner Freunde sind mäßig spannend. In die WhatsApp-Gruppe, die aus Pap, Luuk und mir und seiner Freundin Laura besteht, hat er ein Foto von uns vieren geschickt, das ich gleich wieder lösche. Auf Facebook Messenger sehe ich, dass Mam zuletzt um halb elf online war. Laura hat das Foto von uns vieren auf Instagram gepostet und dazu getextet: »Eine glückliche moderne Familie!« Pap hat mit einem Herz geantwortet, die restlichen Kommentare stammen alle von Lauras Verwandtschaft. »Du hast es ja so verdient, Liebes.« Ich frage mich, ob Mam das auch gesehen hat; der Gedanke tut mir irgendwie im Herzen weh.
Ich drücke ihre Nummer. Aus der Diele höre ich Telefonläuten. Einen Moment lang glaube ich, dass sie zu Hause ist: Sie schließt die Tür, schlüpft aus dem Mantel, zupft vor dem Spiegel ihre dunklen Wuschellocken in Form, sucht hektisch alle Taschen nach ihrem Telefon ab. Ich gehe an die Tür. Ihre Handtasche hängt am Treppengeländer. Das Läuten kommt aus der Tasche.
Ab wann stimmt wirklich etwas nicht? Vielleicht ist sie bei jemandem aus unserer Straße zum Kaffee eingeladen? Das wäre ungewöhnlich, denn wir sind erst vor Kurzem hierher gezogen.
»Luuk! Leg das doch mal weg.«
Ich nehme die Fernbedienung und schalte den Fernseher aus.
Eine Zombimiene starrt mich an.
»Hast du Mam irgendwo gesehen?«
»Nein. Liegt sie denn nicht noch im Bett?«
»Nein.«
»Sie ist sicher irgendwo.«
»Ja, klar.« Ich will ihm keine Angst machen.
»Ich hab sie heute Nacht gesehen, in meinem Zimmer. Sie hat mir einen Gutenachtkuss gegeben.«
»Mir auch. Und hat sie sonst noch irgendwas gesagt?«
»Nur schlaf gut.«
»War sie irgendwie seltsam?«
»Nein. Ich weiß nicht. Sie war wie immer.«
Ich möchte jemanden anrufen, aber dann würde es real werden. Oder stelle ich mich an? Wen würde ich überhaupt anrufen? Etwa meine Freundin Evi mit ihren perfekten Eltern, die dauernd um mich besorgt sind und sagen, dass das, was meine Eltern veranstalten, »nicht normal« ist? Die hetzen uns noch das Jugendamt auf den Hals. Laut Mam wäre das das Schlimmste, was passieren könnte.
Letzte Woche bekam Luuk beim Fußball einen Ball an den Kopf und musste ins Krankenhaus. Pap konnte Mam nicht erreichen, und ich und Laura saßen wartend im Gang. Sie hatte den Arm um mich gelegt und gackerte und gluckte, als ob ich drei Jahre alt wäre. Mir wurde schlecht von ihrem Geruch nach Parfüm gemischt mit Zigaretten und dem aufgesetzten Babystimmchen, und ich hasste sie, weil sie Suppe holen ging und Paps Wange streichelte, während er versucht hat zu telefonieren. Dann kam Mam angerannt, und Laura gab sich diplomatisch, während Pap und Mam sich darüber in die Haare bekamen, wer der unfähigere Elternteil sei.
Luuks Verletzung erwies sich dann als weniger schlimm als gedacht, er hatte eine Gehirnerschütterung und durfte nach Hause, woraufhin...




