Neumeyer | Der Offizier der Kaiserin | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Neumeyer Der Offizier der Kaiserin

Historischer Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-89425-640-1
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-89425-640-1
Verlag: GRAFIT
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Ein historischer Schlosskrimi - süffig, spannend und mit einer Prise Romantik Wir schreiben das Jahr 1898: Schloss Hof liegt alt und vergessen im österreichischen Marchfeld. Während in Wien das fünfzigjährige Regierungsjubiläum Franz Josephs I. gefeiert wird, obwohl im Umland die Rebellion rumort, ist das Leben hier noch ruhig und urtümlich. Als der Kaiser beschließt, das Jagdschloss ans Militär zu verpachten, wird das Leben von Dienstmädchen Irmi ordentlich aufgewirbelt. Denn außer einer Gruppe fescher Offiziere kündigt auch Kaiserin Sisi ihren Besuch an. Grund genug für ein rauschendes Fest. Doch am nächsten Morgen wird die Leiche eines der Offiziere gefunden. Der geheime Polizeiagent Johann Pospischil wird aus Wien entsandt, um zu ermitteln - und kommt einem Skandal auf die Spur, der bis in die vornehmsten Adelshäuser reicht.

Christine Neumeyer, geboren 1965, übersiedelte nach Abschluss einer kaufmännischen Ausbildung von Niederösterreich nach Wien und arbeitet nach zehn Jahren im Direktionssekretariat des Schlosses Belvedere in der Verwaltung der Universität Wien. Als Leiterin der Regionalgruppe Österreich der Mörderischen Schwestern realisiert sie verschiedene Literaturprojekte in Wien. Die Autorin steht für Lesungen zur Verfügung.
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1

Der Außenanstrich bröckelte, Spinnweben hingen an den Fenstern, Unkraut und wildes Gras wucherten im Park und der heiße, trockene August des Jahres 1898 trieb zu allem Übel auch noch die Ratten in den ehemaligen Landsitz von Prinz Eugen und Kaiserin Maria Theresia.

Brahm seufzte. Fünf Offiziere des niederösterreichischen Dragonerregiments würden für eine unbestimmte Zeit auf Schloss Hof Quartier beziehen. Die Stallungen sollten ebenso rasch instand gesetzt werden wie die Wohnräume des Ostflügels. Der Verwalter hasste es, mit Aufträgen bedrängt zu werden. Grimmig blickte er durch das Fenster zum Hügel in Richtung Osten, zur Grenzlinie nach Ungarn, die sich entlang der March in den Graben schnitt. Kaiserin Maria Theresia hatte in der Blütezeit der Schlösser eine Brücke über den Fluss errichten lassen. Heerscharen von Reitern und Kutschern passierten diese einst bedeutende Verbindung nach Pressburg und Budapest. Heute nutzten kaum mehr Gefährte den Steg.

Brahm runzelte die Stirn. Der erste Nebel zog an diesem Vormittag über die Felder. Langsam verdichtete sich der leuchtende Sommer zu einer unergründlichen Düsternis. Kräftig würden bald die Nordstürme um die Gemäuer in ungeschützter Lage fegen und die dünnen Stämme der Föhren neigen. Beim Gedanken an die tote Zeit des Winters war der Niedergang der Marchfeldschlösser für Brahm ein Vorbote für das drohende Ende der Doppelmonarchie. Dem kleineren Schloss in Niederweiden, etwa sechs Kilometer südwärts im flachen Land, erging es ähnlich. Dass der Kaiser die Verwalterstelle bisher nicht gestrichten hatte, beruhigte Brahm keineswegs. Nach den verlorenen Kriegen wurde allerorts gespart und da im Marchfeld wohl nie wieder Hof gehalten werden würde, war es nur eine Frage der Zeit, dass er ebenfalls seiner ehrenvollen Aufgabe enthoben werden würde.

Der Besuch des Dragonerregiments konnte allerdings das Zeichen für eine positive Wendung sein. Brahm dachte an seine Dienstwohnung im herabgewirtschafteten Meierhof, die er trotz der bescheidenen Ausstattung allzu gerne bis ans Ende seiner Tage behalten würde, als ihn ein kratzendes Geräusch herumfahren ließ.

Mit dem spitzen Gesicht voran, den dünnen Schwanz nachziehend, huschte eine Ratte die bunte Wand empor. Kein Kronleuchter, kein Dachstuhl schien dem Vieh zu hoch. Das Tier fraß sich durchs Mobiliar, ob Damast, Seide, Papier oder Holz. Angewidert verzog der Verwalter das Gesicht. Die Rattenbisskrankheit konnte selbst einem kräftigen Mann wochenlanges Fieber bescheren, im schlimmsten Fall den Tod. Wenn er auch manchmal angesichts der Verwahrlosung in Trübsinn versank, sterben wollte er nicht. Rasch musste er etwas unternehmen gegen die Plagegeister. Er sah es als seine Pflicht, auf das Eigentum des Kaisers zu achten, selbst wenn es bei Seiner Gnaden längst in Vergessenheit geraten war. Brahm deutete eine französische Verbeugung an. Nur Arsen, Thallium- oder Kumarinpräparate vermochten die Nager zu bremsen – oder ein loderndes Feuer. Den Flammen erlag jedes Leben, sei es noch so zäh, bedauerlicherweise ebenso jedes Inventar, besonders jene scheußliche Chinesentapete im Ostflügel.

Entschlossen schulterte er sein Gewehr, lud durch, zielte und drückte ab. Rot färbte sich das helle Fell. Dumpf glitt der tote Körper die Wand hinunter auf den staubigen Teppich. Das Knistern war verstummt. Rudolf Brahm hatte die Rattenplage im Griff. Sein Kinn reckte sich, die Wirbelsäule richtete sich auf im Angesicht des Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn auf dem Ölgemälde vor ihm. Da mussten andere Kaliber heranrücken, um ihn von seiner Aufgabe abzuhalten. Es galt, Haltung zu bewahren, in jeder Situation. Brahm griff zum Flachmann in seiner Jacke, öffnete den Schraubverschluss und nahm einen kräftigen Schluck von dem gebrannten Wasser.

Im Wirtshaus zur Suppenkuchl in Groißenbrunn hing dicke Luft. Weniger lag es an dem Qualm aus den offenen Töpfen oder an den billigen Zigaretten, denen sich die Männer hinter dem Windfang aus Weichholz hingaben, vielmehr lag es an der schlechten Laune des Gastwirts.

»Geh, Weib«, schalt er, »bring dem Herrn Hofmarschall den guaten Wein aus dem Keller, weißt schon, den Roten, den uns der Herr Baron letztes Weihnachten gschenkt hat.«

»Was, den guten Wein willst aufmachen?«

»Ja, der Hofmarschall hat Geburtstag heut«, raunte er. »Wenn man ihr net alles anschafft, tut sie gar nichts, des Weibsbild, des ausgschamte

»Na geh«, beschwichtigte Brahm, »sei nicht so streng mit der Eva und ein für alle Mal: Für den Titel eines Hofmarschalls bräuchte es eine bessere Adelsprobe. Haha. Leider keine Chance bei dem winzigen Tropfen böhmisch blauen Blutes in mir. Haha. Keine Chance, bedaure.« Wenn er es auch nicht zugeben wollte, so aalte er sich gerne im warmen Schein der herrschaftlichen Anrede. Deshalb kam er so gerne in die Suppenkuchl.

Der Wirt wandte sich grunzend ab und widmete sich eine Weile dem Ausschank vorne an der Bierzapfsäule, bevor er zu seinem Gast im hinteren Teil der Stube zurückschlurfte.

»Dauernd ist das Weib beim Kaplan putzen«, schimpfte er. »Ich würd des Geld net brauchen, aber sie und die Tochter, die haben so gerne was Schönes zum Dekorieren.«

»Ja, die Weiberleut«, pflichtete der Verwalter bei. »Die machen aus uns Männern Bettler. Haha.«

Der Wirt stieß einen zustimmenden Rülpser aus, als seine Frau mit dem Wein aus dem Keller zurückkehrte und Rudolf Brahm einschenkte. Gluckernd füllte sich das Glas. »Herzlichen Glückwunsch. Darf ich dem Herrn sonst noch etwas bringen?«

»Ja gerne.« Er grinste. »Eure köstliche Rindsuppe mit den Schöberln bitte schön.« Seine Nasenflügel weiteten sich. »Der Duft eurer Suppen ist einfach unwiderstehlich.«

»Die Kaiser-Schöberl-Suppe also«, wiederholte die Wirtin mit einem Lächeln. »Die ist guat, gell, Herr von Brahm?«

»Die beste im ganzen Reich.«

»Was gibt’s Neues im Schloss?«, fragte sie mit schmeichelnder Stimme. »Oder wissen S’ vor lauter Langeweile nichts anzufangen mit Ihrer Zeit, Herr Hofmarschall?« Sie lachte schallend.

Die rauchenden Männer auf den Hockern vor dem Windfang reckten neugierig die Köpfe. Der Wirt hob die Brauen.

»Langeweile? Pah! Von wegen«, erwiderte Brahm, von der Keckheit der Wirtin aufgestachelt. »Erst gestern habe ich ein Apostolat erhalten, vom Kaiser, jawohl, von Seiner Gnaden höchstpersönlich.«

»Ein Apostolat? Vom Kaiser?« Die Wirtin zeigte sich beeindruckt.

Das Fräulein Tochter stand mit geröteten Wangen in der offenen Tür. »Wirklich vom Kaiser? Besucht Seine Hoheit unser Marchfeld? So reden S’ doch, Herr von Brahm!«

»Geh, deppert’s Mensch«, schimpfte die Mutter. »Der Kaiser kommt längst nicht mehr raus in die windige Einöde. Seine Gnaden mögen die Berge mehr, Seine Gnaden gehen lieber im Wienerwald jagen, dort sind die Rehlein feiner als bei uns, und die Kaiserin weilt eh meistens auf Korfu oder neuerdings in Budapest bei ihrem feschen Grafen Andrássy.« Sie senkte den Kopf. »Wer könnt es ihr verdenken, ein Rendezvous mit einem Aufständischen ist gewiss spannender, als beim alten Kaiser zu hocken, der außer der Pflicht nichts kennt.«

»Na, der Kaiser kommt nicht. Aber seine Vorhut.« Brahm fixierte den dicken Busen am Fräulein Tochter. Das hellgelbe Korsett vermochte ihr junges Fleisch kaum zu bändigen. »Sehr bald, die nächsten Tage bereits. Aus Kostengründen und wegen der Zeitnot werd i wohl oder übel Personal aus Pressburg in Dienst nehmen müssen. Der Ostflügel soll gsäubert werden und das Gras vor dem Schloss ist mannshoch, das ghört gschnitten. In so einer Unordnung lässt man keinen vorfahren, schon gar keinen kaiserlichen Stoßtrupp. Wir haben viel zu wenig Leut in der Meierei dafür.«

Die hellen Augen der Wirtstochter weiteten sich. »Die Vorhut des Kaisers? Für ein Fest auf dem Schloss? Zum Jubiläum Seiner Hoheit, ist es wahr?« Ihre Stimme überschlug sich, unruhig strichen ihre Hände über die entblößten Unterarme. »Ein richtiger Hofstaat auf Schloss Hof, wie seinerzeit bei der rühmlichen Kaiserin Maria Theresia?«

»Richtig!« Er dehnte den Rücken im Glanz der Aufmerksamkeit, die ihm Rosi viel zu selten schenkte. »Ein Fest.« Er erinnerte sich an den Kern der Nachricht aus der Kasernenkanzlei. Fünf berittene Dragoner wurden angekündigt, ein Offizier, vier Unteroffiziere. Er solle sich um die Unterkunft und die Versorgung von Soldat und Pferd kümmern, den Grund für den Besuch hatte er jedoch, sosehr er sich anstrengte, tatsächlich vergessen. »Ja, ein Fest wird es geben«, wiederholte er bestimmter, weil sich die junge Rosi so zu freuen schien. Und wenn sich das Mädel wegen ihm freute, wurde ihm warm ums Herz. So hübsch sah es heute aus in dem gelben Stoff, das blonde Haar zu zwei Zöpfen geflochten, die dicken Waden in weißgezwirnten Strümpfen und die kleinen Füße mit den winzigen Zehen in den schwarzen Lederhalbschuhen versteckt.

»Mein Gott!«, rief Rosi und faltete die Hände vor der Brust. »Das muss ich sofort der Irmi erzählen. Die wird schauen.« Lachend hätte sie ihn beinahe umarmt, wenn nicht die Mutter sie weggezerrt hätte.

»Schamst dich net, Madl? Unsere Gäste zu belästigen mit deinem Überschwang.«

»Aber, Gnädigste«, raunte Brahm, »lassen Sie das Mädel doch.« Seine Hand erwischte gerade noch die Hüfte, bevor die Wirtstochter am Windfang vorbei in den goldenen Glanz der Augustsonne entschwand.

»So ein närrisches Ding.« Der Wirt schüttelte den Kopf. »Die alberne Schwärmerei für den Kaiser und seinen Hof hat sie nicht von mir. Auch nicht die seltsame Freude an Büchern. Dauernd hat sie...


Christine Neumeyer, geboren 1965, übersiedelte nach Abschluss einer kaufmännischen Ausbildung von Niederösterreich nach Wien und arbeitet nach zehn Jahren im Direktionssekretariat des Schlosses Belvedere in der Verwaltung der Universität Wien. Als Leiterin der Regionalgruppe Österreich der Mörderischen Schwestern realisiert sie verschiedene Literaturprojekte in Wien. Die Autorin steht für Lesungen zur Verfügung.



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