Nielsen | Wer einmal lügt | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 158 Seiten

Nielsen Wer einmal lügt

Die roten Jahre meiner Eltern
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-4415-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die roten Jahre meiner Eltern

E-Book, Deutsch, 158 Seiten

ISBN: 978-3-7578-4415-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der kleine Bernhard wächst kurz nach dem Krieg unter äußerst ärmlichen Verhältnissen im Arbeitermilieu von Kiel-Elmschenhagen in einer kommunistischen Familie auf. Sein Vater Anton Josef ist unbezahlter Journalist und Redakteur beim in Kiel ansässigen aber in ganz Schleswig-Holstein verbreiteten KPD-Propagandablatt Norddeutsches Echo, die Mutter aktive Kämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen in einem der Partei nahen Frauenbündnis. Als Kommunisten ist die Familie in der Ära Adenauer nicht besonders gut angesehen und Bernhard und auch seine ein Jahr ältere Schwester Angelika müssen zahlreiche Ausgrenzungen und Anfeindungen in der Schule und auf der Straße über sich ergehen lassen. Doch damit nicht genug, geprägt durch ihre eigene traumatische Kindheit und Erziehung, können selbst die Eltern weder Liebe noch Verständnis für Bernhard und seine Schwester aufbringen. Als der Vater sich schließlich in immer drastischeren Gewaltexzessen an den beiden vergeht und sich der Schwester auch noch sexuell nähert, droht das Leben der Kinder in ein unsägliches Dunkel zu gleiten. Ein Buch des Überlebenskampfes und der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, aber auch ein Buch der Befreiung.

Jens Nielsen, 1969 in Schleswig geboren, gelernter Pädagoge, lebt als Museums- und Kulturpädagoge und als Historiker und Publizist in Kiel. Jahrzehntelange Selbständigkeit mit seiner Agentour Zeitensprung im Bereich Museumspädagogik und Living history. Er war freier Mitarbeiter u.a. im Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Schloss Gottorf in Schleswig und im Landesmuseum für Volkskunde im Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel. Es erschienen von Nielsen zunächst in loser Reihenfolge zahlreiche kunsthistorische Kirchenführer im Auftrag der jeweiligen Kirchengemeinden im gesamten Bundesgebiet. Ab 2019 brachte er Werke im eigenen Auftrag zu historischen, zunächst auf die Stadtgeschichte Schleswigs bezogene Themen heraus. Seit 2021 folgen geschichtliche Themen aus allen Sparten und Regionen, vorrangig werden Themen des Nationalsozialismus behandelt. Anfang 2022 erschien der historische Roman Nichts als Asche über die Hexenverfolgung in der Stadt Schleswig, gefolgt von dem Roman Die Rose von Scharon im Spätsommer 2022. Wer einmal lügt ist seine erste Biografie.

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Anton Josef Kriechel
Der Familienname „Kriechel“ hat nichts mit dem Verb „kriechen“ zu tun, wie man fälschlicherweise annehmen könnte. So mancher, der im Laufe der Jahrhunderte Mitglieder der Familie in Misskredit bringen wollte, hat diese Wortassoziation verwendet, um den Träger demütigen zu können. Der Familienname hat aber einen durchaus ehrbaren Hintergrund. Er geht wohl auf die wilde Kriechen-Pflaume oder Pflaumenschlehe zurück, die vor allem zur Produktion von Speise- und Brennöl genutzt wurde und wird. Der „kriachboum“, der „Kriechen- oder Kriechelbaum“ kann als Pflanze schon im Althochdeutschen bezeugt werden. Der 3-6 Meter hohe Baum stammt eigentlich aus dem Orient und wird oft auch als Haferpflaume bezeichnet. Es gibt viele Abarten, die auch als Strauch wachsen können. Die Pflanze ist sommergrün, ihre Zweige ein wenig dornig und jüngere Triebe filzig behaart. Das Blatt der „Kriechel-Pflaume“ ist elliptisch bis eiförmig, die Früchte rundlich, schwarzblau oder grünlich. Das Fruchtfleisch schmeckt süß, löst sich aber nur schwer vom Stein. Ein in den alten Quellen genannter „Kriechel-Bauer“ wird demzufolge nichts anderes als ein Anbauer solcher Pflanzen gewesen sein. Die Pflaume wurde nicht nur zur Produktion von Speise- und Brennöl gebraucht, sie ist in kleinerem Umfang auch zur Herstellung von Schnaps und zum Gebrauch als Heilmittel in der Volksmedizin verwendet worden. Die Kriechel-Pflaume fand zudem als Unterlage für edle Pflaumensorten und als Heckenpflanze Verwendung. Es muss davon ausgegangen werden, dass meine Vorfahren „Kriechel-Bauern“ gewesen waren und ihr Wissen einer besonderen Frucht gewidmet haben. Diesen Gedanken empfinde ich als angenehm und er lässt mich meinen Nachnamen mit einem wohlwollenden Schmunzeln tragen. Mein Vater Anton Josef Kriechel wurde am 12. August 1920 in Köln geboren. Seine Eltern waren der im Jahre 1901 geborene Maschinist Franz Kriechel und seine Ehefrau Katharina Elisabeth Emilia geborene Althem. Die Familie lebte im Kölner Stadtteil Kalk. Von Beginn der Industrialisierung im Jahre 1850 bis hin zur Eingemeindung in die Stadt Köln 1910 hatte sich das rechtsrheinische Kalk rasant zu einem aufstrebenden Industrieort entwickelt. Hier brachten die Arbeiter durch ihre Tätigkeit so namhafte Fabriken zum Blühen, wie die Röhrendampfkesselfabrik von Walther&Cie., das Kalker Werk von Klöckner Humboldt Deutz oder die Chemische Fabrik Kalk. Abb. 3: Blick vom Nordwesten auf die „blühende“ Industriestadt Kalk im Jahre 1908, kurz vor
der Eingemeindung in die Stadt Köln, Autor unbekannt Die Hochzeit meiner Großeltern, Franz und Katharina Kriechel, hatte erst etwas über einem Monat vor der Geburt meines Vaters, am 1. Juli 1920, stattgefunden, was für das katholische Köln einen durchaus erwähnenswerten Umstand darstellte, zumal mein Großvater mit seinen 19 Jahren noch nicht volljährig war. Im mildesten Fall hatte es, wegen des offensichtlich außerehelich vollzogenen Geschlechtsverkehrs, Gerede gegeben, im schlimmsten Fall war eine gesellschaftliche Ächtung der Familie erfolgt. Darüber aber ist mir nichts bekannt. Mein Großvater fühlte sich als Arbeiter dem Sozialismus sehr verbunden, wobei nicht klar überliefert ist, ob seine politische Ausrichtung auch schon kommunistische oder eher sozialdemokratische Züge aufwies. Der kleine Anton Josef wurde als Erstgeborener nach seinem gleichnamigen, aus Walporzheim im Kreis Ahrweiler im Regierungsbezirk Koblenz stammenden Großvater benannt. Blätterte man die Kirchenbücher des von Kalk aus etwa 60 km entfernten Ahrweiler über die Jahrhunderte zurück, würde man so manchen Anton Josef oder auch Anton Josephus Kriechel in den Tauf-, Trau- und Sterberegistern finden. Sowohl der Vor- als auch der Nachname waren um und in Ahrweiler weit verbreitet. Mein Ur-Großvater Anton Josef Kriechel, der 1858 in Walporzheim geboren wurde und seine 1859 in Köln geborene Ehefrau, Anna Katharina geborene Thiebes, waren vor langem als Tagelöhnerfamilie wegen der Arbeit nach Köln-Vingst gezogen. Hier wurde 1893 sowohl die Tochter Margareta Kriechel als auch 1901 ihr Sohn Franz geboren. Von weiteren Kindern weiß ich nichts. Es ist aber anzunehmen, dass das Ehepaar mehr als nur zwei Kinder hatte. Auch wo in Kalk die Familie zum Zeitpunkt der Geburt meines Vaters genau wohnte, ist mir nicht bekannt geworden. Im Adressbuch von Köln aus dem Jahr 1920 werden sie noch nicht mit einer eigenen Adresse aufgeführt. Da mein Vater aber später in Kalk eingeschult wurde, haben sie sich zu dieser Zeit wohl auch dort schon aufgehalten. Vermutlich werden sie zunächst übergangsweise irgendwo mitgewohnt haben. Die Enge und Überfüllung der kleinen Räume in den Arbeiterwohnungen, die durch die vielfach mehrköpfigen Familien nicht unerheblich gewesen sein wird, ergaben oft desaströse Wohnverhältnisse. So entstand häufig schon auf Grund des Umstandes Streit, dass es einfach viel zu wenig Platz pro Person gab. Im Jahre 1925 wohnte die Familie Kriechel in der Mühlheimerstraße 202 in Köln-Kalk, doch auch hier waren die räumlichen Verhältnisse nicht viel besser. Die viel gepriesenen „Goldenen Zwanziger Jahre“ waren bei der Geburt meines Vaters noch nicht im Entferntesten abzusehen und hatten als Zeit des kurzzeitigen Wirtschaftsaufschwungs ohnehin kaum Bedeutung für meine Großeltern, um für sich eine bessere wirtschaftliche Perspektive zu entwickeln. Sie waren arm und blieben es. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte der Vertrag von Versailles mit seinen als viel zu hart empfundenen Reparationen und Gebietsverlusten einen Großteil der deutschen Bevölkerung sehr erschüttert. Darüber hinaus waren die anhaltenden Versorgungsengpässe und die zunehmende Arbeitslosigkeit nach dem Krieg weiterhin existenziell sehr bedrohlich. Zahlreiche schwer traumatisierte und resignierte Soldaten strömten zudem aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Hause und mussten hier irgendwie versorgt werden. Die Vielzahl der durch den Krieg verkrüppelten Heimkehrer hatte dabei kaum andere Möglichkeiten, als sich mit Bettelei durchzuschlagen, wenn sie längerfristig arbeitsunfähig waren und keine unterstützenden Familienangehörigen hatten. Das stellte ein zusätzliches Problem dar, weil in der ausnahmslos armen Bevölkerung kaum mehr etwas abzugeben war. Die mit Kriegsbeginn ab 1914 immer weiter zugenommene Inflation und die damit einhergehende Geldentwertung erreichten erst 1923 ihren Höhepunkt. Ähnlich wie bei meiner Mutter, weiß ich über die Kindheit meines Vaters so gut wie nichts. Es lag nicht in seinem Interesse, uns Kindern später davon zu erzählen. Bedeuteten solche Erzählungen für ihn doch eine ungewollte Nähe und das mögliche Zugeben von Unvollkommenheit und Schwäche. Daran sollten wir keinen Anteil haben und sollten nicht darüber informiert sein. Viele Eltern dieser Zeit teilten sich nicht mit, sondern verschlossen ihre Gefühle tief in ihrem Innern. Mir ist trotzdem später einiges Allgemeines über die Zeit bekannt geworden, in der Anton Josef geboren wurde. So erfuhr ich zum Beispiel, dass mein Vater in eine Zeit der großen Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich hineingeboren wurde, die mit ihren 14 Prozent in Europa einen Rekord erreicht hatte. Rachitis-Epidemien als Folge von grassierendem Vitaminmangel nach dem Krieg taten ein Übriges. Bis in sein Geburtsjahr 1920 wütete zudem die Spanische Grippe weltweit. Keine besonders guten Voraussetzungen für meinen Vater, um auf die Welt zu kommen. Doch damit nicht genug. Das politische Klima dieser Zeit war nach dem Krieg und seinen verheerenden Verlusten und dem Ende des Kaiserreiches durch Demagogen, geistige Brandstifter und Hassprediger geprägt. Putschversuche, wie der Kapp-Putsch 1920 und der Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923, hinterließen auch außerhalb des Krieges Hunderte von Toten. Zwar war das Verhängnis eines zweiten Weltkriegs noch nicht in Sicht - zumal man das Trauma des ersten noch gar nicht bewältigen konnte - doch die Zeichen standen anhaltend auf Sturm. Am 1. April des Jahres 1927, im Alter von sechs Jahren und auf dem Höhepunkt der „Goldenen Zwanziger“, wurde mein Vater in Köln-Kalk eingeschult. Allen Eltern von schulpflichtigen Kindern in Kalk war bei der Einschulung auferlegt worden, ihre Kinder die zugehörige Schule im jeweiligen Wohnbezirk besuchen zu lassen. Eine freie Schulwahl war nicht vorgesehen. Der Beginn des Schuljahres war lange Zeit weder im Kaiserreich noch in der Weimarer Republik einheitlich geregelt worden. Der 1. April als Schulaufnahmedatum war nicht nur in der Stadt Köln, sondern auch in vielen anderen Städten in dieser Zeit und noch lange danach durchaus üblich. Eine allgemeingültige Festlegung des Beginn eines Schuljahres ab dem 1. August erfolgte erst ab 1967, als selbst ich schon lange aus der Schule war. Meine Großeltern waren bei der bevorstehenden Einschulung meines Vaters damals aufgefordert worden, statt eines in dieser Zeit ungebräuchlichen Ausweises, das übliche Hausstandsbuch zum Nachweis der Geburt des Kindes und den...



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