Nagele | Grado in Flammen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Commissaria Degrassi

Nagele Grado in Flammen

Ein Adria Krimi
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96041-731-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Adria Krimi

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Commissaria Degrassi

ISBN: 978-3-96041-731-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Commissaria Maddalena Degrassi ist zurück.

In Grado wütet ein Feuerteufel, der bereits ein Menschenleben auf dem Gewissen hat – doch die Polizei jagt ein Phantom. Commissaria Maddalena Degrassi wird von ihrer ehemaligen Dienststelle zu Hilfe gerufen. Zusammen mit ihrem Team begibt sie sich auf die fieberhafte Suche nach dem Täter, bevor es weitere Opfer gibt. Doch möglicherweise ist es dafür längst zu spät …

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1 Maddalena kniete vor Franjos Grab. Der Boden unter ihr fühlte sich kalt an. Kälter als zu dieser Jahreszeit üblich. War er etwa gefroren? Sie schüttelte den Kopf und hob die Hand an die Stirn. Eine Locke verfing sich im Stein ihres Verlobungsringes, und als sie die feinen Haare daraus löste, fuhr ein wilder Schmerz durch ihren Körper und bündelte sich in ihrem Herzen. Es tat so weh. Verzweifelt hämmerte sie mit der Faust auf ihre linke Brust. »Hör auf, hör endlich auf!«, schrie sie und presste ihr tränennasses Gesicht gegen den marmornen Stein mit Franjos Namenszug, seinen Geburts- und Sterbedaten. Es war Ende September, und die Kälte der Erde spiegelte die Erstarrung in Maddalenas Inneren wider. »Mädchen.« Jemand tippte auf ihre Schulter. Sie drehte sich ruckartig um und wäre fast gegen die Person hinter ihr gestolpert. »Was soll das?«, zischte sie und rang um Fassung. Vor ihr stand eines der alten Weiber, die hier auf dem Friedhof zu leben schienen, und brummte ihr ein verlegenes »Buongiorno« entgegen. Am liebsten hätte sie die Betschwester an den dürren Oberarmen gepackt und so lange geschüttelt, bis deren von Osteoporose zerbröselnde Knochen nur so klapperten. Aber natürlich tat sie nichts. Auch wenn diese Hexen in ihren rabenschwarzen Kleiderschürzen Maddalena stets misstrauisch beäugt hatten, so schlimm und grausam wollte sie ihnen gegenüber nicht sein. Verlorene Seelen waren das, nicht anders, als sie eine war. Gab es denn überhaupt noch einen großen Unterschied zwischen ihr und den düsteren Krähen ihrer Kindheit? War sie nicht längst eine der ihren geworden? Die Berührung der Alten auf ihrer Schulter, war das deren Art, Trost zu zeigen? Sie brauchte kein Mitleid. Tag für Tag und oftmals auch nachts stieß sie die schmiedeeiserne Tür des Friedhofs hoch oben auf dem schroffen Felsen über dem Golf von Triest auf, griff nach der blechernen Kanne und goss die von ihr gepflanzten Blumen auf der letzten Ruhestätte ihres Verlobten, der neben ihrem geliebten Vater begraben lag. Sicher, zu beten hatte sie früh aufgehört und sich schon zeitig von einem Gott, der so viel Böses auf diese Welt brachte, abgewandt. Darin unterschied sie sich von den Klageweibern. Aber sonst? Der Geruch nach Salbei, Thymian, Lavendel und Rosmarin, der für die Gegend hier charakteristisch war, wurde seit Franjos Begräbnis verdrängt vom Gestank modrig vor sich hin welkender Blumen. Er löste ein Gefühl des Ekels in ihr aus. Sie ging an der Alten vorbei, die zwei Gräber weiter vor dem Gedenkstein für ihre Lieben stehen geblieben war, verließ den Friedhof und machte sich traurig auf den Weg zur Bar. Dort angekommen, setzte sie sich auf einen der klapprigen Stühle auf der Terrasse und zündete sich eine Zigarette an. Jeden Morgen erwachte sie lange vor Tagesbeginn. Sie stand auf, stellte sich ans Fenster ihres Elternhauses in Santa Croce und starrte in die Dämmerung. Wenn die orangerosa Streifen am Himmel erschienen und es allmählich heller wurde, braute Maddalena sich ihren ersten starken Espresso. Manchmal vergaß sie, sich zu duschen oder ihre Haare zu waschen. Dann kämmten ihre Finger mit den abgebrochenen Nägeln hastig durch die verfilzten Strähnen. Mit dem Deo-Stick rollte sie nachlässig über ihre verschwitzten Achselhöhlen, und die Kleidung von gestern war auch für heute gut genug. Sie bestand entweder aus Jeans oder einer ausgeleierten Jogginghose und einem T-Shirt darüber. Selten hüllte sie sich in einen Pulli oder die alte Kapuzenjacke aus ihren Teenagerjahren. Mit nackten Armen verließ sie das Haus. So als müsste sie die Kälte auf ihrer Haut aushalten, die Gänsehaut ertragen, um irgendetwas zu spüren. Ihre Chucks waren an den Fersen abgewetzt wie verkommene Hausschuhe. Es kümmerte sie nicht. Der Lack von ihren Fußnägeln war schon lange abgesplittert. In diesem Aufzug schlich sie zum Friedhof, in jeder Hand eine Kerze, ihre Finger fest um das harte Wachs gekrallt. Wenigstens daran fand sie ein wenig Halt. Käme ihre Mutter unerwartet zu Besuch, was sie zum Glück bisher unterlassen hatte, wäre sie schockstarr vor Entsetzen. Jede freie Fläche der Küche war mit Kartons verstellt, in denen sie Kerzen in unterschiedlichen Formen und Größen aufbewahrte. Mama würde wohl eher leere Pizzakartons oder vergammeltes Essen in Pappbehältern erwarten, vermutete Maddalena und war zum wiederholten Mal erleichtert, sich ihrem scharfen Blick nicht stellen zu müssen. Ihr Kühlschrank war gähnend leer, bis auf die Weinflaschen und die ansehnliche Batterie an Dosenbier. Mateja, Franjos Mutter, hatte ihr die alkoholischen Vorräte aus dem Keller des Gasthauses in Dol pri Vogljah überlassen. Maddalena, die in der Vergangenheit kaum getrunken hatte, kam dieses Geschenk durchaus gelegen. Der Terran und der Merlot halfen ihr beim Einschlafen, der Vitovska und der Ribolla Gialla gaben ihr die nötige Kraft, den Tag zu überstehen. Und über den Gin wollte sie nicht nachdenken. So kam es mitunter vor, dass Maddalena mehr wankte als ging, über die Begrenzungen der Gräber stolperte, auf dem glatten Kies ausrutschte und sich an den Grabsteinen festhalten musste. Es war ihr gleichgültig, ob sie dabei beobachtet wurde. Sollten sie sich doch das Maul über sie zerreißen. Nichts brachte ihr Franjo zurück. Einzig die Wirtin in der engen Bar im Dorf hatte freundliche Worte für sie und stellte ihr unaufgefordert eine Tasse bitteren Espresso und ein Glas Wasser hin. Der Kaffee war gut, konnte aber nicht mit dem Gebräu von Piero Zolis Mutter mithalten. Manchmal dachte sie an ihre alte Truppe auf dem Polizeirevier in Grado. Sie meinten es gut mit ihrer Chefin und riefen sie regelmäßig an. Abwechselnd. Maddalena kam es vor, als hielten sie sich dabei an einen genau festgelegten Plan. Doch ihr Mitgefühl, die vielen tröstenden Worte, lösten bloß Unbehagen und Zorn in ihr aus. Längst hatte sie es aufgegeben, ihre Anrufe und SMS zu beantworten, rief die Sprachnachrichten nicht mehr ab und stellte ihr Handy auf Flugmodus. So war sie nur noch selten für die Außenwelt erreichbar. Mit Franjo zusammen sein, das wollte sie und nichts anderes. In den dunkelsten Stunden der Nacht wählte sie verschämt die Nummer seines Smartphones und hörte seine liebe rauchige Stimme auf der Mobilbox. Einmal hatte Mateja sie als anonyme Anruferin auf dem Anrufbeantworter des Wirtshauses entlarvt. Anstatt mit Maddalena zu weinen, löschte sie kurzerhand Franjos Ansage und ließ ihn damit ein Stück mehr für immer aus Maddalenas Welt verschwinden. So war ihre Beinahe-Schwiegermutter nun mal. Wider besseres Wissen konnte Maddalena ihr das jedoch nicht verzeihen. Warum hatte sie die Stimme ihres einzigen Sohnes so herzlos zum Schweigen gebracht? Verloren und allein saß Maddalena nun wohl schon seit einer Stunde an einem der Tische auf der Steinveranda der kleinen Bar. Eben rauchte sie ihre dritte Zigarette, als ihr Handy zu vibrieren begann. Shit, dachte sie, ich habe wohl vergessen, das Ding auszuschalten. Missmutig warf sie einen Blick auf das Display. »Unbekannter Anrufer«, stand da. Gut, umso besser, dachte sie, niemand, den ich kenne. Sie hob ab. »Hallo. Stella hier. Ich hoffe, mein Anruf kommt nicht ungelegen?«, sagte eine leise Stimme. Stella? Sie kannte keine Stella. »Stella?« »Oh. Entschuldigen Sie, Commissaria. Sie können mich nicht zuordnen. Das ist meine Schuld. Ich bin Guidos Frau.« Guido? Maddalena drückte mit dem Zeigefinger auf eine schmerzende Stelle über ihrer rechten Augenbraue. Wer verdammt noch mal war Guido? Und wer zur Hölle seine Frau? Sie war drauf und dran, die Verbindung zu unterbrechen, als die Anruferin kaum vernehmbar ergänzte: »Ich bin Stella, Lippis Frau, Sie wissen schon.« Maddalena hielt inne. Guido Lippi also. Damit war dieses Rätsel gelöst. »Kollege Lippi ist seit Längerem geschieden, soweit mir bekannt ist«, bellte Maddalena. Sie fand es mehr als unverschämt, von der Verflossenen ihres selbstsüchtigen Widersachers belästigt zu werden. Wollte diese Schnalle etwa, dass sie vor Gericht gegen ihn aussagte? Das ginge trotz ihrer schwierigen Beziehung zu Lippi entschieden zu weit. Egal, was ihr dieser Typ in der Vergangenheit für Probleme bereitet hatte. Abgesehen davon hatte er sich in ihrem letzten Fall als sehr hilfsbereit erwiesen. In eine schmutzige Ehe-Angelegenheit involviert zu werden, war das Letzte, was sie jetzt brauchen konnte. »Es ist mir peinlich, Sie zu kontaktieren.« Die Stimme schwankte. »Sollte es auch. Denn vor Gericht werde ich nicht gegen Lippi aussagen. Er ist ein wertvoller Mitarbeiter, der mich zudem derzeit vertritt. Sie verstehen?« »Nein.« Maddalena war über die Veränderung in Stellas Stimmlage erstaunt. »Nein«, wiederholte die Anruferin kräftig. »Sie haben das völlig falsch verstanden. Oder ich habe mich schlecht ausgedrückt. Es geht weder um Guido noch um mich. Wir beide haben uns geeinigt. Wir sind wieder ein Paar und sehr glücklich miteinander.« Maddalena griff sich an die Stirn. War sie noch bei Sinnen? Setzte ihr logischer Verstand langsam aus? War das der Beginn einer Paranoia? Sie musste einen kühlen Kopf bewahren. Aber wie? Auch das schien sie verlernt zu haben. Suchend drückte sie ihre Finger gegen die Tischkante. Sie wollte sich verletzen, fand aber keine rissige Stelle im Holz. »Also was jetzt?«, fragte sie scharf und versuchte, sich das zierliche blondhaarige Geschöpf in Erinnerung zu rufen, das sie vor Jahren...


Andrea Nagele, die mit Krimi-Literatur aufgewachsen ist, leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Heute arbeitet sie als Autorin und betreibt in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Mit ihrem Mann lebt sie in Klagenfurt am Wörthersee und in Grado.



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