Was wäre, wenn?
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-96196-348-5
Verlag: Kursbuch Kulturstiftung gGmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
So zeigt Alexandra Schauer, wie eine Analyse des Möglichkeitsinns, also des Denkens in anderen Möglichkeiten, zwischen einem "Alles-könnte-anders-Sein" und einem "Nichts-tun-Können" oszilliert. Sibylle Anderl zeigt an der Quantenphysik oder Stringtheorie, wie sehr die physikalische Beobachtung zunächst sich selbst im Blick hat, um überhaupt reflektieren zu können, worauf sich der Blick richtet und richten kann. Armin Nassehi wiederum diskutiert die Frage, welche unprüfbaren Kausalannahmen in allen Behauptungen beziehungsweise Diagnosen enthalten sind, die meinen, etwas über historische Verläufe sagen zu können, hätte sich ein bestimmtes Ereignis anders zugetragen.
In den Intermezzi fragen dann Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit, was auf dem afrikanischen Kontinent anders sein könnte, wenn ... . Auch die Bilder von Michel Kreuz haben eine afrikanische Perspektive und rufen nach Alternativen. Judith Kohlenberger stellt sich eine humane Flüchtlingspolitik vor, Andreas Knie verweist auf ein für die autogerechte Stadt wegweisendes Urteil von 1966, Simon Strauss plädiert für eine optimistische, oder besser: weniger pessimistische Form der Beobachtung möglicher Alternativen, und Olaf Unverzart stellt "Was wäre, wenn ..."-Fragen mit je einem Bild. Peter Felixberger hat schließlich in seinem FLXX acht Begriffe erschaffen, gewissermaßen alternative Begriffe, alles Komposita mit ungewöhnlichen Wortkombinationen, etwa Lernbesinger, Kannprophet, Mehrverorter oder Überunser.
Autoren/Hrsg.
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Sibylle Anderl
Ist das wirklich möglich?
Eine Erkenntnisreise in fremde Welten Bei allem Kummer, den uns alternative Fakten bereiten, bei aller Begeisterung für die nackten Tatsachen und all das, was uns konkret und unzweifelhaft vorliegt: Was wären wir und was wäre die Welt ohne unsere Fähigkeit zum kontrafaktischen Denken? Die Frage ist natürlich rhetorisch. Alles wäre arm, trist und unmenschlich. Wir hätten keine Vorstellungen, keine Imagination, keine Intuition, selbst unsere Wahrnehmungen könnten wir kaum organisieren ohne das Mögliche im Unterschied zum Tatsächlichen und Notwendigen. Die Frage »Was wäre, wenn …?« steht im Zentrum unserer Identität – so radikal kann man das formulieren. Dass wir trotzdem Grenzen des Vorstellbaren begegnen, ist philosophisch eine anregende Beobachtung. Der weite Raum des Möglichen ist mit gewissen Randbedingungen konfrontiert, die in ihm verschiedene Bereiche unterscheiden. Als Erstes wäre da die Physik: Der Raum dessen, was physikalisch möglich ist, wird von den Naturgesetzen aufgespannt. Alles, was in unserer Welt passiert, muss sich ihnen beugen – so sind sie definiert. Wenn wir uns dieser Grenze entledigen, landen wir gedanklich in fremden, möglichen Welten, von denen einige durch Science-Fiction-Erzählungen erkundet wurden, andere durch wissenschaftliche Simulationen (Was wäre, wenn die Feinstrukturkonstante nur minimal größer wäre? Was, wenn die Lichtgeschwindigkeit sich im Laufe der Zeit änderte?). Und wieder andere, und sicherlich die allergrößte Mehrheit, sind nie von einem Menschen erkundet worden. Von metaphysischer Modalität sprechen die Philosophen; entsprechend kann man als die zweite Regulierungsinstanz des Möglichen die Metaphysik verstehen. Mit diesem so eingegrenzten Möglichkeitsraum lässt sich einiges anstellen, man denke nur an die weiten Reisen durch den Kosmos, die sich nicht um die Einstein’sche Beschränkung der Reisegeschwindigkeit scheren. Allenfalls eine noch weiter gefasste Kategorie des Möglichen lässt sich formulieren, wenn man als dritte Instanz die Logik identifiziert: Dieser potenziell größte Bereich des Möglichen enthielte dann alles, was logisch möglich ist, also keine inneren Widersprüche enthält. Ob das logisch Mögliche tatsächlich noch mehr Freiheiten liefert als die metaphysische Modalität, ist philosophisch umstritten und hängt natürlich nicht zuletzt von den eigenen metaphysischen Vorlieben ab. Jenseits der Logik, so viel ist aber klar, machen »Was wäre, wenn«-Spiele uns Menschen keinen rechten Spaß mehr – auch wenn es wiederum eine anregende Frage ist, ob andere Lebewesen, Aliens etwa, sich der Grenzen der Logik und auch des raumzeitlichen Denkens entledigen könnten. Naturwissenschaftler, wie etwa Physiker, sind meist am inneren Bereich des Möglichen interessiert. So versuchen sie die Grenze des physikalisch Erlaubten abzuklopfen, indem sie sich auf die Suche nach Naturgesetzen begeben: das in allen Regularitäten aufscheinende Gerüst, das in seiner Notwendigkeit jedem Zufall trotzt. Wie rätselhaft allein diese Unternehmung ist, wird deutlich im berühmten Vergleich zweier Sätze, von denen nur einer ein Naturgesetz beschreibt: »Alle Goldkugeln im Universum haben einen kleineren Radius als zwei Kilometer« und: »Alle Urankugeln im Universum haben einen kleineren Radius als zwei Kilometer.« Denn während der erste Satz ein empirischer ist (nach allem, was wir wissen, gibt es keinen Prozess, der eine größere Goldkugel produzieren könnte), ist letzterer dadurch begründet, dass eine größere Urankugel sich sofort unter der eigenen Gravitation durch Spaltungsprozesse zerstören würde. Oder unserem Thema gemäß ausgedrückt: Was wäre, wenn wir eine drei Kilometer große Goldkugel besäßen? Wir würden in einer Welt leben, die nur kontingent anders ist als unsere! Was wäre, wenn wir eine drei Kilometer große Urankugel besäßen? Wir würden in einer Welt leben, die anderen Gesetzen folgt! Doch nicht nur die Grenzen des physikalisch Möglichen sind von Interesse. Auch die Beschreibung, Klassifikation und Erklärung des in diesem Möglichkeitsraum real Existierenden konfrontieren die Forscher fortwährend mit den in unserer Welt nicht realisierten Möglichkeiten. Wenn Ereignis A Ereignis B verursachen und damit erklären soll, heißt das schließlich, dass B nicht auftreten würde, wenn A ausbliebe. Das Argument ist das Herzstück aller kontrafaktischen Analysen und Experimente sowie das Werkzeug zur Beantwortung der Frage »Warum sind die Dinge nun gerade so, wie sie sind, und nicht anders?«. Die nicht realisierten Möglichkeiten und möglichen Welten lauern also an vielen Stellen auf den, der empirisch diejenige aktual existierende Welt erforschen möchte, in der wir alle leben. Das kann man klaglos akzeptieren, denn die möglichen Welten sind ohne Zweifel überaus nützlich. Doch jedem auch nur minimal metaphysisch Interessierten stellt sich daraufhin eine Frage, die geeignet ist, ihn tief erschaudern zu lassen: Was ist eigentlich der Status dieser möglichen Welten? Gibt es sie? Vielleicht auch außerhalb unserer Köpfe? Wer dieser Frage folgt, durchwandert die verschiedenen Bereiche des Modalen. Die Quantenphysik ermöglicht eine Reise in die Fülle aller möglichen Welten im Rahmen unserer Naturgesetze, die Stringtheorie führt noch weiter in die Welten, die auch fremden Gesetzen folgen, und die virtuellen Realitäten scheren sich schließlich um kaum noch etwas anderes als um die Logik. Die möglichen Welten der Quantenphysik Die Quantenphysik ist eine Theorie, die niemand versteht – nicht, weil sie so schwierig wäre oder weil sie besonders komplizierte Rechnungen erfordert. Der Grund ist, dass niemand weiß, was diese in der Praxis so überaus erfolgreiche Theorie des Mikrokosmos zu bedeuten hat. Ihr Herzstück ist die Schrödinger-Gleichung, die als recht gewöhnliche Differenzialgleichung zunächst wenig Rätselhaftes an sich hat. Sie beschreibt das raumzeitliche Verhalten mikroskopischer Objekte wie zum Beispiel Elektronen: Wo sie sich aufhalten und wohin sie sich bewegen. Geleistet wird diese Beschreibung durch die sogenannte Wellenfunktion, die man anhand der Schrödinger-Gleichung berechnen kann – eine Aufgabe, die ebenfalls keine besondere Hürde darstellt. Die Quantenmechanik besitzt aber eine merkwürdige Eigenart: Sie liefert eine lediglich statistische Beschreibung der Gegebenheiten. Wenn man die quantenmechanische Wellenfunktion nutzen will, um etwas über beobachtbare Elektronen zu lernen, zeigt sich, dass aus der Wellenfunktion nur Aufenthaltswahrscheinlichkeiten folgen: Sie prognostiziert, dass sich das Elektron mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hier befindet, mit einer anderen dort. Wo genau es ist, sagt die Wellenfunktion nicht voraus. Das sieht man erst, wenn man das Elektron wirklich beobachtet, es »misst«. Das zentrale Problem im Verständnis der Quantenmechanik liegt in der Frage, was diese quantenmechanischen Wahrscheinlichkeiten bedeuten. Denn die naive Antwort »Sie beschreiben unser eingeschränktes Wissen über den Aufenthaltsort des Elektrons, aber in Wirklichkeit hält es sich doch immer an irgendeinem konkreten Ort auf« ist falsch. Dass sich Elektronen in gewisser Hinsicht wie Wellen verhalten (der berühmte Welle-Teilchen-Dualismus), weist darauf hin, dass sich das Elektron vor der Messung an verschiedenen Orten gleichzeitig befindet. Erst sobald es gemessen wird, fällt gewissermaßen die Entscheidung, wo es ist. Man nennt das den »Kollaps der Wellenfunktion«: Während sich die Wellenfunktion vorher deterministisch entwickelt, wie jede andere ordentliche physikalische Funktion auch, kollabiert sie im Moment der Messung zu einem lokalisierten Peak. Und wenn man die Messung vielfach wiederholt, folgen diese Kollapsereignisse in ihrer Häufigkeit den durch die Wellenfunktion ausgedrückten Wahrscheinlichkeiten. Wie absurd das alles ist, illustriert die berühmte Schrödinger’sche Katze. Ihr wird dadurch eine quantenmechanische Zustandsfunktion aufgedrückt, dass sich mit ihr in einer Box eine Giftkapsel befindet, deren Öffnung vom Auftreten eines quantenmechanisch beschriebenen Zerfallsprozesses abhängt. Daher gilt: Vor einer Messung ist der Zerfall gleichzeitig eingetreten und nicht eingetreten, das Gift ist freigesetzt und nicht freigesetzt und die Katze ist entsprechend tot und lebendig zugleich – so lang, bis jemand eine Messung vornimmt (den Deckel öffnet) und alle gekoppelten Wellenfunktionen zum Kollaps bringt. Was uns hier solche Denkschmerzen verursacht, ist nicht nur, dass wir den Bereich des Logischen verlassen haben. Sondern auch, was diesen besonderen Status der Messung rechtfertigt. Wie kann es sein, dass sich das Schicksal der Katze erst in dem Moment entscheidet, in dem wir in die Box sehen? Und wie ist das mit einer Theorie vereinbar, die alles andere will, als dem Menschen und seiner Beobachtungsfähigkeit einen herausgehobenen Status zu verleihen? Was ist eine Messung überhaupt? Und was verleiht ihr diese besondere Kraft, Wellenfunktionen zum Kollaps zu bringen? Wie kommt man aus dem Raum der überlagerten Möglichkeiten in den Raum des Aktuellen? An diesen Fragen hat sich viel Streit entzündet. Viele verschiedene Interpretationen der Quantenmechanik wurden entwickelt, um zu einer möglichst denkschmerzfreien Deutung dessen zu kommen, wie Theorie und Beobachtung zusammenhängen. 1957 veröffentlichte der junge Physiker Hugh Everett an der Princeton University in seiner Doktorarbeit eine Idee, die unter allen Interpretationen als die radikalste und gleichzeitig die einfachste gelten kann: Was wäre, wenn die Wellenfunktion in Wirklichkeit gar nicht kollabierte? Was wäre, wenn all die in ihr beschriebenen...