E-Book, Deutsch, 170 Seiten
Noack Die Zürcher Verlobung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95824-390-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 170 Seiten
ISBN: 978-3-95824-390-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Barbara Noack (1924-2022) schrieb mit ihren mitreißenden und humorvollen Bestsellern deutsche Unterhaltungsgeschichte. In einer Zeit, in der die Männer meist die Alleinverdiener waren, beschritt sie bereits ihren eigenen Weg als berufstätige und alleinerziehende Mutter. Diese Erfahrungen wie auch die Erlebnisse mit ihrem Sohn und dessen Freunden inspirierten sie zu vieler ihrer Geschichten. Ihr erster Roman »Fräulein Julies Traum vom Glück«, auch bekannt unter dem Titel »Die Zürcher Verlobung«, wurde zweimal verfilmt und besitzt noch heute Kultstatus. Auch die TV-Serien »Der Bastian« und »Drei sind einer zu viel«, deren Drehbücher Barbara Noack selbst verfasste, brachen in Deutschland alle Rekorde und verhalfen Horst Janson und Jutta Speidel zu großer Popularität. Barbara Noack veröffentlichte bei dotbooks ihre Romane »Brombeerzeit«, »Danziger Liebesgeschichte«, »Das kommt davon, wenn man verreist«, »Das Leuchten heller Sommernächte«, »Der Bastian«, »Der Duft von Sommer und Oliven«, »Der Traum eines Sommers«, »Der Zwillingsbruder«, »Die Melodie des Glücks«, »Drei sind einer zuviel«, »So muss es wohl im Paradies gewesen sein«, »Valentine heißt man nicht«, »Was halten Sie vom Mondschein?«, »Die Lichter von Berlin« und »Fräulein Julies Traum vom Glück«. Ebenfalls bei dotbooks veröffentlichte Barbara Noack ihre Romane »Eine Handvoll Glück« (auch erhältlich im eBundle »Schicksalstöchter - Aufbruch in eine neue Zeit«) und »Ein Stück vom Leben«, die auch ebenfalls im Doppelband »Schwestern der Hoffnung« erhältlich sind. Im Sammelband erschienen sind auch »Valentine heißt man nicht & Der Duft von Sommer und Oliven«. Die heiteren Kindheitserinnerungen »Flöhe hüten ist leichter«, »Eines Knaben Phantasie hat meistens schwarze Knie«, »Ferien sind schöner« und »Auf einmal sind sie keine Kinder mehr« sind außerdem im Sammelband »Als wir kleine Helden waren« erhältlich.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel
Es begann am 7. Oktober, morgens halb acht. Himmel gab es an diesem Tag nicht, nur eine dichte, graue, feuchte Wolke, die sich selbst zu schwer war und darum auf die Erde stippte.
»Wie damals in London«, sagte Onkel Julius, der keine Gelegenheit ausließ, seine im Vorjahr unternommene Englandreise zu erwähnen.
Die Autos schlichen so vorsichtig und ruckweise über den Damm wie die Schmuggler in der Oper »Carmen«, die ich eine Woche zuvor gesehen hatte. Sie hupten in einem fort – die Autos meine ich – und enttäuschten meinen Onkel, weil er sie noch immer schemenhaft im Nebel erkennen konnte. Es war eben doch nicht ganz so wie in London.
»Da habe ich nicht einmal die Hand vor Augen sehen können!«
Tante Sophie dagegen behauptete, er habe zwar die Hand, nicht aber den Ehering daran gesehen, und Onkel Julius widersprach nicht. Er befand sich bereits in einem Alter, in dem ihm eine solche Beschuldigung nur schmeicheln konnte.
Übrigens war er schlechter Laune an diesem Morgen. Schuld daran war der unvollkommene Nebel, der immerhin ausreichte, Tante Sophie mit Herzbeschwerden und einem Roman aus der Leihbibliothek ans Bett zu fesseln – was wiederum den Mißmut meines Onkels vertiefte. Er schätzte keine leidenden Frauen – außer jenen, deren Schmerzen ihm als Zahnarzt Geld einbrachten.
Den Schuß Öl, der seinen leise schwelenden Ärger hell auflodern ließ, goß seine Assistentin telefonisch auf. Sie entschuldigte sich mit einer Grippe.
Gleich zwei leidende Frauen, das war zuviel. Sein brotkrümelspuckender Zorn fiel auf Hulda, die den Kaffeetisch abräumte, und mich, seine liebe Nichte-auf-Besuch. Er erinnerte sich jedoch rechtzeitig daran, daß wir beide sozusagen die letzten Karyatiden waren, die das Gebäude seiner häuslichen Ordnung stützten. Wenn wir auch noch ausfielen – nicht vorzustellen!
Bei Karyatide Hulda lenkte er mit einem laschen Klaps unterhalb ihres auf dem Rücken gebundenen Schürzenbandes ein. Mir näherte er sich mit der Feststellung:
»Neblig heute, was?«
»Fast so schlimm wie damals in London«, seufzte ich und legte meine Serviette zusammen.
»Wenn ich nur wüßte, woher ich so schnell eine neue Assistentin bekomme! Schneider – (das war sein Techniker) – hat mit dem Gebiß von Frau Sieblig zu tun. Sie kommt um elf zur Anprobe. Hulda ist gänzlich ungeeignet. Hm –« Er sah mich scharf an und rieb sein Kinn mit Mittel- und Zeigefinger. Und ich verstand.
»Wenn dir etwas an einer assistentiellen Attrappe gelegen ist, bin ich gern bereit.«
»Was soll das heißen?« fragte er gereizt.
»Das soll heißen, daß ich mich mit fachkundigem Gesicht neben den Behandlungsstuhl stelle und so tue als ob.«
»Wenn du unbedingt willst.« Das war genau die Antwort, die ich auf mein generöses Angebot nicht erwartet hatte.
Unser erster Patient war ein Herr Alfons, Buchhalter mit Kassenschein und schmerzendem linkem Augenzahn.
Herrn Alfons' Miene – männlich gefaßt, doch transparent: Sein aufgewühltes Seelenleben schimmerte deutlich durch – zeugte davon, daß er nicht zum erstenmal beim Zahnarzt war. Man mochte ihm so manche Erfahrung eingebohrt haben. Ich war auch nicht so ganz ohne Erfahrung, denn acht Zahnärzte hatten mein Eßzimmer mit vierzehn schönen Plomben ausgepolstert. Das heißt: Der erste war kein Zahnarzt gewesen, sondern ein Onkel Doktor, weil er mir noch nicht weh zu tun brauchte. Er besaß einen Papagei, der Dr. Coué hieß und in dem Augenblick, da ich auf dem Behandlungsstuhl in die Höhe getreten wurde, »Tut nicht weh – tut nicht weh« krächzte. Später sang er »Gloria Victoria« zwei Strophen lang. Leider wanderte Dr. Coué samt Herrchen in die Schweiz aus, und man brachte mich zu einem Zahnarzt, der zwar keinen Papagei, dafür aber einen Tatterich besaß. Dieses interessante Leiden wäre vielleicht ein ebenbürtiger Ersatz für Dr. Coués Vorträge gewesen, hätte der Bohrer nicht auch getattert. Er tatterte in meinen Gaumen, wo er gar nichts zu suchen hatte, und ich begann zu ahnen, welche Gefühle die meisten Menschen mit dem Begriff Zahnarzt verbinden. Ich ging nicht wieder hin, weder für Kokosflocken noch für Abziehbilder oder Prügel.
Als man mich ins Sprechzimmer des dritten med. dent. schleifte, fiel mir Gott sei Dank der Ratschlag ein, den mir mein Vater einmal gegeben hatte: »Hast du auch noch soviel Angst, heule nicht! Beiß lieber die Zähne fest zusammen.« Das tat ich denn auch, und es erwies sich als erfolgreich. Ich konnte ungebohrt nach Hause gehen und nahm außerdem noch die beruhigende Zusicherung mit, daß dieser Zahnarzt mich nie mehr zu sehen wünschte.
Der nächste – ein freundlicher alter Herr – wurde telefonisch auf mich vorbereitet. »Wenn's weh tut, sagst du einfach Au, dann höre ich sofort mit dem Bohren auf.«
»Aua«, sagte ich prompt. Trotzdem – weiß der Himmel, wie – schwatzte er mir drei Zahnplomben ab. Danach starb er. Aber das war gewiß nicht meine Schuld.
Mit seinem Nachfolger schloß ich ein Abkommen. Er mußte versprechen, nicht mehr als dreimal zehn Sekunden lang zu bohren, und ich versprach, weder vom Stuhl zu rutschen noch mit den Füßen seinen studierten Bauch zu malträtieren oder nach dem Bohrer zu fassen, wenn's weh tat.
Jedoch – er wurde vertragsbrüchig und somit ich auch. Es nahm kein gutes Ende.
Dann geriet ich an einen Dentisten. Von ihm stammten der Stiftzahn oben links, die Zahnlücke hinten rechts und zwei Plomben … schließlich war er früher in einer Irrenanstalt tätig gewesen.
Kein Zahnarzt hat mich so standhaft erlebt wie der nächste. Aber das kam auch bloß, weil ich verliebt in ihn war. Und in diesem blödsinnigen Zustand erträgt man Unmenschliches. Es wurde nichts aus uns, weil ich eine lebhafte Phantasie habe. Ich stellte mir vor, er würde meinen Mund küssen, den er schon etliche Male mit Spiegel, Bohrer und Daumen inwendig untersucht hatte. Er würde dabei genau wissen, wo eine Plombe oder Lücke – es ging wirklich nicht. Nach diesen Überlegungen war ich nicht mehr verliebt, und aus war's mit der Standhaftigkeit. Onkel Julius war der achte, dem ich mich auslieferte. Aber ich rate Ihnen, gehen Sie niemals zur Verwandtschaft! Die führt eine Zahnbehandlung so aus, als ob sie von vornherein wüßte, daß die Rechnung doch nicht bezahlt wird.
Während Onkel Julius bei Herrn Alfons bohrte, machte dieser weite Nüstern vor Angst. Seine Augenlider flatterten wie aufgeregte Fledermäuse.
»Nur ruhig Blut«, sagte ich und legte meine Hand auf seine Schulter.
Bei dieser Gelegenheit bemerkte Onkel Julius meine lackierten Nägel. Er machte ein Gesicht, als ob er ein Aspirin kaue.
»Ausspülen«, bat ich Herrn Alfons, als Onkel Julius die Bohrer wechselte.
Nachdem er gründlich gegurgelt und gespuckt hatte, sah er mich scheu an. »Fräulein, muß noch viel gebohrt werden?«
»Nein.« Er tat mir leid. »Das war das letzte Mal. Sie Armer! Ich weiß es aus eigener Erfahrung, Zahnärzte sind …«
»Mund auf!« knirschte Onkel Julius dazwischen.
»Aber das Fräulein hat gesagt …«
»Das Fräulein hat hier nichts zu sagen!«
Als Herr Alfons ging, schüttelte er meine Hand wie einen Mixbecher. »Ich danke Ihnen auch schön, Sie waren so nett!«
Bei Onkel Julius bedankte er sich nicht. Der saß am Schreibtisch und notierte mit spritzender Füllfeder etwas in seinem großen Buch.
»Kein Wunder, daß Jürgen dir untreu geworden ist«, brummte er, ohne diese Behauptung näher zu erklären.
An der Wohnungstür hatte es inzwischen dreimal geläutet, und dreimal hatte Hulda einen Patienten ins Wartezimmer geführt. Aber ehe nach Herrn Alfons der »Nächste, bitte« in die weiße, blitzende Hölle eingelassen wurde, vergingen einige Minuten, in denen ich auf Onkel Julius' Geheiß Nägel schneiden und ablackieren mußte.
Dann öffnete ich die Tür zum Wartezimmer und sah ihn.
Mein erster Gedanke war. Wenn Onkel Julius diesem Mann weh tut, werfe ich ihn aus seiner eigenen Praxis oder halte meine Zähne für »den da« zum Bohren hin. Aus dieser spontanen Opferbereitschaft kann man ersehen, daß ich vom ersten Augenblick an in ihn verliebt war.
Das fiel übrigens nicht schwer, denn er sah blendend aus. Er war eine Mischung aus kraftvoll-antiker Schönheit und elegant-überzeichneter Figur aus dem Herrenjournal. Und sein Anblick erinnerte mich daran, daß ich schon seit einer Woche dringend zum Friseur mußte, aber nicht dazu gekommen war. Sein Anblick erinnerte mich an meine eigene Unvollkommenheit.
»Der Nächste bitte«, sagte ich verwirrt.
Neben ihm saß ein Mann mit vorgebeugtem Rücken und in die Wangen gebeulten Fäusten. Dem tippte er freundlich auf die Schulter. »Es ist soweit, Büffel.«
Herr Büffel grunzte etwas Unfeines und erhob sich. Er blickte mich voll Abwehr an, und ich ahnte sofort: Das war kein scheuer Alfons. Bei dem konnte ich meine Gute-Engel-Tour nicht anwenden. Wir beide würden nicht einmal lauwarm miteinander werden.
»Soll ich mit reinkommen, Büffel?« fragte sein Freund.
»Ach, laß nur«, sagte der und ging mit geradezu pathetischer Kaltblütigkeit an mir vorbei auf Onkel Julius zu.
Sein Freund lächelte ihm halb mitleidig, halb amüsiert und auf jeden Fall erleichtert nach, weil er nur die schmerzlose Begleitrolle zu spielen brauchte. Ich bedauerte diese Tatsache, denn so kam ich um den Genuß, mich als schützenden Engel vor ihn zu stellen, und würde nie erfahren, ob sein prächtiges Gebiß natürlich oder teuer war.
»Juliane«, rief Onkel Julius. Ich zog die Tür hinter mir zu und band Büffel ein Papierlätzchen um.
Mein Onkel beugte sich über ihn. »Seit wann haben Sie...




