Neidhart | Ein Fünfliber im Kuhfladen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Neidhart Ein Fünfliber im Kuhfladen

Die Schweiz von außen gesehen: lauter Sonderfälle
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-8869-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Schweiz von außen gesehen: lauter Sonderfälle

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7534-8869-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Schreib doch mal über die Schweiz, so wie du über Kirgisien oder Estland schreibst«, forderte die Redaktion des »Tages-Anzeiger-Magazins« den Publizisten Christoph Neidhart im Frühjahr 1999 auf: mit dem Blick von außen nach vielen Jahren als Auslandskorrespondent in Moskau und als Schweizer, der damals in Boston lebte und bis dahin vor allem für Schweizer Zeitungen aus Osteuropa, Russland und Skandinavien berichtet hatte. Obwohl die Schweiz nie sein Berichtsgebiet war, schrieb Neidhart schon vorher gelegentlich über sein Land. Vor allem für die Zeit­schrift »Trans­Atlantik«. So beispielsweise über die Glarner Landsgemeinde oder den Filz von Davos. Und über Schweizer Schokolade und die Banken. Die 14 hier versammelten Essays zeigen, wie sich die Schweiz in den letzten 30 Jahren verändert hat. Und wie sehr sie gleichgeblieben ist. Zusammen bilden sie einen Spiegel, den Neidhart seiner Heimat von außen vorhält.

Christoph Neidhart war bis zu seiner Pensionierung Korrespondent der »Süddeutschen Zeitung« und des »Tages-Anzeiger« in Tokio, wo er seit zwanzig Jahren lebt. Zuvor berichtete er aus Russland, den früheren Sowjetrepubliken, Skandinavien und Osteuropa. Als Visiting Scholar am Russland-Institut der Harvard-University arbeitete er vier Jahre an einem Forschungsprojekt. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem »Die Nudel, eine Kulturgeschichte mit Biss« und »Die Ostsee. Das Meer in unserer Mitte«. In der Edition Isele ist »Museum des Lichts. Petersburger Lieben« erschienen. Ab und zu schrieb der in Basel geborene Journalist und Schriftsteller auch über die Schweiz: mit dem Blick eines Schweizers aus der Ferne.

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Jodler und Gegenjodler
Die »richtige« und die real existierende Schweiz
Schüsse dringen durch meinen Schlaf, wie vor einiger Zeit in Tschetschenien. Aber ich bin doch in Zürich. Bubenstreiche, Frauenfürze vielleicht? Darf man das überhaupt noch sagen? Nein, das ist ein Schuss. Und irgendwas plumpst auf die Gasse hinunter. Wer nach Hause zurückkehrt, schaut nur flüchtig hin. Auch dann noch, wenn das längst nicht mehr sein Zuhause ist. Er sieht nichts, kennt ja alles, erkennt bloß wieder: vertraute Gesichter und gewohnte Geräusche. Und ist überrascht, weil vieles doch nicht mehr stimmt. Die ehemaligen Mitschüler sind alt geworden, grau. Und jene Leute, die einst viel älter waren, scheinen immer noch so alt wie früher. In Zürich gibt es noch mehr Boutiquen, dafür weniger kleine Läden. Im Niederdorf verramscht »Racher, Zeichen- und Malbedarf« gerade seine Farbstifte, Pinsel, Staffeleien und Reißbretter. Wieder ein Wahrzeichen, das verschwindet. Immerhin, die Geräusche an der Krebsgasse sind die gleichen geblieben: die Stimmen, die Straßenmusiker, die Kirchenglocken, nachts der Lärm der Beizen. Und im Morgengrauen das Scheppern von Harassen: Die Safran-Zunft wird beliefert, ich bin in Zürich. Aber was sind das für Schüsse? Seit mehr als zehn Jahren mache ich in Zürich Sommerferien, bin zuweilen auch im Frühjahr oder Herbst ein paar Tage oder Wochen hier, nicht nur für Ferien. Lange kam ich aus Moskau, jetzt aus Boston. Der Kleiderschrank ist leer, aber meine Bücher sind noch da, die meisten jedenfalls. Meine Schweiz ist eine Briefkasten- und Ferien-Schweiz geworden. Eine Schweiz der Verwandten- und Redaktionsbesuche. Was hier passiert, geht größtenteils an mir vorbei. Zuerst habe ich aufhört, den Inland-Teil zu lesen, irgendwann die Schweizer Zeitungen überhaupt. Wie heißen die neuen Bundesräte? Und warum reden alle von Blocher? Nora Joyce, die Witwe von James Joyce, war nach dem Tod ihres berühmten Mannes im Januar 1941 in Zürich geblieben; zehn Jahre lebte sie noch hier, obwohl sie kaum jemanden kannte und einsam war. In einem Interview begründete die Schriftstellerwitwe das mit der Aus sage, Zürich sei »a fine city for old ladies«. Zürich ist auch »a fine city«, wenn man keine Lady ist und noch nicht so alt. Vielleicht noch feiner; auf die übrige Schweiz trifft das erst recht zu. Das Land lässt einen machen, lässt einen in Ruhe. Man kann die Schweiz als Schweiz ignorieren und wird trotzdem bedient. Alles ist nahe, alles perfekt, oder fast perfekt, alles klappt wie am Schnürchen, besonders der öffentliche Verkehr. Das ist wichtig für Old Ladies, auch wenn sie keine Ladies und noch nicht so alt sind. Zu meinen Old-Lady-Aktivitäten gehören Schwimmen im See und Radfahren. Zudem ist Zürich eine Kinostadt, besser als New York. Mein Bild der Schweiz ist in den Achtzigerjahren stecken geblieben. Manchmal ist mir meine Ignoranz – wie heißen die Bundesräte? – etwas peinlich. Und dann doch egal. Schlimm ist bloß, dass ich nicht weiß, wer gestorben ist. Oder wer noch nicht. Nun jedoch hat mich die Redaktion des »Tages-Anzeiger-Magazin« gebeten, meine Ignoranz zu nutzen. Für einmal mit meinem neugierigen Reporterblick genauer hinzuschauen, wie ich das in Kirgisien oder Estland tue, festzuhalten, was ich sehe, und meine Verwunderung zu protokollieren. Dazu fuhr ich nach Basel, Lausanne, Andermatt, in den Kanton Bern und in den Thurgau, nach St. Gallen, ins Glarner- und ins Bündnerland. Ich besuchte alte Freunde, die ich lange nicht gesehen hatte, hörte genau hin, schaute zu und stellte Fragen. Ähnliche Fragen wie in der russischen Provinz. Gibt man sich in Moskau als Schweizer zu erkennen, folgt bald die Frage nach den Banken. Und nach den Dollarmillionen der russischen Neureichen, die dort liegen. Gewisse Freunde baten mich auch schon um den Gefallen, in Zürich in ihrem Namen ein Konto zu eröffnen. Oder, wenn das schon bestand, ihnen 20.000 Dollar nach Moskau mitzubringen. In bar, versteht sich, und ohne das Geld zu deklarieren. Als Schweizer in Russland werde ich automatisch um meinen Reichtum beneidet, für die Schönheit unseres Landes und seine Friedfertigkeit gelobt. Auch für die Neutralität und dafür, dass die Schweiz keine Armee habe. Ach so? Wirklich, die Schweiz hat eine Armee? Wozu denn? Ich muss den Russen oder Kasachen die Viersprachigkeit erklären und die Dialekte, und außerdem, warum wir Deutschschweizer Deutsch sprechen, aber nicht der deutschen Nation angehören (wollen), anders etwa als die Wolgadeutschen, die Deutschstämmigen in Kasachstan oder die meisten Öster reicher 1938. Und warum die Welschen keine Franzosen sind und die Tessiner keine Italiener. Fasziniert sind viele vom Romanischen. In der Sowjetzeit gab es an einer der Moskauer Universitäten Romanisch-Unterricht. Neuerdings erhalte ich in Russland auch Komplimente für unsere Eiserne Lady: Carla Del Ponte. Ihre Ermittlungen gegen Geldwäscher und die russische Mafia haben die Bundesanwältin in Russland so populär gemacht wie keine Ausländerin mehr seit Margret Thatcher. Madonna und Sharon Stone einmal ausgenommen. Dass die Schweiz weder der UNO noch der EU angehört, überrascht die meisten Russen. Warum nicht? Das kann ich ihnen auch nicht erklären. Und auch nicht, was an der Schweizer Neutralität heute noch so speziell ist. Ein kleines Land umgeben von der EU. Und wie neutral war die Schweiz gegenüber der Sowjetunion? Wenn ich in den USA als Schweizer erkannt werde, kommt die Frage nach den Banken so schnell wie in Russland. Und nach den Dollarmilliarden, die wir für Diktatoren und Oligarchen sicher horten, nicht nur Oligarchen aus Russland. Den Begriff »Fluchtgeld« hört man selten, die Amerikaner sagen »Geld auf Schweizer Banken« und implizieren, das sei alles illegales Geld. Zuweilen werde ich direkt angemacht: Viele Amerikaner reden, als sei jeder Schweizer mit den Banken verbandelt. Und die Banken machten mit jedem Geschäfte, ohne Fragen zu stellen. Was ja längst nicht mehr stimmt. Dass die Bank of New York beim Geldwaschen erwischt wurde, halten sie dagegen für den Fehltritt Einzelner. Gelegentlich erwähnen Amerikaner auch den Swissair-Absturz in Halifax: Wie kann das sein, die Swissair? Oder sie haben von Lawinenunglücken gehört. Pflichtbewusst, pünktlich, gewissenhaft, langweilig, humorlos und sauber seien wir. Nett, aber nicht besonders ernst zu nehmen. So sehen uns jene Amerikaner, die die Schweiz kennen und mögen. Eine Kollegin in Harvard forderte mich auf, ihr meine Fingernägel zu zeigen: Ja, man sehe, dass ich Schweizer sei. Dann bat sie mich, sie zum Fondue einzuladen. Andere in Harvard halten uns für ein Volk der Rechthaber und Selbstgerechten, der Heimlifeissen, Heimlichtuer und Trittbrettfahrer, ein Volk, das die Schuld immer andern zuschiebt. Die Schweizer, habe ich von einem Professor am Europa-Institut von Harvard gehört, wollen immer den »Fünfer und das Weggli« – er kannte sogar die Metapher – , die EU-Vorteile und jene einer Nicht-Mitgliedschaft. Sicher stimmt, dass wir Schweizer uns auf den EU-Flughäfen nicht mit Somaliern und Russen zur Passkontrolle anstellen wollen, während die Österreicher durchgewunken werden. Die Schweizer seien schlechte Verlierer, konnte man in der »New York Times« vom 20. Juni 1999 gleich dreimal lesen: Angewidert schilderte das Blatt die olympische Empörung, mit der die Schweiz die Vergabe der Winterspiele 2006 nach Turin aufnahm. Sion, die Schweizer Kandidatur, hatte das Nachsehen. In Lausanne köpften Vandalen eine Statue und verschmierten die olympischen Ringe mit den Buchstaben M-A-F-I-A. Dieselbe Ausgabe bezichtigte Martina Hingis der Unsportlichkeit: Sie sei eine verwöhnte Göre mit »Mount-Everest-Ego«, die glaube, sich mit einem Lächeln über jede Flegelhaftigkeit hinwegretten zu können. Der Reiseteil stellte Savoyen als »Heidi-Country with French Food« vor und empfahl die französische Alpenregion als die bessere Schweiz. Ohne Schweizer. Was die Leute in der Schweiz beschäftigt, nehmen die Medien im Ausland meist kaum wahr. Selbst das Interesse am Skandal um die Holocaust-Gelder ebbte bald wieder ab. Zum Glück, denke ich, wenn ich höre, was manche meiner Schweizer Bekannten – eine Ärztin, viele Sportskollegen – über »die Juden« so daherreden: »Sie wollen immer mehr und mehr und mehr«, sagte die Ärztin verächtlich. Und: »Die müssen doch irgendwann Ruhe geben und verstehen, dass es in jedem Krieg Ungerechtigkeiten gibt.« Meine Schweizer Freunde regen sich über die Offiziere Friedrich Nyffenegger und Dino Bellasi auf, ohnehin scheint die Armee immer wieder für Peinlichkeiten zu sorgen. Über das Expo-Fiasko, die Landesausstellung, die 2001 nun nicht stattfinden wird, über das Geknorze um die bilateralen Abkommen und über Blocher, immer wieder Blocher. So wichtig kann der doch nicht sein, die »New York Times« erwähnte ihn im Laufe des ganzen letzten Jahres kein einziges Mal. Anerkennendes konnte man dagegen auch in den...



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