Nassehi / Felixberger / Anderl | Kursbuch 222 | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

Nassehi / Felixberger / Anderl Kursbuch 222

gewaltig autoritär
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96196-375-1
Verlag: Kursbuch Kulturstiftung gGmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

gewaltig autoritär

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

ISBN: 978-3-96196-375-1
Verlag: Kursbuch Kulturstiftung gGmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Autoritäre ist weltweit auf dem Vormarsch. Autokratische Regierungen, autoritäre Politiker und Manager, toxische Männlichkeit, um nur einige Schlagwörter zu nennen. Das Autoritäre ist eine Durchsetzung ohne Zustimmung, Autorität eine Zustimmung ohne Durchsetzung. Es geht um das richtige Ausbalancieren von Möglichkeiten. Oder um das Finden von Kompromissen als einziges 'Gegengift' gegen das Autoritäre. Bemerkenswert ist das Interview mit der britischen Lehrerin Katharine Birbalsingh, die als Großbritanniens 'strikteste Lehrerin' gilt. Sie arbeitet an einer Schule in einem verarmten Innenstadtviertel und pflegt einen autoritären Stil in dem Sinne, dass sie ihren Schutzbefohlenen sehr direktiv viel abverlangt. Ihre Methode ist sehr erfolgreich und führt bis zu 80 Prozent ihrer migrantischen, unterprivilegierten Klientel an führende Universitäten des Landes. In den fünf Intermezzi wiederum antworten Nils C. Kumkar, Dietmar Dath, Susanne Breit-Kessler, Irmhild Saake und Nils Goldschmidt auf die Frage, wen sie, wenn überhaupt, als echte Autorität betrachten würden. Jan Schwochow rekonstruiert grafisch die Geschichte der Oligarchisierung der Tech-Branche in den USA, Olaf Unverzarts Bilder aus Moldawien aus diesem Jahr markieren gewissermaßen die Gegenseite dieser High-End- und High-Tech-Welt. Anmerkung: Der Fotograf wollte eigentlich in die USA reisen, jedoch wurde ihm die Einreise verweigert, weil er vor acht Jahren im Iran ein Radrennen fotografiert hatte. Stattdessen reiste er an den Rand Europas, auf den Spuren sowjetischer Architektur und ihrer gegenwärtigen Adaption. Berit Glanz' 'Islandtief beschäftigt sich mit Literaturtourismus, den sie als attraktive Alternative zum reinen Naturtourismus nach Island darstellt. Beschlossen wird dieses Kursbuch durch die erste Buchkolumne von Peter Felixberger. Er bespricht das Buch 'Das ideologische Gehirn' von Leor Zmigrod. Seine Kolumne heißt LEGO. Das hat nichts mit dänischem Spielzeug zu tun, sondern ist lateinisch und heißt: Ich lese. Das sollte man dieses Kursbuch auch.

Armin Nassehi (*1960) ist Soziologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Herausgeber des Kursbuchs und einer der wichtigsten Public Intellectuals in diesem Land. Im Murmann Verlag veröffentlichte er unter anderem »Mit dem Taxi durch die Gesellschaft«, in der kursbuch.edition erschien zuletzt »Das große Nein. Eigendynamik und Tragik gesellschaftlichen Protests«. Dr. Peter Felixberger ist Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers, Co-Herausgeber der politischen Kulturzeitschrift »Kursbuch« und Erfinder der BEEP-Methode. Seit vielen Jahren entwickelt der Publizist, promovierte Politologe und Soziologe für verschiedene Verlage und Medienhäuser Bücher, Zeitschriften und digitale Medien. Im Murmann und Kursbuch Verlag erschienen unter anderen »Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?« und »Deutschland. Ein Drehbuch« (zusammen mit Armin Nassehi). SIBYLLE ANDERL (*1981), ist Astrophysikerin und leitet das Wissensressort der ZEIT. Sie ist Mitherausgeberin des Kursbuchs. Zuletzt erschien 'Dunkle Materie. Das große Rätsel der Kosmologie.'
Nassehi / Felixberger / Anderl Kursbuch 222 jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Das politische Pendel
Die ewige Konkurrenz zwischen freiheitlicher und autoritärer Herrschaft


Eine Generation nach dem Sieg der liberalen Demokratien gegen die sozialistischen Diktaturen ist die Systemkonkurrenz zwischen freiheitlicher und autoritärer Herrschaft zurückgekehrt, und wenn man bedenkt, dass sie die Menschheitsgeschichte bereits seit rund zweieinhalbtausend Jahren bestimmt, kann das nicht überraschen. Wenn man verstehen möchte, wie und warum das politische Pendel stets zwischen beiden Polen politischer Ordnung hin- und herschwingt, bietet sich an, einen Blick auf die Geschichte dieser Systemkonkurrenz zu werfen.

Eine kurze Geschichte der Systemkonkurrenz

Alle frühen Hochkulturen, vom kaiserlichen China der Shang-, Zhou-, Qin- und Han-Dynastie über die Indus-Kultur und Mesopotamien bis zum alten Ägypten, waren von autoritärer Herrschaft bestimmt, sodass es keinerlei Mitbestimmung über Wohlstandsverteilung und Vergabe politischer Machtpositionen gegeben hat. Auch im alten Israel blieb die politische Ordnung der menschlichen Verfügbarkeit durch die Unterordnung unter das göttliche Gesetz entzogen. Erst im antiken Griechenland ist das Politische seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert allmählich als den Entscheidungen selbstbestimmter Bürger unterworfene Angelegenheit verstanden worden. Indem Herrschaft als der Freiheit dienliche Selbstgesetzgebung gedacht wurde, die nicht von Personen abhängig sein, sondern von Institutionen wie dem Los und der Wahl garantiert werden sollte, wurde die zur illegitimen Konkurrenz dieser neuen politischen Norm der Demokratie.

Schon im antiken Griechenland war ein freiheitlich-demokratisches Grundverständnis ausgebildet, demzufolge wir deshalb mehrheitlich entscheiden, weil es keine vertrauenswürdigeren Kriterien, geschweige denn Autoritäten für kollektiv verbindliche Entscheidungen gibt und wir weder den von uns Gewählten noch unserer eigenen Wahl vertrauen. Stattdessen setzen wir auf die Fehlerfreundlichkeit turnusmäßig wiederholter Wahlen, dank derer die meisten Entscheidungen revidiert werden können. Das ist verbunden mit der Trennung von Amt und Person: In der Demokratie haben die Herrschenden ihre Ämter nur auf Zeit verliehen bekommen, um der Allgemeinheit zu dienen, während autoritäre Herrschaft auf die Person des Herrschers ausgerichtet ist und ihren Zweck von ihm diktiert bekommt.

Doch bereits in der Römischen Republik ist die als rechtmäßige Institution eingeführt worden, mit deren auf sechs Monate befristeter Übertragung andernfalls kaum durchsetzbare Entscheidungen ermöglicht werden sollten, von der Kriegsführung und Befriedung inneren Aufruhrs über Gesetzgebung und Gerichtsverfahren bis hin zur Ämtervergabe. Beispielhaft steht hierfür Lucius Quinctius Cincinnatus, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert gleich zweimal die Römische Republik vor einer Kriegsniederlage beziehungsweise einem Umsturzversuch gerettet und seine Machtbefugnisse anschließend freiwillig wieder abgetreten hat, womit er nicht nur bis in die Gründungszeit der Vereinigten Staaten von Amerika als Vorbild gedient und der Stadt Cincinnati im Bundesstaat Ohio zu ihrem Namen verholfen, sondern auch die nachhaltig wirksame Illusion des gutwilligen Alleinherrschers begünstigt hat.

Hierzu hat auch beigetragen, dass die Römer besessen waren von dem Glauben an ihren unvermeidlichen moralischen Verfall und also mehr Furcht vor ihrer eigenen Dekadenz hatten als vor fremdem Machtmissbrauch. Hatte Cäsars entfristete Diktatur noch unmittelbar zu seiner Ermordung am 15. März 44 v. Chr. geführt, war sein testamentarisch adoptierter Großneffe und Nachfolger Octavius geschickter und skrupelloser vorgegangen. Nach der planvollen Ermordung von über 2000 Mitgliedern der republikanischen Führungsschicht konnte er nämlich, wohl auch dank des kollektiv unbewussten Cincinnatus-Mythos, erfolgreich behaupten, nach der Beendigung des Bürgerkriegs jenes Machtmonopol freiwillig zurückzugeben, das ihm in Wahrheit gar nicht verliehen worden, sondern von ihm usurpiert worden war. Dafür am 16. Januar 27 v. Chr. mit dem Ehrennamen Augustus, also »der Erhabene«, ausgestattet, konnte der neue Alleinherrscher sicher sein, dass der von ihm auf mörderische Weise neu besetzte Senat seinen Vorstellungen entsprechend entscheiden würde. Diese unvergleichlich stabile Machtposition basierte darauf, eine autoritäre Herrschaft als Wiederherstellung der Republik dargestellt und also eine Veränderung durch deren Verschleierung bewirkt zu haben.

Im Mittelalter hat die autoritäre Herrschaft sogar für mehr als anderthalbtausend Jahre konkurrenzlos walten können, nachdem das frühe Christentum die weltliche Ordnung zum Ausdruck des göttlichen Willens erklärt hat. Als Grundlage dafür diente der Brief des Apostels Paulus an die Römer mit der Feststellung im ersten Vers des 13. Kapitels, jede Obrigkeit sei von Gott eingesetzt und tyrannische Herrschaft nur eine Strafe für die Sündhaftigkeit der Untertanen. Dass diese Auffassung bis heute für autoritäre Absichten attraktiv geblieben ist, zeigt die Bemerkung der jüngst zur Leiterin des »Glaubensbüros« im Weißen Haus ernannten amerikanischen Fernsehpredigerin Paula White aus dem Jahr 2017, Opposition gegen Präsident Trump sei Opposition gegen Gott.1

Auch nachdem die Kirchenspaltung ganz Europa in erbitterte, lange und grausame Bürgerkriege gestürzt hatte, wurde die autoritäre Herrschaftspraxis zwischen dem Westfälischen Frieden von 1648 und der Französischen Revolution von 1789 in der zunehmend säkularisierten Form des absolutistischen Staates fortgesetzt. Wenn der französische König Ludwig XIV. als Inbegriff des absolutistischen Herrschers gesagt haben soll, der Staat bestehe in seiner Person (»l’état, c’est moi«), zeigt sich darin einerseits eine Verbindung zur Tradition des mittelalterlichen Verständnisses und andererseits die Vorgeschichte des Führerkults im modernen Autoritarismus. Zudem ist bemerkenswert, dass der Absolutismus mit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia und der russischen Zarin Katharina II. zwei weibliche Alleinherrscherinnen hervorgebracht hat, nachdem es bis dahin überhaupt nur zwei andere gegeben hatte, nämlich die ägyptische Pharaonin Cleopatra sowie die chinesische Kaiserin Wu? Zétian im siebten Jahrhundert, und mit der als Witwe des Kaisers von China Mitte des 19. Jahrhunderts an die Macht gekommenen Cíxi? seither sogar nur eine weitere.

Genau ein Jahrhundert, nachdem die in Großbritannien die Systemkonkurrenz zwischen freiheitlicher und autokratischer Herrschaft wiederhergestellt hatte, ist sie durch die Französische Revolution endgültig neu angefacht worden. Denn nachdem ihr Streben nach Volkssouveränität instabil geblieben war und sich im Terror der Guillotine verloren hatte, konnte Napoleon Bonaparte die Macht ergreifen und sich nach römischem Vorbild, zunächst per Volksabstimmung, zum Konsul auf Lebenszeit ernennen und schließlich zum Kaiser krönen lassen – ein Staatsstreich, den sein Neffe Charles-Louis-Napoleon Bonaparte rund ein halbes Jahrhundert später nahezu identisch zu wiederholen vermochte, womit auch die Zweite Französische Republik der autoritären Herrschaft zum Opfer fiel.

Für das 20. Jahrhundert hat Samuel P. Huntington schließlich drei Wellen der Demokratisierung unterschieden, deren erste mit der Ausbreitung der totalitären Diktaturen zu Ende gegangen ist. Ihr folgte die zweite, in den 1960er-Jahren abnehmende Welle mit der Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg und Mitte der 1970er-Jahre die dritte Welle der Demokratisierung, die in Portugal, Spanien und Ostasien begonnen und sich ab 1989 in Osteuropa, Asien und Lateinamerika ausgebreitet hat,2 bevor sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts auch eine dritte Welle der feststellen lässt, deren Dramatik darin liegt, dass sie zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg stärker ist als die Tendenz zur Demokratisierung.3

Umso wichtiger ist es, die verschiedenen Erscheinungsformen autoritärer Herrschaft voneinander und von freiheitlicher Herrschaft zu unterscheiden.

Charakteristika autoritärer Herrschaft

Wenn man auf besonders weitreichende und anspruchsvolle Kriterien verzichtet, lässt sich die demokratische Seite der Systemkonkurrenz recht eindeutig bestimmen, und zwar als »eine politische Ordnung, in der die Bürgerinnen und Bürger ihre Regierung mittels Wahlen bestimmen und die Möglichkeit haben, sich einer Regierung zu entledigen, die ihnen nicht gefällt« 4. Nach aller bisherigen Erfahrung garantiert nur eine solch geregelte und durch Gewaltenteilung, also verteilte Machtkompetenzen gesicherte Ordnung, Menschenwürde und Freiheit als höchste Ziele menschlichen Zusammenlebens zu erreichen.5 Das setzt voraus, dass die Verlierer die Ergebnisse der Wahlen anerkennen, weil sie erkennen, dass auch diejenigen, die man selbst gewählt hat, Machtmissbrauch betreiben könnten. Folglich dient die Bewahrung der Demokratie mittel- und langfristig eher den eigenen Interessen als die Durchsetzung des eigenen Willens um den Preis der Demokratie. Das Vertrauen in die Institution der Demokratie muss demnach größer sein als das Vertrauen in Personen. Denn ginge es nur darum, »faktisch zu klären, wer die Macht hat und...


Armin Nassehi (*1960) ist Soziologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Herausgeber des Kursbuchs und einer der wichtigsten Public Intellectuals in diesem Land. Im Murmann Verlag veröffentlichte er unter anderem »Mit dem Taxi durch die Gesellschaft«, in der kursbuch.edition erschien zuletzt »Das große Nein. Eigendynamik und Tragik gesellschaftlichen Protests«.

Dr. Peter Felixberger ist Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers, Co-Herausgeber der politischen Kulturzeitschrift »Kursbuch« und Erfinder der BEEP-Methode. Seit vielen Jahren entwickelt der Publizist, promovierte Politologe und Soziologe für verschiedene Verlage und Medienhäuser Bücher, Zeitschriften und digitale Medien. Im Murmann und Kursbuch Verlag erschienen unter anderen »Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?« und »Deutschland. Ein Drehbuch« (zusammen mit Armin Nassehi).

SIBYLLE ANDERL (*1981), ist Astrophysikerin und leitet das Wissensressort der ZEIT. Sie ist Mitherausgeberin des Kursbuchs. Zuletzt erschien "Dunkle Materie. Das große Rätsel der Kosmologie."



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.