Nassehi / Felixberger / Anderl | Kursbuch 215 | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Nassehi / Felixberger / Anderl Kursbuch 215

Soziale Konfliktzonen

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-96196-326-3
Verlag: Kursbuch Kulturstiftung gGmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Soziale Konflikte sind Konflikte um Verteilungsfragen. Seit vielen Jahren bestimmen sie den demokratischen Streit. Politische Machtkonflikte haben sich um zwei Achsen geordnet – einmal um den Ausgleich zwischen (ökonomischer) Freiheit und (sozialer) Sicherheit; zweitens um ein progressives oder konservatives Verhältnis zu Liberalisierung und Pluralisierung. Dass materielle Konflikte zunehmen, die soziale Frage eine neue Dynamik erhält, ist absehbar – verantwortlich sind die ökonomischen Folgen des Klimawandels, träge und veraltete Wirtschaftszweige, eine Überbürokratisierung von Genehmigungsverfahren, globale Konkurrenz usw.

Dieses Kursbuch kreist um diese Konflikte. Hanna Lierses Beitrag nimmt die Persistenz sozialer Ungleichheitsstrukturen aufs Korn, Steffen Mau macht darauf aufmerksam, dass es sehr wohl soziale Konflikte in verschiedenen Feldern gibt, aber an der gerne behaupteten These der Polarisierung der Gesellschaft nichts dran ist, auch wenn sich die Ränder radikalisieren. Im Interview mit der Wiener Migrationsforscherin Judith Kohlenberger wird auf die Widersprüche und Nebenfolgen des europäischen Fluchtregimes hingewiesen.

Die Intermezzi-Frage lautet dieses Mal: Wären Sie gerne sozialer? Antworten von Marlen van den Ecker, Helmut Hochschild, Elisabeth Niejahr, Mithu Sanyal, Michael Skirl und Oliver Weber. Oliver Unverzart beantwortet unsere Frage in Bildform.
Nassehi / Felixberger / Anderl Kursbuch 215 jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Steffen Mau
Fliegt bald alles auseinander?
Zur Konstruktion gesellschaftlicher Spaltungsdiagnosen 1 Diagnosen der Spaltung Wenn heutzutage in der Öffentlichkeit über die Lage der Gesellschaft nachgedacht wird, ist die Spaltungsdiagnose zumeist nicht weit. Immer wieder kann man in politischen Kommentaren, den Feuilletons oder auf politischen Podien von den »zementierten Spaltungen«, dem »neuen Kulturkampf« oder dem »großen Graben« hören und lesen. Die einen wollen dies, die anderen genau das Gegenteil, Lagerbildung allerorten, die Konsensressourcen scheinen aufgezehrt. Mit Besorgnis registriert man soziale und politische Fliehkräfte, sieht Konflikte als Ausdruck einer zunehmenden Spaltung und fragt sich, ob bei allem Gegeneinander überhaupt noch Gemeinschaft und Zusammengehen möglich sind. Der Begriff der Polarisierung ist in den vergangenen Jahren so zu einer wirkmächtigen Chiffre gesellschaftlicher Selbstdiagnose geworden – eine Art niederschmetternder Krankheitsbefund, den man sorgenvoll in Augenschein nimmt. Fliegt bald alles auseinander? Trotz der jüngsten Prominenz dieser These ist das Bild eines Auseinanderfallens der Gesellschaft und der intensivierten Konflikthaftigkeit natürlich nicht neu. Es gehört schon lange in das Repertoire kapitalistischer Zeitkritik, wenn man etwa an Marx’ Vorstellung antagonistischer Klassen und der Klassenkämpfe denkt. Ohne die Zentralität der Klassen, aber ebenso mit strukturellem Fokus entwickelte sich ab den späten 1960er-Jahren in der Politikwissenschaft ein eigener Forschungsstrang zu gesellschaftlichen Konfliktstrukturen: die Cleavage-Theorie.2 »Cleavages« – zu Deutsch »Spaltungslinien« – bezeichnen historisch relativ stabile Konfliktkonstellationen, die sich aus der Teilung von Bevölkerungsgruppen entlang sozialer Interessen und Identitäten ergeben. Die Gesellschaft wird nicht als homogen und unstrukturiert angesehen, sondern als segmentiert, mit klar voneinander zu unterscheidenden Gruppierungen. Die klassische Cleavage-Forschung versuchte zu erklären, warum verschiedene Parteiensysteme Westeuropas ähnlich strukturiert sind, etwa durch das Neben- und Gegeneinander von Sozialdemokraten und Konservativen. Entsprechend ihrer leitenden Metapher zeichnet die Theorie ein Bild der Sozialstruktur und der politischen Orientierungen als durch Gräben geprägt, die sich in langen historischen Prozessen aus »tektonischen Verwerfungen« ergeben. Für einen Cleavage müssen grundsätzlich drei Elemente zusammenkommen und sich verstärken: erstens ein struktureller Interessengegensatz zwischen Gruppen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung zu Gewinnern oder Verlierern gesellschaftlicher Transformationsprozesse werden, zweitens ein Gruppenbewusstsein in Form eines Zusammengehörigkeitsgefühls, geteilter Werte und einer kollektiven Identität im weiteren Sinne und drittens eine Form der institutionalisierten politischen Interessenvertretung durch politische Parteien oder andere korporative Akteure. Die Kernvorstellung besagt, dass im Parteiensystem Konflikte ihren Ausdruck finden, die auf der tieferen Ebene der Sozialstruktur und sozialer Identitäten angelegt sind. Parteien und politische Akteure spiegeln also vorgelagerte gesellschaftliche Strukturen, übersetzen Interessenlagen und Identitäten in den politischen Konfliktraum. Diese Cleavage-Theorie, lange Zeit in den Hintergrund gedrängt, hat seit zwei Jahrzehnten eine Wiederbelebung erfahren. Der neue Cleavage, mit dem wir es nunmehr zu tun haben, ist der sogenannte »Globalisierungs-Cleavage«, verstanden als ein von Prozessen der Entgrenzung und der Denationalisierung in die Gesellschaft hineingestoßener Keil, der neue Formationen von Gewinnern und Verlierern schafft. Der Welthandel, die globale Finanzialisierung und Prozesse der Migration führen zu gesellschaftlichen Restratifikationen samt veränderter Zuweisung von Bevorteilung und Benachteiligun. Dabei entstehen neue Bevölkerungsfraktionen, womöglich setzt sich sogar eine gesamtgesellschaftliche Teilung durch. Noch zugespitzter ist die These der zunehmenden Polarisierung, die auf diesen Cleavage zurückzuführen ist. Die entgegengesetzten Pole dieser Konfliktlinie sind auf der einen Seite Offenheit, auf der anderen Seite Migrationsskepsis und ein Interesse an nationalgesellschaftlicher Schließung. Kosmopoliten etwa, so Wolfgang Merkel, plädierten für offene Grenzen, setzten auf Menschenrechte, supranationale Integration und Universalismus, seien tolerant gegenüber diversen Lebensformen sowie Multikulturalismus und stünden für den Schutz der Umwelt ein, während diejenigen im kommunitaristischen Lager ein traditionalistisches Weltbild pflegten, Vorbehalte gegenüber Zuwanderung hätten, alten Rollenbildern anhingen und ein ethno-nationalistisches Verständnis von Zugehörigkeit besäßen.3 Dabei geht es nicht nur um eine Positionierungskonkurrenz zwischen konservativen und kosmopolitischen Bevölkerungsfraktionen, sondern zugleich um einen Kulturkampf im Raum der Ungleichheiten. So wird zumeist von einer klaren sozialen Standortgebundenheit der miteinander im Clinch liegenden Lager ausgegangen. Aufgrund unterschiedlicher kognitiver Dispositionen, Humankapitalausstattungen, Weltbilder und kultureller Kompetenzen teilt sich die Welt letztlich in ein kosmopolitisches oben und ein kommunitaristisches unten. Entsprechend werden die Gruppen mit hohem Bildungs- und Sozialkapital – vor allem die akademisierten und urbanen Mittelschichten – dem kosmopolitischen Pol der Konfliktachse zugeordnet und die Gruppen mit geringerer formaler Bildung und niedriger beruflicher Qualifikation dem kommunitaristischen Pol. Dabei ist es nicht einfach nur so, dass dieser neue Cleavage von quasi exogenen, also außerhalb der Gruppen anzusiedelnden Faktoren beeinflusst wird. Unterstellt wird auch eine Reaktion aufeinander, ein Abstoßungsmoment oder sogar eine Art von Reaktanz. Pippa Norris und Ronald Inglehart haben etwa argumentiert, dass wir es bei der Verstärkung von Ressentiments und dem Aufstieg des Rechtspopulismus – also möglichen Syndromen des Kommunitarismus – mit einer kulturellen Gegenbewegung zu tun hätten, die unmittelbar mit dem Prozess der Liberalisierung in westlichen Gesellschaften in Zusammenhang steht. Die »stille Revolution« des Wertewandels habe nicht die gesamte Gesellschaft ergriffen, sondern würde vor allem von den jüngeren und besser gebildeten Bevölkerungsgruppen getragen. Andere Gruppen würden den schnellen Werteumschlag mit Besorgnis sehen, zudem seien sie von der Zuwanderung und ethnischen Vielfalt überfordert und stünden ökonomisch unter Druck, sodass sie sich verstärkt auf traditionelle Werte rückbesinnen würden. Weil sich also die einen liberalisieren, gehen andere in eine kommunitaristische Verteidigungshaltung. Wesentliche Bevölkerungssegmente blieben damit in einem auf Sicherheit, Konformität und Folgebereitschaft ausgerichteten Wertekosmos gefangen und stemmten sich durch die Rückbesinnung und das Pochen auf traditionelle und konservierende Werte gegen die Liberalisierung der Gesellschaft.4 Gefühle des Zu-kurz-Kommens, sozialer Deklassierung und Minderbewertung – kurz: Aspekte des subjektiven Status – sind in diesem Sinne auch als mögliche Erklärungsfaktoren des Rechtspopulismus unter geringer Gebildeten und Angehörigen der Arbeiterschicht benannt worden. Dementsprechend wurden die Haltungen und Orientierungen vor allem der unteren Schichten als gruppenspezifische Grenzziehungen gegenüber den als dominant und bedrohlich wahrgenommenen kulturellen Repertoires der kosmopolitischen Gruppen interpretiert. Entsprechend hätten wir es bei der Abwehr kultureller Modernisierung mit einer »populistischen Revolte« 5 gegen die Zumutungen des kosmopolitischen Zeitgeists zu tun. Das »Normale«, das »Bekannte« oder der »gesunde Menschenverstand« wenden sich gegen die Trägerschichten des Kosmopolitismus, und Forderungen nach kultureller und sozialer Liberalisierung, ethnonationalistische und chauvinistische Positionen verstärkten sich angesichts vorhandener, als überzogenen empfundener Diversitätszumutungen und neuer Unsicherheitserfahrungen. Empirische Fragezeichen Folgt man einer Reihe aktueller empirischer Studien zur Situation hierzulande, stellt sich die Lage weniger eindeutig dar, ja man muss sogar ein großes Fragezeichen malen. In längsschnittlicher Perspektive findet sich für die Bundesrepublik kaum Evidenz für eine grundlegende ideologische Polarisierung entlang eines neuen Globalisierungs-Cleavage.6 Schaut man auf die Einstellungen beispielsweise zur europäischen Integration, zur Globalisierung, zur Umweltpolitik oder zur Migrationsfrage, sind die Muster der Veränderung über die Zeit viel differenzierter als die Polarisierungsthese vermuten lässt. Einzig das Thema Migration hat seit 2015 an Salienz gewonnen, gleichzeitig sind die Einstellungen trotz der hohen Dynamik des Migrationsgeschehens über einen längeren Zeitraum erstaunlich stabil. Ein klarer Polarisierungstrend ist hier nicht erkennbar.7 Auch international vergleichende Untersuchungen zur affektiven Polarisierung – also zur gruppenbezogenen Sympathie und Antipathie – sehen im Längsschnitttrend Deutschland weniger polarisiert als den Länderdurchschnitt, seit der Jahrtausendwende ist hier sogar ein Rückgang der affektiven Polarisierung zu beobachten 8,...


Anderl, Dr. Sibylle
SIBYLLE ANDERL (*1981), ist Astrophysikerin und Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuletzt erschien "Das Universum und ich. Die Philosophie der Astrophysik."

Felixberger, Peter
PETER FELIXBERGER (*1960) ist Herausgeber des Kursbuchs und Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers. Als Buch- und Medienentwickler ist er immer dort zur Stelle, wo ein Argument ans helle Licht der Aufklärung will. Seine Bücher erschienen bei Hanser, Campus, Passagen und Murmann. Dort auch sein letztes: »Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?«

Nassehi, Armin
ARMIN NASSEHI (*1960) ist Soziologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Herausgeber des Kursbuchs und einer der wichtigsten Public Intellectuals in diesem Land. Im Murmann Verlag veröffentlichte er unter anderem »Mit dem Taxi durch die Gesellschaft«, in der kursbuch.edition erschien zuletzt »Das große Nein. Eigendynamik und Tragik gesellschaftlichen Protests«.

ARMIN NASSEHI (*1960) ist Soziologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Herausgeber des Kursbuchs und einer der wichtigsten Public Intellectuals in diesem Land. Im Murmann Verlag veröffentlichte er unter anderem »Mit dem Taxi durch die Gesellschaft«, in der kursbuch.edition erschien zuletzt »Das große Nein. Eigendynamik und Tragik gesellschaftlichen Protests«.

PETER FELIXBERGER (*1960) ist Herausgeber des Kursbuchs und Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers. Als Buch- und Medienentwickler ist er immer dort zur Stelle, wo ein Argument ans helle Licht der Aufklärung will. Seine Bücher erschienen bei Hanser, Campus, Passagen und Murmann. Dort auch sein letztes: »Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?«

SIBYLLE ANDERL (*1981), ist Astrophysikerin und Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuletzt erschien "Das Universum und ich. Die Philosophie der Astrophysik."


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.