Ngugi | Nairobi Heat | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 162 Seiten

Ngugi Nairobi Heat

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-88747-303-7
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 162 Seiten

ISBN: 978-3-88747-303-7
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In einem reichen, weißen Vorort von Madison/Wisconsin wird eine junge blonde Frau tot aufgefunden. Das Haus, vor dem die Tote liegt, gehört einem afrikanischen Professor, der für seine Rettungstaten während des Völkermords in Ruanda weltweit als Held verehrt wird. Der schwarze Detective, der in dem Fall ermittelt, fliegt aufgrund eines mysteriösen Anrufs nach Nairobi, Kenia, wo er zusammen mit seinem afrikanischen Kollegen der Vergangenheit des Professors auf die Spur kommen will. Schnell wird klar, dass es hier um viel mehr geht als den Tod eines weißen Mädchens. Es entwickelt sich eine heiße Jagd in einem Sumpf von Korruption, Intrigen und Gewalt. Gleichzeitig ist es auch die Konfrontation des Detectives aus den reichen USA mit Afrika, seiner Geschichte und Kultur, und nicht zuletzt mit der eigenen Identität...

Mukoma wa Ngugi wurde 1971 als Sohn des weltbekannten kenianischen Schriftstellers Ngugi wa Thiong'o in Evanston, Illinois/USA geboren, wuchs in Kenia auf und ging dann zum Studium zurück in die USA. Er arbeitet als Literaturprofessor an der renommierten Cornell University und schreibt als Kolumnist für die BBC, für den Guardian, Los Angeles Times, und verschiedene afrikanische Zeitungen und Zeitschriften. Er veröffentlichte Gedichte und literarische Anthologien »Nairobi Heat« ist sein erster Roman.
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Weitere Infos & Material


Eine schöne Blonde war tot

Wo Träume sterben
Lord Thompson

Eher würde ich schmutziges Wasser trinken
Was ist ein schlechtes Gewissen wert?
Der Weg zur Hölle und Enthüllungen

Nebelwände und andere Verbrechen

Lass die Toten die Toten begraben

The african connection


WO TRÄUME STERBEN


Es war schon sehr spät, als wir zu Os Wohnung kamen. Er wohnte in Eastleigh Estate, einem, wie er sagte, Untere-Mittelklasse-Vorort von Nairobi. Im Scheinwerferlicht des Land Rovers sahen alle Häuser gleich aus – schmale, zweigeschossige Reihenhäuser mit Maschendrahtzaun und gefährlich aussehenden Hunden davor – bei den vielen Kurven und Biegungen hatte man das Gefühl, durch einen Irrgarten zu fahren. Endlich erreichten wir sein Haus, wo er mich in ein fast leeres Zimmer führte. Nach wenigen Minuten war ich fest eingeschlafen.

Kurz vor Tagesanbruch rüttelte O mich wach. Nach einer kalten Dusche ging ich in die Küche, wo seine Frau am Tisch saß und handgeschriebene Seiten korrigierte – O hatte vergessen, mir zu sagen, dass sie Lehrerin an einer Oberschule war. Mittelgroß, eher untersetzt, trug sie ein langes, schwarz-weiß gepunktetes Kleid und eine riesige Afro-Frisur. Sie erinnerte mich an Fotos schwarzer Frauen aus den Sechzigern – radikale Feministinnen, immer mit hochgereckter Faust. Zwischen ihren Vorderzähnen hatte sie eine Lücke, der einzige Makel in einem ansonsten perfekten Lächeln.

»Ich heiße Maria, Odhiambos Frau«, sagte sie und zeigte auf O, der gerade Frühstück machte.

Ich stellte mich vor und beobachtete sie, wie sie ihre Papiere zusammenkramte, ihren Tee austrank und O einen Abschiedskuss gab.

O war ein ziemlich guter Koch – sein Omelette war exzellent. »Das kommt davon, dass Ihr Amerikaner immer nur tiefgefrorene Zutaten nehmt. Hier kommen sie direkt aus dem Garten«, sagte er, als ich ihm ein Kompliment machte. Er grinste: »Meine Frau kann nicht kochen. Sie versucht es, aber sie kriegt’s nicht hin.«

»Du bist ein seltenes Exemplar, mein Freund«, sagte ich, sehr zu seinem Vergnügen, »ein schwarzer, männlicher, feministischer Polizeikoch.«

Er nahm sich einen Joint aus seiner Hemdtasche. »Jetzt bin ich ein schwarzer, männlicher, feministischer Polizeikoch mit einem Joint«, sagte er, als er ihn anzündete.

Ich rauche kein Gras, nicht, weil ich ein Bulle bin, sondern weil es mich zum Kichern bringt – stundenlanges, unkontrolliertes Kichern – und ich nicht unbedingt blöd aussehen möchte.

»Heute werden wir mal auf den Busch klopfen«, sagte O, nachdem ich einen Zug aus seinem Joint abgelehnt hatte.

Er und ich, wir beide wussten: Wenn der Mann, der mich nach Nairobi gelockt hatte, es ernst meinte, dann mussten wir nur an den richtigen Plätzen auftauchen, und uns dort zeigen, dann würde er uns schon finden.

Der erste Busch, auf den wir klopften, war das Konsulat von Ruanda. Das Konsulat war im Muthaiga Estate, wo die Häuser so riesig waren, dass ich mich wie in Maple Bluff fühlte. Nichts. Natürlich kannten sie Joshua. Ohne Menschen wie ihn gäbe es kein Ruanda. Könnte es sein, dass er in kriminelle Machenschaften verwickelt wäre? Nein, natürlich nicht. Feinde? Ja. Könnten sie Genaueres sagen? Könnte jeder sein.

Als nächstes fuhren wir zum Flüchtlingszentrum in Nairobi CBD*, dem Hilfswerk der Never Again Foundation. Das Büro befand sich im obersten Stockwerk und bot einen großartigen Blick über die ganze Stadt. Während wir auf einen Termin mit dem Direktor warteten, ließ ich meinen Blick bis zum Horizont wandern, wo die Häuser kleiner und kleiner und die Schornsteine über ihnen höher und höher wurden.

Nach fünfzehn Minuten wurden wir zum Direktor, Samuel Alexander, einem weißen Amerikaner in verwaschenen Jeans und T-Shirt vorgelassen. Sein Büro sah aus wie ein afrikanisches Museum – von Kunstwerken bis zu mächtigen Kletterpflanzen –, aber er schien sehr glücklich zu sein, einen amerikanischen Mitbürger zu sehen, und zehn Minuten redete er von den Dingen, die er am meisten vermisste: McDonald’s, zweiundfünfzig TV-Kanäle mit nichts als Schrott, Hochgeschwindigkeits-Internet und die Straßen. »Mein Gott, wie ich die Straßen vermisse«, rief er, »die Straßen hier sind Scheiße.« Da hatte er vollkommen recht.

»So, Gentlemen, was kann ich für Sie tun?«, fragte Samuel Alexander endlich.

Ich erklärte ihm, dass wir Informationen über Joshua suchten – irgendwas, was uns bei den Ermittlungen weiterhelfen könnte.

»Wegen des weißen Mädchens?«, fragte er und fügte hinzu: »Dank CNN International«, als er meinen Gesichtsausdruck sah.

»Ja«, antwortete ich.

»Der Kerl ist ein Held«, sagte er und betonte dabei dieses Wort. Er bat uns, mit ihm in den Konferenzraum zu gehen, und dort sahen wir verschiedene große Wandplakate mit Joshua und Slogans wie oder . Auf dem Tisch lagen Broschüren, auf dem Umschlag ebenfalls sein Gesicht. Joshua war ihr Reklame-Boy, sein Gesicht half ihnen beim Geldsammeln, erklärte Samuel. Samuel war es auch gewesen, der Joshua kurz nach dem Völkermord angeworben hatte, dem Flüchtlingszentrum beim Geldsammeln zu helfen. Weiter war ihre Bekanntschaft aber nicht gegangen.

»Haben Sie ihn hier in Nairobi getroffen«, fragte ich ihn.

»Ja, mehrfach. Aber ich muss Ihnen sagen, Joshua ist ein liebenwürdiger Afrikaner… Er könnte nie jemandem etwas zuleide tun«, antwortete er.

Schließlich fragte ich Samuel Alexander, ob er Flüchtlinge oder Überlebende aus Ruanda kenne, mit denen wir sprechen könnten, aber er sagte, das wäre eine Verletzung der Privatsphäre, wenn er solche Informationen weitergäbe.

Als wir mit dem Lift ins Erdgeschoss runterfuhren, war ich froh, dass wir schließlich doch Joshuas Spur in Nairobi gefunden hatten. Mehr hatten wir erstmal noch nicht, aber das spielte keine Rolle – wir klopften ja noch auf den Busch.

Später beim Mittagessen, Brathähnchen mit Pommes, erklärte mir O, er hätte eine Idee, wo wir Ruanda-Flüchtlinge treffen könnten. Er schlug vor, seinen Land Rover in der Stadt stehen zu lassen – in seinem Auto wären wir zu leicht zu erkennen – und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einen Ort namens Mathare zu fahren.

Nachdem wir das Essen beendet hatten, hielt O ein kleines, regenbogenfarbenes Nissan-Sammeltaxi an, in dem in voller Lautstärke Tupacs gespielt wurde. Wir stiegen in Mathare aus – einem der Vorstadt-Slums –, standen am Rand der geteerten Straße und grübelten, welchen der matschigen Fußwege wir nehmen sollten, die sich zwischen den endlosen Reihen von Hütten hinein- und herausfädelten. Ich kam mir vor wie in einem Werbespot mit diesen Scharen ausgemergelter Kinder, für die es offenbar ganz normal ist, dass Fliegen über ihr Gesicht kriechen und sie deshalb auch nicht wegscheuchen. Und der Geruch – der überraschte mich. Trotz der offenen Abwasserrinnen und Tausenden von notdürftig bekleideten, schwitzenden Menschen, die um uns herumliefen, war es kein übler Geruch. Ja, natürlich speiste er sich aus verschiedenen Schichten – Sex, Kot, billiges Parfum, Mundgeruch, Alkohol, Gras, Krankheit –, aber die Mischung roch nicht schlecht, und obwohl er sich in meinem Hals festsetzte wie dicker Nebel, musste ich nicht husten.

O erklärte, dass Mathare in verschiedene Ethnien aufgeteilt sei – so gab es die Luo-, die Kikuyu- und Kamba-Sektion. Und dann gab es noch die Flüchtlings-Sektion, die ihrerseits noch mal nach Nationalitäten aufgeteilt war – Sudanesen, Ugander, Kongolesen und so weiter. Dies hier war ein Ort des Leidens, ein auf den Kopf gestellter Turmbau zu Babel, der in die Hölle hinab statt in den Himmel hinauf stieg.

Wir machten unsere Runden – O mit seinem schmalen Körperbau und den blutunterlaufenen Augen passte irgendwie hierher; ich mit meinem amerikanischen Babyspeck fiel eher auf –, bis wir zur Ruanda-Sektion kamen. »Wir sind vom Flüchtlingszentrum und würden gerne mit Ihnen sprechen«, sagte O jedes Mal, wenn er an die Stangen klopfte, an denen ein Stück Sackleinen hing, das für die Bewohner die Tür darstellte. Dann zeigten wir den Leuten Joshuas Foto, aber alle, die wir fragten, schauten uns an und sagten, sie kennten ihn nicht.

Nach drei Stunden von Hütte zu Hütte hatte ich Hunger. O entdeckte ein paar kleine Jungs, die Mais überm offenen Feuer rösteten, ging zu ihnen hin und handelte ihnen zwei dicke Kolben ab. An amerikanisches Maiskorn gewöhnt, biss ich kräftig zu und hätte mir fast die Vorderzähne abgebrochen, so hart war er. Einer der Jungs lachte, nahm mir den Kolben ab und zeigte mir, wie man die Körner aus der Schale herausbekam; er hielt ihn mit der Linken und puhlte mit der Rechten die Körner raus. Er sagte irgendwas auf Kiswahili.

»Er sagt, das ist die Gebühr dafür«, übersetzte O. Der Junge warf die...


Mukoma wa Ngugi wurde 1971 als Sohn des weltbekannten kenianischen Schriftstellers Ngugi wa Thiong'o in Evanston, Illinois/USA geboren, wuchs in Kenia auf und ging dann zum Studium zurück in die USA. Er arbeitet als Literaturprofessor an der renommierten Cornell University und schreibt als Kolumnist für die BBC, für den Guardian, Los Angeles Times, und verschiedene afrikanische Zeitungen und Zeitschriften. Er veröffentlichte Gedichte und literarische Anthologien »Nairobi Heat« ist sein erster Roman.



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