E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
Nichols Ein Earl verliert sein Herz
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7337-6470-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
ISBN: 978-3-7337-6470-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die unkonventionelle junge Erbin Charlotte denkt nicht ans Heiraten. Doch als sie Roland Temple, Earl of Amerleigh, wiedersieht, stürzt sie in einen Aufruhr der Gefühle, denn plötzlich steht ihr Herz in Flammen. Aber dann hält er um ihre Hand an, und sie muss fürchten: Nicht aus Liebe, aus purer Berechnung will er sie zur Frau ?
Mary Nichols wurde in Singapur geboren, zog aber schon als kleines Mädchen nach England. Ihr Vater vermittelte ihr die Freude zur Sprache und zum Lesen - mit dem Schreiben sollte es aber noch ein wenig dauern, denn mit achtzehn heiratete Mary Nichols. Erst als ihre Kinder in der Schule waren, fand sie genügend Zeit, sich ganz dem Schreiben zu widmen und damit ihren Traumberuf zu ergreifen. Marys Lieblingsautorinnen und Vorbilder sind Jane Austen und Georgette Heyer.
Autoren/Hrsg.
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1. KAPITEL
1814
Welch herrlicher Frühlingsmorgen für einen Ausritt, dachte Charlotte, während sie auf ihrem Pferd Bonny Boy durch den Park, der ihr Herrenhaus Mandeville umgab, hinüber zum höher gelegenen Wäldchen galoppierte. Sie war froh, der unerträglichen Hitze von Jamaika entkommen und wieder zu Hause in England zu sein.
Zu ihrer Rechten erhoben sich sanft bewaldete Hügel mit Laubbäumen, an deren Zweigen sich bereits hier und da zartes Grün zeigte. Zu ihrer Linken trennten heidebedeckte Hänge Mandeville von Amerleigh. Die Heide stand noch nicht in Blüte, doch die Stechginstersträuche überzogen das Land mit buttergelben Tupfern.
Seit dem Tod ihres Vaters vor zwei Jahren war Mandeville in Charlottes Besitz, ebenso wie eine Baumwollweberei im fünf Meilen entfernten Scofield, der Plantage in Jamaika und der „Fair Charlie“, ihrem Handelsschiff. Außerdem gehörte ihr auch die Bleimine auf dem Gelände, über das sie gerade ritt, obwohl diese inzwischen so oft überflutet worden war, dass sie kaum noch profitable Erträge erwirtschaftete. War all dieser Besitz die Opfer, die er von ihr forderte, wert?
Und was hatte sie überhaupt geopfert? Ihre Kindheit vielleicht und wohl auch die Möglichkeit, zu heiraten und eine Familie zu gründen, denn ihr war bewusst, dass ihr Lebensstil auf Männer abschreckend wirken musste, weshalb ihr bisher auch nur verzweifelte oder gierige Glücksritter den Hof gemacht hatten. Doch mit solchen Mitgiftjägern wurde sie leicht fertig. Sie wollte den Bund der Ehe auch gar nicht eingehen, denn dies würde bedeuten, dass ihr gesamtes Eigentum in den Besitz ihres Gatten überginge. Dann würde ihr Gemahl sämtliche Entscheidungen treffen, und sie war nicht bereit, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Für niemanden. Einzig, dass sie für ihre Freiheit auf Kinder verzichten musste, reute sie. Nun, sie würde ihre Zuneigung eben den Kindern der Dorfbewohner schenken, wenn es auch nicht dasselbe war, wie ein eigenes Kind zu haben, das sie lieben konnte, wie nur eine Mutter es zu lieben versteht.
Wäre ihre Mutter nicht bei der Geburt gestorben, wäre vielleicht alles anders gekommen. Sie hätte ihre Tochter gewiss in den gesellschaftlichen Konventionen unterwiesen, zu einer Dame erzogen und dafür gesorgt, dass sie einen passenden Gatten fand. Womöglich hätte sie auch Geschwister bekommen, einen Bruder, der die Nachfolge ihres Vaters antrat. So aber hatte ihr Vater sie stets wie einen Jungen behandelt. Sie hatte sich nichts daraus gemacht, dass er sie immer Charlie nannte, vielmehr sah sie darin nur einen liebevollen Kosenamen. Erst später war Charlotte klar geworden, dass sich ihr Vater geweigert hatte, sie als Tochter wahrzunehmen, weil er sich von ganzem Herzen einen Sohn wünschte, den er nach seinem Ebenbild formen konnte.
Wahrscheinlich hat Vater mich dennoch auf seine Weise geliebt, vermutete sie, doch gesagt hatte er ihr das nie und ihr auch nie nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange gegeben. Als kleines Kind überschüttete sie daher ihre Gouvernanten mit Zuneigung. Diese waren jedoch von ihrem Vater aufgrund ihrer Strenge und ihres praktischen Wesens ausgewählt worden, deshalb wurden ihre Liebesbezeugungen stets schroff zurückgewiesen. Bald schon hatte sie gelernt, ihre Gefühle nicht mehr zu zeigen, wenngleich sich die sanfte Seite ihres Wesens nie ganz unterdrücken ließ und sie leidenschaftliches Mitgefühl für die weniger Glücklichen empfand. Grausamkeit, gleich ob gegen Mensch oder Tier, war ihr fremd.
Ermutigt durch ihren Vater, war sie im Laufe der Zeit eine furchtlose Reiterin geworden, hatte in den wirbelnden Wassern der Flüsse gefischt und konnte auch mit Pistole und Gewehr umgehen. Auch war sie sich nicht zu schade, bei Pferden, Schafen und Hunden Geburtshilfe zu leisten. Ihr Vater hatte außerdem Wert darauf gelegt, dass sie einen guten Geschäftssinn entwickelte und sich auf Buchhaltung und Rechnungswesen ausgezeichnet verstand, eine Fähigkeit, mit der sie Jacob Edwards, ihren Rechtsberater, und William Brock, den Leiter der Weberei, immer wieder verblüffte. Auch den Leiter ihrer Plantage in Jamaika hatte sie mit ihren Kenntnissen ziemlich überrascht.
Charlotte war so tief in ihre Gedanken versunken, dass sie den Hufschlag des herannahenden Pferdes nicht hörte, und so traf es sie völlig unvorbereitet, als zu ihrer Rechten ein Reiter vor ihr aus dem Wäldchen preschte. Vor Schreck bäumte Bonny Boy sich auf, und sie benötigte all ihre Kraft und all ihr Geschick, sich im Sattel zu halten und den Hengst wieder zu beruhigen. Auch der andere Reiter hatte seine liebe Not, sein Pferd zum Stehen zu bewegen.
„Sie hirnverbrannter Trottel!“, brüllte er, während er immer noch heftig an den Zügeln zog und sie daher keines Blickes würdigte. „Was in Dreiteufelsnamen haben Sie sich dabei gedacht, hier wie wahnsinnig geworden durch die Gegend zu galoppieren? Wir sind nicht auf der Rennbahn, Sie hätten mich töten können!“
„Und Sie mich.“
Der Klang der weiblichen Stimme ließ ihn aufhorchen. Sprachlos vor Erstaunen wandte er sich um. Der Reiter, der im Herrensitz auf dem großen Pferd saß, war tatsächlich eine Frau. Aber was für eine Frau! Sie trug die Reitjacke eines Mannes, und das einzige Zugeständnis an ihre Weiblichkeit war ein vorne offener Rock, unter dem braune Lederkniehosen und Reitstiefel hervorlugten. Trotz seiner Wut konnte er nicht umhin, ihre langen wohlgeformten Beine zu bewundern. Offenbar machte sie sich nichts aus den modischen Gepflogenheiten der Damenwelt und dem daraus resultierenden Wunsch, sich beharrlich vor Sonnenschein zu schützen, denn sie trug keinen Hut, und ihr Gesicht hatte einen leicht gebräunten, strahlenden Teint. Goldene Strähnen leuchteten in ihrem üppigen kastanienfarbenen Haar, das seinen Nadeln entkommen war und ihr Gesicht in ungebändigten Locken umrahmte. Ihre grünen Augen blitzten voller Zorn.
„Man erwartet nicht, einem weiblichen Jockey zu begegnen, wenn man über sein eigenes Land reitet“, sagte er und gab sich verärgert, obwohl er einräumen musste, dass sie geschickt mit ihrem Pferd umzugehen wusste. „Schon gar nicht einem Jockey, der offenbar ein Rennen zu gewinnen trachtet.“
„Ich bin galoppiert, von einem Rennen kann gar keine Rede sein“, gab sie bissig zurück. „Wenn Sie auf den Weg geachtet hätten, statt wie ein Straßenräuber aus den Büschen zu preschen …“ Abrupt hielt sie inne und musterte ihn. Er war ein Mann von stattlicher Größe, der von seinem riesigen Pferd auf sie herunterblickte. Seine dunkelgrüne Uniformjacke schmückten schwarze lederne Brustschnüre und silberne Knöpfe, die dunkelgrünen Kniehosen steckten in schwarzen Reitstiefeln. Ein staubiges Cape lag lässig über einer Schulter, und auf dem Kopf trug er einen schwarzen Tschako. Sein attraktives gebräuntes Gesicht zeigte einen Ausdruck tiefer Missbilligung, obwohl sie einen kurzen Augenblick glaubte, ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen zu sehen. „Sagten Sie gerade, das sei Ihr Land?“
„Ja“, antwortete er. „Sie haben unbefugterweise den Grundbesitz des Earl of Amerleigh betreten.“
„Oh.“ Ihr Herz tat unvermittelt einen Sprung, als ihr herausfordernder Blick den seinen traf. Einen Augenblick starrte sie ihn wortlos an, unfähig, den Blick abzuwenden. Es war, als würden Funken sprühen, die ein Feuer entfachten, das sie beide mit seinen Flammen zu verschlingen drohte. Dann aber wusste sie plötzlich, wen sie vor sich hatte – Roland Temple, der Sohn des Earl of Amerleigh, der Mann, der sie vor einigen Jahren so sehr gedemütigt hatte, dass sie diesen Vorfall nie ganz vergessen konnte. Doch man ließ auch nicht zu, dass sie vergaß, denn ihr Vater hatte einen erbitterten Rachefeldzug gegen den Earl und seine Familie geführt. Vor sechs Wochen war Seine Lordschaft verstorben, und nun war sein Nachfolger angekommen, in voller Lebensgröße dräute er über ihr. „Sie sind also der Sprössling des Earls“, meinte sie, ihn bei dem Namen nennend, mit dem ihr Vater ihn immer bezeichnet hatte. „Dann sollten Sie auch wissen, wie weit sich die Ländereien von Amerleigh erstrecken. Dieses Stück Land gehört jedenfalls nicht dazu.“
Es gefiel ihm zwar nicht, als Sprössling tituliert zu werden, doch er ließ es ihr durchgehen. „Natürlich gehört auch dieses Stück Land zu Amerleigh. Ich bin schon als Knabe hier umhergestreift und kenne jeden Fleck.“
„Sie sind jedoch kein Knabe mehr, nicht wahr, Mylord?“ Honigsüß und aufgesetzt freundlich äußerte sie die Frage, bemüht, sich die bitteren Erinnerungen, die sein Anblick in ihr geweckt hatte, nicht anmerken zu lassen. Obendrein schien er sie nicht einmal wiederzuerkennen, was zusätzlich Salz in ihre Wunden rieb. „Seit Ihrer Abreise hat sich manches geändert. Ich rate Ihnen, mit Ihrem Anwalt zu sprechen, bevor Sie zukünftig jemanden fälschlicherweise des unbefugten Betretens bezichtigen. Sie wissen wohl …“ Unvermittelt hielt sie inne.
„Dass mein Vater gestorben ist? Ja, das weiß ich.“ „Mein Beileid. Ihre Mutter wird Ihre Heimkehr sicher freuen.“ „Zweifellos“, erwiderte er und fragte sich, ob sie gut mit seiner Mutter bekannt war oder einfach nur Konversation betrieb, wenngleich sie ihm auch nicht wie jemand schien, der müßigem Geplauder etwas abgewinnen konnte.
„Bitte entschuldigen Sie mich nun, Mylord. Sie mögen sich in Müßiggang ergehen können, aber auf mich wartet Arbeit.“ Sie wendete Bonny Boy und wollte davonreiten, doch er griff rasch nach vorne und packte die Zügel ihres Pferdes.
„Nicht so schnell, Madam …“ Er wusste weder, warum er sie aufhalten, noch was er...




