E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Reihe: Anti-Pop
Natascha Seelenficker
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86608-667-8
Verlag: UBOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine Kindheit auf dem Straßenstrich
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Reihe: Anti-Pop
ISBN: 978-3-86608-667-8
Verlag: UBOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Ich habe mir immer gedacht, wenn ich Drogen nehme, dann können sie ruhig meinen Körper ficken, dann sollen sie mit mir machen, was sie wollen. Denn ich hasse meinen Körper, der ist so fett und hässlich und unförmig und sowieso habe ich es nicht besser verdient. Doch in den Momenten, wenn die Drogen aufhören zu wirken, merke ich, dass die Leute auch meine Seele ficken. Das tut weh, nein, mehr noch, das zerstört, ohne zu zerstören, man bleibt übrig und weiß, dass man kaputt ist, unheilbar, und dass man damit leben muss.' Gerade volljährig geworden, erzählt die Autorin von ihrer Kindheit im Heim, von den ersten Drogen mit zwölf und dem Drogenstrich, dem harten Leben zwischen Freiern, Zuhältern, Dealern und der Schule. Ungeschönt, unerbittlich ehrlich zeigt sie uns, wie das Leben in Deutschland auch aussehen kann, fernab von Behaglichkeit und Familie.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1 – Das Zippo
Es wäre schön, wenn die Welt nicht so wäre, wie sie nun einmal ist. Es wäre schön, wenn man die Augen zumachen und sich etwas ganz stark wünschen könnte, sodass es in Erfüllung geht. Doch die Wahrheit ist: Das Leben ist einfach nicht so. Das Leben ist anders.
Ich habe vor einigen Jahren aufgehört mich zu fragen, warum ausgerechnet ich? Nicht weil ich diese Frage nicht mehr stellen wollte, ich war erst abgelenkt, dann habe ich vergessen, danach zu fragen. Da war ich dreizehn, glaube ich.
Genau vor einem Jahr habe ich einen Abschiedsbrief geschrieben. Ich habe mich bemüht, den Brief in schöner Schrift zu schreiben, denn meine Mutter kann meine Schrift normalerweise nicht lesen.
Ich habe den Brief in der Küche auf den Tisch gelegt, dort hat sie ihn dann auch gefunden, aber sie dachte lediglich, eine Freundin hätte ihn mir gegeben. Es war ja nicht meine Schrift. So eine schöne Schrift hätte ich nicht. Dabei war es mir fast ernst an diesem Tag. Mittlerweile ist es mir immer häufiger ernst. Was für ein blödes Wort:
Ich wollte sterben.
Ich werde sterben, schneller als ihr alle.
Meine Mutter merkt solche Dinge einfach nicht. Eigentlich bemerkt sie nie etwas. Mit einer Ausnahme: Wenn das Geld mal wieder knapp wird, scheuert sie mir eine und brüllt mich an. Sagt, dass ich eine fette, hässliche, teure und bin, die ihr die Haare vom Kopf frisst und die ihren geliebten Ehemann vergrault hat. Das passiert zum Beispiel beim Abendessen oder wenn ich versuche klarzukommen.
Aber ich glaube, sie hat nicht ganz Unrecht. Was bin ich schon? Ich bin doch eine fette, hässliche und ungewollte Fotze. Sie weiß das, schließlich ist sie meine Mutti.
Nur teuer bin ich nicht. Hohe Preise sind nicht drin. Aber ich weiß auch ohne sie, dass ich fett und hässlich bin. Und eine dumme sowieso, war ich schon immer.
Das sagen alle, die ich kenne. Und die, die es nicht sagen, bezahlen mich auch schlecht … was dann genau das Gleiche ist. Ich meine, wenn ich nicht fett und hässlich wäre, dann müssten mir die Typen doch mehr Geld geben, weil die dann sagen: Hey, die ist süß und schlank und sexy. Der gebe ich mehr!
Ich muss mich anders hinlegen, meine Schulter fühlt sich komisch an. Es könnten Schmerzen sein. Ich weiß es nicht, denn ich bin auf Crystal. Da spürt man keine Schmerzen – fast.
Tut es doch weh?
Schmerzen sind nicht gut. Nein, Schmerzen sind nicht gut. Wenn ich die Präsidentin der Welt wäre, ich würde Schmerzen verbieten. Keine Schmerzen mehr auf dieser Welt, nie wieder! Schmerzen tun weh, da muss man weinen. Ich muss auch gleich weinen, wenn ich so liegen bleibe. Aber ihm ist es egal. Er hört nicht auf mich.
Ich bin eine Heulsuse, eine dumme, kleine Schlampe und eine blöde Kuh, die immer gleich heult.
Oh Mist, jetzt geht es los. Die Nase läuft schon und gleich muss ich den Rotz Dann hört er, dass ich flenne.
Ich kann nichts dagegen tun, die Tränen laufen einfach so über mein Gesicht und verschmieren mein Make-up. Ich trage nicht viel Make-up, denn das macht alt und das senkt den Preis noch mehr. Wer will schon eine vögeln, die so alt aussieht wie die Trulla, die man daheim hat?
Also trage ich fast keins, nur um die Augen rum, das macht schöne, große Augen. Und jetzt läuft die Farbe über mein Gesicht.
Ich höre mich selber schluchzen und denke: Du dumme Schlampe! Halt die Klappe! Du willst professionell sein? Du willst heute Geld verdienen?
Das ewige Rumgeheule ist kindisch, aber schlecht kindisch! Und wenn er es merkt, gibt es noch weniger Geld.
Ich beiße die Zähne zusammen. Gerne hätte ich mir übers Gesicht gewischt, aber meine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Handschellen. Das macht ihn an. Dabei ist die Hundestellung gar nicht so schlecht. Ich muss die Kerle nicht ansehen. Ich kann meine Augen zumachen und versuchen, ganz weit weg zu sein bei meiner So ist das Anschaffen am erträglichsten: Nicht zu fühlen, was draußen los ist, einfach nur mit der Droge tanzen und irgendwann wieder was nehmen. So rede ich es mir ein. Eigentlich kannst du den Trip nicht wirklich genießen, wenn du anschaffen gehst. Aber es hilft. Drogen machen es erträglich, manchmal ist es sogar okay. Aber «tanzen» klingt schöner.
Ich weiß, dass ich nachher Schmerzen haben werde, denn er ist viel zu groß!
Zu viel will er in mich pressen.
Das wird brennen.
Ich werde nachher auf dem Klo sitzen und jammern, weil es wehtut. Nachher, wenn die Drogen nachlassen. Aber ich habe noch genug. Die Schmerzen gehen also wieder weg und es bleibt nur dieses irre Gefühl, als würde es im ganzen Körper umsonst Zuckerwatte geben und als würde die Zuckerwatte mich von innen kitzeln. Dann gibt es nur die Drogen und mich. Und die Drogen nehmen mich an der Hand und führen mich fort vom Schmerz.
Wenn ich mal einen richtigen Freund haben sollte, möchte ich mit ihm und meinem Kind über den Jahrmarkt gehen. Und mein Freund wird sagen: «Möchtest du Zuckerwatte?» Und ich werde wunderschön sein und ihn anlächeln und sagen: «Gerne! Aber nur, wenn wir teilen.» Dann wird er mich küssen. Und wir werden lachen und Spaß haben. So wie die anderen auch.
Ihm macht es Spaß. Er hat gesagt, er mag es eng.
Und ich bin eng.
Das ist eigentlich auch kein Wunder. Ich meine, ich bin 153 cm klein und wiege 37 Kilo. Da ist man einfach eng! Aber ich sollte nicht meckern. Ich sehe aus wie zwölf, und schließlich ermöglicht mir genau dieses Aussehen überhaupt das Anschaffen bei diesen Kerlen. Hier wird nicht für große Titten gezahlt oder für Falten! Und je länger man jung aussieht, desto besser.
Noch zwei Kerle und ich kann mir wieder extra Crystal kaufen – dann brennt es gar nicht mehr.
Dann beginnt das Leben für einen Augenblick.
Oder das Leben hört auf für einen Augenblick.
Oder für immer.
Wobei das echt voll schwierig ist, ich meine das Auseinanderhalten von leben und nicht leben, von gutem Leben und schlechtem Leben. Was ist das wahre Leben? Ja, das wahre Leben …
Das wahre Leben, die Ware Leben. Scheiße, ne?
Ohne Drogen fühle ich mich total beschissen. Wobei das von Droge zu Droge variiert. Auch wenn es total bescheuert klingen mag, aber wenn du auf Heroin bist, hast du ähnliche Symptome wie auf Crystalentzug. Und auf Crystal ähneln die Auswirkungen einem Heroinentzug. Bei Crystal werde ich wunderbar lethargisch, allerdings zittern meine Hände spürbar. Mein Körper gehört nicht mehr mir und macht, was er will. Das ist gut zum Sich-ficken-Lassen. Wenn ich auf Entzug bin oder wenn ich runterkomme, dann werde ich extrem müde, kann mich kaum auf den Beinen halten, weil auch mein Gleichgewichtssinn nicht mehr mitmacht … Da fühlt sich mein Kopf immer an wie vollgewichst.
Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich schaffe es nicht, meine Gedanken auch nur für einen Augenblick in eine einzige Richtung zu lenken. Als wäre mein Gehirn ein Prisma und meine Gedanken zerstrahlen in alle Farben des Regenbogens.
Nur nicht so schön.
Das Licht in meinem Gehirn ist dann braun und grau, und ich hasse mich und will mich hassen. Und ich hasse mich, weil ich Drogen nehme, und dann nehme ich Drogen, weil ich mich dann nicht mehr dafür hasse.
Wenn man hingegen voll drauf ist, ist das für einen Augenblick unendlich schön. Aber nur, weil man vergisst zu leben. Weil man vergisst und weil man nur noch ein Teil der Droge ist.
Der Kerl ist fertig. Der Druck in meinem lässt nach. Ein Blick von unten zwischen meine Beine und ich sehe sein Sperma, wie es meine Oberschenkel runterläuft. Besser als schlucken, denke ich mir und trotzdem schaudert es mich.
Ekel.
Ich muss dringend aufs Klo.
Ich will den Schleim wegwaschen. Ich will duschen. Ich will weg. Weit weg.
«Halt! Wo willst du hin?», zischt der Typ und hält mich an den Handschellen fest.
«Aufs Klo.»
«Ich habe dich für zwei Stunden bezahlt und die sind noch nicht um, also bleibst du hier!»
Ich gebe auf. Werde noch kleiner. Bleibe da. Der Schleim läuft weiter meine Beine runter.
Es gibt beinahe nichts Schöneres als Typen, die sich endlich mal trauen, so eine kleine Fotze wie mich anzusprechen, und dann viel zu früh abspritzen und voller Scham abhauen. Das ist schnell verdientes Geld.
Außerdem kommen von denen die wenigsten wieder. Versagt vor einem Kind!
Doch der Typ ist nicht...




