Niven | Kill Your Friends | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Niven Kill Your Friends

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13620-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-13620-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



So wahr mir Mord helfe

Erfolg um jeden Preis. Steven Stelfox ist A&R-Manager in einer großen Plattenfirma, immer auf der Suche nach dem nächsten Hit, immer am oberen Level. Doch als die Erfolge ausbleiben, greift er zu radikalen Mitteln. Plötzlich verwandeln sich die guten Freunde in Todfeinde. In einer Welt, in der sich die Protagonisten krampfhaft über Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll definieren, gerät sein Leben zunehmend außer Kontrolle. Die Folgen sind verheerend.

• Der ultimative Roman zum Untergang der Musikindustrie
• Der Autor war selbst jahrelang als A&R-Manager tätig
• Endlich ein Kultroman, der das Prädikat verdient

John Niven, geboren 1966 in Schottland, spielte in den 80er-Jahren Gitarre bei der Indieband »The Wishing Stones« und arbeitete nach dem Studium der Literatur als A&R-Manager einer Plattenfirma, bevor er sich 2002 dem Schreiben zuwandte. 2006 erschien sein erstes Buch »Music from Big Pink«. 2008 landete er mit dem Roman »Kill Your Friends« einen internationalen Bestseller, der auch fürs Kino verfilmt wurde. Es folgten zahlreiche weitere Romane, darunter Kultklassiker wie »Coma« oder »Gott bewahre«. Neben Romanen schreibt John Niven Drehbücher. Er wohnt in der Nähe von London.

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Weitere Infos & Material


Februar


Dank der Spice Girls hat Virgin einen 88,9-prozentigen Anteil
am Singles-Markt +++ Die neuen Moderatoren der Radio-1-Frühstücksshow
heißen Mark und Lard +++ Der Kurs der
EMI-Aktien ist abgestürzt +++ BlueBoy und Vitro sind angesagte
neue Bands +++ No Doubt haben eine Nr.-1-Single +++
Alan McGee bereitet die Veröffentlichung des Debütalbums
von 3 Colours Red vor. Er kündigt an: »Mit dem zweiten oder
dritten Album werden wir fünf Millionen verkaufen. Nehmt
mich beim Wort. Die Band wird gigantisch.« +++ Ein paar Kerle
werden für den Mord an diesem schwarzen Jungen verknackt,
Stephen Soundso +++ Die Brit Awards finden statt.

»Die Meinung einer Frau ist in der Musikindustrie
keinen Penny wert.«

LORETTA LYNN

Niemanden hält es mehr auf seinem Platz, alle flanieren von Tisch zu Tisch. Das Schnarren der Konversation schwillt an, und kein Schwein kümmert sich noch um die Bee Gees, die, unglaublicherweise, etwa dreißig Meter entfernt, immer noch auf der Bühne stehen und für das Fußvolk zu Hause vor den Bildschirmen ihre größten Hits herunterschwurbeln. Ihre Nerven zerfetzenden Harmoniegesänge wehklagen über die desinteressierte Menge hinweg und flattern hinauf in die Dunkelheit, wo sie im Stahlbetongewölbe des Earls Court verschwinden. Möglicherweise klingt das im Fernsehen ja ganz gut.

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, weg von meinem kalten, unberührten Abendessen – Lachs, Broccoli und junge Kartoffeln –, und massiere mir mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. Ich schniefe heftig, und es knackt in meinen Ohren, als sich der Koksbrocken löst und meine Kehle hinunterschießt. Er schmeckt angenehm stark und bitter. Ich lockere meine Krawatte, spüle den Klumpen Marschierpulver mit lauwarmem Chardonnay runter und tue, als würde ich Desoto zuhören, während ich die Menge nach lohnenderen Gesprächspartnern scanne: Lucian Grange von der Polydor, Keith Blackhurst von Deconstruction, Nancy Berry von Virgin, Colin Bell von London Records und Matt Jagger. Ferdy Unger-Hamilton von Go! spricht mit Derek, Pete Tong und einem Kerl aus Irland. Unger-Hamilton hat seinen Arm um Gabrielle gelegt, deren Auszeichnung als »Best British Female Artist« vor ihnen auf dem Tisch steht. Rob Stringer lacht sich halb schlapp, während er mit einem der Jungs von den Manic Street Preachers quatscht, deren Awards auf dem Tisch neben ihnen stehen. Frank Skinner, Vinnie Jones und Simon Cowell von der BMG, irgendein Soap-Star, einer der Trainspotting-Typen und Geri Halliwell. Der Sänger von Kula Shaker und Sonys Muff Winwood. Geri von den Spice Girls wackelt vorbei, in der einen Hand eine Flasche Champagner, und ihre enormen Arschbacken quellen unter dem aberwitzigen Union-Jack-Minikostüm hervor, das sie während ihres Auftritts trug. Ich winke einem Mädchen zu, das ich vage wiedererkenne. Anita, oder so. Ich glaube, sie ist A & R-Koordinatorin drüben bei der BMG. Sie trägt ein knappes, schwarzes Kleid, vom Stil her irgendwie chinesisch, golden gemustert, geschlitzt bis hoch zu den Oberschenkeln und bis tief zwischen ihren Brüsten ausgeschnitten. Ihr Haar ist zu einem kurzen Bob geschnitten. Ich vermute, normalerweise zieht sie sich eher indiemäßig an – T-Shirts, Turnschuhe, Jeans. Sie winkt zurück und haucht mir einen Kuss zu. Hallo.

»Oi, du Opfer!« Trellick klopft mir auf den Schenkel und brüllt über die Musik: »Hör zu, Alter, das ist gut.« Ich drehe mich um, beuge mich zu Trellick und Desoto vor. Hinter ihnen versuchen Ross – unser Marketingleiter – und Waters, die Bee Gees mit Zwischenrufen zu stören. »Genau, klink dich ein«, sagt Desoto und beugt sich ebenfalls nach vorn. Desoto – ein Anwalt, ein Kumpel von Trellick – bringt das Koks gehörig ins Schwitzen. Seine massige Rugbyspielerstatur spannt die Nähte seines Anzugs. Sein dünnes braunes Haar ist kürzer als es früher war. Bis vor ein paar Jahren trug er es recht lang. Als er dann auf die Fünfzig zusteuerte, bemerkte er völlig zu Recht, dass ihn das langsam würdelos aussehen ließ. Desoto besuchte die Harrow, ging dann zur Anwaltskammer und probierte schließlich sein Glück in der City. Als er herausfand, dass das Leben innerhalb dieser Quadratmeile von ihm verlangte, morgens aufzustehen und tatsächlich für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten, fand er schnell Kontakt zur Musikindustrie. Er verdiente ein Vermögen und verlor es wieder.

»Vor ein paar Wochen habe ich in der Music Week ein Inserat für eine neue persönliche Assistentin aufgegeben.«

»Du feuerst Sophie?«

»Nein. Hör einfach zu«, sagt Trellick.

»Ich habe das Inserat sehr allgemein gehalten«, fährt Desoto fort, »darin stand nichts weiter als ›Bedeutender Musikindustrieanwalt sucht persönliche Assistentin blah blah blah‹. Die Resonanz ist DER. VÖLLIGE. VERFICKTE. WAHNSINN. Ich bekam etwa fünfzig Antworten in 48 Stunden.«

»Senn-sazz-jonell«, sagt Trellick.

»Also gehe ich die Bewerbungen durch, checke die Geburtsdaten, um sicherzugehen, dass alle unter dreißig sind, und rufe sechs von ihnen zurück.«

»Aber doch völlig ins Blaue, oder?« frage ich.

»Correctos, aber ihr müsst mir zustimmen, dass von sechsen mindestens eine was taugen sollte, oder?« Wir nicken beide.

»Also vergebe ich Termine für Bewerbungsgespräche, an verschiedenen Tagen, immer kurz vor Feierabend, gegen siebzehn Uhr dreißig. Dann«, er schiebt sein Glas zu Trellick rüber, der uns Champagner nachgießt, »lege ich los, indem ich ihnen mitteile, dass es mir ehrlich leidtäte, aber es ganz danach aussähe, als wenn ich keinen Job mehr zu vergeben hätte.«

»Warum nicht?«

»Oh«, er wedelt mit der Hand, »weil sich meine ursprüngliche Assistentin überraschend entschieden hat, doch zu bleiben.« Jemand wirft mit Brot nach mir. Ross.

»Aber«, hebe ich an, als ich langsam durchschaue, worauf Desoto hinauswill.

»Du hast es erfasst. Aber, sie verlässt mich voraussichtlich in sechs Monaten. Wenn sie also immer noch Lust auf ein kleines Gespräch hätten, könnte man ja vielleicht über die Zukunft reden, wer weiß?«

»Saubere Arbeit. Weiter«, sagt Trellick, leert die Flasche und stülpt sie in den Sektkühler.

»Inzwischen ist es nach sechs, also …«

»Entschuldige«, unterbreche ich ihn, »aber wie war die Qualität?«

»Erstaunlich hoch. Von sechs Mädchen ist nur eines ein Monster. Zwei sind brauchbar, und drei von ihnen sind senn-sazz-jonell.«

»Verflucht gutes Ergebnis.«

»Also, es ist inzwischen nach sechs …« Endlich, Gott sei Dank!, hören die Bee Gees auf zu spielen, und Ben Elton kommt zurück auf die Bühne und labert los. Desoto spricht ein wenig leiser. »Es ist nach sechs, also spiele ich die ›Sollen-wir-für-ein-Schwätzchen-rüber-ins-Pub-gehen‹-Karte. Nicht eine von ihnen, nicht eine Einzige, hat Nein gesagt.«

»Also, wie viele hast du gevögelt?«

»Drei. Zwei von ihnen zogen relativ früh die ›Ich-habeinen-Freund‹-Nummer ab. Die anderen: vier oder fünf Wodka-Tonics, zurück zu mir – bummm. Vielen Dank, wir sehen uns, Schätzchen.«

»Du musstest sie nicht einmal zum Essen einladen?«, frage ich aufrichtig beeindruckt.

»Einmal. Eine von ihnen wollte essen.«

»Was hat die Anzeige gekostet?«, fragt Trellick.

»Ein paar Hundert.«

»Und du bist drei Mal flachgelegt worden?«

»Correctos«, sagt Desoto, der nun bemüht ist, einen Kellner herbeizuwinken.

»Das Schnäppchen des Jahrtausends«, sagt Trellick.

»Kannst du nicht verklagt werden?«, frage ich.

»Schwachsinn. Für was sollte ich denn verklagt werden?«

»Weiß der Himmel. Arglistige Täuschung?«

»Hör zu, du Clown, ich habe ihnen von vornherein ganz deutlich gesagt: ›Es tut mir wirklich leid, aber ich habe keinen Job für euch.‹ Sie haben es nicht mit mir getrieben, weil sie dachten, es würde sie weiterbringen. Tatsächlich hat eine von ihnen mir sogar gedankt, dass ich ›so aufrichtig‹ sei.« Die Vorstellung, es gäbe irgendwo ein Mädchen, dass beschränkt genug wäre, Desoto für aufrichtig zu halten, ist dermaßen irrwitzig, das Trellick und ich in schallendes Gelächter ausbrechen. »Zwei Stunden später hab ich sie in den Hintereingang gefickt.« Desoto leert sein Champagnerglas und knallt es auf den Tisch. Er sieht ausgesprochen selbstzufrieden aus.

»Hast du ein Kondom benutzt?«, frage ich.

»Oh ja, klar«, sagt Desoto ohne den leisesten Anflug von Aufrichtigkeit. Er lehnt sich in seinen Sessel zurück, um den Saal zu inspizieren.

Desoto wurde erst letztes Jahr geschieden. Es war ein absoluter Knaller. Er schob seine Familie nach Italien in die Ferien ab und erzählte seiner Frau, er müsse noch ein paar Tage in London bleiben. Arbeit. Er würde nachkommen. Die Frau, das Kindermädchen und die Kinder verpissten sich, und Desoto begab sich schnurstracks in einen 48-stündigen Crack-Blackout.

Die Nachrichten seiner Frau – das unzumutbare Hotel, das verloren gegangene Gepäck, die Hitze, die Krankheit der Kinder – erreichten ihn nicht, weil er irgendwo auf dem Weg ins schwarze Loch sein Handy verschlampt hatte. Den Anrufbeantworter hörte er nicht ab. Er war dermaßen voll mit Crack, die Musik dermaßen laut, dass er das Aufschließen der Haustür gar nicht wahrnahm. Auch nicht die Schritte auf der Treppe.

Desotos Frau öffnete die Schlafzimmertür, und die Kinder  – fünf und sieben Jahre alt – drängelten hinterher, lachend und...


Jürgens, Tim
Tim Jürgens, geboren 1969, ist stellvertretender Chefredakteur von 11FREUNDE. Seinen größten Erfolg als Fußballer feierte er Mitte der Achtziger mit einem Joker-Tor für den TuS Westerende in der Schlussminute des Derbys gegen Ostfrisia Moordorf. In der Ernst-Happel-Ära schenkte er dem Hamburger SV sein Herz. Vor 11FREUNDE arbeitete er als Autor für verschiedene Musik- und Männermagazine, veröffentlichte Fußballbücher und nahm Tonträger mit Bands wie Superpunk und Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen auf.

Niven, John
John Niven, geboren 1966 in Schottland, spielte in den 80er-Jahren Gitarre bei der Indieband »The Wishing Stones« und arbeitete nach dem Studium der Literatur als A&R-Manager einer Plattenfirma, bevor er sich 2002 dem Schreiben zuwandte. 2006 erschien sein erstes Buch »Music from Big Pink«. 2008 landete er mit dem Roman »Kill Your Friends« einen internationalen Bestseller, der auch fürs Kino verfilmt wurde. Es folgten zahlreiche weitere Romane, darunter Kultklassiker wie »Coma« oder »Gott bewahre«. Neben Romanen schreibt John Niven Drehbücher. Er wohnt in der Nähe von London.

Glietsch, Stephan
Stephan Glietsch, geboren 1967, war lange Jahre Redakteur bei den Musikmagazinen Intro und Spex. Als freier Autor und Literaturübersetzer lebt und arbeitet er in Köln. Neben den Romanen von Irvine Welsh übersetzte er u.a. sämtliche Bücher von John Niven.



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