Niederberger | Dunkelheit | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Niederberger Dunkelheit

Ein Plädoyer
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7099-8449-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Plädoyer

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-7099-8449-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



INTO THE DARK Über die Bedeutung der Dunkelheit - Warum wir sie verloren haben und doch nicht ohne sie leben können Mit Dunkelheit verbinden wir Gefahr, Angst und Einsamkeit. Das Bild einer Frau, die mit dem Pfefferspray in der Hand nach Hause eilt. Die Monster unter dem Bett, die sich zeigen, sobald das Licht erlischt. Der Tod, vor dem wir uns fürchten. Gleichzeitig ziehen uns das Finstere und die Nacht an, sie faszinieren uns, waren schon immer Teil der (Pop-)Kultur und Kunst. Das Spiel von Schatten und Licht gehört seit jeher dazu. Dunkelheit bedeutet Schrecken und Schönheit. Doch nach und nach haben wir die Dunkelheit aus unseren Leben, unseren Städten verdrängt. Lichtverschmutzung, Umweltzerstörung, der Skyglow, der uns den Schlaf raubt: Zu viel künstliches Licht wirkt sich katastrophal auf ganze Ökosysteme, Tiere und Menschen aus. Die Lösung: Es braucht positive Ansätze und eine reelle Gesetzgebung, um unsere Natur zu schützen. Das Potenzial der Dunkelheit: Lisa-Viktoria Niederberger fragt sich in ihrem sprachgewaltigen Essayband: Wie kann ein Leben aussehen, in dem wir der Dunkelheit wieder mehr Raum erlauben? Sie beschäftigt sich mit Dunkelheit und Machtverhältnissen, mit verborgenen Klassenunterschieden, Patriarchatskritik, mit dem Himmel und den Sternen als Kulturgut, mit Naturschutz, Arbeitsschutz, feministischen und politischen Fragestellungen.  'Dunkelheit' ist eine literarische Spurensuche nach Ambivalenzen und Kontinuitäten rund um das Dunkle. Ein Plädoyer für die Rückkehr zu finsteren Nächten. 

Lisa-Viktoria Niederberger, geboren 1988, lebt als Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin in Linz. Ihr Schreiben geht oft Zusammenhängen, feinen Verbindungen und feministischen Fragestellungen nach und scheut sich nicht, nach Schönheit auch an den allerdunkelsten Orten zu suchen. Ihre Prosa wurde u. a. mit dem Kunstförderpreis der Stadt Linz, dem Theodor-Körner-Förderpreis und dem Exil-Literaturpreis ausgezeichnet. Im März 2025 erscheint ihre literarischen Essays über die Dunkelheit bei Haymon.
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Prolog


Darkness divides opinions. Some are frightened of the dark or at least prefer to avoid it, and there are many who dislike what it appears to stand for. Others are drawn to its strange domain [...], the call of the mysterious and of unknown possibility.1, 2

Nina Edwards – Darkness. A Cultural History, S. 7.

Der Heimweg in einer mondverhangenen Nacht. Durch enge Gassen, über beleuchtete Parkplätze oder an uneinsichtigen Grünflächen vorbei. Jedes Knacken und Rascheln registrieren wir. Wir halten inne. Sind da Schritte? Als würden unsere Ohren versuchen, das, was die Augen nicht leisten können, auszugleichen.

Dunkle Schatten an den Wänden, dieser schwarze Hohlraum unter dem Bett, in dem etwas lauern könnte. Es hilft gegen die Angst, gegen das Herzklopfen, die Bettdecke bis zum Kinn hochzuziehen, die Zehen fest zu verpacken. Kein bisschen Körper darf der Dunkelheit des eigenen Kinderzimmers ausgeliefert sein, weil nur das die Monster abwehrt. Und manchmal zieht sich diese vage Angst bis ins Erwachsenenalter.

Wie ungern ich nachts aus dem Fenster sehe, mich ein Schauer überzieht, bei der Vorstellung, draußen etwas oder gar jemanden Ungewünschten zu entdecken. Oder dieses mulmige Gefühl, wenn der Novembernebel zwischen den Gräbern wabert, das Tageslicht mit jeder Minute etwas mehr schwindet. Immer deutlicher sichtbar werden dafür all die Kerzen in ihren roten Plastikdosen, und obwohl der Verstand sagt, dass von den Toten keine Gefahr ausgeht, sind wir froh, den Friedhof in der Abenddämmerung hinter uns lassen zu können, empfinden wir das Licht von Haltestellenhäuschen oder Laternen, die flimmernd anspringen, als beruhigend.

Licht gibt uns Sicherheit, zumindest subjektiv. Dunkelheit ist Angst, Mysterium, eine fremde Welt, die scheinbar nicht uns gehört, sondern den Unholden, lebend oder tot, seltsamen Tieren, die wir nicht verstehen, vor denen wir uns fürchten oder ekeln. Monster, Schatten. Dunkelheit und dunkle Nächte sind unheimlich. Also entreißen wir sie dem Dunklen. Wir entdeckten vor langer Zeit das Feuer, das dank Blitz und Waldbrand einfach da war, nahmen es mit, bauten eine Feuerstelle, nährten es und scharten uns um es herum. Seitdem ist es eine der Bestrebungen des Menschen, die Wärme und das Licht, das uns das Feuer bringt, zu zähmen, zu optimieren. Kälte und Dunkelheit immer effizienter zu verdrängen. Das Licht muss heller, greller, lauter, besser werden. Das warm flackernde Licht des Urfeuers der frühen Menschen ist in der Gegenwart jenem der LEDs und leuchtenden Displays gewichen. Wir machen die Nacht zum Tag, mehr denn je. Wir beleuchten unsere Gärten, Häuser, Kinder im Gitterbett, Haustiere beim nächtlichen Gassi-Gang, unsere Städte, Industrieanlagen, sogar unbespielte Stadien und seit Generationen unbewohnte Burgen tauchen wir in Licht, weil Beleuchtung nun auch zwei anderen Kriterien folgt: der Ästhetisierung der Nachtlandschaft und der Demonstration von Macht und Profit. Wir beleuchten Fabrikhallen und Betriebe, Wohnungen, verlängern das Tagesende, zögern das Einschlafen hinaus, denn das ist es, was wir seit der industriellen Revolution gelernt haben. Der Wunsch nach Fortschritt und ewigem Wachstum geht Hand in Hand mit einer sukzessiven Verdrängung der Nacht. Wer schläft, kann weder arbeiten noch konsumieren, noch in irgendeiner anderen Art und Weise produktiv sein. Wer in der Freizeit Teil des Nachtlebens ist, alle Angebote, die sich seit dem 18. Jahrhundert auch für das Bürgertum auftun – Jahrmärkte, Theater etc. – beansprucht, kann sich durch deren Nutzung profilieren. Denn wer es sich leisten kann, an einem Dienstag bis spätnachts in der Oper zu sitzen, grenzt sich von jenen, die nachts oder frühmorgens arbeiten müssen, ab.

Was aber verlieren wir? Was bleibt auf der Strecke oder sinkt zurück ins Verborgene, wenn wir die Dunkelheit immer mehr aus unserem Leben verdrängen?

Wir alle, Menschen, Tiere und Pflanzen, brauchen Ruhephasen, um uns vom Tag zu erholen und zu regenerieren. Künstliches Licht in der Nacht, Fachpersonen sprechen auch von LaN – Light at Night, oder aLan, wobei das a für „artificial“, also künstlich, steht, stört dabei, bringt unseren Rhythmus durcheinander. Ohne Dunkelheit keine Ausschüttung des Hormons Melatonin, ohne Melatonin kein guter Schlaf. Ohne ausreichend Nachtruhe geht uns wichtige Erholungszeit verloren. Dunkelheit ist kein alleiniges Patentrezept für guten Schlaf, aber ein relevanter Faktor. Dunkelheit ist wichtig. Für alle.

Gleichzeitig wissen wir, dass sich das Fehlen von Dunkelheit negativ auf nachtaktive Lebewesen auswirkt. Beleuchtete Wiesen werden nachweislich weniger bestäubt. Frisch geschlüpfte Meeresschildkröten sterben, weil sie Hotelbeleuchtungen mit dem Mond verwechseln und statt ins Meer auf die Straße kriechen. Spinnen, die in Versuchen künstlichem Licht ausgesetzt werden, entwickeln kleinere Gehirne als jene, die in Dunkelheit auf-wachsen.3

Und natürlich verlieren wir den Blick auf den Sternenhimmel. Laut Angaben des Klimaschutzminsteriums ist wegen der Aufhellung des Nachthimmels derzeit in Österreich nur mehr jeder zehnte Stern sichtbar.4 Jeder zehnte! Ebenso geht uns das Bewusstsein über die positiven Aspekte der Dunkelheit ab. Dass sie nicht nur Angstort, sondern eben auch samtwarme Umarmung sein kann. Ein Schutzraum, in dem Ruhe, aber auch Zärtlichkeit, Körperlichkeit, Exzess und Selbstentfaltung zelebriert werden können. Wir vergessen, dass Dunkelheit und dunkle Nächte uns von Anfang an in die Arme der Gemeinschaft getrieben haben. Das Lagerfeuer, der Herd, der fein gearbeitete Lampenschirm im bürgerlichen Salon, sie alle sind die Dreh- und Angelpunkte von Versammlungen. Die Orte, an denen Geschichten erzählt, Pläne geschmiedet, zwischenmenschliche Bänder geknüpft und Visionen gesponnen werden.

Dunkelheit bedeutet auch Ruhe, bedeutet in sich gehen. Bedeutet Pause und Sicherheit. Denn Dunkelheit ist ambivalent: Eine dunkle Gasse ist bedrohlich; eine dunkle Höhle aber, in die man sich kuscheln kann, wirkt gemütlich und wird auch von Kindern gerne aus Sofas, Bettwäsche und Polstern gebaut. Dunkelheit ermöglicht Rückzug, Innenschau, macht Lust auf Geschichten.

Was würde also geschehen, wenn wir beginnen, das Licht, das unsere Tage künstlich in die Länge zieht und unsere Nachthimmel aufhellt, nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern auch der Dunkelheit mit Neugier zu begegnen? Wenn wir der Dunkelheit (wieder) Raum geben? Unsere Ängste vor Verbrechen, Tod und Schatten zulassen und adressieren, anstatt sie wegzuschieben?

Über all das habe ich nicht immer schon, aber immer wieder nachgedacht, ebenso über das Privileg von Licht, als mir erstmals klar wurde, dass auch Licht so wie alle Ressourcen auf diesem Planeten zutiefst unfair und ungleich verteilt ist. Denn trotz der weitreichenden Verbreitung von künstlichem Licht ist der Zugang dazu global oft keine Selbstverständlichkeit. Während in Industrieländern die nächtliche Beleuchtung allgegenwärtig ist, gibt es in vielen Regionen Afrikas, Südasiens und Lateinamerikas immer noch Millionen von Menschen, die von zuverlässiger Stromversorgung abgeschnitten sind und weiterhin auf alternative Lichtquellen wie Kerzen, Kerosinlampen oder Solarleuchten zurückgreifen müssen. Diese ungleiche Verteilung hat weitreichende soziale und wirtschaftliche Folgen, denn der Zugang zu Licht ist eng mit dem Zugang zu Bildung, Sicherheit und wirtschaftlichen Möglichkeiten verknüpft. Ohne ausreichend Licht können Kinder nachmittags im Winter weder lernen, noch spielen. Die Arbeitsproduktivität ist begrenzt, und die öffentliche Sicherheit leidet. Wiederum global zu beobachten sind eine generelle jährliche Zunahme der Lichtverschmutzung und die Tendenz, immer mehr ehemals davon unberührte Gebiete zu betreffen. Sogar in der Arktis wächst industrie- und bergbaubedingt die Lichtverschmutzung dem weltweiten Trend entsprechend jährlich um knapp 5 %.5

Dunkelheit ist aber nicht nur eine sternenklare Nacht, ein finsterer Wald oder ein schauriger Keller. Dunkelheit ist auch ein innerer Zustand. Im Zuge der Recherche für dieses Buch stoße ich auf Carl Gustav Jungs Schattentheorie. Sie ist ein zentrales Konzept seiner Analytischen Psychologie und bezieht sich auf jene unbewussten Teile unserer Persönlichkeit, die wir oft verdrängen oder verleugnen. Jung nennt diesen Teil der Psyche den „Schatten“, da er sich im „Dunkeln“ unserer bewussten Wahrnehmung befindet. Der Schatten besteht aus Eigenschaften, Neigungen und Gefühlen, die nicht mit dem bewussten Selbstbild übereinstimmen und deshalb oft als negativ betrachtet werden. Diese Aspekte unseres Selbst können Aggression, Neid, Gier, aber auch unterdrückte Kreativität und ungelebte Potenziale umfassen. Der Schatten ist also jener Teil unseres Ichs, den wir nicht bewusst akzeptieren oder anerkennen wollen. Er umfasst nicht nur die offensichtlich negativen Eigenschaften, sondern auch positive Fähigkeiten und Talente, die aus unterschiedlichen Gründen unterdrückt werden. Laut Jung entsteht der Schatten, weil Menschen gesellschaftlichen, familiären und kulturellen Normen entsprechen wollen. Alles, was nicht in dieses Idealbild passt, wird verdrängt oder ignoriert,...


Lisa-Viktoria Niederberger, geboren 1988, lebt als Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin in Linz. Ihr Schreiben geht oft Zusammenhängen, feinen Verbindungen und feministischen Fragestellungen nach und scheut sich nicht, nach Schönheit auch an den allerdunkelsten Orten zu suchen. Ihre Prosa wurde u. a. mit dem Kunstförderpreis der Stadt Linz, dem Theodor-Körner-Förderpreis und dem Exil-Literaturpreis ausgezeichnet. Im März 2025 erscheint ihre literarischen Essays über die Dunkelheit bei Haymon.



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