E-Book, Deutsch, Band 437, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Neudörfl Alpengold 437
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-7086-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Madl mit dem Rehkitz
E-Book, Deutsch, Band 437, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7517-7086-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In den malerischen Tiroler Bergen fühlt sich junge Förstertochter Anni Landler zunehmend von ihrem strengen Vater eingeengt. Ihr einziger Trost sind ihre Tiere, darunter der Dackel Streuner, die Katzen Murrli und Minki und ihr zahmes Reh Bambi.
Als der Vater ihr verbieten will, sogar die Geburtstagsfeier ihrer einzigen Freundin zu besuchen, hält es Anni nicht mehr aus und beschließt, St. Gilgen zu verlassen und irgendwo anders ihr Glück zu suchen.
Etwa zur gleichen Zeit macht sich Matthias Hagedorn, ein junger Kunsthändler aus Bremen, auf den Weg in das Bergdorf. Im Gepäck hat er das Porträt einer Frau mit ihrem Reh. Zwischen den Alpen und den tiefen Wäldern Tirols kreuzen sich Annis und Matthias' Wege auf dramatische Weise ...
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Das Madl mit dem Rehkitz
Ein ergreifender Schicksalsroman – warmherzig erzählt!
Von Mira Neuddörfl
In den malerischen Tiroler Bergen fühlt sich die junge Förstertochter Anni Landler zunehmend von ihrem strengen Vater eingeengt. Ihr einziger Trost sind ihre Tiere, darunter der Dackel Streuner, die Katzen Murrli und Minki und ihr zahmes Reh Bambi.
Als der Vater ihr verbieten will, sogar die Geburtstagsfeier ihrer einzigen Freundin zu besuchen, hält es Anni nicht mehr aus und beschließt, St. Gilgen zu verlassen und irgendwo anders ihr Glück zu suchen.
Etwa zur gleichen Zeit macht sich Matthias Hagedorn, ein junger Kunsthändler aus Bremen, auf den Weg in das Bergdorf. Im Gepäck hat er ein berühmtes Porträt einer Frau mit Reh. Zwischen den Alpen und den tiefen Wäldern Tirols kreuzen sich Annis und Matthias' Wege auf dramatische Weise ...
»Wenn er net aufhört, mich wie ein dummes kleines Madl zu behandeln, lauf' ich weg!« Diesen Entschluss verkündete die Landler-Anni ihrer besten Freundin Simone.
Sie saßen auf dem Bett in Simones Kammer. Über die blühenden Blumen im Balkonkasten sah man bis zu den Gipfeln der Bergriesen, die sich über dem Wald erhoben.
»Ich zieh' in die Stadt. Nach Innsbruck oder nach Wien.«
»Was willst du denn in Wien?«, warf die stets vernünftige Simone ein.
»Ich werd' Model. Für Dirndlkleider. Oder Schlagersängerin. Ich werd' singendes Dirndl-Model!« Bittend schaute Anni ihre beste Freundin an. »Du hilfst mir doch, gell?«
»Ja, freilich! Gleich morgen borge ich mir vom Papa das Auto aus und bringe dich zur Haltestelle. Und dort steigst du in den Postbus. Mit einem Dackel, zwei Katzen und einem zahmen Reh im Gepäck.«
Niedergeschlagen sank Anni zurück auf die schon ziemlich zerschlissene Tagesdecke. Sie zupfte an einem bunten Wollfaden.
Simone hatte recht. Natürlich könnte sie den geliebten, wenn auch eher feigen Dackel Streuner nicht zurücklassen. Oder Murrli und Minki, die beiden Katzen. Oder Bambi, den Rehbock, den sie als Kitz verletzt im Wald gefunden und mit ihrer Großmutter gesundgepflegt hatte.
Eine Idee kam ihr. Sie setzte sich auf.
»Und wenn ich als Einsiedlerin in den Wald ziehe?«
»Wo sich dein Streuner jedes Mal in die Hose macht, wenn irgendwo ein Zweig knackst, und das Bambi treuherzig zu allen Jägern rennt und um ein Leckerli bettelt?«, entgegnete Simone auf ihre gewohnt trockene Art.
Anni seufzte und zwirbelte das Ende ihres langen, nussbraunen Zopfes.
»Was hat er denn diesmal angestellt, dein Vater?«, erkundigte sich ihre Freundin.
»Er lässt mich net zu deiner Party am Donnerstag gehen! Nur, weil ich gesagt hab, der Hinterleitner-Tobias bringt mich nachher mit dem Moped heim. Papas Cousin ist nämlich auf der Forststraße überfahren worden. Aber das muss gut vierzig Jahre her sein! Woanders passieren doch viel mehr Unfälle.«
Simone kraulte den riesigen Plüschteddy, den einer ihrer Brüder vom Kirtag für sie heimgeschleppt hatte. Sie war fast neunzehn, besaß aber die riesigste Plüschtiersammlung, die Anni je gesehen hatte.
»Bist du dir sicher, dass net eher der Tobias das Problem ist?«, fragte Simone schließlich.
»Kann auch sein«, gab Anni zu. Sie trommelte mit einer Ferse gegen die Bettkante. »Dabei sind wir zwei einander doch gar net von Herzen gut.«
Freilich würde das ihr strenger Vater, der Förster Hans Landler, niemals glauben. Wenn es nach ihm ginge, dürfte kein Bursche aus dem Dorf sein fesches Madl auch nur anschauen.
»Geht's dabei noch immer um den Grafen?«
Anni nickte. Durchs Fenster hörte sie die Kirchglocken. Die Fremdenpension Hausnerwirt, die Simones Eltern betrieben, lag am Dorfplatz von St. Gilgen. Simones Familie wohnte gleich daneben. Das Haus hatte früher den Eltern ihrer Mutter gehört.
»Es gibt doch nix Besseres, als wenn Nachbarskinder heiraten«, pflegte Simones Vater Georg, der Hausnerwirt, zu witzeln. »So kann, wer den Bund eingeht, sein Grundstück bequem verdoppeln. Und vorher hat man es zum Fensterln auch net weit.«
Annis Vater dachte genauso. Leider! Bloß war der Nachbar, den er sich als Hochzeiter für sie wünschte, Konstantin, der Sohn des Grafen im Schloss. Der natürlich längst kein Graf mehr war, im Volksmund aber noch so hieß, und dem der größte Teil des Waldes gehörte.
»Sei bloß froh, dass euer Wald net der Kirche gehört«, witzelte Simone. »Sonst würd' er dich glatt mit dem Pfarrer verkuppeln.«
»Lieber den Herrn Pfarrer als den unsäglichen Konstantin!«
Der unsägliche Konstantin, wie die beiden Madln ihn nannten, war mit ihnen in die Volksschule gegangen. Nachher hatte ihn der Graf in ein feines Internat gesteckt. Er sollte sich ja nicht die derben Manieren der Dorfkinder abschauen.
Seitdem kam Konstantin nur in den Ferien zu Besuch und war, laut Simone, noch genauso unsäglich wie früher. Die im Schloss blieben zwar unter sich, aber der Hausnerwirt war als Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr doch hin und wieder zu einem ihrer Empfänge geladen. Und Simone hatte ihn einmal in Vertretung ihrer Mutter begleitet.
Einen ganzen Saal voller Rehköpfe und Krickerl gäbe es dort, hatte sie Anni mit Schaudern erzählt. Sogar ein totes, in Spiritus eingelegtes Kitz! Und die meisten dieser Trophäen hätten die beiden Grafen, der alte und der junge, selbst erjagt.
Für Anni stand damit fest: Eine Hochzeit konnte sich ihr Vater aus dem Kopf schlagen. Und wenn Konstantin der letzte Bursche auf der Welt wäre!
Vor der Tür maunzte es. Anni sprang vom Bett. Sie ließ Burli herein, Simones schwarz-weiß gefleckten Kater. Als der sich in ihrem Schoß zusammenrollte, fragte Simone sie hoffnungsvoll: »Kann deine Oma net mit dem Vater reden?«
Annis Oma Emilia war mit sechzig noch immer rüstig und die treibende Kraft im Försterhaus. Einzig auf sie hörte der sture Bock von Vater manchmal.
»Oder ... Ich hab's! Du schläfst nach der Party bei mir und fährst am nächsten Tag mit dem Radl heim.«
»Wenn ich das vorschlage, glaubt der Vater sicher, der Hinterleitner-Tobias bleibt auch da.«
»So ein Schmarrn!«, empörte sich Simone. »Richt ihm aus: Meine Eltern werden zwar net da sein, aber meine Brüder. Der Laurenz, der Wastl und der Elias. Wenn er glaubt, der Tobias käm' ins Kammerl eini oder aus dem Kammerl aussi, ohne dass ihn einer von den dreien in die Finger kriegt ...«
»Ich versuch's«, versprach Anni. Neue Entschlossenheit erwachte in ihr. Der Vater konnte sie nicht ewig wie im Käfig halten. Und nur weil der Hinterleitner-Tobias sie einmal vom Feuerwehrfest heimgebracht hatte, hieß das noch lange nicht, dass sie ihm gut war.
Sie lächelte tapfer. »Wenn mich der Vater nämlich net zur Feier kommen lässt, muss ich das Bambi mit einem Mascherl um den Hals vorbeischicken, damit es dir dein Geschenk bringt.«
»Hast du da net etwas verwechselt? Ich hab gedacht, dein Streuner wär' der Hund von den beiden!«
»Das Geschenk ist für ihn zu groß. Ich könnte es ihm höchstens auf den Rücken schnallen. Und wie würd' das ausschauen?«
»Deine Oma soll ihm einen Rucksack nähen«, schlug Simone vor. »Einen dunkelgrünen mit Lederflicken. Und ihm dazu einen Janker stricken. Wie den vom Vater.«
Anni lachte befreit. Sie war Simone für die Ablenkung von ihren Sorgen dankbar.
Gleich aber fiel ihr die Pflicht wieder ein.
»Ich muss los.« Sie verscheuchte Burli und stand auf. »Mein Leut' wissen ja gar net, wo ich bin. Das Bambi muss gefüttert werden. Und die Oma hat gesagt, sie braucht nachher noch wen, der ihr die Weichseln entkernt.«
Simone begleitete sie bis zur Haustür.
»Pfüat di«, wünschte sie Anni, als diese nach der Lenkstange ihres Fahrrads griff. »Und richte deinem sturen Gamsbock von Vater aus: Wenn er dich net zu meiner Party kommen lasst, kriegt er es mit mir zu tun.«
Anni nickte, doch diesmal konnte auch Simones Humor sie nicht aufheitern. Schweren Herzens machte sie sich auf den Weg, der aus dem Dorf hinauf ins heimatliche Forsthaus führte.
***
Etwa zur gleichen Zeit betrat ein fescher, junger Bursche von fünfundzwanzig Jahren die Fremdenpension Hausnerwirt. Er hatte einen Koffer, einen Rucksack und eine flache, lederne Transporttasche bei sich.
»Guten Tag«, grüßte er mit norddeutschem Akzent. »Liegt eine Reservierung auf den Namen Matthias Hagedorn vor?«
Georg, der Hausnerwirt, faltete rasch die Tageszeitung und schob sie unter die Theke. Er trug zu seiner langen Ledernen ein weißes Trachtenhemd.
»Sie kommen aus dem Norden, gell?«, fragte er den Gast, während er im Reservierungsbuch blätterte. »Aus Hannover? Oder aus Hamburg?«
»Aus der Hansestadt Bremen.«
Georg Hausner nickte. »Hab mal Gäste aus Hamburg gehabt. Paul und Sonja Petersen. Oder war's Svenja?« Nachdenklich legte er die gebräunte Stirn in Falten. »Und natürlich das...




