Neubauer Der Tod zahlt alte Schulden
3. Auflage 2025
ISBN: 978-88-6839-096-9
Verlag: Athesia-Tappeiner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Südtirolkrimi Band 6
E-Book, Deutsch, Band 6, 304 Seiten
Reihe: Südtirol-Krimi
ISBN: 978-88-6839-096-9
Verlag: Athesia-Tappeiner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Mann verschwindet spurlos im Gebiet der Seiser Alm. Ein spektakulärer Reitunfall gibt Rätsel auf. Fabio Fameo ermittelt vor der Kulisse des »Oswald-von-Wolkenstein-Ritts«.
Die Geschichte hat ihren Ursprung im Vergangenen und leuchtet die Gegenwart aus. Das Geschehen reißt alte Wunden auf. Es soll an heikle Seilschaften angeknüpft werden. Wer im Wege steht, kommt zu Schaden. Die Tragik des Falls rührt aus Südtirols Geschichte her und findet ihr Ende in der mythischen Landschaft des Schlerngebiets.
Der Krimi führt zur Seiser Alm, über die Trostburg nach Kastelruth, Seis, dem Völser Weiher und Schloss Prösels und lässt den Leser den »Oswald-von-Wolkenstein-Ritt« hautnah miterleben.
Zielgruppe
Fans von Regionalkrimis und Liebhaber von Südtirol
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Zwei
2. Mai
Als Felicitas zum Frühstück hinunterging, war sie nicht allein, als sie einen Blick in die Küche warf. Am Tisch saß ein Typ, der sie fröhlich und neugierig ansah. Sie hatte schlecht geschlafen. Die Sorge um Thomas hatte sie nicht zu Schlaf kommen lassen. Zu viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was, wenn die Carabinieri ihn nicht finden würden? Wo könnte man am sinnvollsten nach ihm suchen? Warum war sein Laptop nicht auffindbar?
Sie hatte in der Nacht noch einige seiner Aufzeichnungen studiert, aber nichts gefunden, das einen Hinweis darauf gab, was er genau hier wollte. Die meisten Eintragungen bezogen sich auf Oswald von Wolkenstein.
»Hallo, ich heiße Benjamin Malfertheiner.« Der junge Mann nickte ihr aufmunternd zu und deutete auf ein Frühstücksgedeck, das ihm gegenüber auf dem Küchentisch stand, an dem Felicitas schon gestern Nachmittag Platz genommen hatte.
»Die Pension hat also kein Frühstückszimmer – auch gut.« Und der junge Mann, der sie weiter freundlich interessiert ansah, schien ihre Gedanken lesen zu können.
»Meine Mutter hat nur zwei Fremdenzimmer. Deshalb sitzen alle Gäste immer in ihrer Küche zum Frühstück.« Er lachte. »Und ich bin der Gast von Zimmer 2.«
Felicitas schaute ihr Gegenüber an. Kräftig war er. Groß auch, soweit man das beurteilen kann, wenn einer vor einem sitzt. »Hübsch geschnittene Gesichtszüge, so wie ein römischer Feldherr«, dachte sie. Felicitas liebte Italien, die italienische Sprache, die Kultur und war deshalb so oft wie sie konnte dort auf Studienreisen gewesen. Sie liebte die Skulpturen, die das alte Römische Reich hervorgebracht hatte. »Und vor mir sitzt jetzt so eine Skulptur«, sinnierte sie schlaftrunken und deshalb noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen.
»Frische Brötchen?« Die Skulptur reichte ihr einen Korb. »Habe ich selber vom Bäcker geholt. Ich bin nicht nur der Gast von Zimmer 2, sondern auch der Sohn des Hauses. Muss mir meinen Aufenthalt eben erarbeiten«. Zwei schneeweiße Zahnreihen strahlten sie an.
»Was?«
»Du bist noch nicht ganz wach?«
Felicitas schüttelte leicht den Kopf.
»Kaffee?«
Felicitas nickte leicht mit dem Kopf.
Benjamin griff nach einem Brötchen, schnitt es durch, strich Butter darauf, belegte es mit Käse und biss hinein. Felicitas begleitete sein Tun mit ihren Blicken. Ihr war, als schaute sie in einen Fernseher. Alles, was sie sah, schien ihr nicht echt, nicht wirklich. Alles, was sie hier erlebt hatte, war nicht so, wie sie es erwartet hatte. Konnte es ja auch nicht sein. Thomas war nicht hier und er sollte doch hier sein. Jetzt saß da ein anderer, der sie immer nur ansah. Nicht blöd, aber doch irgendwie schon. Also nicht der Typ, aber die ganze Situation.
Nach dem ersten Schluck Kaffee ging es besser. Sie sortierte ihre Gedanken. Blickte sich auf dem Tisch um und fand dort eine appetitliche Auswahl. Ihr Hunger meldete sich. Sie seufzte leicht und griff dann zu.
Der Wirtssohn hatte sie nicht aus den Augen gelassen. Er wusste von seiner Mutter, dass die junge Deutsche die Verlobte eines abgängigen Gastes war. Oder auch nicht Verlobte, das wusste die Mutter nicht so genau. Der Gast hatte sie als seine Verlobte angekündigt, aber die junge Deutsche hätte es abgestritten, als man sie darauf angesprochen hatte. »Die ist hübsch«, war sein erster Gedanke, als sie durch die Tür kam. Seine italienischen Freunde würden sofort die »blonde Tedesca« umschwärmen, weil sie immer alle Frauen mit langen blonden Haaren umschwärmten. Schwedinnen, Däninnen gehen auch. Aber eine »blonde Tedesca« stand, warum auch immer, im Kurs ganz oben.
Felicitas hatte bemerkt, dass Benjamin sie interessiert musterte. Das gefiel ihr besser, als wenn er das nicht getan hätte. Heute Morgen war ihr aber nicht nach einem Flirt über die Kaffeetasse hinweg. Sie wollte aber auch nicht unhöflich wirken. Deshalb fragte sie: »Der Gast aus Zimmer 2 ist also der Sohn des Hauses? Zu Besuch hier?«
Benjamin lachte sie an: »Zu Besuch im alten Jugendzimmer. Und Zimmer 1 war das Zimmer meiner älteren Schwester. Meine Mutter hat unsere Zimmer in Fremdenzimmer umgewandelt, als wir hier raus sind. Der Vater ist leider früh verunglückt, und die Pacht und der eigene Garten werfen nicht so viel ab, dass sie davon leben kann. Aber mit der Vermietung kommt sie über die Runden.«
Felicitas köpfte eines der Frühstückseier.
»Das Ei ist von der Elsa.« Und auf Felicitas fragenden Blick hin: »Du erkennst es daran, dass die Schale leicht rötlich ist und kleine rote Sprengsel hat. Solche Eier legt nur die Elsa. Unsere Hühner haben alle Namen!«
»Ein Elsa-Ei also. Sehr angenehm.«
Felicitas musste lachen. Benjamin freute sich, die junge Frau aus Zimmer Nummer 1 aufgemuntert zu haben. »Wie heißt du eigentlich?«
»Felicitas«
»Meine Mutter hat mir erzählt, dass du die Verlobte bist, von dem Gast, der seit Donnerstagabend vermisst wird?«
Felicitas schüttelte den Kopf: »Wir sind nicht verlobt. Thomas ist nur ein Studienfreund von mir. Ich wollte hier ein, zwei Wochen ausspannen. Er hat mich quasi eingeladen. Dass er mich hier als seine Verlobte ausgegeben hat, ist schon schräg. Ich weiß auch nicht, warum er das getan hat.«
Benjamin blickte kurz zur Tür, so als wolle er sicher sein, dass seine Mutter nicht plötzlich hier erschien. »Vielleicht war es eine Notlüge. Wenn dein Studienfreund dich hier einquartieren wollte, dann wäre das vielleicht nur so gegangen. Meine Mutter ist, na ja, sagen wir es so: Sie ist sehr konservativ und ein zweites Zimmer hätte sie für dich nicht gehabt, denn das bewohne ich seit gestern Abend. Aber wenn dein Studienfreund dich als seine Verlobte ausgegeben hat, dann wird meine Mutter ihr konservatives Auge zugedrückt haben.«
»Du meinst, wenn ich nur seine ›Freundin‹ gewesen wäre, dann hätte sie uns nicht zusammenwohnen lassen? – Gibt es so was noch?«
Ihr Gegenüber grinste: »Ich glaube, das gibt es nur noch hier. Meine Mutter ist da halt speziell. Und wenn dein Studiosus das geschnallt hat, dann hat er das schon ganz richtig angestellt.«
»Das ließe Thomas dann doch wieder in einem besseren Licht erscheinen, als ich zunächst gedacht habe«, überlegte Felicitas. Ihre Laune stieg langsam.
»Was machst du eigentlich hier in deinem alten Jugendzimmer? Urlaub?«
»Ich habe einige Wochen frei. So richtig Urlaub, mit Wegfahren und so, mache ich selten. Meist komme ich hierher, treffe mich mit meinen alten Freunden. Es ist immer viel los. Langweilig wird es mir hier nicht und wohnen kann ich umsonst. Was will ich mehr?«
»Und wenn du nicht hier bist, wo bist du dann?«
»Ich studiere Informatik. Bin nächstes Jahr fertig. – Und du?«
»Ich studiere Latein und Germanistik. – Bin nächstes Jahr fertig.«
Beide lachten. Sie erzählten einander, wie es in ihren jeweiligen Studienorten zuging. Felicitas studierte in Münster, Benjamin in Bozen.
»Dann hast du es ja nicht weit bis nach Seis. Ich bin gestern mit dem Bus von Bozen nach hier gefahren.«
»Ja, weit ist das nicht. Ich lebe aber trotzdem lieber in Bozen. Es ist zwar nur eine lausige Bude, die ich dort habe, aber ich bin mittendrin im Leben. Seis ist jetzt nicht gerade für junge Leute das Zentrum der Unterhaltung, wenn du verstehst?«
»Ja, kann ich mir vorstellen.« Felicitas war mit ihren Gedanken aber inzwischen wieder bei Thomas. Benjamin schien dies bemerkt zu haben.
»Nach dem Frühstück fragen wir gleich mal bei den Carabinieri, ob sie schon etwas Neues wissen.«
»Meinst du denn, die hätten sich nicht sofort gemeldet, wenn man Thomas gefunden hätte?«
Hier konnte Benjamin auch nur mit den Schultern zucken. Er dachte: »Natürlich hätten sie das getan. So wie es aussieht, war die Suche bis jetzt nicht erfolgreich. Und damit sinken die Chancen, den Mann lebendig wieder zu sehen.«
»Es kann nicht sein, dass Thomas sich abgesetzt hat?«
»Wie meinst du das?«
»Es gibt Menschen, die verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Weil sie es so wollen. Sie hinterlassen keine Hinweise, keine Spuren. Warum sie das machen, kann sich niemand erklären. – Manchmal tauchen sie dann wieder auf. – Oft erst nach Jahren.« Benjamin schwieg.
Felicitas hatte ihn fast ungläubig angesehen. »Was für eine abstruse Vorstellung«, dachte sie. Zu Benjamin sagte sie: »Das glaube ich nicht. Er hat umfangreiche Skizzen und Aufzeichnungen in seinem Zimmer hinterlassen. Er hat sich mit Oswald von Wolkenstein befasst, einem Ritter, der hier in der Gegend gelebt hat.« Sie machte eine Pause. »Das Einzige, was ich komisch finde, ist, dass er seinen Laptop nicht im Zimmer hatte. Er wird ganz sicher seinen Laptop mit nach Südtirol genommen haben. Ohne kommt heute niemand aus. Thomas studiert ja Archäologie und Geschichte mit Schwerpunkt ›Spätes Mittelalter‹. Er schreibt auch viel für Fachzeitschriften und Fangemeinschaften, die Mittelalterspiele organisieren und durchführen. Es kann natürlich sein, dass er seinen Laptop mitgenommen hat.« Etwas in Gedanken: »Und seine Aufzeichnungen in den Kladden waren keine Ausarbeitungen, sondern nur Fundstellen, Notizen und so was. Mithilfe dieser Textfragmente fertigt man eine wissenschaftliche Arbeit an. Aber die schreibt jeder auf seinem Laptop.«
Benjamin stand auf. »Bist du fertig mit dem Frühstück? – Dann lass uns gemeinsam suchen. Ich habe da eine Idee.« Sie räumten das Geschirr schnell zur Seite und gingen anschließend in Zimmer 1 auf die Suche nach dem...




