E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Neumann / Verlag Die Alchimisten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7565-9796-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-7565-9796-3
Verlag: neobooks
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Alfred Neumann war ein deutscher Autor historischer und zeitgeschichtlicher Romane
Autoren/Hrsg.
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Sebastian mit den Pfeilen
Wettlauf der Lawinen
Die Tambours trommelten. Obwohl in alter Übung gedämpft und so etwas wie salonfähig gehalten, rollte der Wirbel durch das königliche Haus. Die Abgeordneten gewannen im Nu eine respektvolle Aufmerksamkeit, eine gewisse Habtachtstellung ganz wie von ungefähr, aus alter Gewohnheit, und alle fast blickten auf die Doppeltür des Sitzungssaales, die sich öffnete. Dort sahen sie eine Doppelreihe Soldaten, und alle wussten, dass die Gasse der Ehrenkompagnie vom Sitzungssaal bis zur Präsidentschaftsgalerie reichte, die sich auf das Vestibül öffnet. Das war nichts Aussergewöhnliches, das ist vor jeder Sitzung so. Wenn es trommelt, tritt der Präsident des Hauses aus der Galerie in die stramme Ehrengasse, um feierlich und vicekaiserlich seinen Platz einzunehmen. Jetzt betraten zwei Huissiers den Saal, schwarz gekleidet, mit Halskette und Degen und unter dem Arm den zusammengeklappten Hut: die Abgeordneten, die noch nicht standen, erhoben sich. Zwischen zwei Offizieren, gefolgt von den Sekretären des Büros und dem Generalsekretär, kam Morny.
So war es immer, so fürstlich war der Dienstgang des glänzenden Mannes, und dann sass er liebenswürdig auf seinem hohen Stuhl und dirigierte das Orchester mit lockerer Hand. Was hatte sich im neuen Jahrzehnt geändert?
Man sehe sich sein Gesicht an. Man kann nicht sagen, dass er gealtert sei oder die Last der Arbeit zeige, die der grosse Herr nun einmal ohne sichtbare Mühe zu tragen versteht, oder selbst die Last der Sorge, der vielfältigen Sorge. Man kann vielleicht sagen, dass er sich geändert habe wie die Zeit, um die es ihm ja geht, und dass es keine heftige Wandlung sei, aber auch ganz gewiss keine laue. Der Kopf war von so fester und eindrucksvoller Prägung geworden, dass es wie ein Formfehler sein würde, wäre der Schädel nicht nackt bis zum Nacken. Der verstohlene, tiefgerückte und sich doch nicht mehr schliessende Haarkranz, gerade noch über den Ohren modisch sich auflockernd, war nur dazu da, um die beinahe römische Härte des Umrisses in die nachgerade berühmte Silhouette des pariserischsten Freundes des guten Lebens hinüber zu retten. Die Entwicklung trieb zur Deutlichkeit, beinahe zur Übertriebenheit des Physiognomischen: jetzt war es der klarste Kopf und ein überwaches Gesicht geworden, – und es änderte doch nichts an der Ähnlichkeit mit dem Bruder Cäsar, der manchmal schon im Nebel versackte oder hinter den Wolken verschwand. Es war schon so, wie die Welt zu raunen begann und wie es hier im Saal die Mitglieder des Gesetzgebenden Orchesters aus grösserer Nähe sahen: in diesem königlichen Haus regierte das andere, das zweite Gesicht des Imperiums, das fassliche, fraglose und hoffnungsreiche.
Die Welt hatte im ersten Jahr des neuen Dezenniums viel zu raunen gehabt; denn Jupiter tanzte recht bedenklich und nicht immer elegant auf den Wellen im heillosen Doppelsturm aus Italien und aus Rom, und es wurde wieder einmal dem mitwankenden Europa nicht deutlich, ob er die Wellen trat oder ob sie ihn auf und ab trieben. Und dann flatterte wieder einmal aus dem Wirbel eine Broschüre, eine politische Sensation, die nicht nur deshalb der kaiserlichen Feder zugeschrieben wurde, weil sie sich namenlos gab, sondern wahrhaftig auch, weil sie tückisch war, weil sie mit höchst ehrerbietigen Worten und religiösen Zeichen, gleichsam das Kreuz schlagend, dem Patrimonium Petri die Kirchenstaatsglieder amputierte. Und dann schrieb Jupiter dem zürnenden Papst einen sehr schönen und sehr devoten Brief, der nicht gerade die Autorschaft am Pasquill, aber doch die Tatsache der italienischen Revolution anerkannte und den bedrohlichen Rat gab, Realpolitik zu treiben, also sich die Glieder amputieren zu lassen. Und dann zückte Pio Nono das Schwert der Enzyklika und zerhieb den verfilzten Knäuel der italienisch-römischen Frage, und es standen sich plötzlich zwei Feinde gegenüber: Katholizismus und Revolution, und mit diesem einen Schlag lief der grosse Schnitt über Italien hinaus ins neue Reich des alten Undankbaren von Spoleto. Und dann raunte Paris: der Kaiser ist wahnsinnig.
Das war schon zu Anfang des Jahres gewesen. Der Winterhimmel hing grau und niedrig über der Stadt mit dem merkwürdigen Druck von Verhängnis. Morny pflegte ziemlich früh aufzustehen, so spät er auch ins Bett kam. Für den, der mit der kostbaren Zeit immer geiziger werden musste, war es schon Verschwendung genug, fünf Stunden für den Schlaf auszugeben. Aber da er kein Freund der Hast und ein Feind des Stundenplanes war, blieb er lange im Schlafzimmer: so wurde das Lever schon wichtig bei ihm, wie einst im Dixhuitième, und das Schlafzimmer der Empfangsraum für die Intimen. Der Kammerdiener hatte die Vorhänge geöffnet und den Tag eingelassen. Der Tag war grau und gedrückt, Morny kannte seine Stadt und die Ahnung von Verhängnis, die manchmal rätselhaft über ihr hing. Er zog die Kordel seines Schlafrocks aus schwerer, schwarzer Seide enger, ihn fror. Er betrachtete sich im Spiegel, genau und mit strengem Gesicht. Dann, als sei es das Resultat der Prüfung, nahm er von den vier Flacons mit Silberpillen, die auf dem Toilettentisch standen, die dritte und schluckte zwei von den Kügelchen. Es kam die wichtigste Person des Haushaltes, der Küchenchef. Morny bestimmte an jedem Morgen die Speisenfolge des Tages, ob es ein gedrückter Tag war oder nicht, ob er Gäste hatte oder nicht. Morny liebte die Kochkunst, er verstand viel davon, er verstand allerlei, seine Küche war so berühmt wie seine Gemäldegalerie: aber er selber ass sehr wenig, er ass immer weniger. »Ich dachte mir, lieber Charles, ein Tässchen Schildkrötensuppe, dazu Tokayer, ein wenig Karpfenrogen in Sherry, und dann …«
»Vielleicht Wachtelbrüstchen en caisse, Exzellenz?«
»Gut, ja, ganz Leichtes, ein grauer Tag heute.«
»Forellen in Krebssauce.«
»Nein, nur Butter, dazu Johannisberger.«
Der Chef notierte mit überaus eiligem Bleistift; es sah aus, als zöge er nur flüchtige Striche. Er hob den rosigen Kopf. »Ist denn Majestät unpässlich, Monseigneur?«
»Nicht dass ich wüsste. Wieso?«
Der Chef schüttelte den Kopf. »Faisan rôti bardé …«
»Was schwätzt man denn wieder einmal, Charles?«
»Es ist schon etwas stark, Exzellenz, – der Kaiser sei sozusagen krank im Gemüt, durch die Enzyklika, nicht wahr?, er sei im Grunde doch eben fromm … – Ja also gebratenen Fasan, dazu vielleicht meine Trüffelpyramide, dazu welchen Wein, Exzellenz?«
»1819er Clos Vougeot«, sagte Morny nachdenklich und barg die Hände in die weiten Ärmel des Schlafrocks.
Zu den Intimen gehörte der erfolgreiche Theaterdirektor Offenbach. Bei der 228. Aufführung des »Orpheus«, Gala-Vorstellung in der italienischen Oper, war der Kaiser zugegen gewesen, und die Bronze-Figur, die am anderen Tag ein Hofbeamter als Kaiserdank für die »soirée éblouissante« überbrachte, schmückte jetzt einen der Salons der schönen neuen Villa »Orphée«. Der dürre Mann mit dem dunklen Backenbart und dem schwarzgeränderten Kneifer auf der grossen Nase, der glückliche und berühmte Mann, sehr nach der Mode gekleidet, war ein willkommener Gast gewesen, zumal an jenem grauen Tag. Denn er kam ja aus der bunten und tönenden Kulisse, die der Vicekaiser bekanntlich sehr liebte, nicht nur als Zuschauer. Und wenn er zumeist auch kam, um durch den hohen Herrn dies und das zu erreichen – wer von den vielen, die jeder Tag ins Palais Bourbon schwemmte, kam ohne ein Anliegen zu ihm, Morny? –, wenn der dünnwadige Musikmagier damals auch gekommen war (erinnerte er sich recht), damit ihm der Gönner den Auftrag zur Komposition irgend eines neuen Balletts für die Grosse Oper sichere, für die Emma Livry und die Taglioni und die Saint-Georges, kurz, damit der Musikant des Zeit-Inferno immer hoffähiger werde, so war er doch wiederum nicht einer von den vielen Bittstellern, die im Falle der Gewährung ihr Danke sagen, ihre Verbeugungen machen und dann gehen, – nun ja, dankbar und glücklich gehen. Herr Offenbach wusste zu kompensieren. Es gab da ja den charmanten, kleinen Ehrgeiz des grossen Herrn: nicht nur Theater zu schauen, nicht nur hinter die Kulissen zu schauen und die schöne Hortense Schneider, eine Künstlerin mit grosser Zukunft und von bereits vielgewürdigter Gegenwart, in ihrer Garderobe zu besuchen, sondern auch Theater zu machen. Man wusste bisher nur in den Hofkreisen, wer der Herr de Saint-Remy sei, der die entzückenden Szenchen, Comédies-proverbes, Charaden und Revuen für die Gelegenheitsbühnchen in den Tuilerien, in Saint Cloud, in Compiègne vor allem schrieb. Der kaiserliche Festdichter de Saint-Remy also war der Vicekaiser. Und da die Kreise des Hofes recht weit reichten und die literarischen Gehilfen des Herrn de Saint-Remy sowohl zum Sekretariat des Herrn de Morny als auch zur Textdichterei des Herrn Jacques Offenbach gehörten, ergab sich wie von ungefähr der respektvolle Vorschlag, ein Werk des viel zu unbekannten Dichters de Saint-Remy mit szenischer Hilfe der bewährten Libretto-Sekretäre und mit musikalischer Ausstattung des berühmten Komponisten Offenbach mittels der Bouffes der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Da haben doch Exzellenz kürzlich bei der Fürstin Narischkin – man weiss es durch den gemeinsamen Ludovic Halévy – einen ganz bezaubernden Einakter von Saint-Remy vorgelesen, eine Komödie vom neureichen Spiesser Blumenkohl oder so ähnlich …
»Monsieur Choufleury restera chez soi«, bekannte der Vicekaiser vergnügt, »ich werde Ihnen gelegentlich das Manuskript geben.«
Der Hexenmeister rieb sich die Hände, wie es seine Gewohnheit war, und sang mit seinem angenehmen Stimmchen: »Chou-fleu-ry – e-cis-h, c-h-a – das wäre schon ein Motivchen! Das...




