Navarro | Vienna Falling | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 505 g

Navarro Vienna Falling

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7011-8408-8
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 505 g

ISBN: 978-3-7011-8408-8
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vienna Noir – aber richtig deep

Ein Spalt reißt auf vor dem Stephansdom, ein deutscher Tourist verschwindet. Die Suche nach ihm ist ein packender Trip in die Wiener Unterwelt

Bei einem Kurzurlaub wollte das deutsche Touristenpaar Renate und Jürgen eigentlich nur etwas Wien anschauen. Doch dann öffnet sich vor dem Stephansdom plötzlich die Erde und Jürgen verschwindet spurlos. Was ist da passiert? Hat Jürgen den Sturz in den Spalt überlebt? Und warum scheint das niemanden zu kümmern? Schnell merkt Renate, dass ihr die Wiener Polizei keine große Hilfe ist. Also begibt sie sich selbst auf die Suche nach ihrem verschollenen Mann. Gemeinsam mit der Hilfe von Reinhold, einem semi-seriösen Geisterjäger, taucht sie ab in die Wiener Unterwelt. Dabei entdecken die beiden einen jahrhundertealten Komplott, der Zeit und Raum völlig durcheinanderbringt!

Ein Roman, so spannend wie ein Krimi, so unterhaltsam wie eine Netflixserie und so deep wie die Katakomben unter dem Stephansdom.

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DREI


Bevor sich die Wohnungstür in der Liliengasse öffnete, verdunkelte sich der Türspion und es blieb für einen Moment still. Dann schnappten die beiden Schließmechanismen der Sicherheitsriegel aus dem Schloss und vor Reinhold Gruber erschien Gabriele Wiesinger. Sie trug ein lachsfarbenes Sakko und eine weiße Hose. Über die Schultern hatte sie einen zarten weißen Pullover gelegt und von den Ohren hingen schwere goldene Ohrringe. Die Möbel der Wohnung mussten noch aus der Kaiserzeit stammen. Zu ihren Füßen saß zitternd ein kleiner Malteser, der Reinhold Gruber wütend anknurrte.

„Da sind Sie ja“, begrüßte sie ihn. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mache, aber ich weiß einfach nicht weiter.“

„Keine Sorge“, sagte Reinhold. „Für die meisten ist es das erste Mal. Wir schauen uns das Phänomen in Ruhe an und sehen dann, was wir tun können.“

„Phänomen“, wiederholte Gabriele Wiesinger und lächelte nervös. Dann streckte sie den Kopf aus der Tür, sah an Reinhold Gruber vorbei ins Stiegenhaus und bat ihn eilig herein. Er wuchtete seinen Etagenkoffer aus Aluminium über die Türschwelle.

„Das alles brauchen Sie?“, fragte sie ungläubig, während die Talismane, Phiolen voller Weihwasser, Tinkturen und Kräuter in Tupperdosen sowie Edelsteine und Schutzsymbole in ihren Fächern klapperten und klirrten.

„Ich bin gerne vorbereitet. Man weiß am Anfang nie, womit man es zu tun hat“, sagte Reinhold. Am Anfang, das wusste er, musste man möglichst vage bleiben.

„Bevor ich Ihnen das Wohnzimmer zeige, darf ich Ihnen ein Wasser oder einen Kaffee anbieten?“

„Also ich möchte Ihnen davon abraten, in den nächsten Stunden elektrische Geräte zu verwenden.“

„Aha?“ Gabriele zog die Augenbrauen zusammen.

„Wegen den Schwingungen“, sagte Reinhold. Er wusste, was Eindruck machte. „Meine Geräte sind sehr empfindlich und wenn wir genau messen wollen, müssen wir alle Interferenzen so weit wie möglich reduzieren.“

„Na, wenn Sie das sagen. Was soll ich in der Zwischenzeit mit Coco machen? Nicht, dass sie die Geräte stört. Sie ist nämlich ganz aufgedreht, seit diese Geräusche da sind.“

Sorge mischte sich in ihr Gesicht. Gut so.

„Gar kein Problem“, sagte Reinhold und machte eine beschwichtigende Geste. „Dafür habe ich einen Piezofilterkristall dabei, der unerwünschte Schwingungen abfängt.“ Er griff nach einem beliebigen Quarz aus einem der oberen Kofferfächer und zeigte ihn Gabriele, die erleichterter wirkte. „Ich müsste erst einmal alles aufbauen und dann schauen wir weiter.“

„Soll ich den Strom im Wohnzimmer abstellen, bevor Sie beginnen?“

„Das wäre hilfreich!“, sagte er. „Und verdunkeln Sie die Fenster.“ Er arbeitete immer im Dunkeln, da nur so der Effekt der Nachtsichtkamera voll zur Geltung kam. Während Gabriele die schweren Vorhänge vor die doppelten Altbaufenster zog, baute er seine Gerätschaften auf. Er platzierte eine Kamera auf dem schwarz lackierten Sekretär neben einem Huhn und einer Puppe aus Porzellan. Er verzog das Gesicht. Seine Mutter hatte einst als Kind ebenfalls so eine besessen und sie als Dekoration in die Wohnung in Favoriten gebracht, in der er aufgewachsen war. Später waren weitere dazugekommen. Als kleiner Junge hatte er sich vor den ausdruckslosen Figuren gefürchtet, die auf dem Rand der Wohnzimmercouch saßen und ihn unentwegt anstarrten. Er wandte sich ab und verteilte die Messgeräte im Raum. Einige von ihnen waren einfach Elektroschrott, den er aufwendig zusammengelötet hatte, sodass es auch nach etwas aussah. Die Leute sollten schließlich etwas bekommen für ihr Geld.

„Wahnsinn, was man alles braucht“, sagte Gabriele, die nun mitten auf dem Perserteppich stand und Reinhold dabei zusah, wie er sich am Bücherregal zu schaffen machte und ein Richtmikrofon neben der Grillparzer-Gesamtausgabe und einem Ernst-Jandl-Band platzierte.

„Wenn sich das Phänomen so einfach zeigen würde, bräuchten Sie mich schließlich nicht zu rufen.“

Beide lachten, Gabriele angespannt, Reinhold gönnerhaft. Als er den Aufbau beendet hatte, kontrollierte er noch einmal die Aufzeichnungsgeräte. Die Frau war eine Skeptikerin, da musste man besonders gründlich sein. Er drückte ein paar funktionslose Knöpfe und sah prüfend auf die Digitalanzeige eines umfunktionierten Multimeters.

„Die Geräusche kamen nur aus diesem Raum?“

„Genau.“ Gabriele nickte eifrig. „Aber ich bin ganz sicher, es war ein Flüstern. Erst dachte ich, jemand hat den Fernseher laufen oder es ist das Radio auf der Baustelle unten, aber nein, ich bin ganz sicher.“

Reinhold gab sich verständnisvoll.

„Ich komme mir albern vor“, fuhr sie fort. „Ich bin wirklich keine, die an so etwas glaubt. Aber dann habe ich Sie bei Guten Morgen Österreich gesehen! Und so wie Sie das erklärt haben, klang es ja zumindest seriös. Ich wäre sonst nie auf die Idee gekommen einen Gei–, ach nein, entschuldigen Sie, wie war der Ausdruck?“

„Paraspektograf “, sagte Reinhold.

„Genau, ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen Paraspektografen zu rufen.“

In der Tat war dieser Auftritt im Frühstücksfernsehen das Beste, was ihm hätte passieren können. Seither hatte er ein bis zwei Aufträge in der Woche, die ihm seine magere Pension erheblich aufbesserten.

„Was brauchen Sie denn, um das … Wesen – sagt man das so? – loszuwerden?“

„Immer mit der Ruhe. Zunächst werde ich ein paar Messungen durchführen. Wir schauen uns die Ergebnisse gemeinsam an und Sie entscheiden, was die nächsten Schritte sind. Wir beobachten zuerst und urteilen dann, ganz rational.“ Etwas Anspannung schien von Gabriele abzufallen. „Und das Phänomen ist aufgetreten, wenn Sie gerade nicht im Raum waren?“

„Genau, meistens war ich im Flur oder in der Küche.“

„Dann würde ich vorschlagen, wir gehen jetzt hinüber und warten ein wenig.“

Sie setzten sich in die hochmoderne Küche, die so gar nicht zur übrigen antiquierten Einrichtung passen wollte. Reiche Leute hatten selten ein Gespür für Schönheit. Hier war es so sauber, dass sich Reinhold nicht vorstellen konnte, dass Gabriele hier auch nur ein einziges Mal selbst gekocht hatte.

„Darf ich Sie mal etwas fragen?“ Gabriele sah ihn an. „Wie kommt man zu so einem Beruf? Eine Ausbildung wird es da ja nicht geben, oder?“

Also begann Reinhold zu erzählen. Vor zwei Jahren hatte er mit seinem Service begonnen. Zuvor war er dreißig Jahre lang Kammerjäger in einem Schädlingsbekämpfungsbetrieb im 12. Bezirk gewesen. Die Idee hatte ihm ein Bekannter aus Niederösterreich geliefert. Dieser arbeitete als Programmdirektor der Burg Kreuzenstein. Eines Tages bekam er ein E-Mail von einem britischen Ehepaar, das in der Burg nach Geistern suchen wollte. Zuerst, so Reinholds Bekannter, habe er nichts davon wissen wollen. Die Burg Kreuzenstein hatte sich seit jeher um eine historisch akkurate Darstellung des Mittelalters bemüht. Von der Gründung im 12. Jahrhundert über die Zerstörung im späten Dreißigjährigen Krieg bis zum Wiederaufbau durch Nepomuk Graf Wilczek im Jahr 1874 war ein Großteil der Geschichtsschreibung bereits abgeschlossen. Naturgemäß ergaben sich einige historische Lücken, die sich jedoch nicht ohne Weiteres mit Hokuspokus oder Geisterschmarrn füllen ließen. Andererseits gestand Reinholds Bekannter, kämpfe die Burg Kreuzenstein mit rückläufigen Besuchszahlen. Die Instandhaltung der Anlage sei kostspielig gewesen. Trotz der Kulturförderung des Landes Niederösterreich fehle es an internationalem Tourismus. Wirtschaftliches Arbeiten sei fast nicht möglich gewesen. Reinholds Bekannter konnte es sich nicht leisten, unhöflich zu den wenigen auswärtigen Gästen zu sein. Entgegen allen Erwartungen erwies sich dies als ein absoluter Glücksgriff. Das Ehepaar stellte ein paar seltsame Apparaturen auf und filmte die Anlage bei Nacht. Auf den verwackelten und schlecht aufgelösten Aufnahmen gab es an einer Stelle des Videos einen Schatten, den das Paar als Engelbrecht von Wasserburg identifizierte.

„Ich muss sagen“, sagte Reinhold und beugte sich verschwörerisch zu Gabriele, „ich konnte da ehrlich gesagt nicht viel erkennen außer ein paar dunkler Flecken auf einer Mauer im Wehrgang.“

Aber die Community der Paranormal Spectographers hatte offenbar bessere Augen als Reinhold. Die YouTube-Videos und Blogposts des Ehepaares gingen in ihrer Szene viral und lockten, nachdem auch der Guardian darüber berichtet hatte, ein breites Publikum nach Leobendorf und die Gasthöfe waren Monate im Voraus ausgebucht. Reinhold war augenblicklich fasziniert. Er besaß seit jeher eine große Leidenschaft für Stephen-King-Romane und John-Sinclair-Hefte und er hatte sich in seiner berufstätigen Zeit häufiger vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn das Kratzen in den Wänden nicht von Ratten, sondern etwas anderem herrühren würde. Natürlich glaubte er nicht an Geister – was er vor Gabriele nicht erwähnte –, aber ihm war auch klar, dass die Naturwissenschaften viele Dinge nicht erklären konnten. Dass sein Stundenlohn als Paraspektograf deutlich höher war als in seinem vorherigen Beruf und er sich seine Wohnung nur auf diese Weise leisten konnte, verschwieg er.

„Ich habe mir also angesehen, wie die Kollegen in England arbeiten. Mir ist es wichtig, dass Sie klare Ergebnisse erhalten. Oft ist es wirklich nur die Fantasie, die mit einem durchgeht, aber manchmal –“

In diesem Moment klirrte...


Navarro, Fabian
Fabian Navarro, geboren 1990 in Warstein, ist Autor, Slam Poet und Kulturveranstalter. Nach seinem Studium der deutschen Sprache und Literatur und Philosophie in Hamburg zog er nach Wien. Er tritt seit 2008 bei Lesebühnen und Poetry Slams auf und veröffentlichte zwei Katzenkrimis um die smarte Katzendetektivin »Miez Marple« (Goldmann 2022).



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