E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Vagant-Trilogie
Newman Vagant-Trilogie 2: Arglist
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95981-498-0
Verlag: Cross Cult
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Vagant-Trilogie
ISBN: 978-3-95981-498-0
Verlag: Cross Cult
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Süden regt sich der Bruch. Gammas Schwert - die Arglist - erwacht und macht sich bemerkbar, weil es wieder in den Kampf ziehen will. Doch der Vagant hat endlich eine Heimat gefunden und sich ein Leben aufgebaut. Deshalb kehrt er ihm den Rücken und ignoriert seine Aufforderung. Frustriert ruft das Schwert lauter, bis jemand anders es erhört. Ihr Name ist Vesper. Diese futuristische, stark von der Fantasy beeinflusste Welt mit ihren korrupten Rittern, gefallenen Himmelsschiffen und der geheimnisumwitterten Gestalt, die sich von all dem abhebt, ist eine Trilogie, die man einfach gelesen haben muss.
Weitere Infos & Material
Im Süden regt sich der Bruch.
Mehr als tausend Jahre lang ist er stetig gewachsen. Zunächst langsam, ein verstecktes Geschwür unter der Haut der Erde; ein Haarriss, der fremdartige Schwaden ausatmet – beunruhigend, aber harmlos. Doch unter der Oberfläche wächst der Druck, bis der Riss zu einer Öffnung wird. Die Öffnung reißt weit auf, wird zu einer aufbrechenden Wunde der Welt.
Die Höllenbrut strömt hervor, gestaltlose Albträume, die sich den Weg in die Realität freischlachten, die Körper der Gefallenen in Besitz nehmen und sie verändern. Sie reißen die natürliche Ordnung an sich und besudeln sie, verderben Pflanzen, Tiere und sogar die Luft.
Während die Höllenbrut körperliche Form annimmt, findet sie Identitäten und Namen: Der Größte unter ihnen ist der monströse Usurpator, der sich durch reine Willenskraft zum Herrscher erhebt, Gamma von Den Sieben niederstreckt und ihre Armeen zerschmettert. Der Usurpator ist derjenige, der das Ende der Hoffnung und den Rückzug des menschlichen Einflusses einläutet.
Aber Gammas lebendiges Schwert wird nicht vernichtet und sein Fortbestehen nagt an den Malen, die auf der Essenz des Usurpators zurückgeblieben sind, lässt sie schwären und schwächt ihn. Der Usurpator entsendet seine Horden, um das Schwert zu suchen, das von der Höllenbrut Arglist genannt wird, doch ihre Bemühungen scheitern. Ein Mann entreißt ihnen das Schwert und nach einiger Zeit stürzt seine Macht den Usurpator, was einen gewissen Frieden einkehren lässt. Kein wahrer Frieden, denn zu viel wurde zerstört, als dass die Welt sich einfach erholen könnte. Dies ist lediglich eine Pause, wie angehaltener Atem. Sie ist nur vorübergehend. Denn im Süden regt sich der Bruch.
Auf der anderen Seite der Welt steht ein Mann an einem Fenster. Seine bernsteinfarbenen Augen sind auf eine kleine Gestalt draußen gerichtet. Ihr Name ist Vesper. Sie tut nichts Bemerkenswertes und dennoch lächelt der Mann. Allein ihre Existenz ist tröstlich, wärmend wie die Sonnen.
Für lange Zeit war er allein und verloren gewesen, ein Vagabund. Jetzt hat er ein Zuhause, eine Familie und so viele Ziegen, dass er nicht weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Es ist ein gutes Leben.
Dennoch scheint in letzter Zeit ein Schatten direkt um die Ecke zu lauern – ein Hinweis auf bevorstehende Unruhe. Sein Zuhause steht außerhalb der Strahlenden Stadt, einen Schritt entfernt von Menschen, Politik und den Erwartungen anderer. Neuigkeiten müssen sich bis an seine Haustür durchkämpfen. Dies ist kein Zufall.
Hinter ihm beginnt das Schwert zu zittern. Es schaukelt vor und zurück, gefaltete Schwingen tippen gegen die Wand, doch das Auge bleibt geschlossen. Seit Jahren hat es tief und friedvoll geschlafen, ein stummer Gefährte.
Er dreht sich zu ihm um und das Lächeln entgleitet seinem Gesicht. Gedankenverloren kratzt er an alten Narben auf seinem Oberschenkel, seinem Gesicht, an der Seite seines Kopfs. Jahre hat es gedauert, bis sie abgeheilt waren. Jahre voller sanfter Bemühungen, ein neues Leben aufzubauen und einen sicheren Ort für diejenigen zu schaffen, die er liebt.
Seine Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf Vesper, die träge mit den Ziegen schwatzt. Langsam macht er sich wieder an die Arbeit, doch das Klopfen des Schwerts geht weiter. Es ist wie ein Dorn in seinem Stiefel, ein Sticheln, das nie ganz aus seinem Bewusstsein verschwindet. Lippen bilden einen Strich. Fäuste ballen sich an seinen Seiten.
Er bringt das Schwert in sein Zimmer und schließt die Tür.
Es reicht nicht.
Er wickelt das Schwert ein, baut ihm ein dickes Stoffbett und dämpft die Geräusche, die es von sich gibt.
Es reicht nicht.
Obwohl das Schwert nicht länger gegen die Wand klopft, äußert sich sein Unbehagen durch halb ausgestoßene Töne, winzige Töne, die sich am Rand seiner Seele fangen.
Er findet sich an der Tür wieder und starrt vor sich hin. Eine Hand setzt dazu an, sie zu öffnen, um nach dem schlafenden Schwert zu greifen. Es wäre eine Kleinigkeit, es aufzuheben, wieder aufzuwecken und …
»Was machst du?«
Er erschrickt, dreht sich um und sieht Vesper, die mit strahlendem Gesicht hinter ihm steht. Mit ihr ist jeder Tag ein Wunder. Wie groß sie geworden ist! Wie sehr sie ihrer Mutter ähnelt.
Sie legt den Kopf schief und versucht an ihm vorbeizusehen. »Was machst du?«
Er bringt ein schiefes Lächeln zustande und zuckt mit den Schultern.
»Geht es dir gut?«
Er nickt.
»Was ist da drin? Ich dachte, ich hätte etwas gehört. Kann ich nachsehen? Ist es ein Tier? Es klang unglücklich. Kann ich es sehen?«
Er wischt die Fragen mit einer Handbewegung beiseite und legt seine Hand sanft auf ihre Schulter, um sie von dem Zimmer wegzuschieben.
Später, als das Mädchen anderweitig abgelenkt ist, kehrt er mit stärkeren Materialien und einer Kiste zu dem Zimmer zurück.
Aber es reicht nicht.
Zwanzig Jahre sind vergangen, seit die erste Welle der Höllenbrut entstanden ist, doch der Bruch hat nicht nachgelassen. Ein gleichmäßiges Rinnsal bizarrer Kreaturen ist aus ihm herausgetröpfelt. Manchmal sind sie allein, manchmal zu zweit, gelegentlich eine Schwemme – aber der Strom wächst stetig. Zentimeter um Zentimeter, wird ein wenig größer, zuckt, dehnt sich aus.
Seit elf dieser Jahre sieht Samael zu.
Er steht auf einem rostenden Hügel. Einst war dieser eine Schlange aus mechanisiertem Metall; jetzt ist er ein Denkmal für längst vergessene Dinge. Unter Samaels Füßen liefert sich heimisches Moos einen Kampf mit von Verderbnis befallenen Strängen. Schwammige Bodenbeläge, gelb und braun, breiten sich zielstrebig aus. Samael bemerkt es nicht. Seine Aufmerksamkeit ist auf den Bruch gerichtet. Er war zunächst einem Impuls gefolgt, als er hierherkam. Stimmen, die er fast nicht hören konnte und die tief in seiner Essenz vergraben waren, hatten ihn angezogen. Er mag seine Impulse, genau wie er seine Angewohnheiten mag. Sie geben ihm eine Richtung.
Zwölf Jahre ist seine zweite Geburt her, als man ihn seinem Leben auf dem Meer entrissen hatte. Nur sein Haar ist unverändert. Samaels Haut unter seiner Rüstung ist elfenbeinfarben, versteinert zu einer Karikatur rissigen Marmors. Sein Haar ist im Gegensatz zum Rest von ihm voller Leben. Er trägt es zusammengebunden – ein Pferdeschwanz, der aus einem Schlitz oben in seinem Helm herausfließt. Er weiß, dass sein Schöpfer diese Eitelkeit missbilligen würde. Der Gedanke lässt ihn schaudern und lächeln.
Natürlich wurde sein Schöpfer, der Kommandant, von der Arglist gemeinsam mit den anderen Rittern von Jade und Asche vernichtet, aber das hält Samael nicht davon ab, an ihn zu denken. Oder Billigung zu suchen. Er wünscht, es wäre anders.
Die Rüstung, die er trägt, ist eine Mischung aus willkürlich zusammengesuchten Platten, die er auf dem Schlachtfeld ausgegraben und dann notdürftig in Form gehämmert hat. Das Ergebnis ist hässlich und sitzt schlecht. Es fühlt sich richtig an. Eine zweite Haut, die er für sich angefertigt hat. Sie zu tragen, ist zur Gewohnheit geworden. Immerhin würde der Schöpfer das sicherlich billigen. Er hofft es, kann aber nicht sicher sein. Seit dem plötzlichen Ende des Kommandanten ist er mit Freiheit und zu vielen Fragen zurückgeblieben.
Eine frische Welle Essenz blubbert aus dem Bruch. Früher konnte man den Abgrund von diesem Hügel aus nicht sehen und zwischen dem Aussichtspunkt und dem großen Riss hat ein Dorf gestanden. Das Dorf ist jetzt verschwunden, verschluckt von der Erde, hinabgesogen in andere, unbekannte Reiche tief jenseits des Bruchs.
Samael weiß nicht, woher er das weiß, aber er weiß es. Er erinnert sich an Gebäude, an Gesichter, deren Hoffnung verblasst, als er an ihnen vorbeigeht und sie zum Sterben zurücklässt. Dieses Aufflackern einer Erinnerung, die seine und doch nicht seine ist, verschwindet so schnell, wie es gekommen ist, und hinterlässt einen Kessel voller unverarbeiteter Gefühle.
Widerwillig kehren seine Gedanken in die Gegenwart zurück.
Hier halten die Dämonen ihren Einzug. Er kann nicht ändern, was ihm angetan wurde, er kann die Höllenbrut weiter im Norden nicht davon abhalten, die Welt heimzusuchen … doch hier kann er etwas bewirken. Hier kann er sich immerhin gegen die Flut stemmen.
Wolken ungeborener Essenz formen sich am Rand des Bruchs. Begleitet werden sie von einer Unmenge huschender, hungriger Schorfe, den niedersten der Höllenbrut. Die Schorfe schwärmen aus und jagen im Schmutz nach Nahrung. Die ungeborenen Geister suchen nach einem Weg in die...




