E-Book, Deutsch, 150 Seiten
Nightmare / Harich Sorrowville
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95936-268-9
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2: Die Todesapotheke
E-Book, Deutsch, 150 Seiten
ISBN: 978-3-95936-268-9
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hinter dem Pseudonym Naomi Nightmare steckt die Autorin Michaela Harich. Ihre Liebe für das Wort zeichnet sich durch ihr Multitalent in Sachen Textwerk aus: Lektor, Autor, Verleger, Inkartist. Wenn sie nicht gerade mit Tinte experimentiert oder an Texten teilt, erschafft sie düstere, fantastische Welten, in denen nicht selten humorvolle Übertreibungen mit Gesellschaftskritik und Misantrophie eine große Rolle spielen. Die meisten ihrer Romane sind ein Spiel der Emotionen, Ängste, Klischees und Hoffnungen. Ohne viel Schnickschnack wirft sie ihre Leser ins Geschehen.
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Kapitel 2: Nackte Tatsachen
Staub tanzte durch die Luft, erleuchtet vom Sonnenlicht. Er kitzelte sie in der Nase, doch Josephine versuchte, nicht zu niesen. Sie kannte sich. Wenn sie das tat, würde sie den Tee verschütten, auf den ihre Mutter wartete. Ein weiterer Beweis ihrer Unfähigkeit – zumindest wenn es nach der Frau ging, die ihr die letzten Jahre zu erklären versucht hatte, dass sie niemals alleine ohne ihre Mutter überleben konnte. Seit ihr Vater verstorben war, konzentrierte sich die komplette Aufmerksamkeit auf Josephine, was ihr nicht gerade gefiel. Ihre Mutter legte ihr die Kleidung zurecht, die sie morgens anzuziehen hatte, bestimmte ihre Frisur, das wenige, leichte Make-up und vor allem, wo sie wann hinging. Insgeheim bezeichnete sich Josephine als Porzellanpüppchen ihrer Mutter, denn genauso wurde sie behandelt.
Abgesehen von den Aufgaben, die sie ihr zuteilte. Alles, was ihre Mutter nicht mochte, musste Josie erledigen: Kräuter mahlen, zu Pillen drehen, Säfte und Tinkturen anrühren sowie die Inventarlisten aktuell halten.
Ihre Mutter hingegen plauderte und schäkerte mit den Kunden, flirtete hier und da mit einem Mann – gelegentlich auch mit einer der Damen des Varietés – und schien zu einer völlig anderen Person zu werden. Josephine gegenüber lächelte sie nicht oft, sprach kaum ein nettes Wort, wenn es nicht sein musste, doch sobald ein Kunde den Laden betrat, war sie wie die strahlende Sonne an einem verregneten Sonnabend. Es war unfair, doch es ließ sich nicht ändern.
»Wo bleibt mein Tee? Bis du mir den gebracht hast, hätte ich ihn selber zubereiten, aufbrühen und trinken können! Ich hoffe für dich, dass er nicht schon kalt geworden ist! Dann kannst du ihn direkt noch mal machen!«, keifte ihre Mutter Dorothy, kaum dass Josephine den Ladenbereich des Hauses betreten hatte. Ihre Eltern hatten die Apotheke ihres Großvaters geführt, als dieser in den Ruhestand gegangen war. Sie war laut Erzählungen ihres Vaters schon seit Jahrzehnten, wenn nicht schon seit Jahrhunderten in Familienbesitz und sollte es auch bleiben.
Wenn es nach ihrer Mutter ging, war sich Josephine nicht so sicher. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter ihr erlauben würde, jemals etwas alleine zu tun, geschweige denn eine Apotheke zu führen. Mit bemüht ausdrucksloser Miene reichte sie ihrer Mutter die Tasse und dankte stumm allen Heiligen, dass es noch aus dem Becher dampfte.
»Der Tee ist lauwarm.«
War das jetzt eine Feststellung? Ein Vorwurf? Josie kniff die Augen zusammen, während sie über die Aussage ihrer Mutter nachdachte.
»Kneif die Augen nicht so zusammen, das gibt nur Falten und macht hässlich.« Die kalte Stimme ihrer Mutter hätte den letzten Rest Wärme aus dem Tee ziehen können, doch natürlich zerbrach nur etwas in ihrem Inneren. Bevor Josie etwas sehr Dummes sagen oder sich anderweitig in Schwierigkeiten bringen konnte, ertönten draußen laute Martinshörner. Mehrere Polizeiautos schossen an der Apotheke vorbei. Die Menschen strömten aus den Gebäuden und versammelten sich auf dem Gehweg. Ihre Blicke und Mienen zeugten von Sensationsgier und Angst – eine gefährliche Mischung. Josie sah sich nach ihrer Mutter um, die das alles kalt zu lassen schien. Ruhig trank sie ihren Tee. Ein Schaudern durchlief Josie. Das war nicht normal – weder die vielen Polizeiwagen noch die Reaktion ihrer Mutter.
Der grelle Schrei hätte den Toten in seinem Bett wecken können. Zack strich sich über die Bartstoppeln, während er nachdenklich an der Zigarette zog, die im Mundwinkel hing. Sie waren überrascht gewesen, wie schnell er am Ort des Geschehens aufgetaucht war – Kunststück, wenn man die Nacht drei Zimmer weiter verbracht hatte. Danach fragte aber natürlich keiner. Die Polizisten, unfähig wie sie nun mal waren, suchten nach Indizien, nach etwas, das sie auf die Spur des Mörders brachte. Ausnahmslos gingen sie davon aus, dass es sich um einen Mord handelte. Am liebsten hätten sie auch die junge Frau verhaftet, die mit weit aufgerissenen Augen und grotesk verschmierten Make-up auf dem Boden kauerte und wimmerte. Immerhin schrie sie nicht mehr wie am Spieß, das konnte er nur begrüßen. Wahrscheinlich war ihr die Puste ausgegangen und sie deshalb verstummt. Zack nahm noch einen tiefen Zug der Zigarette, drückte sie dann an der schäbigen Holzverkleidung der Wand aus – wobei er den Stummel einfach zu Boden fallen ließ – und näherte sich dem Toten auf dem Bett. Prüfend wanderte sein Blick über den nackten, viel zu weichen Körper des Mannes. Abgesehen davon, dass er nichts von körperlicher Ertüchtigung zu halten schien, besaß er einen klassischen Wohlstandsbauch und darüber hinaus offenkundig Bedürfnisse, die zuhause nicht gestillt wurden. Belustigt fiel Zacks Blick auf das kleine Etwas zwischen seinen Beinen, das verklebt war und weißlich schimmerte.
»Zumindest ist er nicht unbefriedigt gestorben«, murmelte er. Anzeichen von Gewalteinwirkung konnte er nicht erkennen, aber auch sonst nichts Auffälliges. Das war mehr als nur merkwürdig. Vielleicht hatte sein Herz versagt und war stehen geblieben – sollte ja vorkommen, wenn man es mit der Fitness nicht so genau nahm.
»Haben Sie was gesagt, Sir?«, fragte ihn einer der Polizisten, der unter dem Bett nach Spuren suchte. Was hoffte er dort zu finden? Ein benutztes Präservativ? Eine Waffe mit Schild, das darauf verwies, die Tatwaffe zu sein? Zack schnaubte verächtlich. Kein Wunder, dass die letzten Morde nicht von der örtlichen Polizei aufgeklärt worden waren.
»Nein.« Es war ihm nicht möglich, dabei neutral oder nett zu klingen. Zack beugte sich über die Leiche und öffnete ihren Mund.
»Sir! Sie können die Leiche nicht ohne Handschuhe anfassen!«, rief ein anderer Polizist entsetzt.
Zack verdrehte die Augen und hob die Hand, mit der er gerade den Mund geöffnet hatte. Sie steckte in einem schwarzen Lederhandschuh, der zwar schon bessere Tage gesehen hatte, aber seinen Zweck erfüllte. Ein Blick reichte, und der Polizist wandte sich geschäftig wieder der Suche nach Spuren zu.
Immer wieder klickte die Kodak-Kastenkamera der Spurensicherung. Nervig, einfach nur nervig, wenn man Zack fragte. Tat aber natürlich keiner. Er beugte sich noch weiter nach vorne, so dass er in den Rachen hineinriechen konnte. Tief sog er die Luft ein, konnte aber nichts Verdächtiges feststellen. Nichts, was sich einem Gift zuordnen ließ.
»Haben Sie etwas entdeckt?«, fragte ihn der Polizist, der noch immer unter dem Bett nach Spuren suchte.
»Mehr als du wahrscheinlich«, gab Zack leise zurück. Er drehte eine neue Zigarette und steckte sie an. Qualmend trat er einige Schritte zurück und nuschelte undeutlich durch die Kippe. »Was dagegen, wenn ich mir die Fotos ausleihe, wenn sie fertig sind? Dann kann ich mir das sparen. Also macht sie sorgfältig und gut.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er hinüber zu der jungen Frau und kniete sich neben sie. Ihr blondes Haar war zerzaust, sie wirkte desorientiert und noch immer etwas benebelt. Zacks Blick wanderte erneut zum Bett. Nicht, dass er es nicht verstehen konnte, dass man sich bei so jemanden zudröhnen wollte, um das über sich ergehen zu lassen; dennoch warf es einfach kein gutes Licht auf sie. Er musterte sie – und runzelte die Stirn. Ihre roten Schuhe waren abgetragen und schon lange bereit, aussortiert zu werden. An vielen Stellen war das Leder abgeplatzt, auch die Sohle hatte schon bessere Tage gesehen. Hatte sie doch die Finger im Spiel, um an das Geld ihrer nächtlichen Gesellschaft zu kommen? Oder war sie unschuldig und einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?
»Wie heißt du?«, fragte er sie leise. Die junge Frau wiegte sich mittlerweile wimmernd vor und zurück. In ihren Augen konnte er abgrundtiefes Entsetzen lesen. Er streckte die Hand nach ihr aus – doch kaum berührten die Finger ihren Arm, schrie sie wieder. Zacks Ohren klingelten, als ihre Stimme in ihnen schrillte. Ob er seine Sekretärin Mabel bitten sollte, die Befragung zu übernehmen? Gewöhnlich übernahm sie derartige Tätigkeiten nicht, doch sie war sensibler als er – und fähiger als die Polizei allemal.
»Olga.«
Zack stutzte. Was?
»Olga. Ich heiße Olga.« Sehr leise, fast nur ein Wispern. Die junge Frau starrte ihn an, schien auf eine Reaktion zu warten. Zack schluckte, rückte seinen Kragen zurecht. Mit einem Mal fühlte er sich überfordert. Unter der dicken Schicht Schminke schimmerte ein unschuldiges Mädchen durch, nun, so unschuldig man bei dieser Art Beruf nun einmal sein konnte.
»Hallo, Olga.« Er versuchte ein Lächeln. »Ich bin Zack.«
Er hob nur die Hand und winkte. Sie zu berühren, wagte er nicht. Nicht, dass sie wieder losschrie. »Möchtest du mir erzählen, was hier passiert ist?«
»Ich … wir …« Ihr Blick huschte zum Bett, Abscheu huschte durch ihre Augen. »Er ist tot.«
»Schlaues Mädchen, das sehen wir selbst«, grunzte der Polizist, der schon wieder unter dem Bett lag – oder immer noch?
»Erzähl mir, wie es dazu kam«, bat Zack sie.
»Was soll schon passiert sein?«, mischte sich eine laute, leicht rauchige Stimme ein.
Zack schloss die Augen. Lissy hatte ihm gerade noch gefehlt! In einer Wolke leichten, süßlichen Parfums schwebte sie herein. Burschikos gekleidet und doch auf ihre Weiblichkeit bedacht – sofort war sie sich aller Männerblicke sicher. »Sie haben gevögelt und entweder ist ihm das Herz auf natürliche Weise stehen geblieben oder sie hat nachgeholfen. So einfach ist das.« Für die Reporterin der Sorrowville Gazette schien der Fall klar zu sein, noch bevor sie sich Einzelheiten gewidmet hatte.
»Eben nicht. Genau das glaube ich nicht«, gab er verärgert zurück. Es gefiel...




