E-Book, Deutsch, Band 3, 480 Seiten
Reihe: Vagant-Trilogie
Newman Vagant-Trilogie 3: Sieben
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95981-805-6
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 3, 480 Seiten
Reihe: Vagant-Trilogie
ISBN: 978-3-95981-805-6
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Jahre sind ins Land gezogen, seit der Vagant zur Leuchtenden Stadt kam – mit der kleinen Vesper im Arm und Gammas Schwert in der Hand. Inzwischen hat sich die Welt verändert. Vesper reiste auf den Spuren ihres Vaters zum Bruch, schloss den Riss zwischen den Welten und beschützte damit die letzten Reste der Menschheit.
Ein neues Zeitalter ist angebrochen und Vesper übernimmt die Verantwortung für Frieden und Einigkeit. Es scheint nichts zwischen der Welt und der großartigen neuen Zukunft zu liegen. Bis sich Augen öffnen – und Die Sieben erwachen.
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Alpha von Den Sieben steht in einem Alkoven. Er ist von Stein ummantelt, der dünn wie eine Eierschale ist. Ein zerbrechliches Gefängnis aus Trauer – aus Steintränen, die kurzzeitig fließen, sich verhärten, ersticken.
Seit tausend Jahren hausen er und seine Geschwister in ihrer Kammer, zerfließen mit nach innen gerichtetem Blick in ihrem Selbstmitleid und entfernen sich immer weiter von der Menschheit. Das war nicht immer so.
Einst, als der Bruch sich zu regen begann, entsandten sie ihre Schwester Gamma, um ihr Volk zu unterstützen. Es war ihre Gelegenheit, sich hervorzutun, den Willen des Schöpfers zu erfüllen und einen ruhmreichen Kampf gegen die Höllenbrut zu führen.
Aber da war kein Ruhm. Nur Tod.
Als Gamma nicht heimkehrte, weinten Die Sieben einen Fluss aus Tränen für das Leben, das hätte sein sollen. Endlos.
Und als ein bescheidener Vagant Gammas lebendiges Schwert zurückbrachte, hatte das Relikt sich verändert. Sie boten ihm an, an ihrer Seite zu ruhen, aber es wies sie zurück. Es verurteilte sie.
Und so entflohen sie Schmerz und Trauer und kehrten in eine Zuflucht aus Erinnerungen zurück.
Jahre vergingen und eine neue Bedrohung erhob sich aus dem Bruch.
Die Sieben kehrten ihr den Rücken.
Und Gammas Schwert wagte sich erneut in die Welt.
Dieses Mal trug ein Mädchen es zu ihnen zurück – und wo der Mann geschwiegen hatte, hatte es eine Menge zu sagen.
Alpha erinnert sich an die Worte. Sie versetzen ihm Stiche und wühlen auf, verwandeln Trauer in Zorn, Tatenlosigkeit in Handeln. Wut lässt ihn beben. Risse bilden sich in der eierschalendünnen Steinschicht. Einzelne Brocken fallen wie Puzzleteile eines Mannes, der sich selbst auseinandernimmt. Jedes Stück enthüllt ein silbernes Glitzern, einen Hinweis auf die Gestalt, die darunter haust. Schwingen breiten sich aus: Eine Steinkaskade fällt herab, als Alpha glänzend den Alkoven verlässt, umgeben von einer Aura aus wirbelndem Staub.
Als seine Essenz gleißend zum Leben erwacht, folgen auch seine Geschwister. Sie wachen langsam und widerwillig auf, sind dazu gezwungen und zögern dennoch. Sie sind neugierig und doch furchtsam.
Alphas Augen sind so blau wie der Himmel. Er betrachtet jeden einzelnen Alkoven – seine Brüder Beta und Epsilon und seine Schwestern Delta, Theta und Eta. Silberne Schwingen entfalten sich, Stein bröckelt ab und enthüllt glänzende Körper. Die Fragmente zerplatzen zu einer Wolke. Ein Schlag mit den Schwingen, zwei, dann ist die Wolke vertrieben.
Sie starren einander lange Zeit an. Der Staub setzt sich und Gedanken formen sich langsam. Dann verlassen sie einer nach dem anderen ihren Alkoven und gesellen sich zu Alpha in der Mitte des Raums.
Sechs perfekte, metallene Gestalten stellen sich im Kreis auf. Ihre Stimmen sind wie Musik und verweben sich harmonisch mit den anderen. Langsam singen sie darüber, was während ihres Schlafs geschehen ist, von allem, was fehlgeschlagen ist. Dann beginnen sie eine Diskussion darüber, was zu tun ist und wie viele sterben müssen.
In der Nähe zappelt Vesper unruhig, während Federn in ihr Haar geflochten werden. »Muss das wirklich sein?«
Hände pausieren nach ihrer Frage und drei Paar Augen wenden sich der Autorität im Raum zu.
Die Gruppe, die das Mädchen ankleidet, wird von Huldigung beaufsichtigt, dem einzigen Menschen, der Zutritt zum innersten Allerheiligsten Der Sieben hat. Sie ist in ihren Federumhang gehüllt, ihre Haut haarlos, ihre Zehen und Finger nagellos, ihr Leben und ihr Körper dem Dienst gewidmet. Huldigungs Stimme kann Unsterbliche beruhigen und hat erst recht keine Probleme mit Vesper. »Du missbilligst es?«
»Das ist es nicht«, sagt Vesper. »Ich bin sicher, es sieht … wunderhübsch aus. Aber das bin ich eigentlich nicht. Ich denke, sie sollten mich so sehen, wie ich bin.«
»Glaubst du, dass du durch dein Erscheinungsbild definiert wirst?«
Sie kratzt eine kleine Ansammlung winziger, weißer Narben auf ihrer Wange und denkt nach. »Nein.«
»Dann erscheine als Anführerin vor ihnen. Du bist die Erwählte Der Sieben, Träger von Gammas Schwert. Deine Stimme wird uns in ein neues Zeitalter führen. Veränderung ist beunruhigend und die Bewohner der Strahlenden Stadt müssen an dich glauben. Das hier …« Sie zeigt auf Vespers Kluft. »… wird es ihnen leichter machen.«
Vesper zuckt mit den Schultern, Huldigung nickt und das Team macht sich wieder an die Arbeit.
Änderungen werden vorgenommen, man zerbricht sich den Kopf über winzige Einzelheiten. Ihr langer Mantel wird sorgfältig hergerichtet, die Schulterpanzer ein letztes Mal poliert. Vespers Stiefel fügen zwei Zentimeter zu ihrer Größe hinzu, ihre Haare weitere fünf. Sie fühlt sich nicht größer.
»Bist du bereit?«, fragt Huldigung.
Sie ist es nicht. »Ja«, erwidert sie, hebt das Schwert und schnallt es sich auf den Rücken.
Huldigung schenkt ihr ein seltenes Lächeln. »Gut. Es ist Zeit.«
Sie versammeln sich an der Treppe, die zum Allerheiligsten Der Sieben hinaufführt. Es sind Tausende: eine Zeremonie, um den dieses Mal weiblichen Träger willkommen zu heißen. Bedeutende Bewohner der Strahlenden Stadt und stolze Mitglieder des Imperiums des Geflügelten Auges. Die Seraphritter in ihren glänzenden Rüstungen, die Soldaten in ihren perfekten Formationen und die Bürger, die bescheiden gekleidet und deren Aussehen und Gedanken einheitlich sind. Sogar die Kinder sind hier, angeordnet nach ihrem jeweiligen Chor, synchronisiert und stumm.
Wie ein lebendiges Meer wogen sie um die großen, silbernen Stufen, ein glanzvolles Monument aus nahtlosem Metall, hundertfünfzig Meter hoch, das abrupt mitten in der Luft endet. Weitere fast hundert Meter leerer Raum trennen die Stufen von dem großen schwebenden Würfel, der das Allerheiligste selbst bildet. Er verfügt über keine besonderen Merkmale, dreht sich langsam und wird von Mächten in der Luft gehalten, die niemand mehr versteht.
Eine kleine Öffnung zeigt sich am Fuß des Würfels. Zwei Gestalten werden darin umrahmt.
Weit unten senkt die versammelte Menge ehrerbietig ihre Häupter und die Ritter ziehen die singenden Schwerter zum Gruß.
Eine der Gestalten – Huldigung – tritt heraus. Ihre Füße finden in der Luft Halt und sie steigt herab. Ihr Gewicht wird von der Liebe Der Sieben getragen. Diesen Akt des Glaubens vollführt sie täglich. Die zweite – Vesper – zieht das Schwert und streckt es gerade nach vorne weg. Silberne Schwingen entfalten sich vom Griff und ertasten die mit der Luft vermischten Essenzströmungen. Ein am Kreuzstück des Schwerts eingelassenes Auge wird enthüllt. Es öffnet sich und Vesper sieht hinein.
Die junge Frau lächelt knapp und folgt Huldigung hinaus.
Keine von beiden stürzt ab.
Die eine schreitet würdevoll voran, die andere mit stiller Zuversicht.
Als sie die oberste Stufe erreichen, runzelt Vesper die Stirn. Das Auge im Schwert hat sich nicht geschlossen und starrt stattdessen über ihre Schulter nach oben. Es ist weit aufgerissen und besorgt. Sie riskiert einen kurzen Blick, aber sie sieht nur die Seite des großen Würfels und die beiden Sonnen darüber.
Bald verbannt sie alle Befürchtungen aus ihren Gedanken, denn die Augen der Strahlenden Stadt ruhen auf ihr. Wenn sie spricht, wird man ihr lauschen. Und auf ihre Bitte hin wird jedes Wort von ihr in den Überresten des Imperiums verbreitet – durch Chips, die direkt in Gedanken flüstern, durch Läufer, Händler und alle Netzwerke, die den Lupen zur Verfügung stehen.
Ihr eigener Chip füttert ihr jetzt die Worte der Rede. Sie weiß, was zu sagen ist; aber wie Huldigung ihr erklärt, hören nur die Ohren die Worte. Es ist an ihr, die Herzen zu gewinnen.
Sie sieht sich nach Unterstützung um, nach einem letzten Schub für ihr Selbstvertrauen, bevor sie beginnt.
Sie findet ihn in einem Paar bernsteinfarbener Augen, die sie von einigen Stufen unter ihr beobachten. Ihr Vater wirkt in der angelegten Rüstung merkwürdig. Obwohl er im Stile der Stadt zurechtgemacht ist, fällt er auf, denn er fühlt sich offensichtlich unbehaglich. Trotz aller Ehren weiß sie, dass er lieber daheim wäre, um sich um die Ziegen zu kümmern und wackelige Erweiterungen am Haus anzubringen.
Der Gedanke lässt sie lächeln. Sie ist überrascht und es wärmt ihr Herz, ihn dort zu sehen.
Ihr Vater lächelt zurück.
Das genügt.
Sie atmet tief durch, hält...




